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Umbruch im Osten - auch im Bereich "Computer"


25.10.1991 - 

Die Öffnung könnte zu einem Jahrhundertgeschäft führen

Nichts für schwache Nerven

Das Marktpotential für Computersysteme in Osteuropa ist immens: Die Nachrichtenagentur Novosti beziffert allein den PC-Bedarf der Sowjetunion in den nächsten zehn Jahren auf 30 Millionen Stück.

Nach einer Schätzung des Marktforschungsunternehmens Frost & Sullivan könnten die Verkäufe von DV-Systemen an die früheren RGW-Länder 1993 ein Volumen von 5,9 Milliarden Dollar erreichen.

So ist es auch nicht verwunderlich, daß schon verschiedene westliche Anbieter im Osten Fuß gefaßt haben (siehe Kasten "Westliche Computerfirmen im Osten"). Bis sich ihre Investitionen auszahlen, wird es allerdings noch eine ganze Weile dauern.

"Dieser Markt ist nichts für schwache Nerven", warnt Frost & Sullivan in seinem Bericht, "wer auf kurzfristige Gewinne spekuliert, wird große Enttäuschungen erleben." Zudem, sichern sich die Marktforscher ab, sei die Prognose von 5,9 Milliarden Dollar äußerst optimistisch - es könnten auch nur 3,8 sein.

Aufwärts gehen wird es auf jeden Fall: 1990 wurden in Osteuropa mit DV-Produkten aus dem Westen nämlich erst 1,68 Milliarden Dollar umgesetzt.

Nach der politischen Wende im Osten werden auch in der Computerbranche die Karten neu gemischt. Die ehemalige DDR gehört jetzt mit einemmal zum High-Tech-Westen, und das Technologie-Embargo gegen die übrigen Länder wurde gelockert. Die Nachfrage nach Westcomputern ist dort riesengroß, doch das Geschäft scheitert häufig am Devisenmangel. Schade, denn der Osten hätte auch etwas anzubieten: Software.

Den Novemberabend vor fast zwei Jahren wird Eugen Hahn bestimmt nicht mehr vergessen. Es war aber auch kein gewöhnlicher Abend, an dem der IBM-Chef für Zentral- und Osteuropa mit dem ranghöchsten Mann des DDR-Vorzeigebetriebs Robotron in einer Dresdner Bierkneipe saß - es war der Abend, an dem die Mauer fiel.

Eigentlich waren die beiden Herren zusammengekommen, um über eine mögliche Zusammenarbeit ihrer Firmen zu diskutieren. Aber ihre Aufmerksamkeit, wie auch die der anderen Gäste, wurde immer mehr vom Geschehen in Bann gezogen, das der Fernsehapparat direkt aus Berlin übertrug. Plötzlich hielt es Hahn nicht mehr aus - er rannte zum Telefon und verlangte ein Ferngespräch nach Stuttgart. Als er endlich durchkam und er Hans-Olaf Henkel, den Chef von IBM Deutschland, an der Strippe hatte, sagte Hahn nur: "Hör mal, von heute an gehört die DDR dir allein!"

Henkel ließ sich das nicht zweimal sagen - er trat sofort in Aktion. Wenn am Wochenende all die Neugierigen von drüben kommen, schoß es ihm durch den Kopf, muß doch unser Demo-Center offen sein! Ein Anruf an den Berliner Kollegen, und die Sache war gelaufen.

Dann besorgte sich der IBM-Mann zwei Flugtickets, um zusammen mit seiner Frau die Besucher persönlich begrüßen zu können.

"Die Menschen kamen in hellen Scharen", erinnert sich Henkel.

An den Geräten allein - normalen IBM PS/2 - konnte es nicht liegen. Der Hauptgrund für die Attraktion lag darin, daß Computer aus dem Westen in Ostdeutschland auch 1989 noch einen ähnlichen Seltenheitswert besaßen wie Luxuskarossen vom Typ eines Ferrari Testarossa.

Ein "Hands-on" auf einem real existierenden 386er PC war für einen technikinteressierten DDR-Bürger ebenso spannend wie eine Probefahrt mit dem italienischen Sportwagen.

