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09.02.1990 - 

Migration aus der Proprietary-Welt ist erst in Ansätzen möglich

Die Mini-Branche steigt nolens volens auf Unix um

Stagnierende Umsatzzahlen zwangen die Anbieter von mittleren Mehrplatzsystemen zum Umdenken: Fast alle offerieren jetzt neben ihrer traditionellen Hardware mit herstellereigenen Betriebssystemen auch Unix-Maschinen. Eine Rolle werden diese Rechner künftig vor allem als Server in offenen Netzumgebungen spielen.

Kurz bevor er sich aus dem Tagesgeschäft der Data General Corp. (DG) zurückzog, faßte Edson de Castro anläßlich eines Pressegesprächs in Paris die Geschichte der Datenverarbeitung in fünf Sätzen zusammen: "Die Computer-Industrie hat vier große technische Wellen erlebt", resümierte der damalige DG-President. "Die erste war die Mainframe-Welle, die in den 50er Jahren entstand. Dann kamen die aus schnellen Bauteilen zusammengesetzten Minicomputer. In der Folge tauchten die Personal Computer und die technischen Workstations auf,

die den Markt immer noch dominieren. Die vierte Welle türmt sich gerade auf; sie heißt Distributed Networking oder Client/XServer Computing oder Offene Systeme."

Wie zahlreiche Marktstudien belegen, stagniert nicht nur der Mainframe-Absatz, sondern auch die Nachfrage nach Rechnern der oberen Mittelklasse, also der sogenannten Minis. Low-end-Versionen von Großrechnersystemen auf der einen, aufgebohrte Arbeitsplatzrechner auf der anderen Seite machen den mittleren Mehrplatzsystemen zunehmend Konkurrenz.

Durch die Blume räumen die Anbieter von Mittelklasse-Rechnern denn auch ein, daß die Anteile dieses Maschinentyps am Hardwaremarkt schrumpfen. Jürgen Brettel, Leiter Marketing Hardware bei der Münchener Digital Equipment GmbH formuliert es so: "Wir erwarten, daß sich die Computer der mittleren Leistungsklasse weiterhin gut verkaufen, im Wachstum allerdings etwas unterhalb der Kleinst- und auch der Großsysteme liegen."

Nun hat Edson de Castro - als Mitbegründer und Chairman des DEC-Mitbewerbers Data General - sicher keineswegs das Aus für die Mini-Hersteller verkünden wollen. Vielmehr räumt er den mittleren Mehrplatzsystemen sehr wohl einen Platz innerhalb moderner Rechnerumgebungen ein, nämlich den eines Servers in einem offenen Netz.

Genau hier sehen auch die DG-Konkurrenten ihre künftigen Absatzmöglichkeiten. "Der Mini ist nicht tot, aber er muß eine neue Rolle im Computer-Scenario einnehmen", erläutert Hermann Becker, Marketing-Leiter der Prime Computer GmbH mit Sitz in Wiesbaden: "Wir stehen am Beginn des Zeitalters der heterogenen Netzwerke; Mehrplatzsysteme werden hier zunehmend die Rolle von Servern spielen müssen."

Die meisten dieser Rechner leiden jedoch unter einem gravierenden Handicap - ihrem proprietären Betriebssystem. Konstatiert DEC-Marketier Brettel: "Die Systeme, die in dieser mittleren Leistungsklasse heute am meisten verkauft werden sind die AS/400 von IBM mit ihrem Proprietary-Operating-System oder unsere VAXen mit VMS, also ebenfalls einem herstellereigenen Betriebssystem."

Die Nachfrage nach einem Hardware-unabhängigen Betriebssystem wächst jedoch auch in der mittleren Leistungsklasse. Wie die IDC Deutschland GmbH in einer 1989 veröffentlichten Marktstudie feststellte, erzielten im Jahr zuvor nicht die Workstations das größte Wachstum im Unix-Markt, sondern die Mehrplatzsysteme. Angesichts der absoluten Zahlen kann allerdings von einer Trendwende in diesem Marktsegment nicht die Rede sein.

