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31.08.1990 - 

Die Situation der DV-Mitarbeiter in der DDR

Die Motivation ist vorhanden - doch es fehlt die Orientierung

Seit der Wirtschafts- Währungs- und Sozialunion ist die Angst vieler DDR-Bürger um ihren Arbeitsplatz größer denn je. Selbst gut ausgebildete Spezialisten in der DV sind sich ihres Postens nicht mehr sicher. Über die Situation der DV-Beschäftigten in der DDR und über ihre Perspektiven sprach CW-Redakteur Hans Königes mit Wolfgang Lutzke, DV-Leiter der Deutschen Seereederei in Rostock.

Früher war alles so einfach und nichts veränderbar: die Arbeit im VEB, die SED als unumschränkter Herrscher über Land und Volk und der Urlaub am Plattensee. Auf einmal ist alles anders geworden. Die Marktwirtschaft hat die DDR-Bürger wachgerüttelt, so daß sie nicht wissen, wie ihnen geschieht.

Unsicherheit ist das alles beherrschende Gefühl. "Es werden kaum neue Investitionen getätigt", erzählt der Rostocker DV-Leiter. Eher sei der gegenläufige Trend erkennbar. Man versuche, sich so schnell wie möglich von allem Unrentablen zu trennen - auch von Teilen der DV und ihren Mitarbeitern.

"Jetzt wird mir bewußt", so Lutzke, "daß das DV-Equipment in dem Umfang, wie es von uns aufgebaut wurde, von einer Seereederei gar nicht benötigt wird." Man gebe jetzt die Aufträge nach draußen. Für die Programmierer bedeute dies, daß sie sich einen neuen Arbeitsplatz suchen müßten.

Der DV-Leiter ist jedoch zuversichtlich, daß diese "freigesetzten Mitarbeiter" einen Arbeitsplatz finden könnten. Seit Anfang dieses Jahres seien, so seine Beobachtung, auch in Rostock einige neue Vertriebs- und Softwarebetriebe entstanden. Andererseits ist er so realistisch zuzugeben, daß der Bedarf an DV-Leuten nicht groß sei, weil "Bedarf die kaufkräftige Nachfrage ist, und die gibt es nicht."

Seiner Meinung nach hätten die vielen DV-Beschäftigten im Alter zwischen 35 und 50 Jahren kaum eine Chance, einen neuen Arbeitsplatz in einem der Großbetriebe zu finden, denn im Moment laute dort die Devise vielmehr, Arbeitsplätze abzubauen. Die Unternehmen hätten auch gar keine andere Wahl, resümiert der Rostocker Manager; die Entwicklungsaufträge in den Unternehmen seien nämlich fast völlig weggefallen.

Ob unter diesen Umständen die DV-Spezialisten mit Hochschulstudium und einem Gehalt zwischen 1500 und 1700 Mark nicht auf die Idee kämen, in die Bundesrepublik überzusiedeln, lautet die Frage an den studierten Diplom-Mathematiker. Den Leuten sei schon klar, daß sie in der Bundesrepublik die besseren Chancen hätten, allerdings "kennen wir auch die Münchner Mietpreise".

Die Beschäftigten nähmen eine abwartende Haltung ein, sie seien verunsichert in bezug auf ihren Ausbildungsstand und ihre Fähigkeiten. Gerade unter DV-Mitarbeitern herrsche die Einstellung "daß westdeutsche DV-Spezialisten alles drauf haben und wir nicht". Kennzeichnend sei hierfür, daß "gerade auf Betriebsleitungs-Ebene bundesdeutsche Firmen die Spezialaufträge durchfuhren".

Lutzke hatte Gelegenheit, Kontakte mit westdeutschen Kollegen zu knüpfen und sich von deren Kenntnisstand zu überzeugen. Er gehört nämlich zu den Privilegierten, die bereits in der Bundesrepublik an Weiterbildungskursen teilgenommen haben. Im Frühjahr dieses Jahres besuchte er im Münchner EDV-Bürozentrum Unix-Kurse und Seminare über Netzwerke und Datenkommunikation.

Sein Eindruck: "Die bundesdeutschen DV-Mitarbeiter haben ein großes Spezialwissen, mit dem sie gut umgehen können und es sicherlich effektiv einsetzen." Sie könnten allerdings über den eigenen Horizont nicht weit hinausblicken.

"Es gibt sehr wenige, die den Gesamtüberblick haben", so seine Beobachtung, "obwohl genügend Informationen zur Verfügung stehen."

In der DDR sei es genau umgekehrt. Die DV-Beschäftigten hätten eine gute Grundausbildung - man mußte sich ja schließlich, einen breiten Überblick verschaffen, es gab jedoch Probleme, das Spezialwissen zu erlangen. "Man, war gezwungen, diese Breite zu beherrschen, weil die Firmen keine Spezialisten besaßen", so Lutzke.

Was müsse also aus Sicht des Rostocker DV-Leiters passieren, damit die hochqualifizierten DV-Spezialisten auch reele Chancen in der Noch-DDR hätten Lutzke wünscht sich, daß bundesdeutsche Softwarehäuser nicht so zurückhaltend gegenüber der DDR agieren und Filialen gründen. Wichtig sei, den Mitarbeitern seiner Branche beizubringen, wie man ein kleines Programmierunternehmen gründet, wie man an Startkapital und an Anfangsaufträge herankommt. Ziel müsse sein, den DV-Mitarbeitern, Mut zu machen und ihnen Alternativen aufzuzeigen. "Motiviert sind sie alle, es fehlt aber am Ziel, an der Orientiertung", schlußfolgert Lutzke.

Sonntagsreden weniger gefragt

Marx sprach noch vom Gespenst des Kommunismus, die DDR-Einwohner seit dem 1. Juli wohl eher von dem der Marktwirtschaft. Denn noch sind ihre Segnungen nicht bis an die Elbe vorgedrungen. Und sollten sie es doch, so ist zu erfahren, daß kein Geld vorhanden ist. Also ohne Geld auch keine Marktwirtschaft.

Leidtragende sind die zahlreichen Beschäftigten der unrentablen Großkombinate, die in diesen Tagen nichts mehr fürchten als den blauen Brief. Erst recht, wenn sie täglich nachlesen müssen, wie zögerlich selbst einige bundesdeutsche Großkonzerne sich in bezug auf DDR-Investitionen verhalten. Jetzt aber, da der Beitrittstermin der DDR zur Bundesrepublik endlich feststeht, sind sowohl die hiesigen Mittelständler als auch die Kammern und Verbände gefordert, den Beschäftigten, denen "drüben" die Arbeitslosigkeit droht, Mut zu machen und neue Wege außerhalb der VEBs aufzuzeigen; zum Beispiel, wie man sich selbständig macht. Die Zeit der Sonntagsreden und Appelle

sollte vorbei sein. hk