Besucher aus anderen Ostblockländern hätten das sicher genauso empfunden. Denn wer dort vor der Wende überhaupt mit Personal Computern - und erst recht mit solchen westlicher Herkunft - in Berührung kam, gehörte bereits zu den Privilegierten.

Eine Studie, die das Marktforschungsinstitut Dataquest Mitte 1989 veröffentlichte, nennt Zahlen: Während damals beinahe jeder achte Amerikaner mit einem Personal Computer arbeitete, hatten nur 0,01 Prozent der Sowjetbürger eigene PC-Erfahrungen.

Auch heute sieht es in der UdSSR trotz der Hoffnung auf eine beschleunigte Marktöffnung nach dem gescheiterten Putsch - nicht viel anders aus, und das, obwohl die Russen selbst Computer herstellen. Leider gibt es viel zu wenig, und die Qualität ist schlecht. Man hat die rasante Entwicklung auf diesem Gebiet einfach verschlafen. Mikro-Chips beispielsweise sind in der UdSSR auf dem Stand der vorletzten Generation ebenso wie die ganze Infrastruktur, die zum Bau moderner Computer benötigt wird. Die vereinzelten staatlichen Fabriken, die sich damit befassen, haben keine Konkurrenz, die das Geschäft beleben könnte.

Konkurrenzlos sind auch die meisten übrigen Firmen und Dienstleistungsbetriebe. Sie haben in der Regel wenig Interesse, ihre Produktivität zu steigern oder die Qualität der Dienstleistungen zu verbessern. Entsprechend gering ist auch die Nachfrage nach dem Werkzeug Computer.

Lange Zeit fehlten den sowjetischen Computerherstellern sogar die neuesten wissenschaftlichen Grundlagen: Aus ideologischen Gründen waren die Prioritäten an den Hochschulen anders gesetzt und Kontakte mit dem westlichen Ausland auf ein absolutes Minimum beschränkt worden.

Der vor zwei Jahren gefaßte Beschluß des Obersten Sowjets, die UdSSR zu einer "Informationsgesellschaft" zu machen und im Rahmen des folgenden Fünfjahresplans 17 Milliarden Rubel in die kränkelnde staatliche Computerindustrie zu stecken, kam reichlich spät.

Eugene Velikhov, Vizepräsident der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften, nimmt kein Blatt vor den Mund: "Wir produzieren zum größten Teil technisch überholte Geräte", erklärt er ganz nüchtern in der CW-Schwesterpublikation PC World USSR. "Andererseits sind wir durchaus fähig, qualitativ hochwertige Einzelstücke oder Kleinserien zu bauen - vor allem auf dem Gebiet der PCs."

Westliche Experten schätzen, daß die Sowjetunion von den halbwegs IBM-kompatiblen PC der Kleinserie ES jährlich 10 000 Stück produziert. Von "hoher Qualität" kann man leider nicht sprechen: Kenner behaupten, die Rechner seien so unzuverlässig, daß man am besten gleich zwei kaufe, damit wenigstens einer immer betriebsbereit sei.

West-Herstellern winkt ein Jahrhundertgeschäft

Für westliche Hersteller wäre es wohl kein Problem, den riesigen Nachholbedarf des 290-Millionen-Volkes (siehe Kasten "Nichts für schwache Nerven") zu decken. Vor allem bei der gegenwärtigen - Business-Flaute in den hochindustrialisierten Ländern würden sie dieses Geschäft gerne mitnehmen. Eine wichtige Voraussetzung ist inzwischen erfüllt: Das Technologie-Embargo, das die Nato-Mitglieder 1980 über die damaligen Ostblockstaaten verhängt hatten, ist gelockert worden.

Und trotzdem kommt das Jahrhundertgeschäft (vorläufig) nicht zustande. Der Grund: Die westlichen Hersteller liefern nur gegen Devisen oder gegen Rohstoffe, und die sind bei den potentiellen Ostkunden knapp. In der Sowjetunion amtierte nämlich bis Mitte 1989 die staatliche Außenhandelsbank als alleinige Gralshüterin der harten Währungen.

Heute dürfen russische Firmen zumindest einen Teil der Devisen, die sie selbst im Ausland erwirtschaften, auch wieder für Importe ausgeben. Nur handelt es sich meist um so kleine Beträge, daß sie damit nicht viel anfangen können. Fazit: Wer was wann zu welchem Preis kauft, beschließen immer noch die staatlichen Ministerien.

