Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

02.10.1998 - 

Noch viel Streß nach dem ersten Ausbildungsjahr für Firmen und Azubis

Die neuen IT-Berufe: Gute Noten für "Fisi" und "Itse"

"Die neuen Berufe treffen den Nerv der Zeit", bescheinigt der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT). Bis zum Sommer hatten die Betriebe bereits je 1000 besetzte Stellen für Informatikkaufleute und IT-Systemkaufleute bei den Kammern gemeldet. Dazu kamen etwa 1500 Plätze für IT-Systemelektroniker und mehr als 2000 für den Beruf Fachinformatiker mit den beiden Spezialisierungen Anwendungsentwicklung und Systemintegration.

"Der Fachinformatiker als der Querschnittsberuf der Branche wird ein Renner." Diese Botschaft der Berufsbildentwickler hat in den Unternehmen offenbar eingeschlagen. Dabei war es alles andere als selbstverständlich, daß das ansonsten so gescholtene duale System der Berufsausbildung ausgerechnet in einem so heterogenen Beschäftigungsfeld wie dem der Informations- und Kommunikationstechnik erfolgreich ist.

Da die Ausbildungsprofile aber auf die Vielgestaltigkeit der Anforderungen in Systemhäusern, bei Unternehmensberatern, in Ingenieurbüros, bei Hard- und Software-Entwicklern Rücksicht nehmen, und dabei dennoch für gesicherte Standards sorgen, konnten Eingangsfehler vermieden werden. Beim Ausbilder Deutsche Telekom in München beispielsweise absolvieren Systemelektroniker, Systemkaufleute und Fachinformatiker für die Systemintegration die erste Hälfte der dreijährigen Lehrzeit weitgehend gemeinsam. So sollen sie frühzeitig lernen, wie ein Komplettauftrag Hand in Hand und abteilungsübergreifend bewältigt wird.

Großunternehmen wie die Deutsche Telekom, Siemens, Hewlett-Packard, IBM und SNI haben kräftig bei der Gestaltung der neuen Qualifizierungskonzepte unterhalb des Hochschulniveaus mitgemischt. Kein Wunder also, daß die "Fisis" (Fachinformatiker Systemintegration) und "Itses" (IT-Systemelektroniker) gern gesehen sind in den Fachabteilungen, wie der Nachwuchsverantwortliche bei SNI in Paderborn, Heinz-Dieter Voskamp, berichtet: "Die Lerninhalte stimmen paßgenau mit dem überein, was an technischem Know-how und an Servicekompetenz bei uns gefragt ist."

In den Ausbildungsabteilungen der "Großen" der Branche hatten die Meister die Chance, sich schon während der Entstehungszeit der neuen IT-Berufe auf die künftigen Herausforderungen einzustellen. Denn die systematische Grundlagenvermittlung will gut durchdacht sein, soll sie trotz des schnellen technologischen Wandels ein Wissen von dauerhaftem Wert vermitteln. Neu ist der große kaufmännische Anteil in allen vier Berufen.

Wie ist den jungen Leuten der Sprung ins kalte Wasser bekommen? Wie sehen sie nach einem Jahr Lernen und Arbeiten die IT-Branche? Ein wenig stressig ist es schon, wenn Ausbilder, Lehrkräfte und Lehrlinge gemeinsam Neuland betreten, berichten Münchner Fisis aus der Berufsschulklasse K122. Unter den 21 Azubis in dieser Klasse sind vier Frauen; zwei Lehrlinge haben Hauptschulabschluß, zwölf die Mittlere Reife und sieben Abitur.

Manche Ausbilder waren nach dem Urteil der Jugendlichen gleich in doppelter Hinsicht überfordert: Ihnen fehlten die Vorgaben und die Zeit, sich qualifiziert um die Lehrlinge zu kümmern. Dies ist insbesondere in kleinen Supportfirmen ein Dauerproblem. Die Arbeitsplanung dort orientiert sich an der schnellen Erledigung plötzlich kommender Kundenaufträge. Für das gezielte Erlernen von Zusammenhängen und Hintergründen mit den Azubis bleibt häufig nicht viel Zeit. "Oft meinen die Verantwortlichen in den Unternehmen, fürs Lernen sei die Schule zuständig", erzählen Münchner Berufsschüler. Was sie sich im Projektunterricht der Berufsschule erarbeitet haben, stellen die Azubis auf ihrer Homepage im Internet unter der Adresse http://k122.pfaffenhofen.de vor. Es ist eine spannende Lektüre für jeden, der sich ein praxisnahes Bild von Inhalt und Form der IT-Qualifizierung machen will. Aber der schulische Blockunterricht kann nicht die Reflexion getaner Arbeit im Betrieb ersetzen.

