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Diskussion: Was bleibt übrig von der New Economy?


23.03.2001 - 

"Die stehen jetzt alle bei uns auf der Matte"

MÜNCHEN (jm) - Die Vertreter der New Economy haben es nicht leicht: Momentan hauen ihnen die Medien um die Ohren, was nicht ohnehin am Neuen Markt schon perdu ging. Doch ist die New Economy wirklich am Ende? Natürlich nicht, wie auch eine Diskussionsrunde mit Vertretern des alten Wirtschaftens und der Neuen Ökonomie zeigte.

Oft, wenn der Begriff New Economy in Diskussionen fällt, verbreitet sich dieser Tage Katerstimmung. Das liegt natürlich zuvörderst an den weltweit im Sturzflug befindlichen Börsenkursen insbesondere der Technologiewerte. Die schlechte Stimmung wird aber auch durch Studien wie "System- und IT-Service-Management in Deutschland 2000" befördert. Die Meta-Group-Untersuchung belegt, dass deutsche Unternehmen derzeit kaum oder gar nicht darauf vorbereitet zu sein scheinen, die sich abzeichnende Welle der E-Business-Anwendungen professionell zu unterstützen. Die besten E-Business-Initiativen nützten wenig, schreiben die Autoren, wenn die IT-Organisationen der Unternehmen nicht in der Lage sind, die hierfür notwendigen Infrastrukturen effektiv und zuverlässig zu betreiben. Die Studie von Ende Januar 2001 konstatiert, dass lediglich 21 Prozent der befragten Unternehmen E-Business-Management als wichtiges Thema erachten. 40 Prozent der befragten Firmen sehen nach der Meta-Group-Studie keinen Grund, sich mit E-Business-Management-Themen zu beschäftigen.

IT-Abteilungen können auf kurze Innovationszyklen nicht reagierenDie Meta-Group-Analysten befürchten: Betrachte man die extrem kurzen Innovationszyklen, die mit der Einführung von E-Business einhergehen, so sei davon auszugehen, dass die IT-Abteilungen in Zukunft nicht mehr schnell genug agieren können, wenn die verantwortlichen Unternehmensbereiche mit ihren Anforderungen vor der Tür stehen.

Mindestens genauso bedenkenswert ist ein weiteres Ergebnis der Befragung: Nach wie vor wird die Wichtigkeit von Geschäftsprozessen nicht erkannt. Nur bei 36 Prozent der befragten Unternehmen spielte "der Einfluss von Geschäftsprozess-Management eine direkte Rolle für die Entscheidungsfindung einer systemtechnischen Lösung". Mit anderen Worten: Entscheidungen in Bezug auf ein zu unterstützendes Geschäft fallen häufig immer noch auf Basis von technischen und weniger von betrieblichen Anforderungen.

Diese eher negative Einschätzung bezüglich der zumindest kurzfristigen Entwicklungschancen von E-Business hierzulande korrespondiert indirekt mit einer Bestandsaufnahme, die der Stiftungslehrstuhl für Gründungs-Management und Entrepreneurship der European Business School, Oestrich-Winkel, im November 2000 erarbeitet hat. In einem Diskussionspapier wurden darin Perspektiven der Internet-Gründerlandschaft in Deutschland erörtert und dabei mit einigen Mythen aufgeräumt.

Startups schaffen ArbeitsplätzeSo sei es etwa eine Mär, dass hinter der hohen Börsenbewertung bei Internet-Startups kein nennenswertes Beschäftigungspotenzial stehe. Tatsächlich zeichneten die Neugründungen in den vergangenen Jahren für etwa 150000 neue Arbeitsplätze verantwortlich. Rechne man ferner die freien Mitarbeiter in etablierten Unternehmen hinzu - also etwa in den Internet-Einheiten des Versandhauses Quelle oder bei SAP -, dann dürfte die Beschäftigtenzahl im Internet- und E-Commerce-Umfeld in Deutschland bei etwa 200000 bis 250000 liegen.

Allerdings sei die öffentliche Wahrnehmung der Internet-Gründerszene in Deutschland geprägt von dem Glauben, der Internet-Boom sei erst zwei Jahre alt, die eigentliche Gründungswelle komme erst jetzt richtig in Gang, und die Zahl von Startups werde demzufolge weiter kräftig wachsen.

Old Economy = New EconomyDie Realität sieht nach den Untersuchungen der Autoren ganz anders aus: Seit dem Jahr 1996/97 lasse sich ein leichter Rückgang der Gründungszahlen konstatieren. Das Marktwachstum werde mittlerweile vermehrt von den bereits bestehenden Unternehmen, mithin der Old Economy, aufgenommen.

In der Tat spricht einiges dafür, dass die Kapitäne des alten Wirtschaftens mittlerweile das Sagen in der New-Economy-Szene haben. Den Eindruck konnte man jedenfalls bei einem Kamingespräch bekommen, das CSC Ploenzke mit Vertretern des alten und jungen Wirtschaftens organisierte. Man muss dabei nicht einmal völlig mit Uwe Loos, Vorstandsvorsitzender der FAG Kugelfischer AG in Schweinfurt, übereinstimmen, der sagt: "Mir tun die Leute Leid, die mit dem Internet Geld verdienen müssen."

