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23.11.1990

Die OSF1-Politik der Großen bleibt unkonkret

Die Computerhersteller in der Open Software Foundation (OSF) haben es nicht versäumt, zur Freigabe von OSF/1 Stellung zu nehmen. Wurden von Unternehmen wie Siemens Nixdorf, IBM, DEC, Hewlett-Packard und Bull auch erste Portierungen demonstriert - mit konkreten Terminen für die Freigabe von OSF/1-basierten Produkten halten sich die Anbieter noch zurück.

Waffenstillstand in Sicht

" Während auf der Betriebssystemebene noch die Grabenkämpfe zwischen OSF und Unix International toben, entwickeln sich auf der nächsthöheren Ebene ein Schnittstellenstandard, der die Betriebssystem-Grabenkämpfe doch recht unerheblich macht." Dieser Satz auf Seile 48 aus dem Schwerpunkt-Beitrag von Guenter Krauss könnte Unix-Fans und vor allem potentielle Unix-Konvertiten beruhigen, wenn es denn damit getan wäre, nur die Schnittstellen innerhalb von Unix, wie zum Beispiel Posix, zu normieren. De facto hat sich über verschiedene Features und Management-Funktionen beim Marktführer ein proprietäres Unix etabliert, bekannt unter dem Kürzel AIX, so paradox dies klingt, Offene Schnittstellen innerhalb des Betriebssystems garantieren noch keine umfassende Systemverträglichkeit oder gar Portabilität. Unterschiedliche Randbedingungen der angebotenen vermeintlich offenen Systeme blockieren den vielbeschworenen Fortschritt. Noch.

Wie zäh sich der über die Runden quält, beleuchtet nebenstehender Artikel, der im einzelnen belegt, wie "the big players" sogar innerhalb der erfolgsverwöhnten OSF nicht zu einem effizienten Zusammenspiel finden können oder wollen.

Aber: "Die Anwender zwingen die DV-Industrie auf Unix-Kurs". Die so betitelte Chronologie des technischen Außenseiters Unix auf Seite 35 läßt hoffen. Ein paar Jahre noch, und die mehrgleisige Entwicklung dürfte in einen großen "mainstream" einmünden (siehe nebenstehende Grafik), so die übereinstimmende Meinung der Unix-Marktbeobachter. Die sagen nämlich zur Zeit: OSF/1 ist das "future system"

Unix International kann indes mit AT&T- Unix V. 4 auf Erfolge bei mehr als 300 Anbieter- Unternehmen verweisen; die OSF-Mitglieder Siemens Nixdorf und Philips sind auch dabei, wohl wissend, daß sie damit auf die wegweisende Zwischenlösung setzen (Seite 32). Unklar bleibt zum Beispiel das Konzept der Siemens Nixdorf Informationssysteme AG (SNI): Das Unternehmen hat nämlich erst vor einigen Monaten beschlossen, seine neuen Intel-Rechner der MX-Reihe auf noch unbestimmte Zeit mit dem System-V.4-Kernel von AT&T auszuliefern. Natürlich beabsichtigt der deutsche Konzern, der aus zwei Gründungsmitgliedern der Open Software Foundation besteht, OSF/1 in die SNI-Produktlinie einzubauen, doch weder ein konkreter Zeitpunkt noch die betroffenen Systeme sind derzeit zu erfahren.

Obwohl Siemens im letzten, Jahr mit der Auslieferung von Sinix-Systemen schwarze Zahlen geschrieben hat, scheint der deutsche Großkonzern die Zeichen der Zeit zu ignorieren: In erster Linie plant SNI, mit dem proprietären Großrechner-Betriebssystem BS2000 Geschäfte zu machen. Das Mainframe-System soll künftig vom Abteilungsrechner bis zu den Highend-Plattformen zum Einsatz kommen. So wenig eindeutig wie Siemens Nixdorf äußert sich auch Marktführer IBM zum Thema OSF/1. Das Betriebssystem soll in die AIX-Produktpalette integriert werden und sowohl auf den RISC-Workstations RS/6000 als auch auf den PS/2-Rechnern und sogar auf den 1370-Großrechnern laufen - das zumindest verspricht IBM-President Jack Kuehler.

Daß die IBM auch aus einem OSF/1-basierten AIX ein proprietäres System machen wird, ist indes in der Branche ein offenes Geheimnis: Ähnlich wie in AIX, Version 3, so die Spekulationen, wird IBM auch für ein OSF/1-basiertes AIX eine Reihe von Sonder-Features bieten, die für den Kunden zunächst einmal interessant sind, die ihn aber in einer ähnlichen Weise vom Marktführer abhängig machen dürften, wie er es im Bereich der proprietären Systeme bereits gewöhnt ist.

Wie der deutsche SNI-Konzern läßt sich auch Marktführer IBM nicht auf Termine festlegen. Sicher ist lediglich, daß eine AIX-Version auf der Basis von OSF/1 entgegen den Erwartungen vieler Anwender nicht zuerst auf der RISC-Rechnerpalette RS/6000, IBMs dezidiertem Unix-Rechner, sondern zunächst auf dein Personal Computer PS/2 und anschließend auf /370-Mainframes herauskommt.

