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21.05.1999 - 

Der Mainframe als Zeitmaschine

Die R+V Versicherung schickt ihre DV-Systeme zum Altern

MÜNCHEN (ua) - "Zeitreise" nennt die R+V Versicherung, Wiesbaden, die beschleunigte Alterung ihrer Daten, Programme und Rechner. Als Teil von Jahr-2000-Tests hat das neue Jahrhundert in einem parallelen Rechenzentrum der Versicherung längst begonnen.

Zumindest die 20000 Großrechnerprogramme haben den kritischen Sprung ins neue Millennium bereits überstanden. Am 7. Mai dieses Jahres zeigen die Rechner im Testzentrum bereits den 22. April 2000 an.

Die Zeitreise begann am 30. April 1998. An diesem Tag spiegelte die R+V ihre gesamten produktiven Host-Anwendungen in die Testumgebung. Das waren rund 20000 Cobol-, einige PL1- und Assembler-Programme sowie dreieinhalb TB Daten. Dafür mußte zusätzlich entsprechend viel Plattenplatz her sowie 3000 Kassetten mit maximal 600 MB Auslastung und eine 200 MIPS starke logische Partition auf dem IBM-Rechner "9672-R46", die nicht über Kanäle mit der Produktivumgebung verbunden sein durfte. Anschließend reduzierte das Jahr-2000-Projektteam den Datenbestand auf rund zehn Prozent seines operativen Umfangs nach Kriterien, die mit den Fachbereichen und der Anwendungsentwicklung geklärt wurden. Seither wird das Rechnerdatum mit jedem Neustart um einen Monat hochgesetzt. Zugleich altern die Datenbestände. In Batch-Läufen werden Fälligkeits- oder Prämiendaten überprüft und den Vertragskonditionen gemäß verändert. Bei einer jährlichen Zahlungsweise wird der Zahlungstermin um ein Jahr in die Zukunft verschoben, beispielsweise vom 1. Oktober 1999 auf den 1. Oktober 2000. Bei halbjährlichen Vereinbarungen verschiebt sich die Fälligkeit um ein halbes Jahr. Anschließend erfolgt die normale Inkasso- und Buchhaltungsbearbeitung. Zudem organisiert das Projektteam mit den Anwendern "Dialogtage". Die Nutzer testen solche Änderungen manuell und prüfen zugleich die maschinell vorgenommenen. Auf diese Weise altern sowohl die Rechner als auch sämtliche Daten. Wenn die Überprüfung abgeschlossen ist, werden die Rechner erneut hochgefahren.

Dieses Verfahren sei dem einer Simulation oder der Alterung mit Hilfe von Tools vorzuziehen, sagen Horst Müller, Abteilungsleiter Zentralressort Informationssysteme Direktion, und sein Jahr-2000-Projektleiter Ralf Seidler. Weil sich Datumsangaben nicht nur in den deklarierten Datumsfeldern, sondern beispielsweise in Character-Feldern befinden, könnten Tools sie nicht immer als solche erkennen. Während die einen Daten alterten, blieben andere unangetastet. Erschwerend komme hinzu, daß Datumsangaben bis zu zehnmal an Unterprogramme weitergereicht werden. Inkonsistenzen seien die Folge, diese zu sondieren und von den eigentlichen Jahr-2000-Problemen zu unterscheiden ein zu aufwendiges Unterfangen.

Der Zeitreise gingen umfassende Analysen, Umstellungen und Tests voraus. Im Oktober 1996 begann die R+V mit einer Aufwandsschätzung. "Wir haben uns zunächst gefragt, was wir überhaupt tun müssen", erinnert sich Seidler. Um das herauszubekommen, initiierte das Jahr-2000-Team Pilotprojekte.

