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30.08.2002 - 

Fast zwei Drittel der erwerbslosen Computerspezialisten sind unter 40

Die neue Arbeitslosigkeit in der IT

MÜNCHEN - Arbeitslos in der IT - das waren immer die anderen. Die Älteren. Die schlecht Qualifizierten. Inzwischen verlieren Menschen ihren Job, die nie damit gerechnet hatten: Sie sind jung, studiert und engagiert. Viele waren gerade dabei, Karriere zu machen. CW-Bericht, Alexandra Mesmer und Katja Müller

Es kann jeden treffen. Die Arbeitslosigkeit in der IT-Branche ist nicht mehr nur ein Phänomen der über 50-Jährigen, die niemand mehr einstellen will, oder der Druckvorlagenhersteller, die keiner mehr braucht. In diesem Jahr wies die Statistik zum ersten Mal die Generation der 25- bis 40-Jährigen als größte Problemgruppe aus: Im Juli 2002 waren 31701 IT-Fachleute dieser Altersstufe arbeitslos, ein Jahr zuvor waren es erst 17795. Insgesamt verdoppelte sich die Zahl der erwerbslosen IT-Spezialisten seit Januar 2001 auf 66295 Menschen, vor allem zwischen Juli und Oktober 2001 sowie im Juni und Juli dieses Jahres kletterten die Zahlen steil nach oben. Hauptbetroffene waren laut Bundesanstalt für Arbeit Informatiker, DV-Kaufleute, Rechenzentrumsfachleute und Informationselektroniker.

150 Absagen in elf Monaten

Auch Fred Klinger (Name von der Redaktion geändert) gehört zu den neuen IT-Arbeitslosen: Noch vor einem Jahr leitete der 36-Jährige die Supportabteilung eines Internet-Service-Providers, war für zehn Festangestellte und 20 freie Mitarbeiter verantwortlich und fuhr jeden Tag mit seinem Dienstwagen, einem 5er BMW, in die Firma. Im Oktober 2001 wurden er und andere Führungskräfte im Zuge einer Umstrukturierung entlassen, die der Hauptaktionär betrieben hatte. Anfangs empfand es Klinger noch als spannend, eine neue berufliche Herausforderung zu finden. Vor seiner Zeit als Supportchef hatte er als System Consultant bei einer Frankfurter Unternehmensberatung gearbeitet und verfügt inzwischen über ein tiefes Wissen über die Windows- wie Unix-Welt. Die Jobsuche war immer reibungslos verlaufen: Der Headhunter rief an, und Klinger brauchte nur sein aktuelles Gehalt und die Größe des Dienstwagens zu nennen, um eine Position angeboten zu bekommen, die ihn auf der Karriereleite wieder eine Sprosse höher brachte.

Elf Monate und 150 Absagen später ist der einstige Manager völlig desillusioniert. "Die Jobsuche hat sich als frustrierend entpuppt: 30 Prozent der angebotenen Stellen sollen in Wirklichkeit gar nicht besetzt werden, es handelt sich nur um Imageanzeigen der Firmen. Viele Unternehmen treten ausgesprochen arrogant gegenüber dem Bewerber auf, sagen ein Vorstellungsgespräch eine Stunde vor dem Termin ohne Begründung ab oder schicken statt des versprochenen Arbeitsvertrages nur eine Standardabsage", klagt Klinger, der das Verhalten der Firmen nicht nachvollziehen kann: "Schließlich bin ich in den vergangenen zwei bis drei Jahren nicht schlechter geworden."

Eine rationale Begründung für diese Entwicklung kann auch Madeleine Leitner nicht geben. In ihren Seminaren sieht sich die Münchner Karriereberaterin mit einer ungewohnten Klientel konfrontiert: Von der Marketing-Leiterin eines Telekommunikationsunternehmens über den Diplombetriebswirt mit Zusatzausbildung im E-Commerce bis zum selbständigen IT-Berater haben alle ihren Job oder ihre Aufträge verloren. Gewachsen sind trotz Qualifikation und Berufserfahrung die Probleme, wieder Anschluss ans Berufsleben zu finden. "Bisher war es unvorstellbar, dass auch die gut Qualifizierten Gefahr laufen, zu Langzeitsarbeitslosen zu werden", so Leitner. Bereits ab einem Jahr ohne Job zählt man zu dieser Kategorie.