Einerseits motiviert es die angehenden Fisis mächtig, wenn sie zum Dienst an der Hotline der Firma eingeteilt werden oder "ihre" Kunden selbständig betreuen. Andererseits ist der Erfolgsdruck, unter dem sie stehen, ziemlich groß. Ideal finden es deshalb die Lehrlinge der K122, wenn der Ausbilder zum Kunden mitfährt - damit sie nicht nur von seinem technischen Know-how profitieren, sondern auch seinen Umgang mit dem Auftraggeber studieren können.

Nicht so glücklich sind dagegen diejenigen Azubis, die kaum echte Aufträge bekommen, sondern im geschützten Winkel der Ausbildungsabteilung einen Rechner übungshalber zusammenbauen und die Software integrieren. "Wenn das Ergebnis niemand interessiert, läßt der Elan schnell nach", beschreibt eine junge Fachinformatikerin die Lage, "dann spiele ich am Computer, statt eine neue Programmiersprache zu lernen."

Das richtige Maß an Betreuung, Übungsfeldern und echten Bewährungsproben für ihre Azubis müssen alle IT-Ausbilder erst noch finden. Silvia Ziolkowski vom mittelständischen Softwarehaus Hüngsberg & Co. in München ist deshalb froh um die Erfahrungen, die in der Firma schon vor der Einführung der neuen IT-Berufe mit DV-Kaufleuten gemacht wurden: "Wir haben sie ziemlich schnell zur Auftragsabwicklung rausgeschickt. Doch weder Kunde noch Azubi haben etwas davon, wenn Sicherheit und Fachwissen fehlen." Im ersten Jahr benötigten die jungen Leute einen Schonraum und Profis, die sich Zeit für ihre Fragen nehmen. Deshalb erledigen die Fisis bei Hüngsberg erst jetzt im zweiten Lehrjahr in Begleitung versierter Kollegen externe Aufträge.

Anders argumentiert SNI-Mann Voskamp. Es sei sinnvoll, wenn gute Lehrlinge einen Kundenauftrag erledigten und dadurch ein Erfolgserlebnis hätten.

Die Erwartungen an die jungen Leute in den IT-Berufen sind hoch. Viele Firmen bevorzugen Abiturienten oder Fachoberschüler. Entscheidend sind eine gute Auffassungsgabe und eine gewisse Reife. Die Unternehmensberatung CSC Ploenzke in Kiedrich hat sich aus einem weiteren Grund für Azubis mit Hochschulreife entschieden: Sie können die Lehre verkürzen und stehen dem expandierenden Unternehmen schon nach zwei Jahren als vollwertige Fachkräfte zur Verfügung, berichtet Ausbildungsbeauftragte Silvia Gehn. Geplant sei, daß die Fisis gleiche Aufstiegschancen wie diplomierte Informatiker erhielten. Gehn: "Es kommt auf das persönliche Engagement und die Fähigkeiten an."

Bei SNI dagegen dürften auch künftig die Verdienst- und Karrieremöglichkeiten von dual und universitär ausgebildeten Fachkräften auseinandergehen. Für Voskamp ist "nicht erkennbar", daß die tariflich niedriger eingruppierten Fachinformatiker die Hochschulkollegen verdrängen könnten.

Die Ausbildung bringt viel Bewegung in die IT-Branche . Sie wird Standards setzen und dennoch unternehmensspezifische Akzente zulassen. Die Berufsschüler formulieren das so: "Unser Berufsbild sieht in jeder Firma anders aus. Wichtig ist, ob das Betriebsklima paßt. Die Lehre in einem großen Unternehmen hat andere Vor- und Nachteile als in einem Minibetrieb." Jeder müsse selbst ausprobieren, was ihm zusage.

Helga Ballauf ist freie Journalistin in München.