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29.06.1979

"Die Programmierkapazität ist immer zu gering"

Mit Maximilian Wieland, EDV-Leiter bei der Bayerischen Beamtenversicherung AG (München), sprach Dieter Eckbauer

- Die Frage "Make or buy?" impliziert, daß es überhaupt ein den Vorstellungen der Anwender adäquates Angebot von vorgefertigter Software gibt. Wie sind denn Ihre Erfahrungen?

Man kann diese Frage nicht eindeutig beantworten, denn für verschiedene Dinge gibt es ein Angebot - vielleicht sogar ein sehr großes -, für andere Dinge wieder gibt es überhaupt nichts. Die Schwierigkeit besteht darin, aus vorhandenen Angeboten das herauszufinden, was man braucht. Das Problem liegt darin, daß es mit der Lektüre von Beschreibungen und solchen Dingen meist nicht getan ist, man muß sich in diese Software-Angebote hineindenken, echt hineinarbeiten. Und dieses Hineinarbeiten beschränkt sich nicht nur darauf, daß man sich tagelang darüber unterhält, daß man Seminare über diese Softwarepakete besucht, daß man vielleicht sogar Probeinstallationen macht - selbst bei Probeinstallationen kann die Qualität nicht offenbar werden -, sondern man muß wirklich in der Praxis damit arbeiten. Dann ist es allerdings meistens schon zu spät. Das ist die Schwierigkeit.

- Heißt das: Der Aufwand, um Software-Evaluation zu betreiben, ist zu hoch, so daß sich der Einsatz von Fremdsoftware von vornherein verbietet?

Im Gegenteil, ich bin ein Befürworter der Standardsoftware. Nur: Wenn man die Angebotspalette untersucht, muß man wissen, daß diese Arbeit auf einen zukommt. Wenn jemand glaubt, er kann sich nur mit einer oberflächlichen Untersuchung zufriedengeben, um das Richtige herauszufinden, dann erleidet er meistens Schiffbruch. Da müßte er schon unerhörtes Glück haben.

- Nun wird oft gesagt, der Einsatz von vorgefertigter Software sei deshalb nicht möglich, weil jedes Unternehmen seine spezifischen Eigenheiten habe. Ist dies nicht ein Scheinargument, das von der Tatsache ablenken soll, daß EDV-Leuten jede Form der Standardisierung als Zwangsjacke erscheint?

Das kommt auf das Problem an. Wenn ich zum Beispiel ein Bibliotheksverwaltungssystem suche, dann kann ich mir nicht vorstellen, daß das Problem bei jedem Anwender verschieden ist. Denn hier will jeder Anwender seine Quellprogramm-Bibliotheken möglichst komfortabel verwalten und nichts anderes. Wenn hier jemand behaupten würde, die angebotene Software paßt nicht für uns, dann glaube ich ihm das ganz einfach nicht. Wenn es aber um ein spezifisches Problem geht, das so vielleicht woanders in der Branche gar nicht auftritt, dann kann der Kollege sagen, ich finde so was mit Sicherheit nicht. Aber wenigstens muß er erst mal suchen, ob es das nicht doch gibt.

- Klammern wir jetzt einmal den Bereich der systemnahen Software aus und betrachten nur die Anwendungssoftware: Hier würde sich doch der Einsatz von Konfektions-Software in Aufgabenbereichen anbieten, die weitgehend standardisierbar sind. Wie erklären Sie sich, daß es dennoch beinahe ebenso viele Buchhaltungs- und Lohn- und Gehaltsprogramme wie Unternehmen gibt?

Weil man häufig diesen Aufwand, von dem ich vorhin sprach, scheut.

- Zu prüfen, ob ein System tauglich ist?

Ich habe die Erfahrung gemacht - im umgekehrten Fall, wo wir nicht etwas gesucht haben, sondern wo wir etwas anzubieten hatten -, daß es sehr schwer ist, einen ernsthaften Interessenten zu finden. Sie finden zwar viele Anwender, die sich oberflächlich interessieren, aber Sie finden kaum einen Interessenten, der bereit ist, sich in das Softwarepaket echt einzuarbeiten, zusammen mit dem Anbieter.

Evaluations-Experte Wieland: Normalerweise nicht widerlegbar.

- Wird das zugegeben oder ist das eine Vermutung von Ihnen?

Das ist eine Beobachtung von mir.

- Wie wird denn so eine Absage formuliert?

Gar nicht, man interessiert sich und sagt: "Wir melden uns wieder, wir werden das mal prüfen, was wir jetzt gehört haben", und dann ist Sendepause. So spielt sich das ab, und ich glaube, das werden Ihnen viele Softwarehäuser bestätigen. Die haben allerdings eine entsprechende Vertriebsstelle und fassen dann immer wieder nach und können den einen oder anderen Anwender schließlich doch gewinnen. Aber im allgemeinen haben die Leute einen Horror davor, sich wirklich intensiv damit zu beschäftigen. Ich muß dazu noch sagen, daß es sich dabei um eine recht schwierige Aufgabe handelt. Man muß sich ja in ein fremdes System hineindenken. Dazu sind nur hochqualifizierte, erfahrene Mitarbeiter geeignet, die nur sehr eingeschränkt zur Verfügung stehen.

- Nun ließen sich für Fremdsoftware auf der Kostenseite einige Vorteile anführen. Wie Sie es jetzt geschildert haben, sieht es so aus, als ob über den Kauf von Software die EDV ganz alleine entscheidet und sich nicht dreinreden läßt. Ist das eigentlich der richtige Weg?

