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28.02.1997 - 

Multimedia/Cannes von der Rolle

Die Milia gerät in schwieriges Fahrwasser

28.02.1997

Mit 1213 Ausstellern aus 36 Ländern und etwa 8000 Besuchern konnte die Multimedia-Fachmesse Milia gegenüber dem letzten Jahr zulegen. Doch die Stimmung in Cannes war verhalten bis gedrückt, die Euphorie früherer Veranstaltungen verflogen. Allzu deutlich wurde auf der vierten Milia, daß sich das CD-ROM-Festival der früheren Jahre nicht mehr fortsetzen läßt: Gute Multimedia-Produktionen wie etwa "Sophies Welt" von der mehrheitlich zu Burda gehörenden Navigo werden immer teurer, doch es existiert noch kein Massenmarkt, auf dem sich die Kosten wieder hereinspielen ließen. Eine Branche, die eine verkaufte Auflage von 30000 Stück bereits als Top-Hit feiert, kann sich schwerlich Produktionskosten von zwei bis drei Millionen Mark pro CD leisten.

Ein Beispiel für die Brüchigkeit des Marktes gab die US-Firma Voyager, die auf den letzten beiden Messen etliche Preise gewann und zu den umjubelten Stars der Branche gehörte. In diesem Jahr reichte es bei der Präsentation gerade noch zu einer karg bestuhlten Box und ein paar Handzetteln.

Nicht wenig machten den CD-Produzenten auch die Online-Dienste zu schaffen. Auf der Milia wurde deutlich, wie stark das Internet den Multimedia-Bereich in Beschlag nimmt: Erstmals konnten Produktionen via Web am Wettbewerb um den "Milia d´Or" teilnehmen.

Doch noch ein anderer Faktor setzte dem "Marché International de L´Edition et des Nouveaux Media" (so der vollständige Messename) zu. Das Vorbild der Veranstaltung in Cannes war von Anfang an unbestritten das dortige Filmfestival, das die Veranstalter bis hin zur Preisverleihung imitieren wollten. Ähnlich wie bei dem Cineastentreffen der Filmhandel, sollten auf der Milia der Verkauf von CD-Rechten und -Projekten sowie die Vorstellung neuer Multimedia-Vorhaben die Messe tragen. Mittlerweile haben aber die Computerfirmen und mit ihnen die technische Fachsprache einer ganz anderen Branche die Messe erobert. Zur Promotion des MMX-Chips sicherte sich Intel beispielsweise den Platz an der "Hauptkreuzung" im Festspielhaus, und Apple belegte für sein Comeback gar eine ganze Etage - die Arbeits- und Konferenzräume wurden kurzerhand in ein klappriges Zelt verlegt.

Was Apple großflächig zeigte, war nicht eben angetan, den Glauben an die Firma zu stärken: Der deutsche Kunst- und Ästhetikprofessor Bazon Brock stellte in einer launigen Rede den "Design-Mac" zum 20. Macintosh-Jubiläum vor, der vor allem Assoziationen an den unglückseligen Next-Würfel weckte. Daneben gab es den "Emate", eine Newton-Adaption für Schulen, zu sehen. Ein portables Videokonferenzsystem für die Powerbook-Reihe feierte ebenfalls eine Art Vorpremiere.

Was bei Apple fehlte, waren Demonstrationen eigener Programmierstärken und Hinweise darauf, wie es mit dem Betriebssystem weitergehen soll. Selbst in der von Apple gestalteten Abschluß-Keynote "Next Generation Multimedia" ließ man fremden Größen den Vortritt: Kai Krause von der jüngst gegründeten Meta Design (einem Zusammenschluß von Metatools und Fractal Design, siehe CW Nr. 8 vom 21. Februar 1997, Seite 7) zeigte mit "Soap" die Bildverarbeitung der Zukunft - und erklärte gleichzeitig, daß seine Software auf jedem Betriebssystem ablaufen kann. Und mit Peter Gabriels CD-ROM "Eve", die mit dem Messe-Hauptpreis Milia d´Or ausgezeichnet wurde, präsentierte Apple ein Produkt der Starware-Programmierer, die zur Truppe des Microsoft-Mitbegründers Paul Allen gehören und erklärtermaßen Apples Multimedia-Modul "Quicktime" den Garaus machen wollen.

