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07.12.1990

Die Software-Industrie darf ihre Glaubwürdigkeit nicht verspielen

Jeffrey P. Papows, ist Charman des Software Business Practices Council (SBPC) sowie President und Chief Operating Officer der Cognos Inc.

Der wertmäßige Anteil der Hardware ist mittlerweile auf weniger als die Hälfte des gesamten Datenverarbeitungsmarktes geschrumpft. Dominierende Faktoren im Informations- und Kommunikationsmarkt sind die Entwicklung von Betriebssystemen und Anwendungsprogrammen, System-Engineering und Beratung. Und er wird unvermindert anhalten, der Vormarsch der Softwarebranche.

Diese Branche ist ein schillernder und - verglichen mit anderen bedeutenden Industriezweigen - stark dezentralisierter Markt. Ein Markt, der von den unterschiedlichsten technologischen Einflüssen gesteuert und vom findigen Unternehmungsgeist angetrieben wird, ein Markt, in dem nur die besten und kreativsten Ideen sich durchsetzen und langfristigen Erfolg bescheren. Im Laufe der Zeit hat die Software-Industrie eine ungeheure Vielfalt an Produkten geschaffen, in die Industrie und Handel, Banken und Versicherungen Jahr für Jahr weltweit Milliardenbeträge investieren.

Doch mittlerweile läuft etwas schief in diesem Markt, und alle wissen es - Anbieter wie Anwender, Investoren, Brancheninsider und die Medien. Die Glaubwürdigkeit der Software-Industrie rückt zusehens in den Mittelpunkt der Diskussion. Der Kampf um die besten Plätze, das Streben nach Profit haben di erse, zum Teil äußerst fragwürdige Geschäftspraktiken hervorgebracht.

Beispiele für irreführende oder schlichtweg falsche Informationen über Produkt-Leistungsmerkmale in der Werbung gibt es genügend. Ganz zu schweigen von den als sogenannte "Vaporware" angekündigten Programmen, die lediglich in den Köpfen von Entwicklern und Managern existieren und auf dem Markt erst Monate, wenn nicht sogar Jahre später verfügbar sein werden. Ebenso zweifelhaft sind die strategischen Absichtserklärungen, die am Markt als Architektur oder Blaupause bekannt sind und von Kritikern auf den Namen "Marketecture" getauft wurden. All diese Manöver verfolgen das gleiche Ziel: das Interesse potentieller Kunden vom Wettbewerber-Produkt abzulenken und auf die eigene (vermeintlich bessere) Lösung zu ziehen. Auch in Börsenkreisen hat die Software-Industrie inzwischen ihren guten Ruf eingebüßt - Ursache sind nicht zuletzt Unregelmäßigkeiten und Verschleierungen in den Geschäftsbereichen einiger Hersteller.

Erste Auswirkungen dieser Politik sind zu verzeichnen. Eine verärgerte und - vielleicht schlimmer noch - desorientierte Kundschaft weiß in vielen Fällen nicht mehr, welches Softwareprodukt sie bei wem und zu welchem Zeitpunkt kaufen soll. Stimmen mehren sich, die besagen, daß der Software-Industrie bereits spürbare Verluste entstanden sind, weil vielerorts Investitionen in Programme erst einmal auf Eis gelegt wurden. Man wartet, bis sich die Nebel um Produkt-Leistungsvolumina und -Verfügbarkeiten gelichtet haben.

Aber daraus ergibt sich ein weitaus schwerwiegenderer Aspekt: Langfristige strategische Pläne der Kunden werden gefährdet, Software-Investitionen erweisen sich plötzlich als um ein Vielfaches höher als ursprünglich geplant, Lösungen, die überaltert sind, müssen weiterhin genutzt werden. In der Konsequenz heißt das: Das erstrebte Wachstum der Unternehmen wird beeinträchtigt, ja sogar sabotiert.

Unsere Glaubwürdigkeit ist daher etwas, das zu verscherzen wir uns nicht leisten können. Der Zeitpunkt ist erreicht, an dem richtungsweisende Leitlinien für verantwortungsbewußtes Handeln definiert oder auch nur nachgezeichnet werden müssen. Denn genau genommen geht es lediglich darum, neue Grundlagen für alte Weisheiten zu schaffen. Wenn wir nicht heute ein klares Signal setzen und uns dieser Verantwortung stellen, wird nicht nur die Software-Industrie, sondern der einzelne Anwender, die Kunden-Unternehmen, die gesamte Wirtschaft Schaden erleiden.

Mit Gründung des Software Business Practices Council (SBPC) durch 17 Software- und primär hardwareorientierte Anbieter wollten wir den ersten Schritt tun, die Kunden zu schützen und die Integrietät der Software-Industrie zu etablieren und zu pflegen. Das erfordert die Festlegung eindeutiger, verbindlicher Begriffe, eine offene und ehrliche Kommunikation sowie die Definition ethisch-moralischer Richtlinien für das Wirtschaftsleben.

Weder geht es darum, der Softwarebranche eine Zwangsjacke anzulegen, noch mit dem Finger auf eine bestimmte Organisation zu zeigen. Ziel ist, verbindliche Regelungen, beispielsweise für Ankündigungen und Beschreibungen der Produkte und die Veröffentlichung von Umsätzen, aufzustellen sowie unseriöse Geschäftspraktiken bloßzustellen.

Bei allen Überlegungen und Entscheidungen müssen wir uns vor allem in die Situation unserer Kunden versetzen. Denn die Anwender sind in immer stärkerem Maße von den Produkten abhängig, die wir ihnen zur Verfügung stellen. Ihre eigenen Strategiepläne werden auf der Grundlage dessen entwickelt, was die Software-Industrie ihnen bezüglich der Entwicklung diese Produkte verspricht. Werden die Kunden enttäuscht, setzen sie auf das falsche Pferd und müssen mit den Folgen leben.

Eine zentrale Lenkungsinstanz darf es in einer freien Marktwirtschaft nicht geben. Funktionieren kann ein Wirtschaftssystem nur durch einen gesunden Wettbewerb, der am ehesten unterstützt wird, wenn regulative Eingriffe zwar das vertretbare Minimum, aber auch das erforderliche Maximum decken.

Wenn unsere Industrie aber keine eigene Einsicht walten läßt, um die erforderlichen "Standards" zu vereinbaren, so wird sie vom Markt und der Öffentlichkeit letztendlich dazu gezwungen werden. Wir selbst müssen den Rahmen festlegen, in dem wir uns bewegen sollten, um die Glaubwürdigkeit unserer Branche nicht weiter zu strapazieren. Die Konsequenz heißt Selbstkontrolle und -regulierung als flexible Antwort auf Marktveränderungen und Anforderungen.

Innerhalb der gesteckten Grenzen wird für alle genügend Spielraum bleiben, sich vom Wettbewerber abzuheben. Nur so können wir erreichen, daß dieser vielfältige, von Engagement und Unternehmergeist geprägte Markt auch weiterhin innovativ und verifizierbar bleibt. Verbraucherschutz sollte dabei kein Hindernis, sondern eine Herausforderung sein.