Sowjetische Anwender machen inzwischen aus der Not eine Tugend und kupfern im großen Stil westliche Software ab: Für die teuren Lizenzen fehlt ihnen - ganz im Gegensatz zu vielen hiesigen Raubkopierern! - schlicht und einfach das Geld.

"Genauso gut wie die besten bei uns"

Dabei wäre "Software" ausgerechnet der Sektor, auf dem sowjetische Computerspezialisten ihren westlichen Kollegen noch etwas vormachen könnten. Und das kommt nicht von ungefähr: Die knappen Rechnerressourcen zwingen zu mehr Denkarbeit, was sich oft in besserer Software niederschlägt.

Inzwischen haben nach einem Bericht von "Computerworld" auch einige US-Hersteller das Potential der sowjetischen Programmierer entdeckt. "Die sind ja genauso gut wie die besten von uns", staunte der Chef eines US-Softwarehauses, als er vor einem Jahr das "PC World Forum" in Moskau besuchte.

Beim US-Hersteller Ashton-Tate war man offenbar gleicher Meinung und ließ eine Erweiterung zum eigenen Produkt "Framework" in der UdSSR programmieren - mit überzeugendem Ergebnis.

Sowjetische Computerspezialisten können aber weit mehr als bloß populäre westliche Softwarepakete ergänzen. Sie sind auch stark bei Eigenentwicklungen - vor allem auf den Gebieten Expertensysteme, Künstliche Intelligenz oder bei der maschinellen Sprach- und Schrifterkennung.

Erfindungsgeist und Kreativität schreiben Szenenkenner auch vielen Software-Entwicklern aus Ungarn und der ehemaligen DDR zu. Einige ihrer Produkte sind auch im Westen anerkannt (siehe Kasten "Highlights östlicher Computertechnik").

Scott Klososky, Chef eines amerikanisch-sowjetischen Joint Ventures: "Sowjetische Top-Programmierer", schwärmt er in "Computerworld", "kosten weniger als 2000 Dollar im Monat; US-Starprogrammierer sind vier- bis fünfmal so teuer."

Auch für die Softwarespezialisten im Osten geht die Rechnung auf: Sie verdienen mit solchen Aufträgen ein Mehrfaches dessen, was sie auf dem Heimmarkt erzielen würden. Aus ähnlichen Gründen spielen indische und irische Software-Entwickler eine wichtige Rolle.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit könnte überhaupt eine Chance für die gesamte Branche sein: Wenn Hardwarehersteller im Westen bereit wären, einen Teil ihrer Produkte - zum Beispiel jenen, auf dem sie jetzt wegen der Rezession sitzenbleiben - gegen Software aus dem Osten zu tauschen, wäre wohl allen gedient.

Westliche Computerfirmen im Osten

IBM hat neben dem Regionalbüro für Ost- und Zentraleuropa Wien (155 Mitarbeiter) ein Büro für Handelsentwicklung mit dem Osten (ebenfalls in Wien, 30 Mitarbeiter), Niederlassungen in Ungarn (seit 1936; heute 110 Mitarbeiter), in der CSFR (nach 1932-1965 zum zweitenmal seit 1990; heute 70 Mitarbeiter) und in der UdSSR (seit 1974; heute 20 Mitarbeiter) sowie lokale Verkaufsorganisationen in Polen (seit 1989; heute 75 Mitarbeiter) und Bulgarien (20 Mitarbeiter).

Für die neuen Bundesländer ist seit der Wende die neugegründete Tochtergesellschaft in Dresden zuständig.

Digital Equipment hat eine Tochtergesellschaft in Ungarn (seit 1990; heute 80 Mitarbeiter), Büros in der CSFR (seit März 1991, 30 Mitarbeiter) und in Polen (seit Juli 1991, 10 Mitarbeiter) sowie seit kurzem eine Repräsentanz in der Sowjetunion. Die Ex-DDR wird von Berlin und einem Büro in Dresden (30 Mitarbeiter) betreut.