Nichtsdestoweniger bieten die Hersteller, die sich in diesem Markt tummeln, mittlerweile fast ausnahmslos auch Unix-Rechner an. So verkauft Digital Equipment die DEC-Systeme 5810 und 5820 sowie eine Reihe von Modellen der VAX-6000-Serie mit ihrem Unix-Derivat Ultrix. Unter Unix System V 2.22 läuft die DRS 500 von ICL. Prime offeriert eine Reihe von Rechnern mit seiner Variante Primix, Wang die Open/Server-Familie mit SCO-Unix V 3.2.

Als Begründung für ihr Unix-Engagement nennen die Anbieter einstimmig den Druck von seiten der Kunden. "Der Anwender fordert das; er geht auf Unix, und da wird sich kein Systemhaus davonstehlen können," beschreibt Eckhard Wätzold, Marketingleiter bei der ICL Deutschland GmbH in Fürth, die Lage. Und Brettel ergänzt: "In den mittleren Bereichen wird Unix von bestimmten Institutionen schlicht und einfach gefordert. Da geht es dann nicht mehr darum, ob ein System besser oder schlechter ist, sondern darum, ob es Unix kann oder nicht."

Auch wenn eine breite Unix-Akzeptanz mit Sicherheit für verschärften Wettbewerb und entsprechenden Preisdruck sorgen wird - einigen Anbietern würde sie das Leben leichter machen, insbesondere denjenigen, die - wie beispielsweise ICL - eine ganze Reihe verschiedener Proprietary-Betriebssysteme zu pflegen haben. Doch bis auf weiteres sieht es wohl so aus, daß Unix nicht anstatt, sondern zusätzlich zu den herstellereigenen Systemen angeboten und gepflegt werden muß.

Ein knallhartes Unix-Commitment ist derzeit nur von relativ jungen Hardwareunternehmen zu bekommen. Die seit Jahren etablierten Anbieter fahren zwangsläufig eine Sowohl-als-auch-Strategie; schließlich kann es sich niemand leisten, seine Stammkundschaft vor den Kopf zu stoßen.

"Unsere installierte Basis, mit der wir unseren Hauptumsatz machen, müssen wir nach wie vor pflegen," bestätigt Becker. "Deshalb haben wir zwei Linien, die eigene Betriebssystem-Linie und die Unix-Linie." Augenblicklich setzt nur etwa ein Fünftel der Prime-Kunden Unix ein - allerdings mit steigendender Tendenz.

Auch das X/Open-Mitglied ICL will keinen kompromißlosen Unix-Kurs durchdrücken, solange die Kundschaft dazu noch nicht bereit ist. Wätzold: "Sie können nicht von heute auf morgen den Markt verändern. Man muß sich auch einmal die geschichtliche Entwicklung betrachten; vor fünf Jahren war Unix für den Endbenutzer überhaupt noch kein Thema."

Die Prognosen der Anbieter für die künftige Marktentwicklung fallen recht unterschiedlich aus - sogar innerhalb ein und desselben Unternehmens. Eindeutig in Richtung Unix geht der Trend nach Ansicht von Manfred Wieczorek, Marketing- Leiter der Frankfurter Wang Deutschland GmbH: "Die Proprietary-Geschichte hat mit Sicherheit für die Zukunft immer weniger Bestand. In einem Multivendor-Umfeld eine Rolle zu spielen, kann nur gelingen, wenn entsprechende Standards eingehalten werden."

Skeptischer äußert sich hingegen der Wang-Deutschland-Geschäftsführer Horst Enzelmüller: "Ich glaube nicht, daß die firmeneigenen Betriebssysteme komplett verschwinden, zumindest wird das noch sehr lange dauern."

Die Marktbeobachter der IDC vertreten ebenfalls die Ansicht, "daß auch in Zukunft die herstellereigenen Betriebssysteme dieses Marktsegment dominieren werden, und dies trotz steigendem Trend in Richtung Herstellerunabhängigkeit." Bei Investitionen dieser Größenordnung, so die IDC-Analysten, stehe nicht mehr der Aspekt der tatsächlichen Unabhängigkeit im Vordergrund, sondern vielmehr die optimale Lösung für die bestehende Problemsituation im Unternehmen.

Ganz ähnlich begründet Wang-Chef Enzelmüller seine negative Einschätzung der Unix-Akzeptanz innerhalb des Mini-Markts: "Es sind durchaus

Bedarf und reges Interesse da. Aber im Zuge solcher Anfragen entscheiden sich viele Kunden für andere Lösungen; sie kommen dahinter, daß firmeneigene Betriebssoftware Unix im Einzelfall überlegen ist."