Ja, das ist eine knifflige Frage . . . Ich meine, es können andere Stellen, Fachbereiche oder auch die Geschäftsführung, vielleicht sogar die Kostenrevision, die können natürlich einen Anstoß geben oder können verlangen: "Prüft doch erst mal, was hier am Markt ist." Aber wenn der EDV-Bereich nichts Geeignetes findet, dann hat er entsprechende Gegenargumente dafür, die normalerweise nicht widerlegbar sind.

- So lange eigene Programmierkapazitäten vorhanden waren, konnte sich die EDV diese Haltung leisten. Doch jetzt hat sich die Situation geändert: Zwingt nicht die fehlende Programmierkapazität zum Kauf von Software, um bestimmte Anwendungen zu einem bestimmten Termin realisieren zu können?

Die Programmierkapazität ist - wenn man die Menge der anstehenden Aufgaben sieht - im allgemeinen wohl immer zu gering. Das wird wahrscheinlich bei jedem Anwender so sein. Das heißt, ich kann - was die eigene Entwicklung anbelangt - immer nur Schwerpunkte setzen. Will ich aber meine Anwendung schneller vorwärtstreiben als die Eigenentwicklung das vermag, dann bin ich gezwungen, fremde Software einzusetzen. Ich meine, es ist heute fast nicht mehr anders zu machen. Nur muß man eben wissen, daß man dann den geschilderten Aufwand treiben muß. Man kann hier nicht nach irgendwelchen Werbeprospekten oder Versprechungen gehen, sondern man muß sich die Software sehr genau anschauen.

- Nun scheitert der Einsatz von vorgefertigter Software oft an der Anpassungshürde, und zwar wird das meist unter Kostengesichtspunkten gesehen. Aber verändert nicht eine Anpassung auch den Charakter eines Programmes derartig, daß das Ergebnis nicht mehr befriedigt?

Die Anpassung soll den Charakter einer Standardsoftware nicht verändern, sondern nur Schnittstellen zum eigenen System schaffen. Wenn ich die Anpassung so weit treibe, daß ich die Standardsoftware verändere, dann habe ich irgend etwas falsch gemacht. Wahrscheinlich war dann die Auswahl falsch. Hätte ich diese nämlich sorgfältig genug vorgenommen, dann hätte sich herausgestellt: Die Software ist überhaupt nicht geeignet oder ich habe das ganze Paket unter falschen Gesichtspunkten betrachtet.

- Kommen wir zu den Kosten . . .

Den Anpassungsaufwand muß ich zu den Kosten der Standardsoftware natürlich noch hinzurechnen. Dazu muß ich ihn richtig abschätzen, und dazu gehört eben die genaue Untersuchung des Paketes, so daß ich weiß: Wie sieht denn die Software aus, die ich noch brauche, um die Anpassung zu ermöglichen. Die muß ich dann meistens selbst entwickeln. Oder ich lasse sie von dem

betreffenden Softwarehaus entwickeln, dann kommt es aber auch nicht billiger.

- Nun steckt man in einer Software nie drin, und ein Fehleinkauf kann böse Folgen haben . . .

Man muß sich eben einarbeiten. Das bleibt einem nicht erspart, das ist klar.

- Das setzt doch aber voraus, daß man selbst Software-, sprich Programmier-Erfahrung, hat.

Die Erfahrung muß ich auch haben, wenn ich Eigenentwicklung plane. Die Standardsoftware nimmt mir nicht ab, daß ich zunächst einmal eine Ist-Analyse mache, daß ich eine Ist-Kritik mache, daß ich ein Soll-Konzept entwickle, das muß ich ja vorher machen. Erst wenn ich weiß, was ich entwickeln will, kann ich fragen: Gibt es so was schon?

- Das Soll-Konzept dient quasi als Meßlatte?

Sicher. Wenn ich mit der Standardsoftware anfange, dann zäume ich das Pferd von hinten auf. Dann erfahre ich eigentlich gar nicht: Ist dieses Softwarepaket das, was ich will? Ich muß also ein komplettes Soll-Konzept haben. Anhand dieses Soll-Konzepts kann ich dann den Softwaremarkt untersuchen und kann fragen: Gibt es etwas, was meinem Soll-Konzept möglichst nahe kommt, was ich mit vertretbarem Aufwand so anpassen kann, daß die Lösung herauskommt, die ich will? Der Aufwand ist beträchtlich.

- Setzen Sie denn selbst fremde Software in Ihrem Haus ein?

Wir setzen schon einiges ein an fremder Software, sowohl in unserem Auftrag gefertigte Software als auch Standardsoftwarepakete. Was für uns brauchbar ist, das setzen wir auch ein. Und wir sind dabei, noch mehr einzusetzen. Ein Teil unserer Verfahrensentwicklungsarbeit besteht darin, solche Pakete zu untersuchen, die Schnittstellen genau zu prüfen, Testinstallationen durchzuführen und eventuell die Anpassungen vorzunehmen. Diese Arbeiten nehmen einen gewissen Prozentsatz der Verfahrensentwicklung in Anspruch.

- Und hier ist es dann immer eine Abwägung unter Kosten- und Nutzenaspekten . . .

Genau. Und wenn man eben nichts findet, was der Soll-Stellung, dem Soll-Konzept entspricht, dann soll man die Finger weglassen, denn dann tritt das ein, was Sie vorhin gesagt haben: daß die Modifikationen so schwerwiegend sind, daß ein neues Softwarepaket draus wird. Dann ist es besser, die Software gleich selbst zu entwickeln.