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03.11.2000 - 

Analysten korrigieren Prognosen nach unten

Die Mobilen entdecken das Internet

MÜNCHEN (CW) - Selten wurde einem Markt ein so gewaltiges Wachstumspotenzial attestiert wie dem der Handhelds. Innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre, so die Prognosen, könnten die Winzlinge das Monopol der PCs insbesondere als Internet-Zugangsgerät empfindlich schwächen. Bis es jedoch so weit ist, präsentiert sich der Markt aufgrund fehlender Standards als buntes Durcheinander.

"Da kommt ein Tsunami auf uns zu", gerät Palms Vertriebs-Manager Markus Bregler ins Schwärmen. In Anbetracht der anhaltenden Goldgräberstimmung an der Herstellerfront scheint der Markt für Handheld-Devices derzeit tatsächlich kurz vor der Explosion zu stehen. "Handhelds wurden schon vor zwei Jahren als aufregender Markt mit guten Wachstumschancen angesehen, aber noch mit Skepsis betrachtet", erklärt Psions Deutschland-Geschäftsführer Hans Stadler. Nun aber sei es so weit, und man stehe vor einem regelrechten Boom.

Doch nicht alle Analysten teilen die Euphorie der Hersteller. Ihrer Ansicht nach steckt der junge Markt - trotz des Hypes um Datenservices für Handhelds, Internet-fähige Mobiltelefone und den drahtlosen mobilen Web-Zugang - noch immer in den Kinderschuhen. So ermittelte Dataquest im vergangenen Jahr zwar einen Gesamtzuwachs um 22,3 Prozent (4,8 Millionen ausgelieferte Systeme), gemessen an früheren Zukunftsvisionen der Auguren blieben die Zahlen jedoch hinter den Erwartungen zurück.

Stellte Dataquest noch im vergangenen Jahr für 2002 eine installierte Basis von etwa 55 Millionen Handhelds und Palm-Zwergen in Aussicht, haben die Analysten der Gartner-Tochter ihre Prophezeiung inzwischen vorsichtshalber nach unten korrigiert. Demnach sollen nun bis zum Jahr 2003 gut 30 Millionen Handhelds und Palm-Geräte im Einsatz sein.

Voraussetzung für den Erfolg, und darin scheinen sich die Analysten einig, ist jedoch die Erfüllung einer Reihe von Schlüsselbedingungen. Dazu zählen die Erschließung zusätzlicher Kundensegmente und die Integration neuer Funktionen wie drahtlose Kommunikation, Multimedia-Fähigkeiten und Spracherkennung. Eine entscheidende Rolle für die rosige Zukunft der Kleinen soll vor allem die drahtlose Anbindung ans Internet spielen.

Nach Einschätzung der Analysten von Strategy Analytics wird der weltweite Markt für kleine, Internet-fähige Geräte wie drahtlose Handheld-Computer und Handys mit Web-Zugang im Jahr 2005 ein Volumen von 73 Milliarden Dollar erreichen. Nach Prognosen der Cahners In-Stat Group werden bis 2004 mehr als 1,5 Milliarden Handys, PDAs und Internet-Appliances zur drahtlosen Datenübertragung fähig sein. Gleichzeitig rechnen Marktbeobachter damit, dass bereits in drei Jahren mehr Nutzer über mobile Endgeräte ins Internet gehen werden als über den PC.

Auch Marktführer Palm, der etwa 78 Prozent (1999) des Weltmarkts für sich beansprucht und bisher bei seinen Geräten auf eine eher spartanische Ausstattung setzte, rüstet sich mittlerweile für das Zeitalter der drahtlosen Kommunikation. Nach Ansicht des Palm-Managers wird sich die Aufgabenstellung der PDAs in Zukunft drastisch verändern.

"Der klassische Organizer entwickelt sich vom Ersatz für den herkömmlichen Kalender aus Papier zum mobilen Internet-Zugangsgerät", erläutert Bregler den Richtungswandel der ursprünglich auf Basisfunktionen reduzierten Devices. In einem ersten Versuch, Versäumtes nachzuholen, will Palm bestehenden Kunden den Weg ins Web via Software-Upgrade bieten: Über das knapp 70 Mark teure "Mobile Internet Kit" erhalten Besitzer eines Palm-OS-basierten PDA (ab Version 3.5) ab Mitte November Zugriff auf verschiedene Internet- und Mobildienste. Die Einwahl erfolgt via Handy oder Palm-Modem. Zu diesen Diensten gehören E-Mail, Web-Zugriff auf Palms proprietäre "Web-Clipping"-Technik, WAP sowie SMS. Unter Palm.net gibt es laut Anbieter inzwischen mehr als 400 Web-Clipping-Angebote. Bis Ende des Jahres rechnet Palm auch hierzulande mit 30 bis 40 Content-Anbietern.

