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Hersteller geraten in Argumentationsnöte

Die Seifenblase Net PC droht zu zerplatzen

24.10.1997

Die Entwicklung des Net PC war bislang keine jener Erfolgsgeschichten, die IT-Hersteller so gerne auf Hochglanzpapier drucken und den Kunden unter die Nase halten. Schon bei der Vorstellung der ersten Rechner auf der New Yorker PC Expo im Juni 1997 wurde klar, daß es sich dabei keineswegs um das "neue Client-Paradigma" handelt, das die Hersteller vollmundig angekündigt hatten. Bescheidene fünf bis 15 Prozent weniger würde das IT-Budget von Kunden belastet, die auf Net PCs umstiegen, ließ der Chipkrösus Intel verlauten. Unabhängige Analysten hatten im Vorfeld Einsparungen bis zu 30 Prozent prognostiziert.

Für einige Verwirrung bei den Anwendern hatte zuvor bereits Microsoft mit dem Konzept der "Windows-based Terminals" gesorgt. Im Gegensatz zu den abgespeckten Desktops sollen diese Geräte ohne Festplatte auskommen und über das Netz lediglich Screen Images der gerade benötigten Anwendung erhalten. Daß mit dem HP-Manager Jacques Clay ausgerechnet ein hochrangiger Vertreter eines Net-PC-Herstellers dieser Thin-Client-Variante das Wort redete, gehört zu den vielen Ungereimtheiten in der Geschichte des Net PC.

Clay ging im Gespräch mit Journalisten aber noch weiter und verkündete, der Net PC sei nichts weiter als ein Marketing-Instrument, das die Idee von verwaltbaren PCs in die Köpfe der IS-Manager drücken solle. Windows-basierte Terminals wiesen demgegenüber hinsichtlich Preis und Verwaltbarkeit eindeutige Vorteile auf - eine Ansicht, die viele Anwender teilen. Den vorläufig letzten Tiefschlag versetzte die IBM dem Net-PC-Lager, dem sie bis dato selbst angehörte. Im laufenden Jahr werde man keine derartigen Rechner auf den Markt bringen, so eine Sprecherin des Herstellers. Die Nachfrage sei zu gering.

Die Investitionspläne von Anwendern spiegeln diese Einschätzung wider. "Wir haben uns nicht für den Net PC entschieden", sagt Uwe Meyer, Gruppenleiter C/S-Entwicklungs-werkzeuge in der Hauptverwaltung der Karstadt AG, Essen. Dort stehen derzeit etwa 1500 PCs, die ursprünglich unter dem Betriebssystem OS/2 arbeiteten. Mit dem Umstieg auf Windows NT versprechen sich die IT-Verantwortlichen unter anderem auch eine erhebliche Senkung der Betriebskosten - allerdings ohne den Einsatz von Net PCs. "NT bietet uns die Möglichkeit, den Anwender vom System abzuschotten", so Meyer. "Bei Windows 95 oder OS/2 kann man das nur über Zusatzprodukte wie etwa "Safeguard" bewerkstelligen."

Eben diese Abschottung der Benutzer propagieren die Net-PC-Anbieter. So dürfen die schlanken Desktops etwa per Definition kein Disketten- oder CD-Laufwerk besitzen (siehe Kasten: "Was ist ein Net PC?"). Die Karstadt AG erreicht dieses Ziel durch eine softwarebasierte Lösung. Meyer: "Unsere NT-PCs sind eigentlich Terminals. Anwender können weder auf das Disketten- noch auf das CD-ROM-Laufwerk zugreifen." Der Warenhauskonzern setzt dazu das von Microsoft kostenlos angebotene Programm "CD Lock" ein. Die Software blockiert das CD-Drive nach erstmaligem Aufruf. Eine Sperrung des Diskettenlaufwerks von Client-Rechnern ist mit der Standard-NT-Version möglich. Darüber hinaus riegeln die Essener auch die Benutzeroberfläche rigoros ab. So können die Mitarbeiter beispielsweise das Kommando "Datei ausführen" nicht mehr starten.