Da seien viele vermeintlich smarte Berufsneulinge mit der Losung "Eine Mark fix, eine Million Mark variabel" geködert worden. Die seien "jetzt alle weg vom Fenster" und stünden bei Firmen der Old Economy auf der Bewerbermatte.

Nicht die geringste WertschöpfungViel gravierender sei allerdings, dass "hinter den Geschäftsmodellen vieler Internet-Companies nicht die geringste Wertschöpfung steckt". Deshalb, so Loos, braucht die "Wirtschaft die Old Economy dringend". Von der stammten nämlich 90 Prozent der Arbeitsplätze. Die New Economy fülle zwar 90 Prozent der Wirtschaftsteile von Zeitungen, sie stelle aber eben nur zehn Prozent der Arbeitsplätze, "und vor allem überleben nur 0,1 Prozent dieser Firmen".

Er wolle damit übrigens nicht sagen, dass man die Technologien der New Economy nicht brauche: "Wir setzen sie ja ein. Wir brauchen sie auch. Aber wir wissen eben, wo wir sie sinnvoll anwenden können."

So senke die FAG durch den Einsatz von Internet-Techniken die Transaktions- und die Marketing-Kosten genauso wie die Distributionskosten deutlich, "auch die Produktionsauslastung ist viel besser". Wenn also die Old Economy die Techniken der New Economy nutze, könne sie daraus bedeutende Vorteile ziehen.

Chris Schroers, Gründer und Vorstand des Online-Auktionshauses Econia.com, hält dagegen, es sei völlig normal, dass "die Revolution jetzt ihre Kinder frisst". Dieser Satz gelte nicht nur für politische, sondern auch für wirtschaftliche Umwälzungen.

"Und von einer wirtschaftlichen Umwälzung können wir, wenn wir uns die vergangenen fünf Jahre ansehen, bei der New Economy durchaus reden." Beispiele für Umwälzungen, die nicht mehr reversibel sind, gebe es einige: So strukturierten Großkonzerne ihr gesamtes Beschaffungswesen um. Behörden und die Bundesregierung kämen auf Trab. Die Medienwelt setze neue Schwerpunkte. Schroers weiter: "Das Internet ist in fast allen Konzernen zur Chefsache geworden. Und eine gesamte Generation beginnt, unternehmerisch zu denken."

Bei der Deutschen Bahn AG hat man eine ähnliche Sicht der Dinge wie bei den Schweinfurter Wälzlagerfabrikanten: E-Business-Techniken sollen genutzt werden, um das Unternehmen wettbewerbsfähiger zu machen.

Möglicherweise ironisch klingt es da, wenn Heribert Jäger, der Leiter der Entwicklungsabteilung E-Commerce bei den Eisenbahnern, sagt: "Der Vorstand der Deutschen Bahn hatte im Februar 2000 entschieden, die Bahn zu einem E-Business-Unternehmen weiterzuentwickeln. Da wussten wir aber noch gar nicht genau, was eine E-Business-Company überhaupt ist."

Was ist eigentlich E-Commerce?Jäger heute: "E-Commerce bedeutete für uns, unser Reiseportal www.bahn.de auszubauen. Ferner, dass wir Waren und Dienstleistungen schneller und kostengünstiger per E-Procurement beschaffen wollen. Außerdem überlegen wir, in Sachen E-Logistik und E-Mobilität erste Schritte zu machen." Mit der New Economy haben sich neue Arbeitsweisen herausgebildet, die, sagt Jäger, auch von der Deutschen Bahn übernommen wurden: DV-Anwendungen würden nicht mehr zunächst nach dem Wasserfallmodell entwickelt und eingeführt.

Bei den Eisenbahnern entwickle und verbessere man jetzt DV-Produkte nach der Drei-, Sechs-, Neun- und Zwölfmonatsregel: "Nach drei Monaten wissen wir, was wir wollen. Nach sechs Monaten sind wir damit am Markt, nach neun Monaten wissen wir, was wir besser machen müssen, und nach einem Jahr haben wir es verbessert. "

Den veränderten Arbeitsweisen der New Economy sei es auch zu verdanken, dass es heute so etwas wie interdisziplinäre Teams gebe, die schnell inkrementelle Entwicklungen vorantreiben. Hierbei zählen vor allem funktionsfähige kommunikative Strukturen.

Unternehmen in GefahrThomas Ehrmann, Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Lehrstuhlinhaber am Institut für Unternehmensgründung und -entwicklung, sieht für die Zukunft eine Entwicklung, bei der die bisherigen Unternehmensgrenzen aufgehoben werden. Dies bedeute Gefahren für etablierte Unter-nehmen und Chancen für Neulinge. Deregulierung, institutionelle Änderungen sowie eine finanzielle Revolution und technologische Veränderungen würden die Wettbewerbsintensität erheblich verstärken. Das zerstöre die Lebensgrundlagen für vertikal integrierte Unternehmen, bedeute aber Chancen für Neueinsteiger. Die Wettbewerbsfolgen lassen sich, so Ehrmann, nur durch Innovationen abmildern. In der neuen Unternehmenswelt seien Realaktiva nicht innovativ. Begabte Mitarbeiter würden immer wichtiger.