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24.11.2000 - 

Strategisches Informations-Management/Wie lässt sich der Wandel managen?

Die schöne neue E-Welt wird die IT verändern

E-Business-Projekte, derzeit das "Strategiethema" Nummer eins, greifen intensiv in die Aufbau- und Ablauforganisation eines Unternehmens ein. Neue Techniken verlagern zudem die entscheidenden Aufgaben in Richtung Spezialisten und Architekten. Beides hat Auswirkungen auf die Rolle der Unternehmens-IT. Von Michael Bauer*

Die IT durchlebt zurzeit zwei wesentliche Veränderungen: Zum einen erweitert sich das Einsatzspektrum der DV-Lösungen von der Unterstützung interner Nutzer zur Integration externer Anwender und Unternehmen - kurz gesagt zum "E-Business". Zum anderen kommt auf die IT eine neue Welle von Technologien und Infrastrukturprodukten zu: Waren die Kernanwendungen bislang in proprietärer Technik - Mainframe, AS/400 und/oder SAP - realisiert, so erfordern die neuen Anwendungen Internet-Technik, Application Server, Java, XML etc. Diese beiden Veränderungstendenzen üben erheblichen Einfluss auf die IT aus - auf ihre Rolle im Unternehmen und auf ihre fachlichen Kompetenzen.

Der Begriff E-Business beschreibt ein weites Feld von Anwendungen. Er umfasst die elektronische Anbindung externer Partner an die DV-Anwendungen eines Unternehmens - nicht nur Kunden oder Lieferanten, sondern sämtliche Geschäftspartner einer Firma: Dienstleister, Logistikunternehmen, Banken, Versicherungen, Agenturen, Zollbehörden, Sachverständige und andere.

Das bedeutet gleichzeitig, dass die Anwendungsbreite von EBusiness über reine Shopping- und Bestellsysteme, also den "E-Commerce", hinausgeht. Im Prinzip gibt es für alle Funktionen in einem Unternehmen externe Partner und damit auch die Möglichkeit einer elektronischen Zusammenarbeit.

Für die Unternehmen stehen zunächst diejenigen Anwendungsgebiete im Vordergrund, die sich auf den Geschäftserfolg auswirken. Das sind Anwendungen in die Richtungen "Kunde" und "Lieferant". Da jedes Unternehmen im gesamten Wertschöpfungsprozess sowohl als Kunde als auch als Lieferant fungiert, entstehen in beiden Bereichen neue E-Business-Lösungen. Denn der Beschaffungsprozess des Unternehmens A ist verzahnt mit dem Lieferprozess des Unternehmens B.

Natürlich gibt es je nach Branche unterschiedliche Schwerpunkte. So wird für Handelsunternehmen der Online-Vertrieb wichtiger sein als für Versicherungen, und für Fertigungsunternehmen hat eine Online-Beschaffung sicher mehr Bedeutung als für Banken. In der Summe ergibt sich ein Spektrum neuer IT-Anwendungen, wie es die nebenstehende Abbildung zeigt.

Wenn E-Business-Lösungen neue geschäftliche Möglichkeiten erschließen sollen, darf ihre praktische Umsetzung nicht ewig dauern. Die Mitbewerber schlafen nicht, der Faktor "Time to market" ist von größter Wichtigkeit. Inzwischen liegt die Erwartungshaltung der Auftraggeber bei sechs bis neun Monaten Fertigstellungszeit - vor allem, weil schon innerhalb eines Jahres die erste Überarbeitung fällig wird. Welche Konsequenzen zieht diese Anforderung nach sich?

-Der klassische Prozess mit der Erstellung eines umfangreichen Pflichtenhefts ist für diese Art von Projekt nicht mehr geeignet. Die Unternehmen werden mit gröberen Spezifikationen leben und auf das Wissen der Realisierer vertrauen müssen.

-Notwendig ist die Konzentration auf die wirklich geschäftsrelevanten Funktionen ("80-zu-20-Ansatz"), ohne Schnörkel und Finessen zu berücksichtigen. Das setzt unter anderem das Verständnis der Fachbereiche voraus.

-Komplette Eigenentwicklungen sind nicht mehr möglich. Stattdessen muss eine Infrastruktur aufgebaut werden, die es erlaubt, aus fremdbezogenen und eigenen Komponenten innerhalb kürzester Zeit Anwendungen zusammenzustellen.