Die DOS-Befehlszeile ist ebenfalls nicht verfügbar. "Der Anwender kann eigentlich nur noch die Applikationen starten, die ihm vom Administrator bereitgestellt werden", berichtet Meyer. Damit seien die Rechner natürlich auch keine PCs mehr im ursprünglichen Sinne. "Technisch ist das alles kein Problem", so der IT-Manager. Viel schwieriger sei es, die Einschränkungen für die Anwender auch durchzusetzen und aufrechtzuerhalten. Hierzu bedürfe es einer Entscheidung auf Vorstandsebene.

Auch die AOK Berlin geht bei der PC-Verwaltung eigene Wege. "Net PCs sind nichts weiter als gemanagte Windows-95-PCs. So etwas können wir auch selbst machen", erklärt Sascha Porbadnik, stellvertretender Unternehmensbereichsleiter in der Abteilung Informations- und Kommunika- tionstechnik. Tatsächlich haben die Berliner bereits einiges von dem realisiert, was IT-Hersteller mit den Net PCs versprechen. So nutzt die AOK für die Kontrolle der rund 1500 unter Windows 95 und NT installierten PCs Elemente aus Microsofts Softwarepaket "Zero Administration Kit" (ZAK). "Zur Zeit ist das ja noch ein Sammelsurium von lange bekannten Utilities", meint Porbadnik. "Davon setzen wir schon etliche ein, etwa Systemrichtlinien oder Restriktionen für Benutzer, damit diese ihre Systemeinstellungen nicht ändern können. Das heißt, wir haben eigentlich schon gemanagte Windows-Rechner." Auf den PCs würden beispielsweise die Betriebssysteme automatisch über das Netz installiert. Lange vor dem ersten "verwaltbaren" Thin Client verwirklichte die AOK Berlin schon einmal das, was der Net PC mit Hilfe der "Wake-on-LAN"-Technik von Intel bieten soll. Desktop-Rechner, teilweise ohne Festplatte, wurden derart eingerichtet, daß sie über das Netz gebootet und heruntergefahren werden konnten. "Das geht mit Windows 95 auch", sagt Porbadnik. Die Ortskrankenkasse habe bereits eine Abteilung mit etwa 30 Rechner entsprechend konfiguriert; allerdings sei das Netzwerk dadurch enorm belastet worden.

Als Alternative zum PC kann sich Porbadnik Windows-Terminals vorstellen. Wie berichtet, hat Microsoft angekündigt, im Rahmen des "Hydra"-Projekts die von Citrix zugekaufte "Win- frame"-Technik in Windows NT zu integrieren. Damit erhielte das Betriebssystem die lange vermißten Multiuser-Fähigkeiten - eine Voraussetzung für den Terminalbetrieb. "Wir haben noch ungefähr 1000 Terminals, vorwiegend mit Mainframe-Anbindung, installiert", so Porbadnik. "Die wollen wir im nächsten Jahr zum größten Teil durch NCs ersetzen." Der IT-Verantwortliche versteht unter dem Begriff NC allerdings nicht die von IBM oder Sun vorgestellten "Netstations" oder "Javastations", sondern Windows-basierte Terminals. "Wir sind schon stark auf Microsoft ausgerichtet", räumt der AOK-Mann ein. Man werde deshalb auf Hydra warten.

Die Universitätsklinik Tübingen fährt in puncto Client-Rechner ebenfalls zweigleisig. Sogenannte Power-User, die vorwiegend Entwicklungsaufgaben wahrnehmen oder Bildverarbeitungs-Applikationen fahren, würden zwar wie bisher mit PCs ausgestattet, berichtet Christian Klein, verantwortlich für die Systemeinführung. "Ansonsten werden wir verstärkt auf NCs umstellen." Diese sollen, ähnlich wie bei der AOK Berlin, vorwiegend als Windows-Terminals eingesetzt werden. Aus diesem Grund habe man sich für NCs der Firma Neoware (vormals HDS Network Systems) entschieden (siehe hierzu Systems-Messerundgang Seite 87). Die Network Computer könnten sowohl als Windows-Terminals wie auch als X-Terminals und Java-Rechner genutzt werden. Derzeit seien 70 NCs im Einsatz. Weitere 70 bis 100 sollen innerhalb der nächsten sechs Monate hinzukommen. In Zukunft werden zentrale Windows-NT-Multiuser-Server die Clients bedienen, so Klein. Dabei greife man auf die Insignia-Lösung "Ntrigue"zurück, die wie das Citrix-Produkt "Winframe" auf dem Windows-Protokoll ICA (Independent Console Architecture) basiert. Von abgespeckten PCs oder Net PCs hält Klein dagegen wenig. "Wenn man schon einen Rechner mit lokaler Speicherkapazität einsetzen will, kann man auch gleich einen vollwertigen PC nehmen."

