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03.03.1978

Die Schachprogramme lernen dazu:Großmeister demnächst zu kleine Computer-Gegner

MÜNCHEN (ik) - Zum erstenmal in der Geschichte des über 1200 Jahre alten Schachspiels wurde ein internationaler Titelträger von einer Maschine besiegt!

Ort des Geschehens: Seattle im US-Bundesstaat Washington. Anlaß: Die amerikanische Meisterschaft der Schachprogramme. Sieger wurde das verbesserte Weltmeisterschaftprogramm 77 "Chess 4.6" von David Slate und Larry Atkin von der Northwestern University Illinois. Gespielt wurde auf einer Cyber 176 von Control Data.

Großspurig hatte der besiegte Internationale Meister David Levy im August 1968 um 1250 Pfund Sterling gewettet: "Mich wird 10 Jahre lang kein Computerprogramm bezwingen." Er hat bei seiner jetzt erlittenen Niederlage noch Glück gehabt. Weil es ein Simultanspiel (mit mehreren Programmen gleichzeitig) war, wurde seine Verlustpartie nicht in die Wette einbezogen.

Das siegreiche "Chess 4.6." vereinigte nun alles, was im 18. Jahrhundert Wolfgang von Kempelen, der erste "Konstrukteur" einer Schachmaschine hat erreichen wollen: unvorstellbare Schnelligkeit, solides schachliches Wissen und sichere Spielführung.

Was am Hofe Maria Theresias noch der französische Zwergschachmeister Mouret, versteckt im Innern von Kempelens Spielautomaten, höchstpersönlich ausführen mußte, besorgen heute im Cyber-Rechner Zug-Generatoren in 4000 Nanosekunden.

Noch in den 60er Jahren überforderte die Größenordnung des Variantenbaumes (10 120) die Los-Alamos-Studiengruppe, die damals Maniac I (50- bis 150mal langsamer als Cyber) einsetzte.

"Chess 4.6" kann sich schon an 5600 Eröffnungspositionen erinnern und nach jedem Zug bis 400000 Positionen analysieren. Der gute Schachmeister vermag dagegen nur bis zu 50 Stellungen nachzuprüfen.

Der Vergleich (10 4:1) ist vernichtend: Der Mensch müßte sich schon längst dem Mammutkyberneten geschlagen geben. Doch noch ist der Mensch der Maschine überlegen. Denn die Probleme des Rechners, eine perfekte Partie zu spielen, liegen eben in den zahlreichen Verzweigungen. Die Potenz 10 120 übersteigt bisher einfach die Kapazität auch der gewiltigsten Computer-Jumbos. Zum quantitativen Denken kommt im Schach stets das Intuitive hinzu. Der englische Schriftsteller Mason rechnete aus, daß schon nach 10 Zügen 169518829100544000000000000 verschiedene Stellungen entstehen können. Die Aussichtslosigkeit, diese Zahl der Kombinationsmöglichkeiten in endlicher Zeit durchlaufen lassen zu können, machte die drastische Beschneidung der Baumabzweigungen notwendig. Erst das Brainstorming der Wissenschaftler und hervorragender Profispieler in den vergangenen 20 Jahren näherte die künstliche Intelligenz der Maschinen dem Niveau der menschlichen Kreativität und Intuition an. (Siehe CW Nr. 8 vom 17. 2. 78 "So lernte der Computer Schachspielen".) Das Modernste davon wird im "Chess 4.6" angewandt: Anhand der Bewertung der Felder Materialstruktur, Königslage, Eröffnungs- und Endspielchancen etc. wurde der sogenannte Alpha-Beta-Algorithmus vervollkommnet. Mit Hilfe von einigen Unterprogrammen wird schließlich die Strategie und Taktik der Spielführung von einem "Overall"-Programm nach Prioritäten ausgearbeitet.

Die erhöhte Tiefe und Breite des Kombinationsbaumes von 4 bis mindestens 7,5 Halbzügen brachte immerhin erwähnenswerte Siege gegen starke Experten der A-Klasse beim Minnesota-Open-Turnier im Februar 77. Damit erreichte der Automat die amtliche Spielstärke von 2271 Elopunkten. Nach dem amerikanischen Physiker (...)rpad E. Elo werden Schachspieler und Schachprogramme in ihrer Leistungsstärke nach Punkten bewertet. Spieler ohne jede Erfahrung fangen beispielsweise mit rund 1500 Elopunkten an. Spielt ein Neuling nun gegen einen Gegner mit 2000 Elopunkten und gewinnt, so bekommt er 20 Elopunkte auf das arithmetische Mittel aus der Elopunkt-Spielstärke beider Gegner. Mit der Zeit und den Siegen "läppern" sich die Elo-Punkte zusammen. Bei Verlust gibt es Abzug. (Weltmeister Karpow wird mit 2700 Elopunkten bewertet.) Die Frage, ob die elektronischen Gehirne je den Spitzenspielern überlegen sein können, rückt mit diesem bemerkenswerten Ergebnis gegen den Internationalen Meister David Levy (Elozahl 2325) aber immerhin näher.