Hewlett-Packard hat Niederlassungen in Polen (seit März 1991; 50 Mitarbeiter) und in der CSFR (seit Mai 1991, 50 Mitarbeiter), Verkaufsbüros in Moskau (seit 1973; heute 32 Mitarbeiter), Bulgarien und Rumänien. Seit Mai dieses Jahres läuft auch ein Joint-venture mit Controll, einer Privatfirma in Budapest (30 Mitarbeiter).

Unisys ist ebenfalls in den ehemaligen Ostblockstaaten tätig - mit zwei Joint-ventures und zwei Handelsvertretungen. Wichtige Ostkunden von Unisys sind die Fluggesellschaften Aeroflot, Lot (Polen) sowie die Staatsbanken von Bulgarien und der CSFR.

Ostgeschäfte westlicher Hersteller

Zwei Beispiele zeigen, wie Ostgeschäfte aussehen können: Bereits Mitte 1989 hat der deutsche Elektronikriese Siemens mit dem sowjetischen Schulministerium einen Vertrag über die Lieferung von 300 000 Personal Computern im Wert von 1,5 Milliarden Dollar unterzeichnet. Das große Ostgeschäft (Lieferung und Bezahlung in Devisen) hätte eigentlich innerhalb von drei Jahren abgewickelt werden sollen. Jetzt aber läuft der Vertrag über sechs Jahre, und die Bezahlung erfolgt in erster Linie über Kompensationsgeschäfte.

Ebenfalls mit der UdSSR im Geschäft ist IBM. Der Blaue Riese hat im September 1990 mit der Lieferung von PS/2-Systemen an sowjetische Sekundarschulen begonnen. Innerhalb von zwei Jahren sollen insgesamt 13 000 Systeme installiert sein.

Wenn dieses Projekt glatt über die Bühne geht, wird IBM weitere Lieferungen ins Auge fassen. "Das könnten jährlich 100 000 Systeme sein", meint Horst Breitenstein, Chef des IBM Trade Development in Moskau.

Dafür müßte Big Blue dann wohl eine Fabrik in der Sowjetunion aufstellen. Entsprechende Vereinbarungen sind bereits im Gange.

Highlights östlicher Computertechnik

Die Computerbranche in den ehemaligen Ostblockländern fristete jahrelang ein karges Dasein auf steinigem Boden. Doch selbst diese Einöde brachte einige Perlen zu Tage. Hier ein paar ausgewählte Beispiele:

- CalliGraph, ein Programm der kleinen Moskauer Softwarefirma ParaGraph, kann Handschriften lesen. Und zwar nicht nur Blockschrift wie westliche Konkurrenzprodukte, sondern auch "Schnürchenschrift"! Jane Morrill Tazelaar, Redakteurin beim amerikanischen Computermagazin "Byte", hat das Produkt in Moskau gesehen, getestet und war hell begeistert.

- Tetris, eines der meistverkauften Video- und Computerspiele der letzten Jahre (weltweit über 2,5 Millionen Kopien), wurde 1985 von Alexey Pashitnow geschaffen einem wissenschaftlichen Assistenten bei der sowjetischen Akademie der Wissenschaften.

- Recognita Plus, ein Programm, das maschinengeschriebene Texte erkennt. Hersteller ist die Ende 1989 gegründete SZKI Recognita AG, eine Budapester Softwarefirma mit 30 Mitarbeitern. Das Unternehmen hat das Produkt innerhalb eines Jahres weltweit über 4000mal verkauft und gehört damit zu den führenden Anbietern auf diesem Sektor.

- Müszertechnika, die größte ungarische PC-Fabrik, bringt Personal Computer modernster Technik auf den (vorwiegend einheimischen) Markt, und zwar gleichzeitig wie westliche Hersteller. So gibt es zum Beispiel seit 1989 ein Modell mit dem Intel-Prozessor 80486. Im letzten Jahr hat Müszertechnika in Ungarn etwa 10 000 PC verkauft und damit einen Umsatz von 60 Millionen Dollar erzielt.

- Das (Ost-)Berliner Zentralinstitut für Kybernetik und Informationsprozesse hat in Zusammenarbeit mit dem Kombinat "7. Oktober" ein integriertes CAD/CAM-System entwickelt, das nach Expertenmeinung weltweit zu den besten gehört.

- Autent, ein Programmpaket für Berechnungen im Tragwerk- und Karosseriebau, kommt vom Dresdner Institut für Leichtbau.