Ob komplett ausgestatteter PC oder Net PC - beide Client-Varianten besitzen mit der Festplatte eine Komponente, die DV-Verantwortlichen wegen ihrer Störanfälligkeit Sorgen bereitet. Andreas Huber aus dem Rechenzentrum der Wiener Stadtwerke sieht darin einen gravierenden Nachteil des Net-PC-Konzepts. "Wozu sollten wir Net PCs verwenden? Da ist wieder eine Festplatte drin, die kaputtgehen kann." In dem österreichischen Unternehmen sind rund 1800 PCs unter OS/2 installiert, die innerhalb des nächsten Jahres komplett auf Windows NT umgestellt werden sollen. Dabei würden schrittweise auch Windows-Terminals eingebunden, so Huber (siehe Kasten). Der Einsatz von "schlanken PCs" erscheint dem RZ-Mann bei diesem Vorhaben wenig hilfreich. Die meisten PC-Ausfälle sind nach seinen Erfahrungen auf den mechanischen Teil zurückzuführen. Allein im Jahr 1996 mußte das Wiener DV-Personal in tausend Fällen die Festplatten von Desktop-Anwendern neu installieren. Huber: "Da entstehen gewaltige Kosten.

Was ist ein Net PC?

Von herkömmlichen PCs unterscheidet sich der Net PC im Grunde nur durch das Fehlen von Disketten- und CD-ROM-Laufwerk. Mit einer Reihe von Management- und Administrations-Tools, die natürlich auch klassischen PCs zur Verfügung stehen, sollen der technische Support, die Verwaltung und die Softwareverteilung erleichtert werden. Die von Intel, Microsoft, Compaq, HP und Dell veröffentlichten Net-PC-Spezifikationen sehen vor, daß alle Hardwarekomponenten auch per Software erkannt und verwaltet werden können.

Über das Desktop Management Interface (DMI), das Advanced Configuration and Power Interface (ACPI) sowie Intels "Wake-on-LAN"-Technik werden Fernwartung, zentrale Distribution sowie Softwarepflege, beispielsweise nächtliche Updates, ermöglicht. Ein versiegeltes Gehäuse soll Anwender davon abhalten, das Innenleben der Rechner zu verändern. Auch ISA-Steckplätze für Hardware-Erweiterungen fehlen. Betriebssystem und Management-Software hält der Net PC auf der lokalen Festplatte vor.

Stimmen zum Net PC

Das sagen Anwender:?"Wir wollen im nächsten Jahr so etwas wie einen Network Computer einführen, aber definitiv keine Net PCs. Net PCs sind nichts weiter als gemanagte Win- dows-95-PCs. So etwas können wir auch selbst machen."

Sascha Porbadnik, stellvertretender Unternehmensbereichsleiter Informations- und Kommunikationstechnik, AOK Berlin

"Wir haben uns nicht für den Net PC entschieden. Unsere NT-PCs sind eigentlich Terminals. Anwender können weder auf das Disketten- noch auf das CD-ROM-Laufwerk zugreifen."

Uwe Meyer, Gruppenleiter C/S-Entwicklungswerkzeuge, Karstadt AG, Hauptverwaltung Essen

"Wozu sollten wir Net PCs verwenden? Da ist wieder eine Festplatte drin, die kaputtgehen kann. Das Problemloseste ist ein Windows-Terminal, das hat kein bewegtes Teil. (...) Ich kann heute auch schon aus jedem PC das Diskettenlaufwerk ausbauen, nur darf ich es nicht, weil das den Benutzer kränken würde."

