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27.10.2000 - 

Warum Kühne & Nagel Supply-Chain-Management-Tools braucht

Die Spedition der Zukunft: Mehr als nur von A nach B

MÜNCHEN (qua) - "Fulfillment ist die Achillesferse des E-Business." Hört sich an wie ein Werbeslogan für die "Aktie gelb", stammt aber von der Konkurrenz: Thomas Engel, Chief Information Officer (CIO) der Kühne & Nagel International AG (KN) mit Sitz im schweizerischen Schindellegi, hat vor zwei Jahren die Weichen in Richtung E-Logistic gestellt.

Wer mit Engel über das Geschäft der internationalen Großspedition redet, muss zunächst einmal ein paar Vorurteile über Bord werfen: Zwar bevölkern Lastwagen mit dem Kühne-&-Nagel-Logo die Autobahnen Europas, doch befindet sich keines dieser Fahrzeuge tatsächlich im Besitz des Unternehmens (siehe Kasten "KN in Zahlen und Fakten" auf Seite 84). "Nichts als Werbung", erläutert der Chefinformatiker. Das Vermögen des Unternehmens sei größtenteils immaterieller Natur. "Die einzigen Assets, die wir haben, sind Läger."

Engels Definition des Speditionsgeschäfts lautet denn auch: "Organisation von Transport". Derzeit bestehen immer noch 80 Prozent der KN-Leistungen darin, Güter von A nach B zu schaffen. Doch der Anteil der "Contract Logistic" wächst; darunter sind Services zu verstehen, die mit dem Transport nur noch mittelbar zu tun haben. Sie umfassen Lagerhaltung und -Management, aber auch Endmontage und versandfertige Ausstattung ("Kitting") von Computerlieferungen, die KN beispielsweise für Hewlett-Packard erledigt, bisweilen sogar den Einkauf nicht unmittelbar fertigungsrelevanter Teile.

Vor etwa zweieinhalb Jahren, so berichtet der CIO, begann Kühne & Nagel, darüber nachzudenken, wie sich das Unternehmen für seine Zukunft rüsten könne. Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen war die Frage: "Was wollen unsere Kunden?" Grob zusammengefasst lautete die Antwort: Die Klientel möchte die Verantwortung für einen mehr oder weniger großen Teil dessen weitergeben, was neudeutsch Fulfillment heißt (zu übersetzen etwa mit "Erfüllung" oder "Erledigung") und nicht zur Kernkompetenz eines Herstellers zählt. Wie sich herausstellte, sind weniger spezialisierte als integrierte Services gefragt. Aufgrund dieser Marktuntersuchung beschloss KN nicht nur (wie andere Spediteure, siehe CW 39/00, Seite 25), sich nahtlos in die Supply Chain seiner Kunden einzureihen, sondern ihnen auch bei der Organisationen ihrer Wertschöpfungskette zu helfen.

Diese Dienstleistung nennt Engel "Supply-Chain-Management-Services", nicht zu verwechseln mit Supply Chain Management, das Kernaufgabe der Kunden bleibe. "Denn nur er weiß, wie sein Markt tickt; wir unterstützen ihn durch zeitnahe, integrierte Informationen beim Bestands-Management und damit bei der Kostenoptimierung", verspricht der Informatikspezialist.

Im Idealfall, so Engels Vision, benötigt der Logistikdienstleister nur noch die Bestelldaten und die Ist-Bestände aus den unterschiedlichen Lägern. Mit Hilfe dieser Informationen und seiner ureigensten Kenntnisse über die unterschiedlichen Transportwege organisiert er nach bestem Wissen und Gewissen die für das Fulfillment nötigen Liefervorgänge. In einem Pilotprojekt, das KN vor zwei Monaten - gemeinsam mit dem Otto-Versand - im Fernen Osten angeschoben hat, wird diese Vorgehensweise erprobt. Glückt der Versuch, wird KN dieses Geschäft ab dem nächsten Jahr zu einem weiteren Unternehmensstandbein ausbauen.

Mitverantwortung für die Lieferzusagen des KundenAls Teil der Fulfillment-Kette trägt das Logistikunternehmen Mitverantwortung dafür, dass der Hersteller seine Lieferzusagen einhält. "Wenn ein Kunde die Zeit vom Auftrag bis zur Lieferung von 27 auf fünf Tage verkürzt, müssen wir in der Lage sein, uns anzupassen", weiß Engel.

Grundvoraussetzung für solche Dienstleistungen ist der Ausbau des elektronischen Nachrichtenverkehrs mit den Kunden, den KN 15 Jahre lang vor allem mit Hilfe des Handelsdatenformats Electronic Data Interchange (EDI) praktiziert hat. Via World Wide Web ließ er sich beispielsweise durch ein lückenloses Tracking-System ergänzen. Darüber hinaus ist es notwendig, Planungsdaten auszutauschen: Je genauer der Logistikpartner die jeweils aktuellen Absatzprognosen des Kunden kennt, desto besser ist er in der Lage, Lagerplatz und Transportkapazitäten zu reservieren, ohne unnötige Liegegebühren zu riskieren. Bei dem Pilotprojekt mit dem Otto-Versand werden nicht nur Daten aus den beiden Partnerunternehmen, sondern auch von den Zulieferern des Hamburger Handelsunternehmens sowie von konkurrierenden Spediteuren in einem Planungs- und Entscheidungshilfesystem zusammengefasst.

