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10.03.1989 - 

Hochschulen im Spannungsfeld zwischen öffentlicher Hand und Wirtschaft:

Die neuen Leiden der jungen Informatik

MÜNCHEN - An den deutschen Universitäten und Hochschulen brodelt es. Streiks und Protestaktionen breiten sich über das gesamte Bundesgebiet aus. Woher kommt dieser Un(i)mut, was sind die Auslöser für dieses demonstrative Handeln? Uli Beck und Michael Wagner* nehmen die Verhältnisse in der Informatik unter die Lupe.

Die Streikaktionen an den bundesdeutschen Hochschulen setzen seit Ende letzten Jahres die Öffentlichkeit in Erstaunen. Die "neue Studentenbewegung" dringt ideologisch unbelastet und konstruktiv auf Veränderungen. Speziell im Informatikbereich ist den Betroffenen eine Verbesserung der katastrophalen Ausbildungssituation genauso wichtig wie die politischen Forderungen. Die Studiensituation bewegt sich im "Modefach"-Informatik nämlich am Rande des Unerträglichen.

Die Professoren beschränken sich angesichts überfüllter Hörsäle meist auf eine straffe Darstellung des oft überalterten Lehrstoffs. Für Zwischenfragen, Anmerkungen oder Details bleibt selten Zeit. In Seminaren und Praktika arbeiten die Studenten ohne Engagement und werden von Assistenten betreut, die für diese beiderseitigen "Pflichtübungen" eigene Forschungsarbeiten zurückstellen müssen. Die Rechnerausstattung ist quantitativ und qualitativ unzureichend. Die Geräte sind nicht nur in Stoßzeiten überbelegt. Begriffe wie "Workstation" und "Vernetzung" scheinen sich in den Beschaffungskommissionen noch nicht herumgesprochen zu haben. Die Softwareausstattung ist antiquiert und wird nur durch Eigenentwicklungen erweitert. Professionelle Werkzeuge oder Systeme, wie sie in der Praxis zum Einsatz kommen, sind meistens gar nicht vorhanden.

Brain-drain der Industrie verhindern

Unter diesen Mißständen leiden auch die Studieninhalte, die sich ohnehin auf eine ausgeprägte Darstellung der Theorie beschränken und deren Umsetzung in die Praxis völlig außer acht lassen. Es existieren keine interdisziplinären Lehrveranstaltungen, die den Blick über den Tellerrand des eigenen Fachbereiches lenken könnten. Praxisbezogene Veranstaltungen, die auf eine spätere Tätigkeit vorbereiten, fehlen ebenso.

Allein mit mehr Geld und Personal läßt sich diese Situation aber nicht ändern. Die Gründe für die Misere in der Informatik liegen tief. Die Hochschulen stehen in einem Spannungsfeld zwischen Wirtschaft, öffentlicher Hand und Gesellschaft. Nur in wenigen Fällen wird dies in so krassem Maß deutlich wie in der Informatik. Ohne ein grundsätzliches Umdenken in der gegenseitigem Erwartungshaltung wird sich allerdings auch in Zukunft wenig bewegen. Die gegensätzlichen Positionen lassen sich in einigen zentralen Punkten ausmachen.

Auf der einen Seite sind die Institute durch die Investitionszyklen der universitären Großgerätebeschaffung nicht in der Lage, mit der rasanten technologischen Entwicklung Schritt zu halten. Andererseits wird die Spitzenstellung und Weltgeltung der deutschen Wissenschaft gerade von offizieller Seite immer wieder betont. Alle Seiten beklagen die Aufholposition im Vergleich zu USA/Japan, gleichzeitig aber erfolgt ein beispielloser "brain-drain" durch die Wirtschaft, der nur ein geringes wissenschaftliches Potential in den Hochschulen beläßt. Das Sinken der Ausbildungsqualität, das fehlende Hintergrundwissen der Studenten und die Auswüchse des "Modefachs"-Informatik werden bedauert, aber auf einen Abgänger warten statistisch gesehen vier bis fünf Arbeitsplätze, und zwei Drittel der Absolventen haben bereits einen Vertrag in der Tasche, wenn sie die Hochschule verlassen.

Diese Probleme sind aber nur die greifbaren Auswirkungen einer sehr viel langfristigeren Entwicklung. Weil die einzelnen Interessensgruppen auf ihren kurzfristigen Vorteil bedacht sind, ist ihr Blick auf diese Entwicklung versperrt. In zunehmendem Maße wird die Gesellschaft abhängig von der Informatik. Der Computer dringt in alle Bereiche des Alltags vor. Viele Arbeitsabläufe und alltägliche Handlungen sind ohne die mittelbare oder unmittelbare Beteiligung von Computern überhaupt nicht mehr denkbar. Dennoch stehen wir erst am Beginn einer viel weitergehenden Entwicklung.