-Eine notwendige Bedingung sind ausreichende personelle Kapazitäten seitens der IT sowie der beteiligten Fachbereiche. Dazu ist es notwendig, dass auch die oberen Management-Ebenen ein echtes Interesse an der Einführung von E-Business-Lösungen haben.

Insbesondere der zuletzt genannte Aspekt hängt mit einer weiteren Besonderheit von E-Business-Projekten zusammen: Sie greifen intensiv in die Aufbau- und Ablauforganisation eines Unternehmens ein.

E-Business-Lösungen sind "politisch", sie verändern die gewachsenen Strukturen und Abläufe. Damit können sie das bestehende Machtgefüge, also die bisherigen Kompetenzen, ins Wanken bringen. Welche Aufgaben hat zum Beispiel der Einkauf noch, wenn die Bedarfsträger die Beschaffung mittels einer E-Procurement-Lösung in Selbstbedienung erledigen? Welche Tätigkeiten und Planstellen entfallen damit? Was wird beispielsweise aus einer Auftragsabteilung, wenn die Kunden direkt elektronisch bestellen? Welche Rolle spielen dann Vertrieb und Außendienst?

Da E-Business-Lösungen zur Umgestaltung von Strukturen und Abläufen führen, sind sie primär Projekte der Fachbereiche. Das bedeutet:

-Wegen der gravierenden Auswirkungen auf das Unternehmen ist es unabdingbar, dass die Führungsebene voll hinter den E-Business-Projekten steht.

-Die treibende Kraft in den Projekten sollte die Fachabteilung sein. Allerdings ist das Wissen um das technologisch Machbare dort wenig verbreitet. Deshalb müssen die Schlüsselpersonen der betroffenen Unternehmensbereiche und die IT-Kräfte gemeinsam im Projektteam arbeiten.

-Das Team und das Projekt-Management brauchen Kompetenzen, die ihnen erlauben, auch weit gehende und bereichsübergreifende Entscheidungen zu treffen.

Manche DV-Systeme kennen keine KundenDie erforderliche Zusammenarbeit funktioniert in der Praxis aber häufig nicht. Deshalb haben sich viele IT-Manager beklagt, dass sie in E-Business-Projekte nicht oder nur unzureichend eingebunden werden (siehe CW 44/00, Seite 1 sowie 77 und 78).

Vielfach werden E-Business-Lösungen komplett von Externen realisiert. Diese Entscheidung liegt zumeist darin begründet, dass schon die Web-Präsenz des Unternehmens von einer Internet-Agentur gebaut wurde. Die Aufgabe, diese Präsenz zu Geschäftsanwendungen zu erweitern, wird folglich ebenfalls nach außen vergeben. Die Folge: Die IT kann kein eigenes Know-how in den neuen Technologien aufbauen.

Ein Problem ist vor allem die Integration der neuen Lösungen mit der vorhandenen Anwendungslandschaft. Was bringt es beispielsweise einem Unternehmen, wenn seine Produkte in einem schönen Internet-Shop angeboten werden, aber die Aufträge manuell im ERP-System erfasst werden müssen? Oder wenn es ein modernes System für die Sales-Force-Automation (SFA) einführt, aber der Vertriebsmitarbeiter keine aktuellen Kundendaten aus den operativen Systemen erhalten kann?

Gerade im letzteren Fall lässt sich der Mangel meist darauf zurückführen, dass die bestehenden Systeme die geforderten Daten gar nicht liefern können. So hatte zum Beispiel der Projektleiter eines Energieversorgers bei der Einführung einer SFA-Lösung geklagt, dass "die bestehenden DV-Systeme nur Zähler, aber keine Kunden kennen".

Folgende Konsequenzen lassen sich aus diesen Erfahrungen ziehen:

-Die Integration der E-Business-Komponenten mit den operativen Anwendungen ist nicht nur ein technisches, sondern sehr stark auch ein inhaltliches Problem. Der Aufwand hierfür fällt oft höher aus als erwartet.

-Externe Berater oder Internet-Agenturen können diese Integrationsleistung nicht bieten. Deshalb gehört die eigene IT in das Projektteam.

-Die IT-Mitarbeiter sollten sich nicht nur um die bestehenden DV-Systeme kümmern, denn sonst läuft ihnen die Marktentwicklung davon. Vielmehr müssen sie selbst Kompetenz in den neuen Technologien und Architekturen aufbauen.