Vermittlungsgutscheine erweisen sich als Flop

Für viele bleibt nur noch der Weg zum Arbeitsamt, um wenigstens finanziell über die Runden zu kommen. Denn adäquate Jobs sind inzwischen überall Mangelware. Zwar versucht das Arbeitsamt die hohen Erwerbslosenzahlen mit neuen Maßnahmen zu drücken, doch stellt sich etwa der von der Bundesanstalt für Arbeit gepriesene Vermittlungsgutschein zunehmend als Flop heraus.

Seit Ende März hat jeder, der länger als drei Monate arbeitslos ist, Anspruch auf einen so genannten Vermittlungsgutschein, den er bei einem privaten Jobvermittler einlösen kann. Die Höhe des Gutscheins bemisst nach der Dauer der Arbeitslosigkeit: Wer drei bis sechs Monate arbeitslos ist, erhält einen Gutschein über 1500 Euro, nach sechs bis neun Monaten kann ein erfolgreicher Vermittler 2000 Euro mit dem Kunden verdienen, nach einem Dreivierteljahr 2500 Euro. Allerdings bekommt der Vermittler den kompletten Betrag erst dann ausbezahlt, wenn der Arbeitslose die Probezeit im neuen Job bestanden hat.

In München wurden bis Ende Juli erst zwölf Gutscheine eingelöst, eine dürftige Bilanz angesichts 25000 anspruchsberechtigten Arbeitslosen in der Landeshauptstadt. Ein Grund dafür dürfte die Höhe der Vermittlungsgutscheine von maximal 2500 Euro sein, die den privaten Vermittlern zu niedrig ist. Üblich sind in der Branche Preise, die zwischen zwölf und 20 Prozent des Bruttojahresgehalts liegen. Darüber hinaus schreckt viele private Vermittler der hohe Verwaltungsaufwand: Bis der erste Euro auf dem Konto ankommt, müssen etwa zwölf Formulare ausgefüllt werden.

Angesichts der geringen Aussicht auf Erfolg lassen sich viele arbeitslose Computerspezialisten inzwischen beraten: "Auf uns kommen mittlerweile verstärkt IT-Fachkräfte ohne Job zu", berichtet Hagen Seibt, Wirtschaftspsychologe aus Bochum. Die meisten von ihnen sind laut Seibt Freaks, die 14 Stunden am Tag vor dem Computer saßen. Auch während des Studiums schauten sie weder links noch rechts, so dass vielen die emotionale Entwicklung in diesem Zeitraum fehle. In Boomzeiten wären mangelnde soziale Kompetenzen jedoch für kaum eine IT-Abteilung ein Grund gewesen, den Spezialisten abzuweisen.

Auch Manager-Jobs sind rar geworden

Probleme haben nicht nur IT-Fachleute, sondern auch viele Führungskräfte, die in den goldenen Zeiten der New Economy an ihre Position kamen und jetzt feststellen müssen, dass die Manager-Jobs rar geworden sind. Auf Hagen Kaehlers Schreibtisch landen fast täglich ein oder zwei Initiativbewerbungen, doch der Headhunter der auf Führungskräfte spezialisierten Personalberatung Korn/Ferry in Königstein im Taunus kann nur den wenigsten Interessenten helfen: "Viele sind zum Teil zu früh in eine Führungsposition gerutscht, die ihnen jetzt bei der Jobsuche im Weg steht." Wer einmal Manager war, wirkt unglaubwürdig, wenn er sich als normaler Mitarbeiter ohne jede Personal- oder Budgetverantwortung bewirbt.

Besonders fatal ist es in Kaehlers Augen, dass in Boomzeiten künstliche Positionen geschaffen wurden, deren bombastische Titel wie "Strategic Alliance Manager" zwar die Eitelkeit des Inhabers befriedigten, die aber heute kein Unternehmen mehr braucht. Oft verbarg sich hinter einem Director oder Vice President eine Ein-Mann-Veranstaltung. "Viele Leute haben Jobs angenommen, von denen sie besser die Finger gelassen hätten", so Kaehler. Die Unternehmen inspizieren den Lebenslauf der Bewerber mittlerweile wieder genauer, auf Qualifikationen, logisch aufeinander aufbauende Karriereschritte und eine gewisse Verweildauer in den Positionen wird verstärkt Wert gelegt.