Die dafür notwendigen Funktionen hatte Engel bereits im Kopf, als KN vor etwas mehr zwei Jahren daran ging, den Softwaremarkt nach unterstützenden Lösungen abzusuchen. Unter die Lupe genommen wurden die Produkte von Manugistics, Numetrix und I2 Technologies. Diese Tools dienen im Wesentlichen dazu, auf der Basis vorhandener Daten - die aus den operationalen Anwendungen und/oder dem Data Warehouse gewonnen werden - die für Planungen und Entscheidungen wichtigen Informationen zu generieren.

Das Rennen machte der "Global Logistics Monitor" (GLM) von I2 - obschon die "preisliche Seite" Engel eigenen Angaben zufolge "Kopfzerbrechen" bereitete. Die Installation habe mit einem zweistelligen Millionenbetrag zu Buche geschlagen.

Zudem reagierte der Informations-Manager nicht allzu begeistert darauf, dass I2 die Software im Rahmen seines "Freightmatrix"-Angebots künftig nicht mehr lizenzieren, sondern lieber als Application-Service-Provider (ASP) zur Verfügung stellen will. Für den Anbieter sei das günstig, weil ihm die Abrechnung nach Transaktionen einen ständigen Einnahmenfluss beschere, räumt Engel ein. Dem CIO des Kundenunternehmens hingegen halse diese Lösung das Problem auf, seine Ausgaben überschaubar und damit budgetierbar zu gestalten, und vermittle ihm zudem das ungute Gefühl, ein Stück seines Kerngeschäfts in fremde Hände zu legen.

Trotzdem biss Engel in den sauren Apfel. Er schätzt an der I2-Lösung vor allem ihre "Visibility", sprich: die Übersicht über den gesamten Prozess - bezüglich des Waren- sowie des Dokumentenflusses. Der zur "Tradematrix"-Familie zählende GLM ermöglicht dem Logistik-Manager die proaktive Überwachung einer Supply-Chain-Leistung. Die Software alarmiert ihn, wenn die rückgemeldeten Abläufe von den definierten abweichen, während sie ihm im Regelbetrieb den sprichwörtlichen Information Overload vom Leib hält.

KN nutzt die Software nicht nur bei der Transportplanung, wo beispielsweise der "Carrier Bid Optimizer" den Vergleich von Offerten unterschiedlicher Anbieter erleichtert. Auch bei der bestmöglichen Gestaltung des Transportnetzes kann der GLM dem Unternehmen helfen, indem er Redundanzen in der Wertschöpfungskette ausweist. Verbunden ist er mit dem KN-eigenen Data Warehouse, das auf Oracle-Software basiert. Für die Datenextraktion wurden Tools von Hummingbird zugekauft.

Die Partnerschaft zwischen I2 und KN reicht heute schon so weit, dass in der nächsten GLM-Version, die noch in diesem Jahr auf den Markt kommen soll, Verbesserungsvorschläge des Logistikunternehmens verwirklicht sind. In naher Zukunft könnte sich die Zusammenarbeit noch enger gestalten: Unter dem Namen Freightmatrix betreibt das Softwareunternehmen - oder genauer gesagt: ein separat agierender Unternehmensteil - nicht nur ASP-Dienste, sondern auch einen elektronischen Marktplatz für logistische Dienstleistungen. Laut Engel erwägt KN, sich nicht nur als Anbieter, sondern auch finanziell an dieser Web-Börse zu beteiligen. Einen eigenen Internet-Markt einzurichten komme aus Kostengründen nicht in Frage.

Die Transparenz solcher Marktplätze hält Engel für unbedenklich; es gebe Mittel und Wege, kritische Daten gegen die neugierigen Blicke der Mitbewerber zu schützen. Als Beispiel dient ihm das bereits praktizierte Tracking-and-Tracing-System, wo die Kundendaten zum Teil sogar auf getrennten Servern lägen.

Die Hindernisse seien ganz woanders zu suchen. Beispielsweise müssten die Teilnehmer darauf vorbereitet sein, ihr eigenes Geschäft zu kannibalisieren, also Leistungen, die bislang von ihnen selbst erbracht wurden, extern einzukaufen, wenn sie dort günstiger zu haben seien. Vor allem hat Engel aber zwei Stolpersteine auf dem Weg zum elektronischen Marktplatz ausgemacht: ungenügende Ausbildung der Mitarbeiter und mangelnde Datenqualität. Wenn das Datenmaterial der Realität widerspreche, brauche ein Unternehmen das Thema E-Marketplace überhaupt nicht in Angriff zu nehmen.

KN in Zahlen und FaktenDie Kühne & Nagel International AG (KN) mit Sitz im schweizerischen Schindellegi beschäftigt insgesamt etwa 13000 Mitarbeiter, die 500 Büros in 82 Ländern mit Leben füllen. Das Angebot des Speditionsunternehmens umfasst Transporte zu Lande, zur See und zur Luft, aber auch Logistikleistungen, die von der Lagerhaltung bis zur Endmontage reichen. Etwa 550000 Quadratmeter Lagerraum befinden sich im KN-Besitz, hinzu kommt noch einmal so viel gemietete Stellfläche. Der Umsatz belief sich im vergangenen Jahr auf rund 6,6 Milliarden Schweizer Franken (8,6 Milliarden Mark), der Nettogewinn auf 95 Millionen Franken (124 Millionen Mark). Das Unternehmen bezeichnet große Teile seines Geschäfts als "klassisches Outsourcing". Konsequenterweise macht es selbst von der Möglichkeit Gebrauch, Aufgaben auszulagern, die nicht zu seinen Kernkompetenzen zählen. Beispielsweise lässt es seine Personalabrechnung extern erledigen. Auch die operativen Rechenzentrumsleistungen betrachtet KN als unkritisch, weshalb das europäische RZ seit etwa zwei Jahren vom Hamburger Dienstleister Documenta betrieben wird.