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19.06.1992 - 

Beispiel für geglückten Technologietransfer

Die R/3-Software integriert Unternehmens-Datenmodell

Ende der 80er Jahre hat der Saarbrücker Wirtschaftsinformatiker August-Wilhelm Scheer die Theorie von der Unternehmens-Datenmodellierung hoffähig gemacht. Ein Standardprodukt, das diesen Modellansatz umsetzt, so berichtet Heidrun Haug*, wird das Mehrplattformen-Konzept R/3 des Walldorfer Softwarehauses SAP sein.

Wie Peter Zencke, Chef-Koordinator der R/3-Entwicklung, betont, kann die Entwicklung von R/3 als Beispiel für einen geglückten Technologietransfer gelten. "Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschaftsinformatik (IWI) ist es uns gelungen, den aktuellen Forschungsstand direkt in die industrielle Praxis zu transformieren," erklärt Zencke.

In einem zweijährigen Projektauftrag unterstützte das Saarbrücker IWI die Walldorfer Software-Anbieter bei der Aufstellung eines Funktions- und Unternehmens-Datenmodells, das sowohl alle relevanten Datenstrukturen des R/3-Systems als auch die damit verbundenen betriebswirtschaftlichen Grundfunktionen beschreibt.

Ein Novum für deutsche Verhältnisse

Mit dieser Explikation der Integrationsabläufe setzt SAP laut Helmut Gümbel, Analyst der Gartner-Group, "neue Maßstäbe bei der Entwicklung von Standardsoftware". Die Deutschen, in der internationalen Software-Szene ansonsten nicht allzu präsent, hätten sich damit sogar "an die vorderste Front der Applikationshersteller geboxt".

Speziell für deutsche Hochschulverhältnisse ist diese schnelle Übertragung von Forschungsergebnissen in die Entwicklung marktreifer Produkte ein Novum. Während in den USA manche Pionierleistung in der Informatik aus den Laboratorien der Universitäten stammt, behindert hierzulande immer wieder die strikte Trennung von Forschung und Anwendung den produktiven Austausch zwischen Hochschule und Wirtschaft.

"Die konsequente Anwendungsorientierung" des Saarbrücker IWI, das 1979 von Professor Scheer bewußt als Institut mit großer Eigenständigkeit gegenüber der Hochschulbürokratie gegründet wurde, war denn auch laut SAP-Manager Zencke "absolute Voraussetzung" für die Vergabe eines Entwicklungsauftrags: "Mit einem reinen Theoretiker hätten wir in dieser Phase der Produktentwicklung sicherlich nicht kooperiert, aber", urteilt Zencke, "Scheer ist einer der ganz wenigen Hochschulprofessoren, die in der Theorie ebenso wie in der Praxis zu Hause sind."

Außer Frage steht seiner Überzeugung nach, daß die Saarbrücker die "Referenzadresse schlechthin" sind, wenn es um die Datenmodellierung geht. Schon vor drei Jahren hatte Professor Scheer mit der Entity-Relationship-Methode ein exemplarisches Unternehmens-Datenmodell aufgestellt, in dem die Daten aller betriebswirtschaftlich relevanten Funktionen erfaßt und untereinander verbunden sind.

"Ausweg aus den DV-Widersprüchen"

Der Wirtschaftsinformatiker begründete diese systematische Aufarbeitung und Darstellung der Unternehmensabläufe als "Ausweg aus den zunehmenden DV-Widersprüchen". Anwender seien in einem Netz gegensätzlicher Informatikforderungen verstrickt, das mit jedem neuen Teilsystem, mit jeder Programmänderung und mit jedem Vernetzungsschritt noch dichter werde. "Den Unternehmen wächst die Komplexität ihrer Informationsverarbeitung über den Kopf, wenn sie sich nicht eine klare Vorstellung davon machen, wie ihr Unternehmen eigentlich funktionieren soll", diagnostiziert Scheer.

Erst dann könnten sie ihre Daten endlich als eigenständige Ressource betrachten, die unabhängig von fachbornierten Anwendungsinteressen organisiert werde und eine unternehmensweite Informationsverarbeitung ermögliche. Neben der Chance, DV-Systeme sinnvoll zu vernetzen, unterstütze dies zudem den Trend zu innovativen Unternehmensstrukturen, die mit Begriffen wie Lean Production, Gruppenarbeit und flache Hierarchien gegenwärtig diskutiert werden.

