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12.01.1979

Die "Revolution" steht unmittelbar bevor

Helmut Rausch, Mitglied des Vorstands der Nixdorf Computer AG

Seit Jahren gewinnt die Zugriffsmöglichkeit auf das, was wir als Information bezeichnen, einen zunehmenden Stellenwert für die Wettbewerbsfähigkeit des einzelnen wie für unsere gesamte Wirtschaft. In Ergänzung und Ablösung des klassischen Dreiecks Boden, Arbeit und Kapital wurden für viele kompetente Betrachter Rohstoffe, Energie und - in einer für unsere Wirtschaftsstruktur typisch werdenden Weise - Informationen zu essentiellen Ressourcen unserer Volkswirtschaften.

Die Tatsache, daß nach amerikanischen Untersuchungen die von dem Umgang mit Informationen geprägten Arbeitsplätze schon rund 50 Prozent aller Arbeitsplätze ausmachen, quantifiziert diese Entwicklung. Daß wir in der Bundesrepublik Deutschland diesen hohen Prozentsatz noch nicht erreicht haben, sondern auch nach jüngsten Analysen erst bei knapp 35 Prozent liegen, läßt folgende Gedanken zu:

Würde bei uns eine ähnliche "Informatisierung" wie in den USA erreicht werden, ergaben sich daraus nicht nur unmittelbare Produktchancen, für die Industrie. Es würden davon darüber hinaus weit über 3,5 Millionen Arbeitsplätze tangiert.

Sicher: Wir können US-amerikanische Verhältnisse nicht auf die Bundesrepublik Deutschland übertragen, und nur ein Teil dieser Arbeitsplätze wären neue, zusätzliche Arbeitsplätze.

Bei allen Bedenken gegenüber wenig differenzierten Vergleichen läßt sich aber mit aller Vorsicht sagen: neuen Arbeitsplätze sind wahrscheinlich moderner und damit sicherer, als sie es in den Bereichen waren, aus denen sie abgewandert sind.

Die These: Ein möglichst breiter Einsatz moderner Informationstechnologie bietet die Chance für moderne, sichere Arbeitsplätze gilt sowohl für die Hersteller als auch für die Anwender der Informationstechnik.

Die bisherigen Erfolge unserer Industrie bei der Entwicklung und dem Einsatz der Datenverarbeitung, der Kopiergeräte, der Postbearbeitungsmaschinen, der Nachrichtentechnik und so weiter sind - gemessen an den technologischen Bedingungen, unter denen sie stattfinden - zu vergleichen mit den Fortschritten im vorindustrialisierten Zeitalter. Wir befinden uns heute gleichsam noch im "vorinformatisierten Zeitalter". Die eigentliche "Revolution" findet gegenwärtig statt oder steht doch unmittelbar bevor. Wesentliches Kennzeichen dieser Revolution, ist das Zusammenwachsen der hier nur beispielhaft genannten Technologien zu einer einzigen: zur Informationstechnologie. Ihr zentraler Aspekt läßt sich am besten mit Ausdrücken wie "compunication" (USA) oder wie "telematique" (Frankreich) auf die kürzeste Formel bringen:

Datenverarbeitung und Nachrichtentechnik wachsen zusammen. Als eine Folge davon ist sogleich festzustellen:

Wir können die Chancen nur nutzen, wenn es gelingt, das Zusammentreffen einer mehr oder weniger marktregulierten Industrie und Technik, der Datenverarbeitung, mit einer mehr oder weniger verwaltungsreglementierten Industrie und Technik, der Nachrichtentechnik, konstruktiv zu lösen.

Der breite Einsatz der Informationstechnologie dient im wesentlichen der Rationalisierung unserer

Wirtschaft und Verwaltung. Verkürzt heißt dies: Gefährdung von Arbeitsplätzen. Rationalisieren heißt aber

auch: Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit und damit der Arbeitsplätze.

Aber: Ich will mich hier nicht in einer besonderen Kritik an dem Verhalten der Deutschen Bundespost verlieren, die ja, und dies ist zu begrüßen, immer mehr den Dialog mit den Anwendern und der Industrie sucht. Grundproblem ist aber, daß das, was zu einer Zeit richtig war, ich meine das Fernmeldeanlagen-Gesetz aus dem Jahre 1928, als die Datenverarbeitung noch in den Sternen stand, an Mikroelektronik noch niemand dächte, als uns heute vorschwebende. Datenbankverbundsysteme als blanker Futurismus abgetan worden wären, als Regulierungsinstrumentarium heute nicht mehr zeitgemäß sein kann.

Eine "Amtsbaugesinnung" ist nicht die richtige Einstellung, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Selbst im traditionellen Bereich dieser Denkkategorien - in der Nachrichtentechnik - ist die Bundesrepublik Deutschland schon nicht mehr der für Innovationen notwendige Testmarkt für heimische Firmen.

Deutlich wird diese Entwicklung an den stagnierenden Exportquoten der deutschen Nachrichtentechnikindustrie, Hier läuft nichts mehr. Die Regulierung frißt ihre eigenen Kinder.

Es fehlt eine eigentliche "Informationspolitik".

Bei meinem Versuch, die Vielzahl von hier keineswegs vollzählig und in ihrer gesamten Wirkungsbreite angeführten, für die Informationstechnik bedeutsamen Determinanten anzusprechen, wird eines deutlich: Es fehlt eine den Implikationen der Informationstechnologie nur annähernd gerecht werdende "Informationspolitik". Eine Politik also, die sich mit der Wirkung und den Chancen dieser neuen Informationstechnologie auseinandersetzt und die flankierend unsere Industrie unterstützt. Es ist die Pflicht unserer Industrie, darauf hinzuweisen, daß eine restriktive Entwicklung zu Schäden für unsere Volkswirtschaft und die Beschäftigung führt.

Zukunft kann man nur zum Teil planen man muß Zukunft möglich machen!

In diesem Sinne möchte ich folgende Vorschläge und Empfehlungen thesenartig formulieren:

- Neuorientierung der staatlichen Regulierungspoltik im informationstechnischen Bereich, das heißt: Mehr Markt!

- Novellierung des Fernmeldeanlagen-Gesetzes von 1928, das heißt: Liberalisierung des sogenannten Sprach- und Datenendgerätebereiches.

- Vermeidung von Festschreibungen technischer Bedingungen, durch die staatliche Investitionspoltik.

- Größere Freiräume bei der Felderprobung neuartiger technischer Entwicklungen.

- Verstärkte Ausrichtung der staatlichen Technologiepolitik auf dezentralisierte überschaubare Anwendungen in Richtung auf "job enrichment" und mehr Bürgernähe.

- Unterstützung von Unternehmensneugründungen, zum Beispiel durch eine verbesserte Wagnisfinanzierung.

- Neues Konzept für eine informationstechnologische Gesamtpolitik als frankierende Maßnahme des Staates für die staatliche Förderpolitik, etwa: Die Verbindung der bisher isolierten Programme "Technische Kommunikation", "Bauelemente", "Drittes Datenverarbeitungs-Programm", "Humanisierung der Arbeitswelt" und "Informations- und Dokumentationsprogramm"

- Reform unserer Aus- und Weiterbildungssysteme.

- Bessere Methoden und Orgsationstechniken für die Gestaltung der Arbeitsplätze.

Die Nutzung der Chancen, die durch die neuen Technologien gegeben sind und die sich in Zukunft bieten, wird auch in der Industrie nur durch ein neues Verständnis des Phänomens "Information" und durch eine Neuorientierung des staatlichen Einflusses möglich sein.