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06.06.2006 - 

Business Report

Die SAP-Frage: Was kommt nach ESA?

Noch während es für SAP darum geht, die Kunden von der Enterprise Services Architecture zu überzeugen, müssen parallel die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Dabei bleiben viele Fragen offen.

Nach 2007 werde es zunächst einmal nichts grundlegend Neues mehr geben, versprach SAP-Chef Henning Kagermann den rund 5000 Zuhörern in seiner Keynote auf der europäischen Kundenveranstaltung Sapphire in Paris. Ab dem nächsten Jahr werde es vornehmlich darum gehen, das volle Potenzial aus der Enterprise Services Architecture herauszuholen, gab er die Marschrichtung für die Zeit nach dem Abschluss der ESA-Roadmap vor.

Die Schlacht um den Anwender

Alljährlich entfachen die beiden weltweit führenden Applikationsanbieter rund um ihre Kundenveranstaltungen ein gewaltiges Marketing-Getöse. Oracles Störfeuer begann bereits am Pariser Flughafen. Den Sapphire-Besuchern leuchteten meterhohe Transparente entgegen, auf denen der US-Konzern seine Branchenerfolge anpries. Außerdem hatte der Datenbankspezialist wenige Tage zuvor angekündigt, gemeinsam mit dem Servicepartner Systime Computers Support für SAP-Systeme anbieten zu wollen. Damit kontern die Oracle-Verantwortlichen SAPs Versuche, Anwender der übernommenen Produktlinien von Peoplesoft, J.D. Edwards und Siebel abzuwerben. 121 Kunden seien auf Betreiben des 2005 übernommenen Dienstleisters TomorrowNow bereits von Oracle abgefallen, ließ SAP in Paris verlauten. Zudem boten die Walldorfer umsteigewilligen Oracle-Kunden im Foyer der Sapphire-Hallen einen separaten Anlaufpunkt. Allerdings war der "Safe-Passage"-Stand am zweiten Tag der Veranstaltung schon wieder verschwunden. Wenigstens war es gelungen, Oracles Marketing-Feuerwerk auf Distanz zu halten. Auf allen verfügbaren Werbeflächen an der zur Sapphire nächstgelegenen Metro-Station Porte de Versailles prangten die SAP-Werbeplakate.

Kagermann beharrt auf Unabhängigkeit

SAP-Chef Henning Kagermann wies alle Spekulationen über einen Verkauf oder eine Fusion entschieden zurück. Das Gerücht hatte SAP-Mitbegründer Hasso Plattner vor wenigen Wochen in die Welt gesetzt. Sollte es ein interessantes Angebot geben, müsse sich das Votum allein nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten richten, sagte der Großaktionär und Vorsitzende des Aufsichtsrats. "Es gibt keinen Anlass für Fusionsverhandlungen", stellte indes Kagermann klar. "Aktionäre und Kunden wollen eine unabhängige SAP."

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Nach ESA gibt es eine Pause

Damit gönnen die badischen Softwerker ihrer Klientel ab dem kommenden Jahr erst einmal eine Verschnaufspause. Seit 2003 forcieren sie den Umbau der eigenen Softwarelandschaft in eine Service-orientierte Architektur (SOA), haben dabei aber den Kontakt zu vielen ihrer Anwender verloren, die größtenteils noch der alten R/3-Welt verhaftet sind. Dass der Weg nicht leicht sein werde, daraus machte der größte europäische Softwarehersteller nie einen Hehl. Wiederholt sprach das Management von einem Paradigmenwechsel. Allerdings wolle man diesen den Anwendern so leicht wie möglich machen.

Den Beweis wird SAP jetzt antreten müssen. Nachdem die Diskussionen der zurückliegenden Jahre eher technisch geprägt waren, kommt es für SAP im ESA-Endspurt nun darauf an, die Kunden von den Vorteilen der neuen Architektur zu überzeugen. Daher rückte Kagermann den Kunden in den Mittelpunkt seiner Sapphire-Eröffnung. SAP habe in den vergangenen Monaten mit vielen Firmenverantwortlichen gesprochen, um zu erfahren, was diese umtreibt. Beruhigendes Ergebnis aus SAP-Sicht: IT werde mehr und mehr strategisch verstanden. Die Anwender sähen mittlerweile ein, dass sie ihr Geschäft auf eine innovativere und flexiblere Basis stellen müssten. Glaubt man dem SAP-Chef, sind damit die gebetsmühlenartig vorgetragenen Predigten der zurückliegenden Jahre auf fruchtbaren Boden gefallen.

