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Der Gastkommentar


12.03.1993 - 

Die neuen Postleitzahlen, ein Schildbuergerstreich?

Das Medienspektakel war gross: Buergermeistern und Stadtverordneten wurden feierlich die neuen Postleitzahlen ueberreicht, die ab dem 1. Juli 1993 gelten sollen. Suendhaft teuere Werbespots informieren den Buerger derzeit ueber das neue "System", die Verantwortlichen in den Unternehmen planen die Aufbereitung ihrer Adressbestaende und entwerfen mit viel Eifer Konzepte fuer die Umstellung ihrer Werbetraeger: Visitenkarten, Formulare und Briefboegen.

Vom Privatbuerger bis zum Grossunternehmer, alle muessen dafuer Sorge tragen, dass Bekannte, Freunde, Kunden, Lieferanten, Glaeubiger und Zahlungssaeumige die neue Postleitzahl erfahren und ab dem 1. Juli verwenden - nur nicht frueher! Dass sich der Zeitpunkt nach hinten verschieben kann, ist aufgrund der technischen Schwierigkeiten, die der gelbe Riese bekanntlich selbst hat, kein Geheimnis mehr.

Wie zu lesen war, ist es sehr fraglich, ob die Bundespost in der Lage sein wird, Briefsendungen, die puenktlich mit der neuen fuenfstelligen Postleitzahl versehen sind, auch mit einem fuenfstelligen Strichcode zu bedrucken. Das aber ist noetig, damit die Briefe von den Lese- und Sortiermaschinen verarbeitet werden koennen. Es wird sogar darueber gemunkelt, dass die fuenfstelligen Zahlen postintern zunaechst in vierstellige umgewandelt werden muessen, weil die Post selbst erst ab 1994 alle technischen und softwaremaessigen Probleme geloest haben wird.

Zur Zeit sind sage und schreibe drei von der Post beauftragte Berater unterwegs (interessanterweise keine eigenen Mitarbeiter), um den Klienten bei der Adressumstellung mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Bleibt zu wuenschen, dass mittelstaendische Betriebe wie Grossunternehmen nicht auf deren Besuch warten, sondern rechtzeitig mit eigenem Know-how und genuegend Manpower vernuenftige Loesungen erarbeiten.

Wenn man bedenkt, fuer wieviele Unternehmen die Adresse d a s Kapital schlechthin darstellt, dann ist fraglich, ob mit der zur Zeit laufenden Informations- und Werbekampagne in geeigneter Form auf die wirkliche Problematik hingewiesen wird. Der Tip, dass die Deutsche Postreklame (eine 100prozentige Tochter der Bundespost) gegen ein angemessenes Taschengeld gerne bei der Umstellung behilflich sei, ist ja gut gemeint - die reine Umstellung der vierstelligen auf die fuenfstellige Postleitzahl ist jedoch nur eine, wenn auch nicht zu unterschaetzende Komponente der Gesamtproblematik.

Im Vordergrund steht vielmehr die ganzheitliche Loesung. Wer kann schon auf Anhieb ueberschauen, wieviele Anwendungssysteme, Programme, Moduln, Dateien, Formulare etc. von der PLZ-Bereinigung und der Erweiterung des Datenfeldes um eine laecherliche Stelle betroffen sind? Hier wird es noch boese Ueberraschungen geben.

Den enormen Aufwand wuerde man ja moeglicherweise noch akzeptieren, wenn ersichtlich waere, wie durchdacht und geeignet das neue PLZ- Konzept ist. Das System an der Anzahl der Brieftraeger je Zone und der Postfachschrank-Nummern zu orientieren, erscheint aber nur maessig innovativ, flexibel und langlebig. Immerhin geht man davon aus, dass die neuen Postleitzahlen 30 bis 40 Jahre gueltig sein werden.

