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18.10.1996 - 

IT in OsteuropaOptimismus beim Nachbarn

Die neue DV-Industrie in der Tschechischen Republik

Im wirtschaftlichen Vergleich zu den Staaten im Baltikum, zu Rußland und zur Ukraine, zu Polen, im Vergleich zur Slowakei und zu Slowenien, Kroatien, Bulgarien und Rumänien nimmt die Tschechische Republik eine führende Position ein. Als die amerikanische Finanzzeitung "Institutional Investor" im März dieses Jahres unter 135 Ländern das Kreditrisiko ermittelte, fand sich die Tschechische Republik auf Platz 30 - mit großem Abstand vor allen anderen osteuropäischen Staaten.

Da verwundert es nicht, daß es die Tschechische Republik war, die im November 1995 als erstes osteuropäisches Land in den Kreis der Mitglieder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der OECD, gelangte. Es geht rundum weiter bergauf: Für 1996 ist eine Steigerung des Bruttoinlandsprodukts von 5,2 bis 5,6 Prozent prognostiziert.

Die konsequent marktwirtschaftlich orientierte Politik, initiiert von Ministerpräsident Vçclav Klaus, hat dazu geführt, daß die Tschechische Republik von vielen Wirtschaftswissenschaftlern heute bereits nicht mehr als "Reformland" eingestuft wird.

Einen besonderen Sprung hat das Land in der DV gemacht. Mit dem Verschwinden des sozialistischen Lagers endete auch die tschechische Fertigung selbstentwickelter Geräte - hier war der technologische Rückstand nicht aufzuholen. Es blieb die Assemblierung mit Importteilen aus Hongkong und Taiwan. Sie wurde zu einem florierenden Wirtschaftszweig.

Einer der bedeutendsten Monteure, die Multisys Group a.s., setzte im letzten Jahr 800 Millionen tschechische Kronen, also rund 43 Millionen Mark, um. Ein anderer, Autocont, hat mittlerweile das ISO-Zertifikat 9003 für die Qualitätssicherung der Produktion erlangt.

IBM, Unisys und Hewlett- Packard tun also nicht schlecht daran, von lokalen Unternehmen zusammenbauen zu lassen, was sie in Tschechien anbieten. Ein 486er von IBM, montiert von ABM, kostet je nach Ausstattung 20000 bis 45000 Kronen, rund 1100 bis 2500 Mark. Tschechische Anwender zahlen also nicht weniger als deutsche. Aber ihr Vorteil besteht darin, vor Ort Service bekommen zu können. Daß Tschechien EU-assoziiert ist, eröffnet Exportchancen. So produziert das Unternehmen Tesla Blansko Tastaturen im Auftrag der japanischen Firma Alps Electric.

Die technische Ausstattung ist mittlerweile gut. Bisher entfällt der Löwenanteil der Einfuhr auf die Hardware, vornehmlich aus der Bundesrepublik, mit 21 Prozent vor den USA und Taiwan führender Lieferant. Auf 950 Millionen US-Dollar ist für 1995 das DV-Marktvolumen zu schätzen. Die 39 Millionen US-Dollar Ausfuhren nehmen sich dagegen gering aus.

Die Kunden sind nicht weniger kritisch

Die Tschechen sind nicht von ungefähr offen für Errungenschaften der Hard- und Software: In den Zeiten des Sozialismus waren qualifizierte Fachkräfte ausgebildet worden, die sich ohne Scheu auf für sie neue Technologien stürzen. Sowohl in der Branche Beschäftigte als auch reine Anwender streben ein hohes Niveau an. Hard- und Software-Anbieter in Tschechien wissen das ihre Kunden sind kritisch und stellen keine geringeren Ansprüche als deutsche Anwender.

Bei Unternehmen in Städten wie Prag, Pilsen oder Brünn steht die Anschaffung von DV-Equipment an vorderster Stelle auf der Wunschliste. 95 Prozent des Bedarfs decken Importeure. Das wird sich nicht ändern, so die einhellige Meinung von Fachleuten.

In der Software-Entwicklung aber könnte der Strom zukünftig auch in die andere Richtung fließen. Die Grundlagen sind da: gute Leute auf neuestem Stand. Im Inland macht sich das längst bemerkbar.

Die DV-Branche wächst und wächst. Die großen unter den Elektronikfirmen, zum Beispiel CKD Praha DIZ a.s., diversifizierten erfolgreich in Richtung Software-Entwicklung und verstärken damit den Trend, der von neuen, spezialisierten Unternehmen ausging. Natürlich suchten sich auch ausländische Softwarefirmen ihr Plätzchen in der tschechischen Republik, etwa Think-Tek und Elixir, beide von US-Amerikanern gegründet.

