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27.09.1996 - 

Thema der Woche

Die NC-Diskussion erhitzt die Gemüter auf dem IDC-Forum '96

Gäbe es einen Oscar für das beste Entertainment auf dem diesjährigen IDC-Forum, Scott McNealy, CEO von Sun Microsystems, würde ihn gewinnen. Als Verfechter der NC-Philosophie glänzte der Manager mit rhetorisch geschickten Verbalattacken gegen die PC-Protagonisten: "Warum geben Unternehmen den Anwendern PCs, wenn sie ihre Mitarbeiter doch arbeiten sehen wollen?" fragte McNealy das amüsierte Publikum. Den PC in seiner jetzigen Form definierte der Sun-Chef nicht als persönlichen Computer, sondern als "Personal Activity Generator", der die Anwender von ihren eigentlichen Aufgaben abhalte. Bei seiner Argumentation für den Netzwerk-Computer verließ der Manager das Reich der Fakten und versuchte Emotionen zu wecken. "Angst und Wut" herrschten heute unter den Anwendern. Mit ihren Client-Server-Versprechen hätten die Hersteller die Kunden irregeführt. "Die Client-Administration ist völlig außer Kontrolle geraten", bilanzierte McNealy. Die Lösung dieses Problems liege in leicht administrierbaren Java-Clients und damit im Konzept des NCs.

Eckhard Pfeiffer, Geschäftsführer der Compaq Computer Corp., hatte zuvor in seiner Rede den PC als "die beste Kommunikationsplattform" angepriesen. Als Terminalersatz kann sich der Manager zwar NCs im Unternehmen vorstellen. Der typische "Knowledge Worker" aber wolle keinen abgespeckten NC, sondern einen vollausgestatteten PC an seinem Arbeitsplatz. Dieser Anwendertyp lege auch privat Wert auf die Sicherheit der lokal gespeicherten Informationen. "Wer will seine Einkommensteuerdateien oder sein Aktienportfolio schon ins Netzwerk auslagern?", gab Pfeiffer zu bedenken. McNealy konterte zur Belustigung des Publikums: "Wollen Sie Ihr Geld unter der Matratze verstecken oder doch lieber zur Bank bringen, wo es sicher verwahrt wird?" Das Speichern von Informationen in einer Datenbank über das Netz sei ebenso sicher wie das Konto auf einer Bank.

Pfeiffer entwarf das Szenario eines PC-gesteuerten Haushalts. Als "intelligentes Möbelstück" soll der PC in unterschiedlichen Ausprägungen in fast jedem Zimmer seinen Platz finden. So seien etwa ein PC für die Steuerung der Haushaltsgeräte in der Küche, ein TV-PC im Wohnzimmer und ein weiterer Rechner im Arbeitszimmer denkbar. Im Inhouse-Netzwerk der Zukunft steht nach Pfeiffers Vision ein sogenannter Home-Server, über den die intelligenten Endgeräte verbunden sind. Scott McNealy hielt dem entgegen, daß es für die privaten Benutzer schon schwierig genug sei, einen einzelnen PC zu verwalten. "Wie soll das erst im Home-Netzwerk funktionieren?"

Oracle-Chef Larry Ellison bemühte sich, die in Paris versammelten IS-Manager mit einem praktischen Beispiel von den Vorzügen des NCs zu überzeugen. Mit Hilfe einer Smart-Card nahm er einen NC in Betrieb, auf dem sein persönlicher Internet-Browser erschien, ausgestattet mit Buttons zu seinen Lieblings-Web-Seiten und -Applikationen. Als Terminal mußte ein gewöhnlicher Fernseher herhalten. Den Großteil der Demonstration verbrachte der Manager damit, ein Oracle-E-Mail-Dokument auf dem NC zu zeigen, das mit eingebetteten Java-Applets, Bild-, Audio- und Videoelementen angereichert war. "Die Killer-Applikation ist E-Mail", erklärte Ellison. Ohne E-Mail sei es in den USA schon bald nicht mehr möglich, Geschäfte zu machen. Mit dem NC und einem einfach bedienbaren E-Mail-Applet könne selbst seine Mutter problemlos umgehen und elektronische Post versenden.

