Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

27.05.1977 - 

Bildschirmterminals statt Schreibmaschine:

Die psychologische Barriere überwinden

MÜNCHEN - "Nur in Redaktionen, in denen der allerbeste Wille vorhanden ist, sollten Schreibmaschinen mit Bildschirmterminals vertauscht werden", rät - fast beschwörend - Ottmar Schmidt, Redaktionsleiter der Tageszeitung "Bayerische Rundschau", dem amtlichen Organ der Stadt Kulmbach.

In dieser Aussage gipfelt die Erfahrung, die Schmidt und seine 10 Redaktionskollegen mit dem Informations- und Textverarbeitungssystem "Omnitext" der ICS GmbH, Kulmbach gemacht haben, seit Verleger Horst Uhlemann am 25. April dieses Jahres den Startschuß für eine "bleifreie" Zeitung gab.

Seither erfolgt die Satzherstellung bei der "Bayerischen Rundschau" und dem "Coburger Tageblatt" ( beide Publikationen gehören dem Kulmbacher Verlagshaus E. C. Baumann KG an) automatisch, vom Rechner gesteuert. In der Kulmbacher Redaktion sind insgesamt acht Bildschirmterminals installiert. An ihnen geben die Redakteure - statt wie bisher in die Schreibmaschine - ihre vorher recherchierten Artikel ein - zusammen

mit einigen formalen Befehlen für die atzherstellung oder zum späteren Wiederauffinden des Artikels. Fehler - soweit entdeckt - werden gleich am Bildschirm korrigiert. Die eingegebenen Texte speichert das zentrale "Omnitext"-System und erteilt - nachdem die Korrektoren am Bildschirm die Artikel auf Fehler überprüft haben - den Fotosatzmaschinen entsprechende Befehle zur Ausgabe der Texte, die anschließend zu fertigen Seiten "umbrochen" werden.

Als herstellungstechnischen Nachteil wertet BR-Redaktions-Chef Ottmar Schmidt den Ablauf der Korrekturphase: "Der Korrektor hat jetzt nicht mehr die Möglichkeit, Satz und Manuskript miteinander zu vergleichen." Fehler, die Computer oder Fotosatzmaschine verursachen, bleiben dadurch unbemerkt.

Kopfzerbrechen bereitet Schmidt aber vor allem die psychologische Bariere, die es zu überwinden gilt. Die anstellung von der Schreibmaschine auf ein Terminal scheint - das hat auch das Stuttgarter Modell gezeigt - nicht ganz unproblematisch zu sein. "Diejenigen, die behaupten, es mache doch keinen Unterschied, ob man seinen Text auf einer Schreibmaschinenoder Bildschirmtastatur eingibt, liegen falsch - oder sind zumindest schlechte Psychologen, meint Schmidt. Denn tasächlich kommt es nicht auf die Gestaltung einer Tastatur an. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung dürfte jedoch sein, daß der Tageszeitungsredakteur, der ja in der Regel kein Techniker ist und - daher wie die meisten "Nichttechniker" - häufig ein gestörtes Verhältnis zur Elektronik im allgemeinen und zu Datenverarbeitung im speziellen hat, befürchtet, daß am Ende nicht mehr er selbst, sondern der Computer die Zeitung macht. Eine Befürchtung, die angesichts gewisser gesellschaftspolitischer Aspekte dieses Themas gar nicht so utopisch scheint. Beispiel: Zentrale Nachrichtenagenturen versorgen - per Datenfernübertragung - Redaktionen von Tageszeitungen, die mit EDV arbeiten, mit Standardmeldungen. Diese werden dann - nur flüchtig oder aus Zeitgründen vielleicht gar nicht kontrolliert (der Verleger wünscht eine möglichst rationelle Produktion) - in die Zeitung übernommen. Dies führte unter Umständen mehr oder weniger zu einer bundesdeutschen Einheitszeitung - mit einer politischen Tendenz, die der der Nachrichtenagenturen entspräche.

Die von der Umstellung gebeutelten Kulmbacher Redakteure tun sich jedenfalls - so Schmidt - bisher ziemlich schwer. Die manuelle Arbeit am Terminal gehe zwar mit der Zeit

flotter, doch "eine permanente Mehrbelastung für den einzelnen wird bleiben", prophezeit der Redaktions- Leiter.

Angesichts dieser Probleme (sie sind bei der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten" ähnlich gelagert) scheint es mehr eine Frage der psychologischen Vorbereitung und des Fingerspitzengefühls von Verleger beziehungsweise Geschäftsführung zu sein, ob ein solches Projekt erfolgreich läuft. Solange sich der Redakteur innerlich gegen den Computer sperrt, wird die rein schöpferische Arbeit, für die der Redakteur durch den Rechnereinsatz "ja so viel Zeit" haben soll, zweifellos zu kurz kommen.