Andreas Huber, Rechenzentrum der Wiener Stadtwerke

"Wir werden vorrangig NCs einsetzen. (...) Wenn man schon einen Rechner mit lokaler Speicherkapazität einsetzen will, kann man auch gleich einen PC nehmen. Dann braucht man keinen Net PC."

Christian Klein, Systemeinführung Universitätsklinik Tübingen.

Das sagen Analysten:

"Innerhalb der nächsten 18 Monate werden alle PCs zu Net PCs geworden sein."

Greg Blatnik, Vice-President Zona Research Inc., Redwood City, Kalifornien

"Der Net PC wurde inkompetent vermarktet. Die Hersteller waren nur damit beschäftigt, die Unterschiede zum PC zu erklären. Dabei kam heraus, daß die Anwender das gleiche bezahlen müssen, aber weniger Gegenwert erhalten."

Rob Enderle, Analyst, Giga Information Group Cambridge, Massachusetts

"Der Net PC ist nicht viel mehr als ein verwaltbarer PC und sicherlich keine neue Plattform. Bis zum Jahr 2001 werden die Verkäufe von Net PCs bestenfalls ein oder zwei Prozent der weltweit abgesetzten Desktop-Rechner ausmachen."

Roger Kay, Analyst, International Data Corp., Framingham, Massachusetts.

Wiener Stadtwerke:Kostensenkung mit Windows-Terminals

Auch bei den Wiener Stadtwerken ist die Diskussion um die Total Cost of Ownership (TCO), die gesamten Betriebskosten der DV, entbrannt. Zirka 1800 PCs unter OS/2 sind dort installiert. Von der für 1998 geplanten Umstellung auf Windows NT und dem schrittweisen Einsatz von Windows-Terminals erhoffen sich die IT-Verantwortlichen beträchtliche Einsparungen. Dazu seien jedoch in erster Linie organisatorische Festlegungen zu treffen, meint Andreas Huber aus dem Rechenzentrum des Unternehmens. "Es geht darum, den Benutzer in die Schranken zu weisen. Der soll den PC als Arbeitsmittel sehen und nicht als persönliches Geschenk." Wichtig sei dabei vor allem, daß die Unternehmensleitung dies einsehe und die entsprechenden Vorgaben mache. Huber: "Ich kann heute auch schon aus jedem PC das Diskettenlaufwerk ausbauen, nur darf ich es nicht, weil das den Benutzer kränken würde."

Die Analysen der Gartner Group zu TCO hält Huber für zutreffend. Dies könne man im eigenem Bereich leicht verifizieren. Allein durch sogenannte aktive Maßnahmen, so die Gartner-Analysten, ließen sich die Kosten um bis zu 26 Prozent senken. Dazu gehört beispielsweise die Verriegelung von Benutzeroberflächen, die Einführung von automatisierten Helpdesk-Tools, automatische Softwareverteilung und Inventarisierung. Diese aktiven Maßnahmen sind "der dickste Brocken", meint Huber. "Hier ist das Management aufgerufen." Wenn man nun zusätzlich echte NCs einsetze, ließen sich die Ausgaben sogar um 35 Prozent reduzieren.

Statt der heftig propagierten Net PCs werden die Wiener Stadtwerke sukzessive Windows-Terminals mit der von Citrix entwickelten "Winframe"-Technik einsetzen. Diese soll von Microsoft im Rahmen des "Hydra"-Projekts als Bestandteil von NT angeboten werden. "Wir haben die Citrix-Lösung ausführlich getestet", so Huber. "Das hat sehr viele Vorteile." Beispielsweise belasteten die Terminals das Netzwerk kaum. Bei Client-Server-Anwendungen, wo die Verarbeitung teilweise auf dem Client laufe, seien die Anforderungen an das Netzwerk wesentlich größer gewesen als bei den Windows-Terminals, wo nur die Bildschirm- und Tastatur-Ein- und Ausgaben über das Netz geschickt werden. Ansätze über Java-Clients sind für Huber dagegen noch nicht ausgereift genug.

In einigen Jahren soll bei dem Energieversorger eine gemischte Client-Landschaft entstanden sein. In abgegrenzten Bereichen, beispielsweise im Kundendienst, werden dann auch reine Windows-Terminals mit nur einer Anwendung ihren Dienst tun.