Hauptsächlich sind es aber tschechische Unternehmen, die die stetig steigende Anzahl an Anbietern für die Integration von Systemen in verschiedene Anwendungsbereiche stellen. Manche eingeschränkt (Cesa beispielsweise ausschließlich im Bereich Energiewirtschaft), manche umfassend (Prospeks beziehungsweise Merz im Bereich Fertigungskontrollsysteme und andere).

Genügt das alles für einen Sprung in den Export, etwa Software für deutsche Unternehmen "made in the Czech Republic"? Die Frage, ob es für deutsche Unternehmen lohnend wäre, sich von tschechischen Fachleuten Software erstellen zu lassen, haben viele noch nicht erwogen, obwohl die geringen Lohnkosten preiswerte Software-Entwicklungen versprechen. Bei einem Monatslohn zwischen 550 und 700 Mark tut sich durchaus ein Spielraum auf.

Den nutzen beispielweise die Kunden des Prager Softwarehauses Saul s.r.o., spezialisiert auf Standardsoftware für Buchhaltung und Vermögensverwaltung unter DOS, Windows und Unix. Mit Erfolg. Das Unternehmen mit inzwischen 50 Mitarbeitern hat Aufträge für tschechische Tochtergesellschaften von Firmen wie Schöller, Allianz und Esso verbuchen können. Saul-Manager Robert Laube erläutert die Gründe: "Im Vergleich zur Auslandssoftware ist vor allem das Verhältnis von Qualität und Preis günstig. Unsere Software kostet etwa ein Zehntel des Preises vergleichbarer Systeme aus der Bundesrepublik."

Andererseits wären Abnehmer aus Deutschland natürlich für die Firmen interessant, die bereits entwickelte Software anbieten. Einer tschechischer Unternehmer, Pavel Cagas von Moravské pristroje, meint dazu: "Zur Zeit haben wir nur tschechische und englische Versionen, keine deutschen, weil kaum eine Nachfrage besteht."

Moravské pristroje hat sich auf Informations- und Kontrollsysteme, etwa für Labors und Industriebetriebe, spezialisiert. Die Software des Unternehmens, das im südmährischen ZlÆn angesiedelt ist, wo auch das 1894 gegründete Schuh-Imperium Bata herkommt, eignet sich etwa zur Überwachung von Produktionslinien.

"Nicht wirklich preiswerter" sei seine Software, stellt allerdings Vladimir Bures, der Geschäftsführer von Alwil Software in Prag, fest. Er sagt, Alwil-Entwicklungen stünden weniger für "Czech prices" als für "Czech quality". Sein Antivirusprogramm "Avast" wurde in der Tschechischen Republik über 120000mal verkauft. Auch das Geschäft jenseits der Landesgrenzen gestalte sich erfolgreich.

Am Service hapert es noch

Schwachpunkte der tschechischen Softwareproduktion könnten in der Kundenbetreuung liegen. Dem Aufbau eines Vertriebsnetzes und von Serviceleistungen, wie zum Beispiel einer Hotline, sind bisher noch strukturelle Hindernisse in den Weg gelegt. Neben der Frage nach den Kosten kommt die Sprachbarriere zum Tragen - wenn auch meist nur als psychologisches Hemmnis, denn viele Tschechen beherrschen Deutsch und Englisch.

Es entsteht der Eindruck, daß zwei stromgeladene Enden nebeneinander liegen und nur der Kontakt fehlt. Wie einen tschechischen Geschäftspartner finden? Zum Beispiel über die deutsch-tschechische Industrie- und Handelskammer in Prag. Oder auf der Invex, der Brünner Computermesse, die in diesem Jahr vom 22. bis 26. Oktober stattfindet.

Für Antonin Surka, den Generaldirektor der Brünner Messegesellschaft, ist die fünfte Invex ein Grund, die erfolgreiche Etablierung der Veranstaltung zu melden. Rund 700 Firmen und 160000 Besucher zog Brünn 1995 an. In der hohen Anzahl von Messen in Tschechien konnten die Brünner nationale Bedeutung erlangen. Hauptsächlich kommen heimische Aussteller.

Drei Dutzend tschechische Software-Entwickler nehmen in diesem Jahr an der Invex teil. Auch Pavel Cagas wird aus ZlÆn anreisen. Die Unternehmen in Halle C, der für Software reservierten Halle, wollen in die Fußstapfen der tschechischen Auto- und Möbelindustrie treten. Große Fußstapfen, aber vielleicht nicht zu groß. Die junge tschechische DV-Industrie traut sich viel zu.

Angeklickt

Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus blieb von der tschechischen DV-Industrie nur die Assemblierung von Hardware und die Softwarebranche erhalten. Insbesondere letztere hat in den vergangenen Jahren, gestützt auf sehr gut ausgebildete Fachkräfte, einen deutlichen Aufschwung erlebt. Mit zunehmenden Kenntnissen, auch im modernen Marketing, trauen sich einige tschechische Firmen inzwischen auf ausländische Märkte.

*Mareille Ahrndt ist freie Journalistin in München.