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06.07.2001 - 

IT-Arbeitsmarkt/Entlassungen trotz Fachkräftemangel

Die Rückkehr zur Normalität

Die Pleitewelle in der New Economy hat der IT-Welt einen kräftigen Dämpfer versetzt. Zur Verunsicherung tragen auch die Entlassungen einiger Netzwerk- und TK-Unternehmen bei. In den Anwenderfirmen indes gibt es vor allem in der E-Welt jede Menge Arbeit - und zu wenig qualifizierte Leute. Von Ina Hönicke*

Wie die Zukunft des IT-Arbeitsmarktes aussieht - keiner weiß es so genau. Selbst Berufsauguren fürchten, sich mit einer Prognose zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Verständlich, denn nicht einmal die Berufsverbände sind sich derzeit in puncto Jobzahlen einig. Während der Verband der Computerfirmen Bitkom in Berlin verkündet, dass in zwei Jahren in der IT-Branche rund 3,8 Millionen IT-Profis fehlen sollen, spiegelt nach Ansicht von Hubertus Christ, Präsident des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), diese Zahl die in ganz Europa fehlenden Fachleute wider. Auf Deutschland entfielen dabei 732000 nicht zu besetzende Positionen. Diese Zahl wiederum enthalte auch die gesuchten Mitarbeiter in Call-Centern, im Zeitschriften- und Musikhandel sowie im Filmverleih - Stellen, die nicht mit Akademikern besetzt werden müssten. Tatsächlich würden hierzulande kurzfristig 55 000 Softwareentwickler mit Hochschulabschluss fehlen. Insgesamt taxiert der VDI den Neubedarf an IT-Experten mit Hochschulabschluss in Deutschland auf "nur" 30000 pro Jahr.

Wenig hilfreiche UntersuchungenObwohl Bitkom seine eigenen Prognosen ein wenig zurückgeschraubt hat, hält Vizepräsident Jörg Menno Harms die VDI-Zahlen für zu niedrig. Nach einer für den Berufsverband erstellten Studie der European Information Technology Observatory (Eito) haben die klassischen Berufsbilder beim Ranking der gesuchten IT-Experten weiterhin die Nase vorn: Nachrichtentechniker, Programmierer, Systemadministratoren, Berater und Hardwarespezialisten machen insgesamt 72 Prozent des Personalbedarfs aus. Allerdings würde die Nachfrage nach qualifizierten Leuten in E-Business, also E-Commerce, E-Government und Web-Marketing, stetig steigen. Laut Bitkom haben die Anwenderunternehmen bei der Nachfrage nach High-Tech-Experten die IT-Branche mittlerweile ausgestochen. Hier gebe es jede Menge Arbeit zu erledigen und nicht genügend Leute, die sie tun könnten.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung /ZEW) in Mannheim wiederum beziffert in einer aktuellen Umfrage den Bedarf an Informations- und Kommunikations-Fachleuten bis Ende 2002 mit 350000 in Deutschland. Allein für die erste Hälfte dieses Jahres geht das ZEW von 93000 offenen Positionen im IuK-Umfeld aus. Kurzum: Bei der Beantwortung der Frage, wie viele IT-Profis in den kommenden Jahren benötigt werden, sind die einschlägigen Studien mit ihren unterschiedlichen Ergebnissen nicht gerade hilfreich.

Fest steht, dass die IT-Branche in den vergangenen Monaten einen Dämpfer erhalten hat. Die Dotcom-Welt geriet im vergangenen Jahr aus den Fugen - Pleiten und Kurseinbrüche erschütterten die Welt der "Yetties" (young entrepreneurial techbased individual). Im Jahr 2000 haben Internet-Firmen in den USA mehr als 40000 Kündigungen ausgesprochen. 1,5 Prozent der rund 2,3 Millionen Arbeitsplätze in der US-Internet-Wirtschaft sollen bislang verloren gegangen sein. Aufgefangen wurden die meisten der Cybernauten ausgerechnet von denen, über die sie vor kurzem noch gespottet haben: den traditionellen Unternehmen. Hierzulande sind die Zahlen über den Stellenabbau der New Economists genauso vage wie die Prognosen über den Bedarf. Der Startup-Zusammenschluss Silicon City Club beziffert die Zahl arbeitsloser IT-Spezialisten auf etwa 6000. Die Bundesanstalt für Arbeit (BfA) wiederum weist darauf hin, dass die Zahl der neu gemeldeten Stellensucher genauso hoch sei wie im Jahr zuvor. Ende März wurden 33290 Erwerbslose in DV-Berufen registriert, denen 16300 offene Stellen gegenüberstanden. In den USA gehören Entlassungen in der TK-Branche schon fast zum Alltag. Aktuelles Beispiel hierzulande: Während sich Cisco international von Mitarbeitern trennt, wurde für die Niederlassung in Hallbergmoos im Raum München bis auf weiteres "nur" ein Einstellungsstopp verfügt. Bei den IT-Beratungs- und Softwarehäusern beträgt der Schwund an freien Stellen laut der EMC/Adecco-Untersuchung sogar fast 3000 Arbeitsplätze.

