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03.05.2008

Die Russen kommen

Die russischen IT-Dienstleister verstärken ihr Engagement in Deutschland. Dabei bauen sie auf kulturelle und geografische Nähe sowie ein leistungsstarkes Hochschulsystem.

Indische Provider

Umsatz in Milliarden Dollar

Mitarbeiter

Tata Consultancy Services

4,3

108 000

Wipro

3,5

72 000

Infosys

3,1

72 000

Russische Provider

Umsatz in Millionen Dollar

Mitarbeiter

Epam Systems

80

2700

Luxoft

68

2200

Exigen

55

1800

Offshore ist gleich Indien. Diese verkürzte Formel für die Auslagerung von IT-Aufgaben in Niedriglohnländer haben sich die Provider vom Subkontinent mit ihrer jahrelangen Erfahrung im britischen und US-amerikanischen Markt redlich verdient. "Es ist beeindruckend, mit welcher Präzision und Perfektion die indischen Anbieter ihre Geschäfte betreiben", schildert Friedrich Löer vom Sourcing-Beratungshaus TPI seine Erkenntnisse aus einer Indien-Reise. Dort hat er IT-Lieferzentren von Wipro, Infosys, Tata Consultancy Services (TCS), IBM und Accenture unter die Lupe genommen. "Die Unternehmen haben ihre Dienstleistungen auf dem Reißbrett geplant und die Strukturen daran ausgerichtet."

Hier lesen Sie ...

welche Anbieter sich in Deutschland engagieren;

welche Services sie betreiben;

wo ihre Stärken und Schwächen liegen;

warum sie die Konkurrenz mit indischen Offshorern nicht scheuen.

Selbstbewusste Russen

Mitte der 80er Jahre haben sich in der damaligen Sowjet-union die ersten Kooperativen mit der Softwareentwicklung befasst. Sie gelten als Keimzelle der heutigen Software-industrie in Russland. Mit dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre wandelten sich die Aktivitäten in kommerzielle Firmen. Unternehmen wie Luxoft, Epam Systems und Reksoft haben ihre Wurzeln in diesen Jahren. Oftmals sind sie aus dem Umfeld der vielen Technischen Universitäten in Russland gegründet worden. Die jungen Unternehmer haben sich frühzeitig auf den Weg in die USA gemacht, um dort das professionelle Firmen-Management zu erlernen und um Kunden zu finden. Aber auch in die Gegenrichtung gab es rege Geschäftsreisen. Weil die USA sehr gut über die technischen und wissenschaftlichen Fertig-keiten des ehemaligen Klassenfeindes informiert waren, sicherten sie sich zügig Zugang zu den gut ausgebilde-ten IT-Experten. "Vergeben Sie eilige Projekte in die USA, große Vorhaben nach Indien und nicht lösbare Probleme nach Russland. Die Russen können alles", brachte Steve Chase, Chef der russischen Niederlassung von Intel, einmal das Selbstverständnis der Nation auf den Punkt.

Doch den Wettbewerb um Offshore-Projekte der europäischen und US-amerikanischen Anwender fechten die etablierten Offshorer nicht allein mit den westlichen Konkurrenten aus, die allesamt große Niederlassungen in Indien unterhalten, sondern zunehmend auch mit anderen Nationen. Die größten Offshore-Länder nach Indien sind laut einer Erhebung des "Fortune Magazine" heute China und Russland. Während im Reich der Mitte etablierte Offshore-Anbieter und IT-Dienstleister aus Indien, Europa und den USA um chinesische Hochschulabsolventen werben, hat sich in Russland eine dem indischen Erfolgsmodell vergleichbare Unternehmenskultur etabliert.

Die größten Anbieter von russischen Offshore-Ressourcen Luxoft, Epam Systems und Exigen wurden Anfang der 90er Jahre gegründet. Sie haben sich zum Teil ausdrücklich auf den Export von IT-Services spezialisiert. "60 Prozent der Ausfuhren gehen in die USA", berichtet beispielsweise Valentin Makarov, Präsident des russischen und weißrussischen IT-Verbands Russoft. "Der Grund dafür ist einfach: Die US-Anwender waren die Ersten, die ihre IT ausgelagert haben und wenig Bedenken bei der Verlagerung ins Ausland hatten." Dabei sind die russischen Provider zum Teil sehr konsequent vorgegangen und haben Management-Strukturen nach US-amerikanischem Vorbild aufgebaut und Niederlassungen in den USA eingerichtet. "50 Prozent des Umsatzes erzielen wir in den USA, doch der Anteil schrumpft zugunsten des europäischen Geschäfts", bestätigte auch Sergey Karas, Vice President Global Strategy bei Luxoft, die Konzentration auf US-Kunden.