Was die diesjährige Milia an Preisträgern auserkoren hat, überschritt kaum Provinzformat. Eve http://realworld.on.net/eve/ war noch die große Ausnahme: ein multimediales Puzzle von Adam (Peter Gabriel) auf der Suche nach Eva und dem verlorengegangenen Paradies. Mit über 2200 Fotos von Werken zeitgenössischer Künstlerinnen wie Helen Chadwick, Yayoi Kusama oder Cathy de Monchaux gibt Eve so manche Nuß zu knacken - mit die größte davon ist wohl, wie zwei Millionen britische Pfund Produktionskosten für die Inhalte plus 2,5 Millionen Dollar für die Software hereinzuspielen sind.

Ebenfalls in der Kategorie Art and Culture erhielt eine konventionell und phantasielos erstellte CD des New Yorker National Museum of American Art den Spartenpreis. Wenig überzeugend auch die prämierten Web-Sites. Mapquest von Geosystems http://www.mapquest.com , die Online-Variante des Discovery Channel http://www.discovery.com und das französische Ski-In(formationssystem) http://skiin.com sind sicherlich gute Sites, bieten aber nichts von dem, was das WWW als Multimedia-Plattform so spannend macht. Direkt auf der Milia startete Progressi- ve Networks http://www.Real Audio.com/ sein neues Echttonformat auf der Basis des Real Time Streaming Protocol (RTSP).

Ein wenig von der Dynamik des Web-Marktes klang allenfalls auf den diversen Pressekonferenzen der Online-Dienste an. So zeigte der französische Anbieter Infonie (26500 Teilnehmer) seine erweiterte Internet-Anbindung, und die deutsche Egmont Interactive stellte ihr generalüberholtes Kindernetz "Fun Online" auf der Basis von Net- scapes Browser "Navigator" vor.

AOL präsentierte stolz die für März 1997 errechneten Mitgliedszahlen: 300000 Anwender in Deutschland, 150000 in Großbritannien und 50000 in Frankreich deuten auf einen europäischen Break-even hin. In Kürze soll AOL Deutschland den Start in der Schweiz und Österreich betreuen, während von England aus Schweden und Dänemark in Angriff genommen werden. Erheblich mehr will man freilich in Japan investieren, wo der Einstieg noch im Frühjahr 1997 erfolgen soll.

Bertelsmann gründet Interactive Studios

In einer anderen Veranstaltung kündigte der AOL-Gesellschafter Bertelsmann seine "Interactive Studios" an, für die der Konzern im laufenden Geschäftsjahr fünf Millionen Mark ausgeben will. Im Vordergrund steht die Entwicklung des Nachrichtenkanals RTL aktuell Online, der zunächst über AOL laufen soll. News bis hin zum "Chat" mit den jeweiligen Korrespondenten bilden den Schwerpunkt.

Nicht wenige Aussteller fragten sich, ob die Milia in dieser Form überhaupt noch eine Chance hat. Gegenüber der glitzernden E3 im fernen San Franzisko hat sie zwar noch den Vorteil der Nähe zum europäischen Markt, der wird jedoch zunehmend durch hohe Messekosten verspielt. Paradoxerweise schadet der Milia gerade der Erfolg der Computertechnik: Multimedia ist nichts Besonderes mehr. Gelingt es der Milia nicht, die absehbare Abwanderung von Multimedia-Entwicklern zu stoppen, wird sie in schweres Fahrwasser geraten.

*Detlef Borchers ist freier Fachjournalist in Westerkappeln..