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Notfall 2000/Schlechte Zeugnisse für den Stand der Arbeiten in Deutschland

Die Musterschüler sitzen heute auf der letzten Bank

19.02.1999
Von Arno Laxy Das Problem 2000 hat Eingang in die Massenmedien gefunden. Vorzugsweise ist dort aber von - meist großen - deutschen Unternehmen die Rede, deren Umstellungsprojekte weit fortgeschritten sind. Aktuelle Studien bescheinigen den Organisationen tatsächlich weltweit Fortschritte bei ihren Jahr- 2000-Bemühungen. Deutschland rangiert allerdings unter den schlecht vorbereiteten Staaten.

Große Zahlen machen gute Schlagzeilen. Immer neue und höhere Angaben über die Jahr-2000-Umstellungskosten schwirren durch den Blätterwald. Der Bundesverband der deutschen Industrie rechnet mit 45 Milliarden Mark allein für Deutschland. Die Gartner Group geht weltweit von 300 bis 600 Milliarden Dollar Aufwendungen für die IT-Umstellung und einer bis zwei Billionen Dollar für allgemeine Schäden aus. Cap Gemini beziffert den Gesamtaufwand in seiner jüngsten Studie auf insgesamt 858 Milliarden Dollar.

Die Zeitungen füllen sich mit Meldungen, die geeignet wären, Panik aufkommen zu lassen. Allenthalben wächst das Problembewußtsein - und vielen Organisationen läuft die Zeit davon. Darin sind sich alle aktuellen Studien einig. Übereinstimmung herrscht zudem in der Einschätzung, daß Unternehmen aus Deutschland, verglichen mit anderen Ländern, weit zurückliegen. Unterschiedliche Auffassungen bestehen allenfalls über den Anteil derer, die die Umstellung bis zur Jahrtausendwende nicht mehr schaffen dürften.

Die Autoren der jüngsten, vom Dezember 1998 datierten, paneuropäischen Untersuchung von Neaman Bond zeigen sich beeindruckt vom kontinuierlich gewachsenen Problembewußtsein. Sie bescheinigen eine Beschleunigung der Aktivitäten sowie erstmals tatsächlichen Fortschritt. So meinen beispielsweise 50 Prozent aller befragten britischen Organisationen, im ersten Quartal 1999 Jahr-2000-fähig zu sein.

Während die Neaman Bond-Erhebung nur für Europa gilt, haben die Auguren von Cap Gemini Befragungen in Europa und den USA durchgeführt. Auch sie stellten reale Fortschritte fest. Sie bescheinigt den hauptsächlich untersuchten Großunternehmen und - behörden, daß sie 1998 die "Warnungen ernst genommen und entscheidende Schritte eingeleitet haben".

Tatsächlich zeigen auch Studien der Gartner und der Meta Group eine Zunahme von Verantwortlichen für Jahr-2000-Projekte in den Vorstandsetagen. Deshalb ist wohl zu erwarten, daß die meisten Großunternehmen ihre Jahr-2000-Umstellung rechtzeitig abschließen können.

Deutschland hinkte lange Zeit hinter den meisten anderen Industrieländern hinterher (siehe CW 50/1998, Seite 1). Offensichtlich sind Führungskräfte in Deutschland das Thema "Y2K" allzu gelassen angegangen. Cap Gemini registrierte 1998 aber eine starke Zunahme der Investitionen in Umstellungsprojekte in Deutschland und erwartet einen Endspurt.

Eine Erklärung für diesen zähen Prozeß bietet die Neaman-Bond- Studie. Ihr zufolge wurde in Deutschland Priorität auf die Euro- Konversion gelegt, was sich erst jüngst, dann aber schlagartig, änderte. Die hiesigen IT-Manager sind zudem überzeugt von einer "typisch deutschen Tugend": der pünktlichen Fertigstellung ihrer Arbeit. Die Zuversicht, die Projektfristen einhalten zu können, ist entsprechend hoch.

Doch die Sache ist gefährlich: Je kürzer die Deadlines, desto weniger darf schiefgehen. Sollte eine Verschiebung der Pläne um nur drei Monate eintreten, dürften drei von zehn Unternehmen nicht mehr rechtzeitig fertig werden.

Wenn aber 50 Prozent aller Organisationen weltweit die Umstellung nicht schaffen, wie Gartner orakelt, liegt dies großteils an kleinen und mittleren Betrieben sowie an Behörden und Regierungen. Organisationen aus diesen Bereichen sind, wie alle Studien bestätigen, mit Abstand am schlechtesten vorbereitet. Hier bestehen auch die gefährlichsten Defizite. Angesichts der Verzahnung von Lieferketten verursachen schon Probleme kleiner Geschäftspartner einen Domino-Effekt.