Russische Startschwierigkeiten

Eine für hiesige Anwender interessante Alternative ist der kleinere Anbieter Reksoft, der gezielt den deutschen Markt anspricht. Unternehmensgründer Alexander Egorov hat lange Zeit in Deutschland und der Schweiz gelebt und stellt bevorzugt deutschsprachige Mitarbeiter ein. Doch mittlerweile zeigen auch die großen Konkurrenten verstärkte Aktivitäten im hiesigen IT-Servicemarkt. Luxoft unterhält seit Februar 2008 ein Büro in Frankfurt am Main. Seit 2006 ist Epam in Deutschland mit einer eigenen Niederlassung vertreten.

Die deutschen Anwender, so Russoft-Funktionär Makarov, interessieren sich erst langsam für die IT-Leistung aus dem Ausland. Zunächst einmal mussten die hiesigen Kunden überhaupt erst Erfahrungen mit dem Outsourcing sammeln. Dort wo Interesse an Offshore-Services aufkeimt, richten die Verantwortlichen den Blick zunächst einmal gen Indien. Das ist verständlich, weil die indischen Provider im Wettbewerb um die westeuropäische Kundschaft mit stabilen Unternehmensstrukturen, viel mehr Mitarbeitern, Erfahrung, englischen Sprachkenntnissen und ausgefeilten Entwicklungsprozessen punkten können. Beispielsweise ist die Zertifizierung nach CMMI Level 5 unter indischen Providern kein Unterscheidungsmerkmal, sondern eine Selbstverständlichkeit. Große russische Anbieter wie Luxoft und Exigen haben ihre Abläufe ebenfalls an CMMI Level 5 ausgerichtet, doch das ist keineswegs üblich.

Die russischen Anbieter haben einen pragmatischen Weg gewählt, um der gut aufgestellten Konkurrenz auszuweichen: Den indischen Offshore-Anbietern überlässt man gerne Großprojekte in der Anwendungsentwicklung und im Support. "Einfache Vorhaben ohne wissenschaftlichen Anspruch mögen die Russen nicht", beschreibt Russland-Kenner Mathias Weber, Bereichsleiter IT-Services beim deutschen Branchenverband Bitkom. Zwar betonen alle Anbieter, dass sie anspruchsvolle Aufgaben von der Beratung und Architekturdesign bis hin zu Implementierung und Testing bewältigen können. Doch russische Experten werden häufig auch mit der Codierung betraut. Wichtige Branchen sind etwa die Telekommunikation, IT-Anbieter und Banken. Aber auch Handel und Automobilindustrie decken ihren Entwicklungsbedarf zum Teil in Russland. Häufig gibt es Anfragen für Embedded-Software-Projekte, aber auch Web-basierende Applikationen aus Russland sind gefragt. Für klassische ERP-Vorhaben und die Pflege betriebswirtschaftlicher Bestandssoftware auf dem Großrechner ist Russland nicht zwingend erste Wahl. "Unser Schwerpunkt ist nicht die Mainframe-Entwicklung. Wir betreiben lieber Java-, .NET- und Netweaver-Projekte", klärt Thomas Feindt, Senior Director Consulting bei Epam, auf.

Leistungsstarke Hochschulen

Die Zeit ist günstig für russische IT-Dienstleistungen. "Das Zeitfenster ist vielleicht noch fünf bis zehn Jahre geöffnet, dann ist der Bedarf der russischen Wirtschaft so groß, dass sie selbst alle IT-Ressourcen beansprucht", prognostiziert Makarov. Derzeit profitieren die auf den Export ausgerichteten IT-Dienstleister noch von dem enormen Output des Hochschulsystems. Rund 52 000 IT-Experten arbeiten derzeit für den russischen IT-Export, jedes Jahr kommen rund 10 000 Universitätsabsolventen hinzu, die ausschließlich für IT-Unternehmen im Ausland tätig sind.

Auf der Suche nach Kunden in Westeuropa werben die russischen Anbieter vor allem mit der geografischen und kulturellen Nähe. "Die Dokumentation und Prozesstreue ist nicht so stark ausgeprägt wie in den Vorhaben in Deutschland", schildert Rüdiger Striemer, Vorstandsmitglied der Adesso AG Deutschland, seine Erfahrung aus einem laufenden Projekt mit der ersten russischen Lotteriegesellschaft. "Die Russen krempeln gerne mal die Ärmel hoch und legen los, ohne sich um vereinbarte Abläufe zu scheren." Auch Termine werden verschoben. Das gilt nicht nur für den Projektplan, sondern auch für Meetings. "Man muss Flexibilität zeigen. Die kurzfristige Verschiebung ist keinesfalls Zeichen einer Geringschätzung, sondern Teil der kreativen russischen Arbeitsweise", schildert Striemer.