SAP verspricht viel

Nach der Aufspaltung des monolithischen Softwareblocks R/3 sollen Anwender künftig in der Lage sein, mit Hilfe der Business Process Platform (BPP) einzelne Softwareservices zu nutzen und damit ihre individuellen Unternehmensabläufe abzubilden, führt Kagermann aus. Die Grundlage dafür bilden die Integrationsplattform Netweaver sowie ein Service-Repository. So kämen die Anwender in den Genuss spürbarer Vorteile: Softwareeinführungen gelängen fünfmal schneller, die Produktivität lasse sich verdoppeln, die Total Cost of Ownership (TCO) halbieren und Veränderungen um den Faktor zehn beschleunigen, verspricht Kagermann.

Um in den Genuss dieser Vorteile zu kommen, müssen die Kunden jedoch eine Mysap-Lizenz kaufen. Kagermann verweist in diesem Zusammenhang auf das aktuelle Release "Mysap ERP 2005", das seinen Worten nach das erste voll servicefähige Produkt auf dem Markt ist. Eine Migration von R/3 auf Mysap sei weniger aufwändig als ein Umstieg zwischen zwei R/3-Versionen, versucht der SAP-Chef die Migrationssorgen seiner Kunden zu zerstreuen. Selbst größere Unternehmen könnten das Update binnen 45 Tagen über die Bühne bringen - zumindest wenn das System nah am Standard und nicht zu stark angepasst ist, relativierte Bernd-Michael Rumpf, Leiter des SAP-Bereichs Field Services, später.

Tausende sollen migrieren

Der für die Produktentwicklung zuständige SAP-Vorstand Shai Agassi ist dennoch zuversichtlich, dass die derzeit knapp 35000 Anwenderunternehmen den von der SAP aufgezeigten Softwarepfad einschlagen werden. Er geht in den kommenden 18 Monaten von rund 6000 Migrationen auf Mysap-Lösungen aus. Während der darauf folgenden zwölf Monate werde diese Zahl auf 15 000 steigen. Ende 2009 hätten dann nur noch zwei bis fünf Prozent der Kunden keinen Mysap-Vertrag.

Mysap - Lockruf des Geldes

Marktbeobachter teilen diesen Optimismus nicht. Laut einer Untersuchung der Analysten von Raad Consult vom Ende vergangenen Jahres steigen SAP-Kunden nur zögerlich auf die neue Technik um. Wer derzeit einen Mysap-Vertrag unterzeichne, habe in erster Linie im Auge, dass der Hersteller für vorhandene Altsysteme jedes Jahr weniger auf den Preis anrechne. Produktiv einsetzen würden die neue Software dagegen die wenigsten. Raad-Geschäftsführer Nils Niehörster schätzt, dass rund die Hälfte von SAPs Bestandskunden noch keinen Mysap-Vertrag abgeschlossen hat.

SAP hat in den vergangenen Jahren dennoch einen guten Job gemacht, gesteht Niehörster dem deutschen Softwareriesen zu. So haben die Walldorfer bislang ihre vor zwei Jahren vorgestellte Roadmap punktgenau eingehalten. SAP hat erfüllt, was versprochen wurde, lobt auch Christian Glas von Pierre Audoin Consultants (PAC). Ferner dürfte die Versicherung Kagermanns, es gebe über 2007 hinaus zunächst keine großen Veränderungen, die Kunden erst einmal beruhigen. Auch Rüdiger Spies, Analyst der Experton Group, hält den Walldorfern zugute, sie hätten in den zurückliegenden Jahren den einmal eingeschlagenen Kurs gehalten. Das sei nicht immer üblich in der Branche.

Spies vergleicht die Entwicklung mit dem Hype um E-Business vor wenigen Jahren. Mittlerweile erzählten zwar alle Hersteller das Gleiche, diese Marketing-Maschinerie tue aber ihre Wirkung. Auch die Kunden seien inzwischen mehr und mehr davon überzeugt, sie bräuchten SOA. Allerdings, so schränkt Spies ein, werden dabei noch die Finanzchefs ein gewichtiges Wort mitreden.