Schnell war klar, daß vor allem die Kernanwendungen auf den MVS-Großrechnern der Pflege bedurften. Sie sind bis zu 20 Jahre alt, wurden zigmal verändert, und ihre Dokumentation zeugt von sehr unterschiedlicher Qualität. "Vor allem bei alten Programmen lege ich meine Hand nicht dafür ins Feuer, daß die Dokumentation mit dem aktuellen Entwicklungsstand übereinstimmt", so Müller. Folglich war von vornherein ausgeschlossen, daß Analyse und Tests anhand der Programmbeschreibungen vorgenommen werden konnten. Statt dessen band die R+V diejenigen ein, die ohnehin für die Entwicklung und Wartung der jeweiligen Anwendung zuständig sind.

Die Überprüfung der Programme brachte über 1000 Programmleichen zum Vorschein, Software, die zum Teil seit Jahren nicht mehr benutzt worden war und die auch nach ihrer Entfernung niemand vermißte. Darunter befand sich zum Beispiel eine Ladebibliothek mit 500 Modulen. Die Programmanalyse erfolgte mit Hilfe des Tools "Estimate 2000" der Viasoft International GmbH, München.

Unterstützung bei der Analyse und der Fehlerbeseitigung durch externe Mitarbeiter holte sich die R+V von der CMG Deutschland GmbH, Eschborn. Zur Spitzenzeit, als die Programme im Frühjahr 1998 auf Jahr-2000-Fähigkeit umgestellt wurden, arbeiteten 14 CMG-Spezialisten mit dem Jahr-2000-Kernteam aus drei R+V-Mitarbeitern. Aus der Anwendungsentwicklung waren etwa 200 R+V-Mitarbeiter inklusive 80 Testern aus den Fachbereichen in das Projekt involviert.

Wie Müller ausführt, gab es je nach Applikation drei verschiedene Vorgehensweisen. Zu etwa 50 Prozent übernahmen CMG-Mitarbeiter die Analyse und Reparatur der Anwendungen. Die restlichen Applikationen wurden entweder von CMG untersucht, die die Anwendungseigner von den Analyseergebnissen unterrichtete, oder direkt von den Anwendungsentwicklern geprüft und verbessert. Wie sie das bewerkstelligten, blieb den Projekteignern überlassen. Sie mußten lediglich zusichern, daß sie mit der Umstellung bis zum Beginn der Zeitreise fertig sein würden.

Auch während die Programme auf die Reise in die Zukunft geschickt werden, sind die Betreuer der operativen Anwendung zuständig für die Korrekturen von Fehlern, die im Testumfeld auftreten. Das geänderte Release spielt das Testteam dann in seine Umgebung ein. Dadurch läßt sich vermeiden, daß zwei Umgebungen gepflegt werden müssen.

Allerdings haben Probleme, die im Tagesbetrieb der operativen Systeme auftreten, Priorität, so daß die Jahr-2000-Fehlerfälle manchmal nur mit zeitlichen Verzögerungen korrigiert werden können. Wie Seidler erläutert, handle es sich dabei jeweils nur um wenige Tage, die sich mittlerweile jedoch zu einem Monat addiert haben. Damit verschiebt sich das Ende dieser Testreihe von Ende Mai auf Ende Juni 1999.

Das allein ist jedoch nicht ausschließlich dafür verantwortlich, daß die Kosten für die Jahr-2000-Fitneß in die Höhe schossen. So hat die R+V laut Abteilungsleiter Müller zwar die Analyse- und Umstellungsphase zu großzügig kalkuliert, dafür allerdings den Aufwand für die Tests unterschätzt. Ursprünglich lagen die Schätzungen nach den Pilotprojekten bei rund 20 Millionen Mark. Tatsächlich gab die genossenschaftliche Versicherung bis jetzt alles in allem rund 30 Millionen Mark dafür aus. Bis das Jahr 2000 um ist, werden es 35 Millionen Mark sein, vermutet Müller.

Da sei es hilfreich, wenn das Management die Dringlichkeit der Jahr-2000-Umstellung erkennt. Das sei bei der R+V schon ganz früh, im Frühjahr 1997, der Fall gewesen, sagt Müller. Auf diese Weise konnte die R+V rechtzeitig in die vollen gehen, denn: "Was helfen die schönsten Anwendungen, wenn sie mit Jahresbeginn 2000 nicht laufen?"