"Jede Menge trojanischer Pferde"

Doch dies alles ist leichter gesagt als getan. In den meisten Unternehmen wurde in den vergangenen Jahren sehr viel Anwendungssoftware gekauft oder entwickelt, die lückenhaft, schlecht oder überhaupt nicht dokumentiert ist. "Jede Menge trojanischer Pferde" stehen da laut Gartner-Analyst Gümbel herum. Mühsam müsse der Anwender versuchen, die Programmcodes zu knacken, um die Annahmen und Konzeptionen zu erschließen, die das Programmier-Team dem Produkt zugrundegelegt hatte.

Da diese Standardsoftware nie vollständig den organisatorischen Erfordernissen entspricht, greift der Anwender in der Regel in das rätselhafte Softwaredesign ein, führt hier und da Änderungen durch und verschlimmert damit das Chaos unklar definierter Daten und ihrer Beziehungen untereinander. Die Folge kennt jeder DV-Anwender, sie hat zwei Jahrzehnte lang die Diskussion um die Softwarekrise geprägt: Die Anwendungsprogramme werden unübersichtlich, ziehen einen unendlichen Wust an Wartungsarbeiten hinter sich her, lähmen die Arbeit der DV-Abteilungen und verhindern eine sinnvolle Integration der Teilsysteme.

Marktbeobachter Gümbel: "Wer eine unternehmensweite DV will, braucht als Bezugspunkt für eine längere Strategie der Informationsverarbeitung ein eigenes Modell von den Abläufen und Daten im Unternehmen, und er braucht zudem Standardprogramme, die ihr Datenmodell ebenfalls beschreiben und für den Anwender freigeben."

Die meisten Großunternehmen arbeiten heute daran, ein solch betriebsspezifisches Unternehmens-Datenmodell (UDM) zu entwerfen. Gleichzeitig bemühen sich viele darum, über Re-Engineering-Projekte ihre "Daten-Müllhalden" aufzuräumen. Doch richtig profitieren werden die Anwender von ihrer Modellierungsarbeit erst mit der kommenden Generation neuer Softwaresysteme, die sauber dokumentiert sind. Auf der Grundlage von Modellen kann der Benutzer seine Anforderungen selber spezifizieren und die Anwendungsprogramme danach auswählen, ob sie sich integrieren lassen.

Wenn verteilte Systeme mit relationaler Datenhaltung auf den Markt kommen, und R/3 ist so ein Produkt, dann wird diese Anforderung noch wichtiger.

Überblick über alle Funktionalitäten

Will man Daten auf verschiedene Systeme verteilen und zugleich gewährleisten, daß trotz Dezentralisierung jeder Endbenutzer für seine Aufgabe auf alle relevanten Daten zugreifen, sie bearbeiten und im Sinne integrierter Datenströme weiterleiten kann, so muß die Datenstruktur sorgfältig, das heißt widerspruchsfrei, fehlerlos und ohne Redundanzen geplant werden.

Besonders die Integration neuer Teilsysteme in das DV-Rahmenkonzept setzt den Überblick über alle Funktionalitäten und Beziehungen der vorhandenen wie der einzusetzenden Software-Anwendungen voraus. Jede Programmänderung würde hier unweigerlich in ein Daten-Desaster führen, wenn der Programmierer dazu willkürlich in den Sourcecode eingreifen müßte. Verteilte Systeme bedingen eine unternehmenseinheitliche Datendefinition.

Deshalb ist für Gümbel die Aufstellung und Freigabe von Daten-, Funktions-, Organisations- und Prozeßmodell der entscheidende Vorteil des neuen SAP-Systems. Die meiste Applikationshersteller verfügten noch über kein Informationsmodell, weil sie nach Beobachtungen des Gartner-Analysten so zeitgemäßen Technologien wie Client/Server-Architekturen und relationaler Datenbanktechnik hinterherhinken.

Für SAP ist die Offenlegung des Daten- und Funktionskonzepts für R/3 auch eine logische Konsequenz aus dem Bekenntnis zu offenen Systemen. "Wer diesen Anspruch ernst nimmt, muß die Anwendungsarchitektur transparent machen", meint Peter Zencke. Schließlich bedeute Offenheit, daß der Anwender die Systemphilosophie durchschaue, Übergänge erkenne und so mit verschiedene Hard- und Softwarekomponenten heterogene Anwendungsumgebungen aufbauen könne.

Vier Gründe sprachen laut Zencke für die Aufstellung eines Unternehmens-Datenmodells:

1. Die relationale Datenbanktechnik setzt ein konzeptionelles Schema von den zu realisierenden Anwendungen voraus, dem erst in einem zweiten Schritt die DV-technische Realisierung (beschrieben in dem ebenfalls veröffentlichten Data Dictionary) folgt.