Die Chief Financial Officers (CFOs) könnten die Pläne SAPs gefährden. Um auch nach ESA das von der Börse geforderte Wachstum zu sichern, müssen sich die Walldorfer etwas einfallen lassen. Zwar kurbeln derzeit Neukunden in Amerika und Asien das Lizenzgeschäft an. Auf dem heimischen Europa-Markt tut sich SAP jedoch schwer, das Softwaregeschäft am Laufen zu halten. Upgrades auf Mysap-Verträge bilden hier die Grundlage des Lizenzgeschäfts. Ist die Migration auf Mysap abgeschlossen, stellt sich für SAP die Frage, woher die künftigen Lizenzeinnahmen kommen sollen.

SAPs Führungsetage arbeitet derzeit fieberhaft an Antworten. So soll das Mittelstandsgeschäft weiter ausgebaut werden. Bis 2010 will SAP seine Kundenzahl von derzeit etwa 35000 auf 100000 steigern. Der Großteil der Zuwächse soll aus dem Mittelstand kommen.

Der Mittelstand soll’s richten

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, planen die Walldorfer, ihr Branchenprofil weiter zu schärfen. Zu den 26 existierenden Industrielösungen sollen im Lauf des Jahres bis zu 80 weitere hinzukommen, kündigte SAP-Vorstand Leo Apotheker an. Diese Entwicklung forcieren sollen sechs weltweit verteilte Solution Centers. Zudem würden Partner bis zu 1000 "Micro Verticals" entwickeln, um die Industrielösungen an die Belange einzelner Nischen anzupassen.

Daneben will SAP auch in den Reihen der Bestandskunden mehr Anwender auf ihre Seite ziehen. Im Visier haben die Walldorfer dabei den "Information Worker". Dessen Produktivität soll verbessert werden, kündigte Kagermann an. Dabei helfen könnten unter anderem zusätzliche Analysefunktionen, die den Nutzern rollenbezogen über ein einfach aufgebautes User Interface präsentiert werden sollen. Derzeit arbeiten die Walldorfer in dem kürzlich vorgestellten "Project Muse" an der Entwicklung verbesserter Benutzerschnittstellen. Darüber hinaus sollen noch im Juni mit dem Produkt "Duet" die ersten Früchte des gemeinsam mit Microsoft vor einem Jahr begonnenen Vorhabens "Mendocino" auf den Markt kommen. Damit ließen sich Microsofts Frontend-Produkte mit dem SAP-Backend verzahnen.

Die Chancen für SAP, vor allem mit Duet neue Benutzerschichten zu erschließen, stehen den Analysten zufolge nicht schlecht. Allerdings mahnen die Marktforscher zugleich ein modifiziertes Preismodell an. Nutzer, die nur gelegentlich via Microsofts Office-Applikationen auf SAP-Applikationen zugriffen, fänden sich bislang nicht in den Preislisten wieder.

Doch mit den Preismodellen tut sich SAP offenbar schwer. Seit Monaten kursieren Gerüchte, Walldorf arbeite an einer komplett neuen Preisliste. Doch die SAP-Verantwortlichen schweigen beharrlich. Obwohl Duet in wenigen Wochen auf den Markt kommen soll, hat sich SAP bislang noch nicht zu einer offiziellen Preisaussage durchringen können. Inoffiziell ist die Rede von 100 Euro beziehungsweise 125 Dollar pro User. Kagermann sprach gegenüber der COMPUTERWOCHE-Schwesterpublikation "CIO" von individuellen Preisfindungsprozessen. Auch zu den Kosten für den Zugriff auf das SAP-Backend via Duet gibt es keine konkreten Aussagen. Agassi bestätigte lediglich, dass dafür zusätzlich eine Mysap-Lizenz notwendig sei.

SAP will sich aber noch nicht in die Karten schauen lassen, meint Glas von PAC. Veröffentliche Walldorf vorschnell konkrete Preise, würden Wettbewerber wie Oracle sofort darüber herfallen und mit Beispielrechnungen aufwarten, wie teuer die Produkte SAPs seien.

Nach außen gibt sich das SAP-Management, was Preise und Lizenzen anbelangt, betont gelassen. Das Pricing sei kein Problem, wenn es gelinge, die Anwender von den Vorteilen der Lösung zu überzeugen, argumentiert Agassi. Ob sich die Finanzchefs, die letzten Endes die Investitionen in zusätz- liche Zugänge zur SAP-Software bezahlen, dieser Argumenta- tion anschließen, bleibt abzuwarten.