"Die Firmen warten auf den hundertprozentigen Bewerber", bestätigt auch Gerhard Kimmeringer, Vermittler von IT-Fachkräften und Green-Cardlern im Arbeitsamt München. Und sie können es sich erlauben: Laut Marktforschungsinstitut EMC/Adecco schrumpfte das Stellenangebot für IT-Mitarbeiter in den untersuchten 40 Tageszeitungen in den ersten sieben Monaten dieses Jahres um 68 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf rund 16583 Positionen. Die Großindustrie sucht kaum noch neue IT-Fachkräfte, und die wenigen Konzerne, die nach wie vor einstellen, werden mit Bewerbungen regelrecht überflutet.

"Die Anzahl der Bewerbungen hat sich mindestens verdoppelt", erzählt Sabine Schönberg, Leiterin der Talentsuche und -bindung im Volkswagen-Konzern. Entsprechend lang ist auch die Liste der Anforderungen, die die Wolfsburger an künftige IT-Mitarbeiter stellen: Der Systemanalytiker/-architekt etwa soll unter anderem neben "hervorragenden Kenntnissen in der objektorientierten Anwendungs-Systementwicklung .NET/Java" auch "Überzeugungskraft mit sozialer Kompetenz" mitbringen, "außerordentlich teamfähig" sein, ein verhandlungssicheres Englisch sprechen (weitere Fremdsprache wünschenswert) und über Sicherheit im Kommunizieren und Präsentieren verfügen. Darüber hinaus erwartet der Konzern von diesem Kandidaten Eigeninitiative, interdisziplinäres Denken und Erfahrungen im Projekt-Management.

Doch nicht nur die großen Konzerne nutzen die Chance, nur erstklassige Bewerber einzustellen. Auch mittelständische Firmen, um die viele Computerspezialisten bislang eher einen Bogen machten, profitieren von der angespannten Lage am IT-Arbeitsmarkt. Die Münchner Tebis AG, ein Softwarehersteller für Modell-, Werkzeug-, Formen- und Prototypenbau mit 120 Mitarbeitern, suchte einen erfahrenen Netzwerkspezialisten und bekam auf Anhieb 225 Bewerbungen. "Vor zwei Jahren hätten sich vielleicht gerade einmal 25 Interessenten gemeldet", sagt Tebis-Personalchef Axel Schilling. Heute hat er die Wahl unter Bewerbern, "die mehr können und weniger Geld verlangen als früher". Die Kandidaten dagegen können sich schneller ins schlechte Licht rücken, als ihnen lieb ist: Standardanschreiben, fehlende Unterschrift unter dem Lebenslauf oder keine chronologische Anordnung der Zeugnisse - die Liste der Negativpunkte ist lang. "Schlecht ist auch, wenn jemand schon seit einem oder eineinhalb Jahren arbeitslos ist. Schließlich war es damals noch deutlich einfacher, in der IT-Branche einen neuen Job zu bekommen", urteilt Schilling. Auch schrillen bei ihm sämtliche Alarmglocken, wenn jemand versucht, seine Arbeitslosigkeit unter dem Deckmantel einer angeblichen selbständigen Tätigkeit zu verstecken.

Selbständigkeit als Ausweg?

Auch Fred Klinger hat erlebt, dass seine Bemühungen, die Durststrecke ohne Festanstellung als freiberuflicher IT-Berater für kleinere Firmen zu überbrücken, nicht immer goutiert wurden: "Das ist ein zweischneidiges Schwert. Die Firmen fragen sich: Warum will er in die Festanstellung zurück, war er etwa nicht erfolgreich? Andererseits habe ich das Programm, daheim herumzusitzen und nichts zu tun, einfach nicht drauf."

Eine Einstellung, die in den Augen von Karriereberaterin Leitner auch richtig ist: "Wenn die neuen Arbeitslosen sich keine Übergangsbeschäftigung suchen und gleichzeitig kein Ende ihrer Arbeitslosigkeit abzusehen ist, verfallen sie in Depressionen." Die Psychologin musste schon oft einen Teufelskreis beobachten: Die Zeit läuft gegen die Arbeitslosen. Je länger die Jobsuche dauert, umso stärker ziehen sich viele zurück. Sie schämen sich, im Freundes- und Bekanntenkreis über ihr Problem zu sprechen, sie beginnen, an sich selbst und ihren Qualifikationen zu zweifeln, und entwickeln große Ängste, die schließlich sämtliche Bewerbungsinitiativen lähmen oder ganz zum Stillstand bringen.