2. Das arbeitsteilige Vorgehen der 500 an der R/3-Entwicklung beteiligten Software-Ingenieure erfordert eine gemeinsame Kommunikationsbasis, um die Teilsysteme zu einem homogenen Ganzen zusammenfügen zu können.

3. Viele Kunden wollen wissen, ob und wie neue Standardsoftware die im eigenen Unternehmensmodell beschriebenen betriebswirtschaftlichen Funktionen und Anforderungen abdeckt.

4. SAP hat sich das Ziel gesetzt, mit einem allumfassenden Datenmodell bei betriebswirtschaftlichen Anwendungsarchitekturen den Standardsoftware-Markt zu prägen.

"Das R/3 ist mehr als ein neues Softwaresystem," behauptet Professor Scheer. Seiner Meinung nach signalisiert es einen Umbruch in der gesamten Entwicklung von Anwendungssystemen. Nicht mehr technische Detailfragen stünden im Vordergrund, sondern konzeptionelle Überlegungen.

Durch die anschauliche Beschreibung der Modelle sei nun möglich, was zukunftsorientierte DV-Strategen schon seit langem forderten: Entwickler und Benutzer haben eine gemeinsame Basis der Verständigung, können sich darüber unterhalten, ob ein System den fachlichen und organisatorischen Anforderungen gerecht wird, ohne zunächst auf die DV-technische Realisierung Rücksicht nehmen zu müssen. Das Schwergewicht der Software-Entwicklung verlagert sich von der eigentlichen Programmierung auf die Analyse der Benutzeranforderungen.

Das Saarbrücker IWI hat das Informationsmodell für das R/3-System mit einer Variante der Entity-Relationship-Methode des US-Informatikers Peter Chen erstellt. Mit Hilfe der beiden Begriffe Objekttyp (Entity) und Beziehungstyp werden sämtliche Zusammenhänge und Funktionalitäten konstruiert. Ein Objekt kann beispielsweise Kunde oder Lieferant sein - beide unterhalten zum Unternehmen eine Geschäftsbeziehung. Dabei wird jede Komponente von R/3 als Teil eines integrierten Gesamtmodells sichtbar, das die Durchgängigkeit aller Funktionen ermöglicht.

Ganz bewußt haben die Saarbrücker auf eine möglichst exakte Beschreibung DV-technischer Einzelheiten verzichtet. Vielmehr ging es ihnen darum, aus Sicht des Anwenders die Integrationsabläufe im SAP-System zu verdeutlichen. Auf dem Partnerstand der Walldorfer konnten sich CeBIT-Besucher gar mit Hilfe eines grafischen Meta-Informations-Systems namens "ARIS-Navigator" durch das vielschichtige R/3 hangeln und das komplexe Anwendungspaket unter unterschiedlichsten Aspekten beleuchten. Scheer hatte dieses System als Shell entwickelt und dann zusammen mit SAP mit der R/3-Architektur gefüttert.

R/3 ist das Nachfolgeprodukt des völlig an Großrechnerumgebungen orientierten R/2-Pakets, das seit rund 20 Jahren auf dem Markt ist und von den meisten Großunternehmen Europas eingesetzt wird.

Um so gravierender ist die Tatsache, daß die Frage, wie sich die unterschiedlichen Datenmodelle beider Systeme künftig vertragen, noch völlig unbeantwortet ist. Das betriebswirtschaftliche Know-how aus R/2 sei natürlich in Form eines Referenzmodells in die neue Software eingeflossen, sagt R/3-Entwickler Zencke. Genauso klar ist aber auch, daß ein wahlfreier Durchgriff nicht möglich sein wird.

Die SAP geht davon aus, daß es Verbundanwendungen geben wird. Die Entwicklungsabteilung arbeite an Transformationsbausteinen, die als Brücke zwischen beiden Systemen fungieren sollen.

Außerdem werde man sich auch hier der Modellierungsfähigkeiten von Scheers Institut bedienen, die für langlebige Module etwa der Finanzbuchhaltung den Funktionalitätenbezug zwischen R/3 und R/2 untersuchen und offenlegen sollen. Zencke: "Mindestens bis zum Jahr 2000 werden beide Software-Pakete von SAP gepflegt werden. Darüber hinaus garantieren wir den Kunden, daß bei gleichwertiger Funktionalität R/2-Anwendungsdaten in R/3-Strukturen migriert werden können."