Bisher wurden nur die vorhandenen Funktionsabläufe mit dem Computer nachvollzogen. Was für Veränderungen sich jedoch durch eine Neugestaltung mit den Möglichkeiten der Computertechnologie ergeben, übersteigt jedes Vorstellungsvermögen. Greifbar wird dies heute bereits in den Unternehmen durch die fortschreitende Verwaltung aber auch durch die Einebnung von Computern in die Produkte elber. Informationsverarbeitung wird in zunehmendem Maße zur Managementaufgabe. Daß heute der Marketinggedanke und die CIM-Problematik an der Informatik-Lehre Vorbeigeht, ist in diesem zusammenklang gesehen fahrlässig.

Die Konkurrenzfähigkeit im globalen Vergleich ist auf lange Frist noch bedeutsamer, denn das Zurückliegen in der Informatik gegenüber Japan und USA kann nicht kurzfristig aufgeholt werden. Weder dadurch, daß man die besten Köpfe aus der Wissenschaft in die Industrie zieht, oder daß man die öffentliche Finanzierung der Ausbildung verbessert, weil es gerade populär ist, noch dadurch, daß man Großprojekte aus dem Boden stampft. Was fehlt und zu dieser Ausgangslage geführt hat, ist ein langfristiges Konzept, um die finanzintensive Grundlagenforschung in der Informatik und deren Umsetzung in Ausbildung und Praxis zu sichern.

Die Informatik und darüber hinaus alle Hochtechnologien gedeihen nur, wenn wissenschaftliche Forschung und wirtschaftliche Umsetzung miteinander verzahnt sind und die Finanzierung gesichert ist. In den USA wird dies durch die Kombination Elite-Universität, Firmengründung und Venture Capital erreicht, in Japan durch die Konzentration aller Anstrengungen unter dem Dach weniger Konzerne. In Deutschland und Europa ist eine ähnliche Situation bisher nicht gegeben.

Die notwendigen Finanzmittel sind enorm. Wenn jedoch die Lage der öffentlichen Haushalte derart angespannt ist, daß nur noch operatives Krisenmanagement um die gröbsten (oder populärsten?) Löcher zu stopfen möglich ist, dann muß man sich über neue Finanzierungswege Gedanken machen. Eine stärkere Beteiligung der Wirtschaft liegt auf der Hand. Allerdings kann diese Finanzierung nicht wie in der bisherigen Drittmittel-Praxis auf kurzfristige Ergebnisse ausgerichtet sein, sondern muß langfristig auf die Erweiterung der Grundlagenforschung in allen Bereichen angelegt sein. Auch hier ist der Blick über den großen Teich hilfreich. Die amerikanischen Unternehmen begreifen die Forschung schon seit jeher als "Abteilung, die Verluste macht", ohne eine Gewähr auf zukünftige Erträge zu bieten. In Japan sind nicht nur spektakuläre Einrichtungen wie die Wissenschaftsstadt Tsukuba von der Industrie finanziert.

Ein erster Schritt in diese Richtung könnte die kurzfristigen Interessen der Industrie mit der Notwendigkeit einer mehr praxisbezogenen und problemorientierten Ausbildung kombinieren. Die Entwicklung von konkreten Produkten aus der Hochschule heraus würde allen Seiten helfen. Die Industrie hätte einen konkreten Nutzen, die Hochschule eine neue Finanzierungsquelle durch Lizenzanteile. Die Studenten hätten ein greifbares Ziel, auf das sie hinarbeiten, für das sie sich engagieren könnten. Außerdem würden sie mehr über die industrielle Praxis lernen als in jeder Vorlesung.

Das grundsätzliche Problem, der Widerspruch zwischen theoretischer Ausrichtung der Forschung und praktischer Umsetzung wird durch solche Projekte jedoch nicht gelöst. Dies wird auch so bleiben, denn ohne Theorie würde die Wissenschaft aufhören, Wissenschaft zu sein. Der skizzierte erste Schritt ist nur dort möglich, wo theoretische Erkenntnisse vor der "Marktreife" stehen.

Engagement ist wieder sehr gefragt

Fazit: Der Un(i)mut der Studenten entzündet sich nur vordergründig an der unzureichenden materiellen und personellen Ausstattung der Hochschulen. Die brennende Frage, die hinter dem Ruf nach interdisziplinären Vorlesungen und einer fachübergreifenden Ausrichtung des Lehrstoffes steht, ist die gesellschaftliche Verantwortung der Informatik. Die Umsetzung dieser Aufgabe verlangt eine Beteiligung aller Interessensgruppen. Die Wirtschaft muß umdenken und die Hochschulen nicht als "Ausbildungsservice" für den eigenen Nachwuchs begreifen, sondern als ebenbürtigen Partner, der an den langfristigen Problemen arbeitet, die auch auf die Unternehmen zukommen. Der Staat bleibt aufgefordert, die gesetzlichen Randbedingungen zu schaffen, um die weitere Entwicklung der Hochschulen zu ermöglichen. Die Studenten und die Lehrenden sind verpflichtet, die gegebenen und die zukünftigen Chancen zu nutzen. Ihr Engagement und ihre Initiative wird die Entwicklung der "Informations-"Gesellschaft prägen.

* Die Autoren sind Mitglieder der Studenteninitiative "The Entrepreneurial Group e.V." Fachschaft Informatik der Technischen Universität München.