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Studenten bereiten den Einstieg ins Arbeitsleben vor


16.10.1998 - 

Die Schnittmenge zwischen Informatik und Wirtschaft finden

Eine Frage hat Geralf Einert sich gut durch den Kopf gehen lassen, bevor er Bewerbungen schrieb: "Beginne ich mein Berufsleben in einer kleinen Firma, wo mir die Tätigkeit, das Umfeld und die Bezahlung zusagen, oder gehe ich lieber in ein Großunternehmen, in dem die jungen Nachwuchsführungskräfte durch ein intensives innerbetriebliches Qualifizierungsprogramm geschleust werden?" Entschieden hat sich der junge Münchner Informatiker schließlich für einen kleinen Betrieb. Dieser erstellt maßgeschneiderte Software für Verkehrsbetriebe.

Daß der TU-Student überhaupt so wählerisch sein kann, hängt zum einen mit der großen Nachfrage nach akademischen IT-Fachkräften zusammen, zum anderen mit den Marktkenntnissen, die sich Einert im Laufe des Studiums erwarb. Noch bevor er das Diplom endgültig in der Tasche hatte, arbeitete er sich in seiner Firma als Werkstudent ein.

In der Arbeitsmarkt-Information für Informatikerinnen und Informatiker der Frankfurter Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) listet Sigmar Gleiser aktuelle Qualifikationsanforderungen für die Berufsanfänger der Branche auf: sehr gute Diplomnote, Zusatzkenntnisse aus dem Bereich des künftigen Arbeitgebers, Praxiserfahrung vor und während des Studiums, soziale Kompetenz und Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit, hohe Belastbarkeit, englische und andere europäische Sprachkenntnisse, Promotion im Falle einer angestrebten wissenschaflichen Laufbahn.

Hohe Anforderungen also an Einsteiger, die nicht nur irgendeine Stelle in der expandierenden IT-Welt wollen, sondern konkrete Wünsche haben. Geralf Einert weiß zwar, daß die "Netzwerktechnik der große Markt der Zukunft" ist. Doch er hat sich anhand der Studieninhalte und eines einschlägigen Firmenpraktikums davon überzeugt, "daß mir das berufsmäßig zu langweilig wäre". Das sieht Fachkollegin Ulrike Hammerschall genauso. Sie liebäugelt deshalb mit dem Bereich Software-Engineering. "Herausfinden, was der Kunde braucht und dann dafür eine Softwarelösung entwickeln", das reizt die junge Informatikerin.

Gerade an der Schnittstelle zwischen Technik und Kundenanforderung liegt noch vieles im argen, wissen die beiden angehenden Informatiker. Software-Projekte gehen in der Praxis oft nicht nur wegen des Termindrucks schief, unter dem sie entwickelt werden, sagen Einert und Hammerschall. Das Hauptproblem bestehe in der fehlenden Akzeptanz, nicht hundertprozentig passender DV-Lösungen, die noch viel zu wenig ausgewertet sind.

Sind im Studium Praxis und Theorie, Betrieb und Hochschule sinnvoll aufeinander bezogen? Richtig sei der Weg, meinen die beiden Nachwuchskräfte, wenn die Universität Theorie und breite fachliche Grundlagen vermittelt. Sie solle jedoch nicht "mit der Schnellebigkeit draußen mithalten und jeder technischen Mode hinterherlaufen."

Daß die Universitäten die berühmten sozialen Kompetenzen - von der Teamarbeit bis zum vernetzten Denken - nicht vermitteln würden, sehen die Befragten nicht: Von Anfang an seien sie an der TU angehalten worden, informationstechnische Probleme gemeinsam zu lösen und in Studienprojekten zusammenzuarbeiten. Was sie daraus machten, hänge jedoch von ihnen selber ab. Nach Einert überfrachtet die Wirtschaft die Hochschulen mit ihren Forderungen, wenn Betriebe von frisch eingestellten Nachwuchskräften bereits ausgeprägte Führungsfähigkeiten erwarten.

Was die fächerübergreifende Zusammenschau angeht, wünscht sich Ulrike Hammerschall gezielte Angebote der Hochschule: "Wenn ich reinschnüffeln will, wo die Schnittmengen zwischen Informatik und Wirtschaft oder Informatik und Jura liegen, hilft mir die Einführungsvorlesung im jeweiligen Fachgebiet wenig.

Viel wichtiger fanden beide in- und ausländische Praktika, die sie im Laufe ihres Studiums absolviert haben. "Es macht Spaß, an der Uni an einem Problem herumzuknobeln", sagt Hammerschall, "aber ich muß mich auch immer mit der Realität konfrontieren." Neben dem Praxisbezug gewinne man in den Firmen wertvolle Kontakte, ergänzt Einert, "und lernt sogar, was man auf Dauer nicht machen will". Obwohl die TU München von den Informatikern kein Pflichtpraktikum verlangt, kennen die beiden niemanden, der in den Semesterferien nicht in der DV-Branche arbeitet.

Weitere Brückenschläge von der Hochschule zum Berufsalltag haben die angehenden Diplominformatiker schätzen gelernt: Bei einer Veranstaltungsreihe an der TU stellen ehemalige Informatikabsolventen den Job vor, in dem sie inzwischen erfolgreich sind. Ab und zu kommen Unternehmensvertreter an die Uni und berichten über die Aufgabenpalette in ihrem Betrieb. Manche Lehrstühle vermitteln regelmäßig Diplomarbeiten, die Studierende in Zusammenarbeit mit Firmen machen können. Auch auf IT-Messen beteht eine gute Möglichkeit, einschlägige Unternehmen und ihr Aufgabenspektrum kennenzulernen. Hammerschall und Einert sind aber überzeugt: "Die Aufgabe der Uni ist es, uns die Grundlagen zu vermitteln, damit wir uns immer wieder schnell in neue Sachen einarbeiten können. Es kann im Studium nicht darum gehen, auf eine spezielle DV-Lösung, wie etwa SAP, getrimmt zu werden". Das sei Aufgabe der Arbeitgeber, betonen die beiden Studierenden. Nicht umsonst gelte in der Branche die Faustregel: Wer mit einem neuen Job beginne, brauche etwa ein halbes Jahr Einarbeitungszeit. Das müsse, sagen Hammerschall und Einert selbstbewußt, auch für Berufsanfänger gelten.

Alle Arbeitsmarktforscher weisen denn derzeit auch darauf hin, daß Firmen der IT-Branche Abstriche bei den Erwartungen an die Nachwuchskräfte machen müssen. Das gelte besonders für die Bereiche Anwendungsentwicklung und Netzwerktechnik. Doch die Berufsfeldexperten mischen auch zwei Wermutstropfen in die rosigen Zukunftsaussichten junger Informatiker und Informatikerinnen: Das Risiko, arbeitslos zu werden, steigt bereits ab dem 35. Lebensjahr sprunghaft an. Für Frauen ist die Jobunsicherheit nach wie vor viel größer: Pendelt sich ihr Anteil an den Hochschulstudierenden bundesweit auf elf bis 13 Prozent ein, machen sie 30 Prozent der arbeitslos gemeldeten Informatiker aus.

Helga Ballauf ist freie Journalistin in München.