Werner Dostal von der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg sieht den Arbeitsmarkt dennoch optimistisch. Seiner Meinung nach ist die Jobsituation in der IT-Welt nicht mit Zahlen zu erfassen: "Dazu ist diese Branche viel zu vielschichtig und kompliziert." Zwar würde die Nachfrage in einzelnen Bereichen der Netzwerk- und Software-Industrie nachlassen, gleichzeitig aber der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern in der E-Business-Welt steigen.

Innovative Themen haben KonjunkturEin typisches Beispiel für diese Entwicklung sei das deutsche Vorzeigeunternehmen Siemens: Auf der einen Seite wird der Münchener Konzern aufgrund des schwächelnden Mobilfunkmarktes weltweit 6100 Beschäftigten kündigen - und auch in Deutschland werden im Bereich Information und Communication Networks (ICN) 1400 Serviceingenieure ihren Job verlieren, gleichzeitig sucht Siemens händeringend Ingenieure und Berater. Bestätigt Hermann Mayer, Corporate Vice President Human Resources, Siemens Business Services: "Unser gestecktes Ziel ist der Aufbau um fast 1000 IT-Spezialisten pro Jahr allein in Deutschland. Besonders hohen Bedarf haben wir an erfahrenen Consultants aus den Bereichen E-Commerce, Customer-Relationship-Management und Supply-Chain-Management." Der Münchener Manager sieht den IT-Arbeitsmarkt als sehr eng: "Als Folge der weiteren Durchdringung der Old Economy mit E- und M-Business wird nicht nur bei Siemens der Bedarf an IT-Profis weiter steigen. Da aber gleichzeitig die Zahl der Hochschulabsolventen sinkt, dürfte das Buhlen um Talente noch länger anhalten."

Dass die E-People Mangelware sind, davon ist auch Peter Littig, Direktor Bildungspolitik und -strategie bei der Dekra Akademie GmbH und Mitglied des Vorstandes des VSI (Verband der Softwareindustrie Deutschlands), überzeugt: "Die Unternehmen haben sich innovativen Themenfeldern wie E-Commerce, E-Logistik und CRM zugewandt; dementsprechend wächst der Bedarf an hochqualifizierten Mitarbeitern." Tägliche Meldungen über Massenentlassungen in Unternehmen der New Economy täuschen seiner Meinung nach über diese Entwicklungen hinweg. Pauschalierende Aussagen hält Littig hier jedoch fehl am Platz: "Für große Teile der IT-Branche wie zum Beispiel die Software-Industrie ist es extrem kontraproduktiv, wenn in der Öffentlichkeit aus dem Stellenabbau in einem ganz spezifischen Teil des Sektors auf die Situation der gesamten Branche geschlossen wird." Seiner Meinung nach liegt der Gesamtbedarf noch immer weit über der Zahl der IT-Spezialisten, die neu auf den Arbeitsmarkt kommen - von einem Ende des Fachkräftemangels könne keine Rede sein.

Mehrere Indikatoren stützen die Vermutung des Arbeitsmarktexperten. Zum einen lässt die demografische Entwicklung Deutschlands keine signifikante Steigerung der verfügbaren Fachkräfte - und damit auch der IT-Profis - erwarten. Im Gegenteil: Die Zahlen sind eher rückläufig. Zum anderen wird sich die Zahl der Absolventen des Studienfachs Informatik in der nächsten Zeit kaum verändern. Wie das Statistische Bundesamt zur Eröffnung der diesjährigen CeBIT mitteilte, wird dieses Studium seit Mitte der neunziger Jahre immer beliebter. Dennoch sinken derzeit die Absolventenzahlen. Zurückzuführen ist dies auf den Rückgang der Studienanfänger in der ersten Hälfte der neunziger Jahre. Seit 1997 hat sich die Zahl der diplomierten Informatiker um zehn Prozent von 7100 auf 6400 verringert. Bis die nachrückenden Studenten ihren Abschluss in der Tasche haben, müssen sich die Unternehmen auf Personalmangel einstellen. Ein weiteres Problem sind die Studienabbrecher. Viele Studenten unterschätzen bei der Einschreibung die Anforderungen des Studiums und verlassen die Universität oder Fachhochschule bereits während der ersten vier Semester ohne Abschluss. Nach einer aktuellen Bitkom-Studie liegt die Abbrecherquote bei 50 Prozent.