Nach dem Softwareangebot gefragt, äußern die Hardwarehersteller zumeist immer noch die Ansicht, bei den Proprietary-Systemen sei die Auswahl - zumindest im kommerziellen Bereich - größer. Dazu Jürgen Brettel für die Digital Equipment GmbH: "Es gibt heute unter VMS erheblich mehr Software, obwohl das Angebot unter Unix stärker wächst. Ich schätze, daß wir in zwei bis drei Jahren am Break-even-point sind."

Unter dem Softwareaspekt plädiert auch Prime nicht unbedingt für Unix. Becker: "Ich rate den Kunden, sich anzusehen, unter welchem Betriebssystem die gewünschte Software am besten läuft; und ausschließlich danach sollten sie ihre Systementscheidung treffen. Mir ist ein zufriedener Kunde lieber, der ein herstellereigenes Betriebssystem nimmt, als einer, der permanent meckert, obwohl er weiß, daß er strategisch richtig gehandelt hat."

Die Verfügbarkeit kommerzieller Software ist für Neukunden sicher das wichtigste Entscheidungskriterium. Für Anwender, die bereits ein herstellereigenes Betriebssystem einsetzen, hat jedoch die Frage, ob sie unter einem Unix-System

ihre vorhandenen Programme verwenden können, mindestens genausoviel Bedeutung.

Einige Anbieter sind sich dessen bewußt, daß sie hier in die Pflicht genommen werden. Dazu gehört auch der ICL-Mitarbeiter Wätzold: "Ein Hersteller macht einen großen Fehler, wenn er der eigenen Kundenbasis nicht hilft, indem er ihr einen Weg vorwärts zeigt. Ein wesentliches Kapital jedes Herstellers ist die Kundenbasis, und die gibt man nicht einfach auf; denn einen neuen Kunden zu gewinnen, ist wesentlich teurer, als einen alten Kunden zu behalten.''

Auch im Hause Wang ist man sich darüber im klaren, daß umsteigewillige Kunden von ihrem Lieferanten Hilfestellung erwarten dürfen. "Wer seine Kunden

behalten und seine Installationsbasis weiter ausbauen möchte", so führt Manfred Wieczorek aus, "bei dem ist dringend angesagt, für Übernahme- und Wachstumsmöglichkeiten zu sorgen".

Die Migration geht nicht mir nichts, dir nichts

In der Praxis bietet Wang seiner Klientel an, eine VS-Maschine als Server innerhalb einer Unix-Umgebung einzusetzen. "Der Kunde muß seine Software nicht wegwerfen, er kann sie an eine Unix-Schiene anhängen," verteidigt Horst Enzelmüller das Migrationskonzept seines Unternehmens.

Eine ähnliche Vorgehensweise schlägt Prime vor: Über eine gemeinsame Benutzeroberfläche laufen beide Betriebssystemwelten für den Benutzer transparent nebeneinander. Auch Digital Equipment versucht, VMS und Ultrix über identische Benutzeroberflächen, Fortran- und C-Compiler sowie Softwarewerkzeuge zu verbinden .

Ein konkretes Umsteige-Angebot macht ICL. "Wir bieten einen Übergang von der ME 29 auf Unix, wobei wir die Programme cross-compilen und auch die Daten übernehmen", so wirft sich Wätzold in die Brust. Auch von TME will der britische Hardware-Anbieter seinen Kunden einen Übergang nach Unix schaffen.

In Arbeit ist, so der Marketingleiter, auch ein "Interworking" zwischen DMF3 und Unix. Allerdings warnt Wätzold vor falschen Erwartungen: "Es ist keineswegs so, daß wir ein in Assembler geschriebenes Programm unter DMF3 mir nichts, dir nichts unter Unix laufen lassen können. Da sind wir fair."

In Anbetracht der technischen Schwierigkeiten werden solche Betriebssystem-Umstellungen von den Anbietern nicht unbedingt forciert. Daraus machen die Hersteller auch gar kein Hehl. Auf die Frage, ob er seinen Anwendern die Migration empfehlen könne, antwortet Brettel diplomatisch: "Wir sind da ganz neutral und offen; wir beugen uns vollkommen dem Wunsch unserer Kunden." +