Die PC-lastige Client-Server-Architektur ist in den vergangenen Jahren ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Als Ablösung hat sich das Konzept des Network Computing (NC) empfohlen. Dabei wandert die Verarbeitung wieder zurück zum Server, wodurch die Arbeitsplätze zu pflegeleichten Thin Clients werden. Diese Architektur wird erst durch die Internet-Technik möglich.

Im Einzelnen sind die Anwendungen beim Network Computing gekennzeichnet durch:

-Browser-basierende Thin Clients (Code in HTML, DHTML oder als Java-Applets),

-Verlagerung der gesamten Verarbeitung auf die Server-Seite,

-eine mehrschichtige Softwarearchitektur,

-eine Infrastruktur auf der Basis von Internet-Technik (HTTP, HTML, XML, Web-Browser/-Server) und

-Anwendungskomponenten auf Grundlage der Java- oder der Microsoft-Technik.

Eine NC-Architektur drängt sich als technische Plattform für das E-Business geradezu auf. Damit fordern derzeit zwei Trends, die sich gegenseitig verstärken, den Technologiewechsel: Zum einen lassen sich mit der neuen Plattform hinsichtlich der internen Anwendungen die "Total Costs of Ownership" (TCO) senken; zum anderen sind die externen Applikationen nur auf diese Weise realisierbar. Diese beiden Faktoren machen eine schnelle und breit angelegte Umstellung auf die neuen Techniken und Architekturen notwendig.

Doch die neuen Anwendungen sind nur Erweiterungen der bestehenden operativen DV-Systeme. Deshalb kommt der Integrationsschicht eine besondere Bedeutung zu. Hier wird auch eine inhaltliche Konvertierung von Daten und Nachrichten erforderlich. Tools für die "Enterprise Application Integration" (EAI) versprechen, diese Aufgabe zu vereinfachen.

Eine weitere "Altlast" stellen die PC-basierenden Anwendungen aus der Client-Server-Ära dar. Hier gibt es als Überbrückungsmöglichkeit den "Windows Terminal Server", der durch die Erweiterungen von Citrix auch in einem Web-Browser eine GUI-Oberfläche erscheinen lässt.

Diesem Technologieschub auf der einen Seite steht der geringe Ausbildungsstand der IT-Abteilungen auf der anderen Seite entgegen. Hier herrscht noch viel Nachholbedarf. Die IT-Abteilungen der großen Unternehmen - insbesondere der Finanzdienstleister - können wohl plakativ als "Cobol/CICS-Shops" bezeichnet werden. Sicher gibt es hier und da auch schon Web- und Java-Anwendungen; sie sind aber Randerscheinungen. In den Schulungsseminaren ist immer wieder zu beobachten, dass dort eine kleine Gruppe sitzt, die sehr moderne und innovative Anwendungen entwickelt hat, während sich die große Mehrheit noch in der Mainframe- oder SAP-Welt bewegt.

An dieser Stelle muss noch eine Anmerkung gemacht werden: Oft entsteht Verwirrung daraus, dass der Begriff "Mainframe" sowohl einen Rechnertyp als auch die damit verbundene Softwaretechnik (unter anderem Cobol, PL/1, CICS, VMS, VSAM) bezeichnet. Mit den heutigen Mainframes können die modernen Technologien (Java, Application Server, Web-Technik) genauso genutzt werden wie mit Unix- oder NT-Rechnern. Für die gestandenen "Hosties" ist das aber eine ganz andere Welt.

Unabhängig von der Rechnerplattform erfordern künftige Anwendungen gravierende Veränderungen hinsichtlich:

-der technischen Softwarearchitektur,

-der eingesetzten Technik,

-der Sprachen und Tools,

-der Methodik des Softwareentwurfs und

-des Anwendungsentwicklungs-Prozesses.

Für die IT-Verantwortlichen bedeutet das die Notwendigkeit, Maßnahmen in drei Bereichen zu ergreifen:

1. Die Mitarbeiter müssen bezüglich neuer Methoden und Technologien qualifiziert werden. Die notwendigen Maßnamen umfassen nicht nur die eigentliche Ausbildung, sondern insbesondere einen Coaching-Prozess, der sicherstellt, dass die Kenntnisse praktisch angewendet werden. In der Objektorientierung gilt beispielsweise die Faustregel, dass ein Entwickler ein halbes Jahr praktischer Arbeit benötigt, bis er nicht mehr "rückfällig" wird.