Abbrecherquote liegt bei 50 ProzentKein Wunder, dass Vizepräsident Jörg Menno Harms wettert: "Die Erfolgsquote an unseren Hochschulen ist erschreckend niedrig." Wie viele der Absolventen ihr Studium vorzeitig beenden, weil sie von Unternehmen abgeworben werden, und wie viele einfach keine Lust haben, sich mit der Realität der stark mathematikorientierten Ausbildungsinhalte auseinanderzusetzen, weiß niemand so genau. Das genaue Verfolgen eines Studentenlebenslaufes ist nämlich nicht nur aufwändig - der Datenschutz verbietet es auch. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Institute mittlerweile einen Numerus Clausus im Fachbereich Informatik eingeführt haben - die Zahl der Immatrikulationen wird damit künftig nicht mehr so steigen können oder vielleicht sogar sinken. Bildungsexperte Littig sieht ein weiteres Problem: "In einigen Städten haben die Arbeitsämten aus Budgetgründen die Förderung neuer Qualifizierungsprogramme gestrichen. Als Folge wird die Zahl der Quereinsteiger, die in den vergangenen Jahren immerhin die Hälfte der neu besetzten IT-Stellen einnahmen, im kommenden Jahr stark zurückgehen." Doch am grauen Horizont zeichnet sich seiner Meinung nach ein Silberstreifen ab: die Entwicklung der Zahl der Auszubildenden in den neuen IT-Berufen. Hier wurden im vergangenen Jahr rund 18000 neue Ausbildungsverträge geschlossen - eine Steigerung um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. "Dennoch", so Littig, "werden IT-Fachkräfte auf absehbare Zeit Mangelware bleiben."

Und was meint die Wirtschaft zu dieser Situation? Sie ist unzufrieden, und zwar nicht nur mit der mangelnden Zahl an Absolventen, sondern auch mit deren Qualifizierung unzufrieden. Nach einer Umfrage von Mummert + Partner bei bundesdeutschen Unternehmen werden nur zwei von hundert Studenten der Informatik und verwandter Fächer den Anforderungen an die Absolventen gerecht. Das Beratungshaus filterte in seiner Studie vier Hauptkriterien heraus, die zukünftigen Arbeitgebern besonders wichtig sind: Neben exzellenten Noten erwarten die Firmen Berufserfahrung sowie strategisches Denken und Teamfähigkeit. Dieses anspruchsvolle Bewerberprofil erfüllen nach Aussagen der befragten Unternehmen nur die Allerwenigsten. Besonders kritisch wurden von den Personalverantwortlichen die Aussagen der Studenten über ihr Sozialleben gesehen. Angeblich ziehen diese berufsrelevante Kontakte solchen mit Freunden oder Familie vor. Die Personalmanager erkennen hierin einen Mangel an Teamfähigkeit und sozialer Kompetenz.

Staat streicht Mittel für IT-Bildung"Das ist ja auch kein Wunder", wettert Professor Schmeck, Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Karlsruhe, "schließlich unterstützt die Bundesregierung vorrangig neue Projekte anstatt Studiengänge in den Universitäten. Seiner Meinung nach hat die Wirtschaft sehr genaue Vorstellungen darüber, welche Mitarbeiter sie benötigt. Ohne Sozialkompetenz fehle jedem Beschäftigten nun einmal die Fähigkeit, auch in Gruppen effektiv zu arbeiten und sich interdisziplinär mit anderen Fachbereichen auszutauschen. Schmeck hält nichts von den "Hauruck-Aktionen" aus Berlin: "Aktionen wie Green-Card können nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein. Mittel- und langfristig ist es doch viel wichtiger, die Qualifikation zu fördern."

Einig sind sich die befragten Parteien nur darin, dass im IT-Arbeitsmarkt einiges im Argen liegt - der schwarze Peter dafür wird jedoch munter hin- und hergeschoben. Wenig neu sind auch die Forderungen, die von Arbeitsmarktexperten erhoben werden: Um den Personalmangel in den Griff zu bekommen, sollten die Arbeitgeber nicht zu viele Bewerber durchs Raster fallen lassen, ältere IT-Profis nicht auf die Straße setzen, mehr Frauen zu technischen Studiengängen ermuntern und die Hochschulen wiederum endlich praxisnaher ausrichten. Dass die Forderungen seit Jahr und Tag dieselben sind, ändert nichts an ihrer Berechtigung. Vor allem sollten die Personalverantwortlichen jetzt nicht den Fehler machen, sich beruhigt zurückzulehnen und auf eine Entspannung des Arbeitsmarktes zu vertrauen. Glaubt man nämlich den Prognosen von Leo A. Nefiodow, Zukunftsforscher am GMD-Forschungszentrum Informationstechnik in Sankt Augustin bei Bonn, werden binnen einer Generation Millionen neuer Arbeitsplätze - davon Hunderttausende rund um die IT - entstehen: "Die fünf Branchen Biotechnologie, Information, Umwelt - einschließlich Solarenergie -, Psychotherapie und Medizin sorgen für gewaltiges wirtschaftliches Wachstum.

Optimistische PrognosenAllein für den Kernbereich Biotech werden spezielle Hochleistungsrechner und Software-Werkzeuge und somit hochqualifizierte Profis in IT und KI (Künstliche Intelligenz) benötigt." Dazu kommen seiner Meinung nach noch Randbereiche wie hochkomplizierte medizinische Diagnostik oder DNA-Verfahren. Nefiodow ist überzeugt, dass der dynamische Prozess dieser fünf Branchen die Menschen die nächsten 30 Jahre beschäftigt: "Wir werden es mit Millionen neuen Arbeitsplätze, neuen Berufen und neuen Firmen zu tun haben - kurzum mit einer Welt, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können."

*Ina Hönicke ist freiberufliche Journalistin in München.