Möglich ist das Internet-Upgrade jedoch nur für Palm-Geräte mit Flash-ROM. Nutzern von Geräten ohne Flash-Speicher hingegen bleibt der Web-Zugang über ihren Palm versperrt.

Wie Chief Executive Officer (CEO) Carl Yankowski bereits im Sommer gegenüber der COMPUTERWOCHE ankündigte, will der Hersteller im Zuge seiner Wireless-Strategie im Jahr 2001 eine Reihe von Zusatzgeräten für den drahtlosen Zugang auch ohne Mobiltelefon entwickeln. In einem dritten Schritt schließlich wird man integrierte Geräte anbieten.

Auch Wettbewerber Psion, der Hersteller des Betriebsystems "Epoc", versteht sich nicht länger als "Handheld-Produzent", sondern vielmehr als "Mobile Internet Company".

"Der Nutzen eines mobilen Internet-Devices ist durch die Services, die im Web zur Verfügung gestellt werden, um ein Vielfaches höher als der eines gängigen Organizers", beschreibt Geschäftsführer Stadler den Grund für den sich wandelnden Fokus seines Unternehmens. Zum Ausdruck kommt dies in Psions neuem Modell "Revo Plus", das seit einigen Wochen auf dem Markt ist. Der Handheld verfügt über einen integrierten WAP (Wireless Application Protocol)-Browser, über den der Nutzer Zugang zu Psions Mobilportal "Psion & More" hat.

Hersteller kündigen integrierte Geräte anWarum allerdings ausgerechnet Psion mit seiner WAP-Strategie erfolgreich sein sollte, ist fraglich. Im Mobilfunk war die WAP-Technologie bislang ein Flop.

Generell hält der britische Handheld-Hersteller mit seinen Produkten nach wie vor an der Devise "Funktion und Design" fest. Daher will Psion auch nach wie vor auf Farb-Displays verzichten. "Alles, was die Batterielebensdauer oder den Bedienkomfort eines Handhelds leiden lässt, macht ein Gerät zur Fehlgeburt", glaubt Psion-Chef Stadler zu wissen.

Auch die Windows-CE-Fraktion konzentriert sich auf das Thema Wireless Internet-Access. "Egal ob die Drahtlos-Anbindung ans Web nun über ein GSM-, ein GPRS-Jacket oder über eine Bluetooth-Variante realisiert wird - unser Fokus liegt eindeutig darauf, von überall aus ins Internet gehen zu können", erklärt Ute Lauer, Produkt-Managerin I-Appliances bei Compaq. Was Compaqs modularen "Ipaq"-Handheld betrifft, will der Hersteller sein Erweiterungskonzept über "Expansion Packs" oder "Jackets" fortsetzen. Ziel ist es jedoch, künftig immer mehr Funktionen wie Bluetooth von vornherein in die Geräte zu integrieren.

Derzeit ist mit Compaqs Handheld nur eine Remote-Anbindung ans Internet via GSM-Handy möglich. Alternativ soll sich mit dem Ipaq im Zusammenspiel mit einem PC-Card-Jacket und einer Phonecard Datenkommunikation auch ohne zusätzliches Mobiltelefon realisieren lassen - allerdings sei das diesbezügliche Handling noch nicht optimal, gibt die Produkt-Managerin zu. Mitte kommenden Jahres will Compaq den Ipaq mit Hilfe eines GSM/GPRS-Jackets dann als komplett integriertes, Voice-fähiges Gerät für die direkte, mobile Datenkommunikation anbieten.