Da es sich um einen Wandlungsprozess handelt, müssen Motivation und Förderung genauso bedacht werden wie die Frage nach den künftigen Aufgaben der "Zurückbleibenden". Es ist zu befürchten, dass zwischen zehn und 30 Prozent der Anwendungsentwickler den Sprung in die neue Welt nicht schaffen.

2. Eine Infrastruktur für Betrieb und Entwicklung der neuen Anwendungen ist zu schaffen. Dieses Vorhaben nimmt etwa neun bis zwölf Monate in Anspruch. Durch den Einsatz von externem Know-how lassen sich mindestens drei Monate einsparen.

Das Ziel eines solchen Projekts besteht darin, die technische Basis für alle Anwendungen zu schaffen. Dazu gehören: Softwareentwicklungsumgebung und -architektur, Interface- und Nachrichtendesign, Frameworks, Auswahl und Installation eines Applikations-Servers sowie Anbindung an Mainframe- und SAP-Anwendungen. Parallel dazu kann ein Prototyp realisiert werden. Ein Beispiel dafür lieferte das Versicherungsunternehmen AXA Colonia mit seiner Migrationsarchitektur "Alert" (siehe CW 11/00, Seite 65).

3. Organisations- und Personalstruktur kommen an einer Änderung nicht vorbei. Die neuen Technologien und Konzepte der Anwendungsentwicklung führen zu einer weiteren Differenzierung der IT-Mitarbeiter.

Der höhere Abstraktionsgrad der Komponententechnologie und die Automatismen einer generativen Softwareentwicklung führen zu einer deutlichen Vereinfachung der Programmierung. Andererseits wächst der Bedarf an Spezialisten, welche die Tools und Techniken beherrschen. Komponentenentwicklung und Softwaregenerierung erfordern eher Architekten denn Programmierer. Die Weichen für die Qualität der neuen Systeme werden auf der Modellierungsebene gestellt; im Rahmen der Programmierung gibt es dann kaum noch etwas zu reparieren oder zu verbessern.

E-Business als Argument für die ErneuerungMit der Verlagerung der entscheidenden Aufgaben in Richtung Technologiespezialisten und Architekten muss zwangsläufig auch die Organisation der IT-Abteilung in Frage gestellt werden. Benötigt wird ein Pool von Fachleuten, die sich in die verschiedenen Projekte als Berater einsetzen lassen, gewissermaßen als "Sondereinsatzkommando". Auch die Bedeutung der eigenen Anwendungsentwicklung wird abnehmen - zugunsten kaufbarer Komponenten: Integrieren geht vor Programmieren.

Allerdings bleibt das Problem, wie die Unternehmen zu den gesuchten Spezialisten kommen und wie sie diese halten können. Deshalb ist es wohl notwendig, eine Projektorganisation zu finden, in die sich externe Mitarbeiter einbeziehen lassen - ohne dass sie die Federführung übernehmen.

Fazit: E-Business-Lösungen verändern sowohl die Geschäftsprozesse als auch die IT eines Unternehmens. Sie sind Technologietreiber, die sich aber auch dazu nutzen lassen, die Finanzierung der notwendigen Erneuerungen in der gewachsenen Anwendungs- und Technologielandschaft sicherzustellen. Denn für reine Infrastrukturprojekte bekommt die IT heute kaum noch Geld.

*Michael Bauer ist Geschäftsführer der Informatik Consulting Bauer GmbH, Moos/Baden-Württemberg.

Abb.1: Die Anwendungsgebiete

Fast alle Bereiche eines Unternehmens können E-Business-Lösungen nutzen. Quelle: Bauer

Abb.2: Die Möglichkeiten

Neue Anwendungen summieren sich zu umfassenden E-Business-Lösungen. Quelle: Plenum Systeme GmbH

Abb.3: Die technische Architektur

Topologie einer E-Business-fähigen IT-Welt. Quelle: Plenum Institut GmbH

Abb.4: Die Informationstechnik

Bestandteile der E-Business-Umgebung. Quelle: Bauer

Abb.5: Der Projektverlauf

Vorgehensmodell für die Schaffung der Infrastruktur und der ersten Anwendung Quelle: Bauer