Ein Consultant der Meta Group schreibt: "Jedes Unternehmen befindet sich in einem Netz Jahr-2000-relevanter Bindungen zu Kunden, Zulieferern, Geschäftspartnern und anderen. Jede Schwächung einer dieser Bindungen gefährdet das Unternehmen. Diese Bindungen können auch von außen, ohne Einfluß des Unternehmens, geschwächt werden. Daher ist Notfallvorsorge äußerst wichtig."

Damit spricht er ein Thema an, das in den USA erkannt und angegangen wird. Was tun, damit im Fall des Falles zumindest die geschäftskritischen Applikationen weiter funktionieren? In Europa denkt laut Cap Gemini derzeit nur eines von sechs Unternehmen über die Entwicklung von Notfallplänen nach.

Untersuchungen der Meta Group in den USA zeigen, daß dort Ende 1998 faktisch jedes Unternehmen die Notwendigkeit der Notfallvorsorge erkannt hat; im Juni 1998 waren es erst 72 Prozent und im März des vergangenen Jahres sogar nur drei Prozent gewesen. Die Ausarbeitung von Notfallplänen fällt in immer stärkerem Maße den speziellen Business-Teams zu. "Y2K" wandelt sich so von einem Problem der IT-Abteilung zu einer Aufgabe des Managements für geschäftskritische Prozesse.

"Auch in Deutschland erkennen die Unternehmen zunehmend die Bedeutung der Notfallvorsorge", erklärt der Meta-Group-Experte. Viele haben gerade damit begonnen, und manche glauben, daß ihre bestehenden Notfallpläne ausreichen. Sogleich kommt die Warnung des Analysten: "Jahr-2000-Notfallpläne müssen daher anders strukturiert sein als herkömmliche Notfallpläne."

Denn die meisten Notfallpläne setzen lokale Ausfälle voraus und gehen davon aus, daß man den Rechenbetrieb und die Kommunikationsfunktionen auf eine Backup-Site verlagert. Gewöhnliche Notfallpläne fokussieren auf die reine Wiederinbetriebnahme von Anwendungen, aber Jahr-2000-bedingte Ausfälle erfordern eine weitergehende Analyse des Umfelds (Systeme, Gebäude, Infrastruktur, Zulieferer, Kunden etc.). Hier geht es um mehr, als die Programme von einem Rechner ohne Strom auf einem anderen wieder zu starten.

Schrittweise

Die Gartner Group hat ein Fünf-Stufen-Modell zur Definition der Jahr-2000-Fähigkeit erstellt: Phase 1 umfaßt alle vorbereitenden Aktivitäten, zum Beispiel die Informationsbeschaffung. Die zweite Phase reicht von der Kosten- und Ressourcenschätzung bis hin zur abschließenden Problemanalyse. In Phase 3 ist der fertige Plan mit allen Resourcen entwickelt und die Tests beginnen. Die Phasen 4 und 5 schließlich reichen von der Sicherung der internen Betriebsabläufe bis zur Feststellung der vollen Verträglichkeit.

Erhebungen

Vom 13. Januar 1999 datiert die jüngste Studie der Meta Group. Sie konzentriert sich auf den Stand der Umstellungsprojekte in den USA und das Thema Notfallpläne.

Die letzte Studie von Neaman Bond erschien im Dezember 1998. Sie wird halbjährlich im Auftrag der Europäischen Union durchgeführt und von einem Unternehmen gesponsert - diesmal von der Decision Vision Europe. Neaman Bond führte im September/Oktober des vergangenen Jahres 1003 Interviews mit Vertretern großer Unternehmen und Behörden in den Ländern der Eurozone, Großbritannien, Schweden und der Schweiz.

Erstmals öffentlich vorgestellt wurde die "Year 2000 Global State of Readiness"-Untersuchung der Gartner Group anläßlich einer Anhörung des US-Senats vom 7. Oktober 1998 zu diesem Thema. Die Studie umfaßt 15 000 Unternehmen in 87 Ländern.

Für Cap Geminis Millennium-Index vom November 1998 wurden 1 680 Unternehmen und Behörden in Europa und den USA befragt. Gefragt waren überwiegend große Organisationen.

Angeklickt

Der Euro hat deutsche Anwender offensichtlich weit länger von Arbeiten am Problem 2000 abgehalten, als es noch im Sommer letzten Jahres den Anschein hatte. Entsprechend finden sie sich bei internationalen Vergleichen zum Stand der Umstellungsarbeiten auf den hinteren Rängen wieder. Zwar konzedieren jüngste Analysen ein Aufholen in den letzten Monaten, doch noch immer registrieren die Marktforscher eine "typisch deutsche" Selbstsicherheit von Managern, das Problem schon noch in den Griff zu kriegen.

Arno Laxy ist freier Journalist in München.