Leider wird der angestrebte logistische Nutzen nur selten als Argument angefuehrt. Dagegen beruft sich die Post auf das oeffentlichkeitswirksamere Thema Wiedervereinigung. Sie sei der zwingende Grund fuer die Einfuehrung des neuen Systems. Dabei war bereits im alten System fuer den Fall einer Wiedervereinigung vorgesorgt worden, indem man ausreichend Spielraum liess, um alle deutschen Orte mit eindeutigen Postleitzahlen zu versehen. Nicht belegt sind bis heute die Zahlen von 0001 bis 0999, von 1001 bis 1999 und von 9000 bis 9999.

Auf regionale Einzelwuensche jedoch "konnte man in nur 24 Monaten nicht eingehen", auch wenn dadurch ohne Aufwand eine tatsaechliche Rationalisierung und Optimierung moeglich geworden waere. Dabei wissen doch gerade die regionalen Vertreter vor Ort am besten, wo die Probleme liegen und wie sie sich verbessern lassen. Ganz aktuell fordern nun einige Politiker, den wirtschaftlichen Nutzen, den die Bundespost durch die Rationalisierungsmassnahmen glaubt, erzielen zu koennen, ueber Gebuehrensenkungen an die Verbraucher weiterzugeben.

Da wird man wohl lange warten muessen, wurden doch erst juengst drastische Gebuehrenerhoehungen beschlossen. Das geschah sicher nicht zuletzt, um die enormen Kosten fuer die Umstellung ("Konzeption", PR-Massnahmen, Umruestung des Maschinenparks, Schulung der Brieftraeger etc.) zu decken. Ganz nebenbei ein paar Zahlen, von denen die Post meint, dass sie sowieso niemanden interessieren: Rund 100 Millionen Mark werden allein fuer die Werbekampagne veranschlagt. Gut 120 Millionen Mark soll der Druck des neuen Postleitzahlenbuches kosten. Ausserdem, und das ist neu, spricht die Post von "internen Kosten" in Hoehe von 195 Millionen Mark.

Vielleicht erhofft man sich vom geplanten Wegfall der Massendrucksachen - fuer die sich die Post ja ebenfalls eine neue

Regel haette ausdenken muessen - einen finanziellen Erfolg, vielleicht sollen so die vorhandenen und kommenden Loecher gestopft werden. Fuer Aussendungen, die bisher den Bestimmungen des billigsten Massendrucksachen-Tarifes genuegten, waren bis dato im guenstigsten Falle 33 Pfennig zu berappen. In Zukunft duerfte sich dieser Betrag mehr als verdoppeln. Es wird wohl nicht lange dauern, bis private Anbieter diesen "Markt" erobern.

Wir muessen uns mit dem Vorgehen der Bundespost wohl oder uebel abfinden - und schnellstens darauf einstellen. In einem ersten Schritt ist es dringend erforderlich, vorhandene Adressbestaende innerhalb des alten Systems auf postalische Richtigkeit zu ueberpruefen: Laenderkennzeichen (W oder O), Postleitzahl, Ortsname, Zustellpostamt, Postfachnummern sowie in gut 200 Orten auch die Strassennamen und Hausnummern. Wo moeglich, sind die Korrekturen maschinell, wo noetig manuell durchzufuehren.

Die manuelle Aufbereitung der "Restbestaende" muss moeglichst online kontiniuierlich durchgefuehrt werden. Es reicht eben nicht aus, die vorhandenen Adressen einmal durch ein Programm zu schicken und dann zum Stichtag umzustellen. Gerade bei grossen Bestaenden ist eine komplette Umstellung in der Nacht zum 1. Juli 1993 (Achtung, kein Wochendende!) nur dann realistisch, wenn alle Anschriften postalisch korrekt sind. Bis dahin kann nur das gelten, was die Post - in weiser Voraussicht - selbst empfiehlt: Vorhandene Datenbestaende sind bis zum Stichtag unbedingt in der alten Form weiterzupflegen.

Entscheidend ist, dass sich Unternehmen mit dem Thema jetzt beschaeftigen. Sie sollten sich schnellstens einen Eindruck von der vorhandenen Adressqualitaet verschaffen und sich mit Hilfe von Testergebnissen eine systematische Vorgehensweise erarbeiten. (Siehe auch Seite 24)