Wegen der im Vergleich zum PC einfacheren Bedienung der Netzwerk-Computer hoffen die NC-Protagonisten auf eine breite Akzeptanz bei privaten Anwendern. Dort werde der NC bald so selbstverständlich wie das Telefon oder der Fernseher sein, prophezeite Ellison. Die Service-Provider - vor allem die großen Telecom-Unternehmen - würden den Privatanwendern den NC künftig "kostenlos" zur Verfügung stellen. Dabei falle lediglich eine monatliche Gebühr für das Netzwerk an, die zwischen zehn und 30 Dollar liegen könnte. Oracle verhandelt eigenen Angaben zufolge mit allen großen europäischen Telecom-Anbietern, darunter auch die deutsche Telekom.

Diese Konzerne seien in der Rolle der Service-Provider prä- destiniert dafür, Server für die NCs bereitzustellen, meinte der Oracle-Chef. Offenbar gibt es aber noch keine Abschlüsse. Zunächst sei geplant, die Akzeptanz der NCs in einer Reihe von Pilotprojekten europaweit in den Haushalten zu testen, so Ellison.

Für den professionellen Einsatz der Netzwerk-Computer führen die Befürworter in erster Linie Kostenargumente ins Feld. Auch Ellison griff diesen Aspekt auf. Die heutigen PCs seien so komplex und mit Anwendungen vollgestopft, daß sie als "Mainframes auf dem Schreibtisch" angesehen werden müßten. Jeder PC verursache pro Jahr Kosten in Höhe von 8000 Dollar. Die Gesamtkosten für den Betrieb eines NCs machten nur ein Zehntel der PC-Aufwendungen aus. "Wir haben die Komplexität aus dem Endgerät genommen und zurück ins Netzwerk verlagert", erklärte der Oracle-Mann.

In puncto Cost of Ownership wehrte sich vor allem Microsoft-Chef Bill Gates gegen die Ausführungen Ellisons: "Mit dem Internet-Ansatz werden wir massive Einsparungen im Hinblick auf die Costs of Ownership erreichen." In einem Intranet-Umfeld etwa könne die Softwareverteilung drastisch vereinfacht und der Support verbessert werden. Eine Web-basierte Administration der PC-Clients bringe enorme Kostenvorteile.

Microsoft wolle die Anwendungen soweit wie möglich auf den Server verlagern, sagte Gates. Sun-Manager Scott McNealy hatte darauf eine passende Antwort parat: "PCs sind wie Fingerabdrücke, alle sind verschieden."

Oracle will die ersten NC-Modelle mit dem Risc-Prozessor von ARM noch im September auf den Markt bringen. Bis Ende des Jahres soll auch ein Intel-basierter Netzwerk-Computer verfügbar sein, kündigte Ellison an.

Die Absatzchancen der Netzwerk-Computer werden sehr unterschiedlich beurteilt. Nach der Prognose des Oracle-CEOs könnten im Jahr 2000 mit 100 Millionen Stück weltweit schon mehr NCs als PCs verkauft werden. Diese Einschätzung steht allerdings in krassem Gegensatz zu den IDC-Prognosen. John Gantz etwa, Senior Vice-President Personal Systems and Collaborative Computing bei IDC, schätzt, daß im Jahr 2000 etwa drei Viertel aller Geräte mit Internet-Anschluß noch immer PCs sein werden. Gantz: "Der Internet-Zugang ist ein Feature, keine Revolution. Es ist fraglich, ob die Anwender für eine Maschine zahlen werden, die sie lediglich ins Netz bringt." Nach Ansicht des Analysten bleibt der PC in den nächsten fünf Jahren die dominierende Plattform. Darüber hinaus, so Gantz, würden Set-top-Boxen und Spielekonsolen in den Haushalten eher für den Netzzugang genutzt als NCs.