Die Frage, welche Handheld-Plattform künftig die Nase vorn haben wird, lässt sich nicht leicht beantworten. Nach Ansicht der Analysten ist jedoch mit einer Verschiebung zugunsten von Windows CE zu rechnen. So geht die International Data Corp. (IDC) davon aus, dass die Gates-Plattform 2005 knapp über 50 Prozent des Marktes besetzen wird. Nach Einschätzung der Meta Group hingegen werden die beiden konkurrierenden Plattformen Windows CE mit 18,7 Prozent Marktanteil (Dataquest 1999) und Palm OS, das einen Anteil von 73,5 Prozent (Dataquest 1999) für sich beansprucht, in ein bis zwei Jahren jeweils 40 Prozent des Handheld-Kuchens haben.

Zurzeit spürt man bei Palm vom angeblichen Konkurrenzdruck durch Microsoft noch nicht viel. Das Hardwaregeschäft (etwa 80 Prozent) stellt derzeit nach Angaben des Unternehmens den wesentlichen Erfolgsfaktor des Marktführers dar. Allerdings soll ein intensiviertes Lizenzgeschäft dafür sorgen, dass der Softwareumsatz in drei bis vier Jahren etwa die Hälfte des Gesamtumsatzes ausmacht.

Langfristig wird sich der Marktführer jedoch nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen können, denn das von den Palm-Erfindern Donna Dubinsky und Jeff Hawkins gegründete Unternehmen Handspring scheint dem PDA-Vorreiter auf den Pelz zu rücken. So gelang es der jungen Company, die ebenfalls das Palm-Betriebssystem verwendet, nach einer Erhebung der Marktforscher von NPD Intellect im Juni 2000, einen Anteil von 21,6 Prozent des US-Markts für sich zu gewinnen. Handsprings Erfolgsrezept ist der modulare PDA "Visor", der sich über seinen proprietären Erweiterungsschacht "Springboard" zur Multifunktionsmaschine aufrüsten lässt.

"Die momentane Flutwelle am Markt hebt jedes Boot hoch und lässt es steigen", kommentiert Palm-Manager Bregler den unbestreitbaren Erfolg des Palm-Ablegers gönnerhaft. Der Markt wachse so kräftig, dass man wunderbar nebeneinander existieren könne. Handsprings Deutschland-Chef Stefan Kühner bezeichnet das Verhältnis zu Palm als ambivalent. Einerseits bestehe eine enge Zusammenarbeit im Softwarebereich, dann sei man als Lizenznehmer ein sehr guter Kunde für Palm, andererseits konkurriere man im Hardwaregeschäft. Aber auch Kühner hält den Markt für groß genug, um sich nicht gegenseitig ans Bein zu treten. "Außerdem kann Palm mittlerweile von Handspring lernen, da sich mit unserem Springboard ganz andere Anwendungen realisieren lassen", stichelt der Handspring-Chef.

Windows CE, das bisher nicht zuletzt aufgrund seiner für die Minicomputer nur schwer verdaulichen Komplexität sowie seines unstillbaren Ressourcenhungers im Handheld-Bereich schwer Fuß fassen konnte, mag mit der neuen, deutlich abgespeckten Version 3.0 einige frühere Schwächen überwunden haben.

Lizenznehmer ziehen sich zurückDennoch fühlt sich Palm von Microsoft nicht bedrängt. "Die bringen einen Handheld wie einen PC auf den Markt - nach dem Motto: Viel Megahertz, viel Farbe, viel Krach, ROMs und RAMs", meint Bregler. Palm fahre da einen ganz anderen Ansatz. "Keiner unserer Kunden will wirklich wissen, was für ein Chip oder wie viel Megahertz in unseren Geräten stecken."

Einige Windows-CE-Lizenznehmer wollen das Spiel vorerst wohl nicht mehr mitmachen. So zogen sich sowohl LG Electronics als auch Philips im vergangenen Jahr aus dem Markt zurück. Hauptkritikpunkte stellen dabei weniger technische Unzulänglichkeiten dar als vielmehr eine gewisse Überheblichkeit, mit der die Windows-CE-Geräte vermarktet wurden. "Man dachte wohl, die Produkte würden einem aus den Händen gerissen", meint Philips-Sprecher Klaus Petri. Seiner Meinung nach ist einfach nicht genügend Marketing-Power aufgewendet worden, um bei den Kunden ein wirkliches Bedürfnis zu wecken. "Wir sind nicht traurig, in diesem Markt derzeit nicht aktiv zu sein", erklärt Petri. "Momentan kann man da sehr leicht aufs falsche Pferd setzen."