Die Versicherung fürchtet im wesentlichen lediglich einen Prestigeverlust, würde sie Schadensfälle verzögert bearbeiten, Rechnungen und Prämien unpünktlich zustellen. Darüber hinaus habe die R+V im Vorfeld der Zeitreise aber auch Szenarien in ihre Überlegungen eingeschlosssen, die eine Arbeitsunfähigkeit in wichtigen Bereichen für mehrere Tage bedeuteten, so Müller. In diesem Fall hätten Arbeitsrückstände entstehen können, die nicht mehr aufzuholen wären und die Versicherung an der Rand der Existenz brächten.

Derzeit beschäftigt sich die Seidler-Gruppe mit der Abschätzung des Restrisikos. Obwohl nun auch die Client-Server-Welt mit NT-, OS/2- und Unix-Servern auf die Zeitreise geschickt wird, bleibt ein Fehler- und Ausfallrisiko, räumt Abteilungsleiter Müller ein: "Sollen die Tests wirtschaftlich bleiben, kann man nicht alles überprüfen." So gehört die Risikoanalyse zwar zu den Kostentreibern, ist aber notwendig, um Notfallpläne zu erarbeiten. Ein Grobkonzept steht bereits.

Die R+V Versicherung

Die R+V Gruppe erzielte 1998 eine Beitragszunahme von 3,1 Prozent auf 9,3 Milliarden Mark. Ihre Kapitalanlagen erhöhten sich in diesem Zeitraum um zehn Prozent auf 47,7 Milliarden Mark. Personen- und Rentenversicherungen waren nach Darstellung des Unternehmens besonders gefragt. So entwickelten sich Personenversicherungen günstiger als Kompositversicherungen.

Zu der Gruppe gehören R+V Luxembourg S.A., R+V Lebensversicherungen, R+V Krankenversicherung AG, R+V Pensionsversicherung a. G., R+V Allgemeine Versicherung AG, R+V Rechtsschutzversicherung AG, Vereinigte Tierversicherung Gesellschaft a.G. und der Rückversicherer R+V Versicherung AG. Die Gruppe geht auf einen Zusammenschluß der Raiffeisen Allgemeine Versicherungsgesellschaft a.G. und der Raiffeisen Lebensversicherungsbank a.G. 1922 in Berlin zurück. Die Tierversicherung wurde bereits 1875 gegründet.

Von Tests ausgeschlossen

Noch bis Ende Mai soll die Inventarisierung der DV und Kommunikation bei der R+V dauern. Dabei entscheidet sich, welche Fremdprodukte geprüft werden müssen. Doch heute schon steht fest, daß etwa PC-Anwendungen wie Excel-Auswertungen, die in Eigenregie der Fachbereiche entstanden sind, zumindest nicht von dem Jahr-2000-Team fit gemacht werden. Diesbezügliche Informationen sammelt das Jahr-2000-Projekt zwar und gibt sie zur Korrektur weiter, bleibt ansonsten aber passiv. Ausnahmen bilden hingegen zentrale "Office"- und "Lotus-Notes"-Applikationen. Hier holt sich das Jahr-2000-Team Bestätigungen zur Jahr-2000-Fähigkeit von den Herstellern ein. Außerdem werden die nach Herstelleraussagen gültigen Release-Stände sukzessive eingespielt und den Fachbereichen zur Verfügung gestellt.

Um sich gegen Störfälle von außen abzusichern, testet die R+V-Mannschaft auch Schnittstellen zu Partnern und Kunden, etwa im Zahlungsverkehr. Mitgeprüft wird zudem Software von Fremdanbietern, die eng mit den R+V-Programmen in Verbindung stehen: etwa IMS, Cics und MVS oder auch das Produkt "Unipost" von Uniserv, das zum Gültigkeitscheck von Adressen eingesetzt wird.

Nicht überprüfbar ist hingegen Technik, die außerhalb des R+V-Zugriffs liegt, etwa Telefonleitungen oder die Stromversorgung. Um sich insbesondere unabhängig von den Energieversorgern zu machen, kann die Versicherung auf eine unterbrechungsfreie Stromversorgung zugreifen.