AIX-Marketing-Leiter Klaus Neumann begründet diese ungewöhnliche Politik damit, daß in OSF/1 viele Features aus AIX, Version 3, eingegangen seien. Das IBM-Unix entspreche schon jetzt den X/Open- und Posix-Standards und verfüge über ein Programm-Management, das vergleichbaren Systemen von Mitbewerbern überlegen sei. Mehrprozessor-Fähigkeit sei natürlich wichtig, aber hier habe die IBM in den nächsten Jahren noch einigen Spielraum.

Konkreter als bei Siemens Nixdorf und IBM sind die OSF/1-Pläne von DEC. Eine sogenannte "Binärversion" des Betriebssystems OSF/1 will Digital Equipment zum ersten Quartal 1991 herausgeben. Damit werden Anwender der RISC-Workstation-Familie Decstation wohl die ersten sein, die mit einem OSF/1 -Entwicklungssystem arbeiten können. Die kommende Ultrix-Version 5.0 soll dann frühestens im nächsten Jahr auf OSF/1 basieren und ebenfalls auf der RISC-Architektur von DEC einsetzbar sein.

OSF/1 auf VAX-Rechnern ist eher unwahrscheinlich

Da DEC aber gerade erst mit der Auslieferung des neuen Ultrix-Releases 4.1 beginnt, muß der Anwender wohl auch hier mit einer längeren Wartezeit rechnen. Ob OSF/1 auch auf VAX-Rechnern, die bisher mit dem proprietären Betriebssystem VMS arbeiten, laufen wird, steht nach Angaben von Pressesprecherin Theresia Wermelskirchen noch in Frage, ist aber eher unwahrscheinlich.

Auch Hewlett-Packard bezeichnete OSF/1 auf der New Yorker Unix-Expo "als strategisches Betriebssystem der Zukunft". Voraussichtlich Anfang 1991 will das Unternehmen eine nette Reihe von RISC-Workstations mit der unternehmenseigenen PA-RISC-Technologie ankündigen, die dann in der zweiten Jahreshälfte mit einer OSF/1-Implementation ausgeliefert werden sollen.

System V nicht sofort fallen lassen

Außerdem wird OSF/1 im übernächsten Jahr auf HP9000-Workstations der Serie 400 sowie - entgegen ursprünglichen Absichten - auf den Apollo-Workstations 3500 und 4500 zur Verfügung stelle. Anwender der Workstation 9000e Serie 800, haben Pech gehabt: Weil Hewlett-Packard plant, diese Workstations durch die neuen RISC-Systeme zu ersetzen, wild für die Systeme dieser Reihe kein OSF/1 ausgeliefert.

Sowohl auf Intel- als auch auf Motorola-Basis hat die französische Groupe Bull eine OSF/1-Implementation auf ihren Mehrbenutzer-Systemen DPX 2100 und 2200 demonstriert. Eine Multiprozessor-fähige Version soll schon in Kürze auf dem Modell 2300 vorgestellt werden. Erste Auslieferungen eines OSF/1-basierten Betriebssystems plant Bull nach Angaben von Konrad Sommer, dein Leiter des Unix Competence Centers, für die zweite Jahreshälfte 1991.

Sommer bringt zum Ausdruck, was zur Zeit die meisten der genannten Anbieter beschäftigt: "Wir können natürlich nicht sofort unsere Unix-System-V-Implementierung fallen lassen. Beide Systemumgebungen werden mit Sicherheit einige Zeit parallel laufen." Die gegenwärtige Herausforderung liege darin, eine Binärkompatibilität zwischen der derzeitigen Unix-Umgebung und dem künftigen Unix-Konzept mit OSF/1 zu schaffen.

Einer Reihe von Herstellern ist das Risiko, sich auf eine der beiden dominierenden Unix-Varianten festzulegen, zu groß. Sie entscheiden sich dazu, aus einer gesicherten Position heraus den Markt zu beobachten und die Entscheidung dem allgemeinen Trend anzupassen. So gehören nicht nur Siemens Nixdorf, sondern auch der krisengeplagte holländische Philips-Konzern sowie NCR zu den Unternehmen, die, obwohl sie OSF-Mitglieder sind, Unix System V.4 unterstützen.

Man will sich beide Wege offen lassen

"NCRs Commitment zu Unix System V.4 als unserem Flaggschiff-Betriebssystem ist eine Schlüsselkomponente in unserem kürzlich angekündigten System-3000-Konzept", beteuert NCR-Vice-President Van Aggelakos auf einer Veranstaltung der OSF-Konkurrenzorganisation Unix International. Aber auch die OSF bringe interessante Produkte und man wolle sich beide Wege offenhalten.

Die Verfügbarkeit von Anwendungen ist bei der Unix-Entscheidung offensichtlich nicht das wesentliche Argument: Programme, die für das AT&T-Unix System V.4 entwickelt wurden, lassen sich nach Einschätzung von Bull-Mitarbeiter Sommer ohne allzu große Probleme auf OSF/1 portieren. Aufgrund der Systemumgebung sei eine Kompatibilität ohnehin weitgehend gewährleistet. Bereits gegenwärtig gebe es ein Commitment, daß eine Reihe von Anwendungen, die unter SCO-Unix laufen, auch unter OSF/1 verfügbar gemacht werden soll.