Immer einen Plan B parat haben

Doch bevor sich dieser Kreis schließt, empfiehlt Psychologe Seibt arbeitslosen Informatikern, sich in jedem Fall zu beschäftigen, im Notfall auch selbständig und ohne Lohn: "Eine ganze Reihe meiner Klienten haben es geschafft und betreiben Kleinstunternehmen. "Manchmal reiche schon eine Fünf-Euro-Annonce in einem Anzeigenblättchen: "Komme bei PC-Problemen ins Haus". Darüber hinaus berät Seibt die Betroffenen in Einzelgesprächen. "Nach fünf bis zehn Jahren IT-Laufbahn sind die Leute ganz hilflos. Ich bringe sie dazu, ihr Problem zu verstehen." So müssen seine Klienten einen geregelten Tagesablauf für die nächsten sechs Wochen ausarbeiten - anschließend bespricht Seibt mit ihnen die Inhalte.

Auch Leitner appelliert an die Kompromissbereitschaft der neuen Arbeitslosen: "Jeder sollte frühzeitig einen Plan B parat haben und sich fragen, was er sonst noch machen kann, wenn es mit dem Traumjob nicht klappt." Alternativen wie Teilzeit- oder befristete Stellen, freiberufliche Projektarbeit oder Einstieg bei einer Zeitarbeitsfirma sollten die Betroffenen ebenso in Betracht ziehen wie eine Weiterbildung - "alles ist besser als nur zu Hause zu sitzen". Freilich muss man sich solche Alternativen erst einmal finanziell erlauben können. Denn viele der qualifizierten Arbeitslosen bezogen einst ein stattliches Salär und leisteten sich einen entsprechenden Lebensstandard. Wie Klinger, der sich eine Doppelhaushälfte in einem Münchner Vorort anschaffte, die er weiter abbezahlen muss.

Dennoch zeigen Beispiele, dass sich Eigeninitiative gepaart mit einer großen Portion Glück auch in Krisenzeiten auszahlt. Ein 55-jähriger promovierter IT-Spezialist aus München wurde monatelang von einem Outplacement-Berater betreut - ohne Erfolg. Doch der Vietnamese behielt seine Zuversicht und erzählte auch im Bekanntenkreis, dass er eine neue Stelle suche. Als schließlich einem entfernten Bekannten ein Job bei einem Mittelständler in Dresden angeboten wurde, für den sich dieser nicht interessierte, empfahl er den 55-Jährigen. Der packte seine Koffer und arbeitet heute als Qualitäts-Manager an der Elbe.

Verdeckte Stellen

Neue Wege zum Job wollen zwei Seminare in Hamburg und München aufzeigen. Da weit mehr offene Stellen existieren als in Zeitungen und Internet tatsächlich ausgeschrieben sind, geht es darum, auf dem so genannten verdeckten Stellenmarkt aktiv zu werden. Beide Trainer orientieren sich an den Ansätzen des Amerikaners Richard Nelson Bolles, der mit dem Karrierebuch "What Color is your Parachute?" einen Bestseller landete.

Am 27. und 28. September findet das "Life-Work-Planning"-Seminar in Hamburg statt. Die Teilnehmer lernen, Jobs auf dem verdeckten Stellenmarkt zu finden. Ferner analysieren sie ihre persönlichen Fähigkeiten und Interessen, um herauszufinden, welche Aufgaben sie motivieren und in welchem Umfeld sie arbeiten möchten. Der Workshop-Leiter Jochen Kiel ist als selbständiger Trainer und Berater tätig. Er absolvierte seine Ausbildung bei Bolles. Details können unter info@jochenkiel.de oder der Rufnummer 04 748/82 13 00 erfragt werden.

Auch die Karriereberaterin Madeleine Leitner bietet einen eintägigen Workshop zum Thema "Neue Wege zum Job" an, der am 11. Oktober in München stattfindet. Leitner hat Bolles'' Buch für den deutschen Markt bearbeitet, und zeigt in ihrem Seminar auf, welche Möglichkeiten es gibt, die Stellen zu finden, die existieren, aber noch nicht veröffentlicht worden sind. Ziel soll es sein, dass die Bewerber nicht in die Rolle des Bittstellers, sondern des potenziellen Problemlösers schlüpfen. Mehr Informationen finden sich im Internet unter www.karriere-management.de.

Abb: Jobverlust: Jetzt trifft es auch die jüngeren IT-Profis

Einst waren es vor allem die über 50-jährigen IT-Experten, die keinen Job mehr fanden. Mittlerweile ist die Generation der 30- bis 45-Jährigen am stärksten betroffen. Sie sind es auch, die bei betriebsbedingten Kündigungen als erste gehen müssen. Quelle: Bundesanstalt für Arbeit