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12.04.1985

Die Satellitenübertragung nach Tokio steht...

Von Dr. Wolfgang J. Schneider

In den Büros der Chaos Computer Corporation herrscht die übliche Hektik. Es muß der letzte Schliff an die Demo-Programme für die Hannover-Messe gelegt werden. Friedrich Hakker, der anerkannte Experte für solche Dinge, hält dazu wieder einmal einen seiner berühmten Workshops mit dem Titel "Wie erwecke ich den Eindruck eines funktionstüchtigen Programmes?"

"So können Sie das Paket nicht vorführen, Maier. Da sieht doch jeder, daß das Schrott - Programme sind!"

"Wieso, das Paket ist seit zwei Jahren im Einsatz und läuft vollkommen fehlerfrei".

"Das interessiert doch keinen Menschen. Das Ami-Datum da oben schreckt jeden Käufer ab. Und der Zugriff auf Artikel und Kunden dauert mir viel zu lange".

"Das Datum ist absichtlich im Format Jahr - Monat - Tag, weil unser Pilotanwender die Vorteile dieses Systems längst erkannt hat. Der Zugriff ist doch ohnehin schnell, die Floppy braucht eben so lange; ich habe das komplett durchoptimiert!"

Hackers Gesicht nimmt langsam die Farbe einer reifen Tomate an. "Sie Unglücksmensch", explodiert er, "wollen Sie mir sagen, daß Sie Ihre Testdateien nicht im Speicher haben, sondern auf der Floppy? Drei Kunden und fünf Artikel, habe ich gesagt; mehr kann man auf einem Vorführsystem ohnedies nicht verkraften".

"Wieso?" fragt Maier verständnislos.

"Weil die von uns entwickelten Demo-Programme keinen Seitenüberlauf vertragen. Oder wollen Sie mir allen Ernstes sagen, daß Sie den Überlauf berücksichtigen?"

"Ja doch, ich sagte ja schon, daß dies ein im Feld ausgetestetes Paket ist".

Hacker beginnt diabolisch zu grinsen und lehnt sich mit beiden Händen auf die Tastatur. "Jetzt werde ich Ihrem blöden Programm den Garaus machen". Als die Meldung "Kd-nr falsch/bitte neu eingeben" auf dem Bildschirm erscheint, schüttelt Hacker fassungslos den Kopf. "Wieso verträgt das Ihr Programm?"

"Weil es in der Praxis auch schon vorgekommen ist, daß jemand einen Aktenordner auf die Tastatur gelegt hat. Also mußte ich auch solche Dinge wasserdicht lösen", antwortet Maier.

"Okay, ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie ändern das Datum von JJ/MM/TT auf TT.MM.JJ - dafür vergesse ich den ganzen Vorfall und werde Sie nicht wegen Ihrer eigenwilligen Arbeitsweise bei der Geschäftsleitung verpfeifen" sagt Hacker und geht hinüber zu den Systemprogrammierern. Dort gibt es für ihn solche unangenehmen Überraschungen üblicherweise nicht.

Mit flackerndem Blick erwartet ihn dort schon Wilhelm Müller, besser bekannt unter dem Namen "Willi, der Wahnsinnige". "Ich habe eine Methode entdeckt, die Eingabe der Systembefehle zu rationalisieren. Ich benutze nur mehr die Tasten S-D-X-C und minimiere dadurch nicht nur die Länge der Bezeichnung.

Die Entdeckung ist auch ergonomisch sehr wertvoll; denn der Bediener muß die Finger nicht mehr über die ganze Tastatur hinwegbewegen, sondern nur mehr innerhalb dieser vier Tasten. Die Befehle lauten also XSDC, SCDX, SXCD und so weiter . . . "

Hacker strahlt. "Das ist eine geniale Idee. Das kann ich viel besser vermarkten als diese blöde Anwendung da drüben".

Willi nickt. "Ich habe nur gewisse Schwierigkeiten, mir die Befehle zu merken. Glauben Sie, daß es da Probleme in der Praxis geben könnte?"

Hacker verzieht geringschätzig den Mund. "Das habe ich Euch jetzt schon so oft eingetrichtert. Wenn ein Kunde meint, daß es schwierig wäre, mit einem Programm oder System zurechtzukommen, erzählt ihm, daß der sechsjährige schwachsinnige Sohn des Nachbarn am vorigen Wochenende die Bedienung auf Anhieb verstanden hätte. Da getraut sich doch keiner mehr zuzugeben, daß er es nicht versteht. Denken, Leute, denken!"

"Wie geht es denn mit dem Leasing-Abrechnungspaket?" fragt Hacker, als er zur Projektgruppe Neumann hinüberschlendert. "Habt Ihr alles so gemacht, wie ich es Euch gesagt habe?"

"Klar, Herr Hacker. Auf uns ist ja Verlaß. Ein komplexer Fall mit allem, was es gibt, funktioniert bestens. Man kann zwar nur gewisse Werte eingeben, sonst klappt es nicht richtig und schlägt mir die Dateien kaputt. Aber das fange ich ganz einfach im Programm ab, indem ich alle anderen Werte ablehne. Bei der Messehektik kann ich dann immer noch sagen, ich hätte mich vertippt und ein ungültiges Zeichen eingegeben."

"Sehr gut, Susi. Ein komplizierter Fall und drei einfache, mehr Platz haben wir sowieso nicht auf dem Demo-System. Ich gehe jetzt rüber zu den Leuten von der De-Eff-Ue."

Hacker denkt mit Grauen an die Datenfernübertragung mit "Berlin" im letzten Jahr. Von Interessenten umlagert, hatten sie die Leitung aufgebaut und die Frage gestellt "Hallo, ist da Berlin, hört Ihr uns?", und dann kam laut und deutlich die Antwort hinter der viel zu dünnen Pappwand hervor: "Hier ist Berlin, wir hören Euch gut!" Eine solche Blamage hatte es für ihn, den Demo-Guru, noch nie gegeben.

"Herr Hacker, wir haben es komplett durchgecheckt. Es wird sicher nie mehr passieren. Die Kabine ist absolut schalldicht!"

"Das will ich hoffen! Ich habe geglaubt, mich trifft der Schlag, als ich ihre blöde Stimme statt übers Telefon direkt aus der Wand gehört habe. Die Satellitenübertragung nach Tokio steht also."

Beruhigt fährt Hacker zurück in sein Büro. Hannover 1985 ist für ihn und seine Klienten praktisch schon gelaufen. Und eine Möglichkeit hat er sich für den schlimmsten Fall immer noch offengelassen: Er kann jederzeit mit einem neuen Seminarangebot auf den Markt gehen: "Wie erkenne ich getürkte Demo-Programme?"

. . . Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sowie mehr oder weniger wahren Begebenheiten wären selbstverständlich rein zufällig.

Dr. Wolfgang J. Schneider ist Unternehmensberater für Datenverarbeitung in Wien.