Ein weiteres Problem für die NCs sieht Gantz in der möglicherweise unzureichenden Unterstützung durch die Hersteller. Auch wenn sich beispielsweise IBMs Lou Gerstner lautstark zum NC bekenne, nehme seine Entwicklungsmannschaft diesen nicht allzu ernst. Ein PC-Hersteller könne kaum daran interessiert sein, mit NC-Systemen die eigenen Produkte zu kannibalisieren.

Applikationen für den NC sind noch Mangelware

Das größte Hindernis für eine weite Verbreitung der NCs liegt laut McNealy derzeit noch in den fehlenden Anwendungen. Allerdings investierten alle wichtigen IT-Unternehmen kräftig in Java-Applikationen. Genau in diese Kerbe schlug Bill Gates: Es mache beispielsweise keinen Sinn, nach dem Schreiben eines Texts auf dem NC mühsam nach einem Java-Modul für die Rechtschreibprüfung zu suchen und dieses zu laden. Auch Microsoft unterstütze natürlich mit dem Internet Explorer Java, doch in erster Linie wolle man "das beste Textverarbeitungsprogramm anbieten", erklärte Gates. Konkurrenz entstehe erst, wenn ein Anbieter ein besseres System auf den Markt bringe. Im Zeitalter des Internet, in dem unzählige Anwender zu Autoren würden, reichen nach Ansicht des Microsoft-Gründers die schlanken NC-Applikationen nicht mehr aus. Als Beweis für die eigene Softwarekompetenz präsentierte ein Microsoft-Mitarbeiter anschließend die Version 4.0 des "Internet Explorers", der Anfang 1997 in die kommende Windows-Version integriert werden soll. Peinliche Panne am Rande: Als der Explorer ein "Excel"-Dokument anzeigen sollte, stürzte Windows ab.

Die von Gates gepriesene funktionale Vielfalt der PC-Anwendungen nutzte Larry Ellison zu einem weiteren Hieb gegen den Software-Krösus aus Redmond: "Das Handbuch für Word 7.0 ist so dick wie mein Telefonbuch", beschwerte sich Ellison. Von Programmeigenschaften, die er niemals brauche, habe er gar nichts. Der Oracle-NC werde eine Handvoll leicht bedienbarer Anwendungen wie einen HTML-Texteditor, E-Mail, Spreadsheets oder Video-Conferencing bieten. An das Aussterben der PCs glaubt allerdings auch der "Visionär" Larry Ellison nicht: "Die NCs werden niemals den PC ersetzen. Die PCs haben auch die Mainframes nicht ersetzt." In diesem Punkt scheinen sich PC-Bewahrer, NC-Revolutionäre und Analysten einig zu sein.

Larry Ellisons Visionen

Zum Thema Browser hatte der Oracle-Chef auf dem IDC-Forum eine kühne Prognose auf Lager. Wie die COMPUTERWOCHE kürzlich berichtete, hat Oracle für den internen Gebrauch 16 000 Lizenzen des Netscape-Browser "Navigator" gekauft. Auf die Frage, was dies für den Oracle-eigenen "Power Browser" bedeute, antwortete der Manager lakonisch: "Nichts. In ein paar Jahren werden Browser ohnehin keine Bedeutung mehr haben." Die Anwender lebten dann in einer Welt von NCs und HTML-Seiten. Wie der NC in diesem Szenario auf das Netz zugreifen soll, erwähnte der Oracle-Chef vorsichtshalber nicht.

Netscape spielt den Underdog

"Ellison und Gates haben die Bedeutung des Internet nicht erkannt, und weil wir es getan haben, sähen sie uns am liebsten vom Markt verschwinden", versuchte James Clark, CEO des Browser-Champions Netscape auf dem IDC-Forum Mitleid zu erregen. Nach Ansicht von Edward O'Hara, Managing Director von IDC Nordeuropa, wendet Clark damit den gleichen Trick an, wie Microsoft 1980, als sich die Software-Company als David gegen den Goliath IBM behaupten mußte.

Clark blickt mit seinen Internet-Server- und Browser-Produkten dennoch optimistisch in die Zukunft. Im Vergleich zu den Microsoft-Systemen böte die Netscape-Software mehr Offenheit.