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23.04.1993 - 

Thema der Woche

"Die SW-Krise ist zum Grossteil hausgemacht"

Bei der Erinnerung an die letzten Jahre geraten fast alle SW- Anbieter ins Schwaermen. Sie warteten mehr oder weniger auf die Anrufe der Anwender, von denen sie auch ohne groessere Akquisebemuehungen genuegend Auftraege bekamen - oft sogar mehr, als sie annehmen konnten. Doch die goldenen Zeiten nahmen ein jaehes Ende. Mittlerweile befindet sich ein Grossteil der SW-Haeuser auf finanzieller Talfahrt und empfindet dies als ernsthafte Bedrohung. Aber ist diese Negativentwicklung ueberhaupt eine Krise?

"Nur eine so unglaublich verwoehnte Branche wie die SW-Industrie kann es als Krise empfinden, wenn der Markt nicht wie in den letzten Jahren um 20 Prozent, sondern nur noch um vier Prozent waechst", bekennt Dietrich Jaeschke, Geschaeftsfuehrer der PSI in Berlin. Der Analyst Wolfram Brandes, Mitglied der Geschaeftsleitung bei Arthur D. Little in Wiesbaden, kommt zu dem gleichen Ergebnis: "Verglichen mit anderen Wirtschaftszweigen, steht die Softwarebranche noch ganz gut da."

Auch wenn die Situation noch nicht als Krise empfunden wird, weisen die schlechte Auftragslage, schwindende Gewinne oder sogar Verluste der Softwareschmieden auf den Ernst der Lage hin. Aber woher kommt dieser ploetzliche Umschwung? Hier duerfte die Zurueckhaltung der Anwender eine Rolle spielen, deren DV-Budgets aufgrund der Rezession eingefroren wurden. "Inzwischen macht nicht mehr jeder Kunde alle Release-Wechsel mit", beschreibt Dietmar Eidens, Director Human Resources bei der Ismaninger Informix Software GmbH, einen Teil der Kosteneinsparung.

Bei einigen Anwendern steht bei dieser Vorgehensweise die Risiko- Minimierung im Vordergrund, denn viele machten schon die bittere Erfahrung, dass die Einfuehrung neuer Versionen, die oft noch viele Bugs enthalten, Nerven und viel Geld kostet. "Gerade Unternehmen mit begrenztem DV-Budget sind bei Release-Wechseln sehr vorsichtig und bleiben erst einmal bei ihren bewaehrten Paketen", berichtet Analyst Brandes. Dies fuehre zu laengeren Lebenszyklen der Software, was sich wiederum negativ auf die Geschaeftsergebnisse der Hersteller auswirke.

Allerdings gehen Branchenkenner wie Personalberater Wolfgang Tautz von Kienbaum & Partner in Muenchen davon aus, dass sich diese Zurueckhaltung nicht lange durchhalten laesst: "DV-Loesungen werden gebraucht. Und wer jetzt abwartet, der muss naechstes oder uebernaechstes Jahr investieren."

Die SW-Haeuser werden aber trotz des erhofften Investitionsplus kaum mehr die Traumertraege der vergangenen Jahre erwirtschaften koennen. Schuld daran ist in erster Linie der harte Konkurrenzkampf innerhalb der Softwarebranche. So draengen die krisengeplagten Hardwarehersteller in den ohnehin enger werdenden Softwaremarkt. "Sie versuchen vor allem, ueber Kampfpreise ins Geschaeft zu kommen", berichtet PSI-Geschaeftsfuehrer Jaeschke. "Wenn die Preise in Projekten dann beispielsweise um zehn bis 20 Prozent fallen, was durchaus der Realitaet entspricht, ist das genau die Gewinnmarge, die wegfaellt", erklaert er weiter.

Wegen der frueheren Mangelsituation liessen sich die Anwender von den forsch auftretenden Anbietern noch einiges gefallen. Inzwischen ist ihnen aber klar, dass die Anbieter auf sie angewiesen sind und nicht umgekehrt. "Der Anwender hat die Macht, und die setzt er auch ein", konstatiert Jaeschke. Diese Veraenderung, die bei vielen SW-Anbietern eine Art "Kulturschock" ausloeste, mache sich auch in den Vertragskonditionen bemerkbar. So versuchten die Auftraggeber, die Risiken immer mehr auf die Lieferanten zu uebertragen. Auch bei den Preisverhandlungen muessten die SW-Haeuser erheblich mehr Zugestaendnisse machen, als dies frueher der Fall gewesen sei.

Bei der Produktqualitaet sind die Kunden der SW-Produzenten ebenfalls anspruchsvoller geworden. "Frueher war es gang und gaebe, dass die SW-Anbieter neue Software sofort an die Anwender weitergaben, in der Hoffnung, dass sie die noch verbliebenen Bugs herausholen wuerden. Diese Vorgehensweise lassen sich die Anwender nicht mehr gefallen", erzaehlt Brandes.

Mit dem Wirtschaftstief und der veraenderten Konkurrenzsituation samt ihren Auswirkungen allein laesst sich die Krise der SW-Branche nicht erklaeren. Die Industrie ist, so melden kritische Stimmen, an der misslichen Situation nicht ganz unschuldig. "Einige Unternehmen haben wichtige Entwicklungen verschlafen, und das raecht sich in der DV-Industrie schneller als in anderen Branchen", gibt Kienbaum-Mitarbeiter Tautz zu bedenken.

Eigentlich muesste die SW-Branche selbst am besten ueber ihre Fehlentscheidungen Bescheid wissen. Doch auf eventuelles Miss- Management angesprochen, geben sich die Verantwortlichen in der Regel selbstbewusst und wenig selbstkritisch. Eine Ausnahme macht hier der PSI-Chef Jaeschke: "Die SW-Krise ist zum Grossteil hausgemacht. Die Unternehmen haben versaeumt, fuer eine ausreichende Kapitalausstattung zu sorgen, haben schlecht gewirtschaftet und das Marketing straeflich vernachlaessigt. Insofern muessen sich die SW-Haeuser an die eigene Nase fassen." Hinzu komme, dass die Anbieter die technischen Features zu sehr betonten, anstatt den Nutzen fuer den Anwender in den Vordergrund zu stellen.

Vor allem Hersteller kundenspezifischer Software leiden unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten, so Analyst Brandes. "Sie haben Probleme mit dem Projekt-Management und mit der Festpreispolitik der Anwender. Zudem treten Schwierigkeiten im Umgang mit dem Kunden auf. Gerade bei der Rollenverteilung in Zusammenhang mit den Spezifikationen und Tests geht viel Geld verloren."

Auch die Anbieter von Standardpaketen bekommen laut Brandes die Konkurrenz aus der PC- und Workstation-Ecke zu spueren. "Vermutlich wird die Quasi-Monopolstellung von SAP durch neuere Loesungen aus dem PC-LAN- und Client-Server-Umfeld sehr stark beeintraechtigt. Fuer den Anwender wird es einfacher, weil diese Loesungen weniger kosten und zudem enormer Anpassungsaufwand wegfaellt." Hierbei spielt die umsichtigere Einkaufspolitik der Anwender eine grosse Rolle, fuehrt Brandes weiter aus. "Die DV-Verantwortlichen wollen nicht nur ein Paket kaufen, sondern auch die dazugehoerigen Systemintegrations-Leistungen."

Die schwer einzuschaetzenden DV-Trends machen den Unternehmen zusaetzlich zu schaffen. Nachdem die Grossen der Branche lange als Trendsetter fungiert hatten, fallen nun "die Leitfiguren IBM und Digital Equipment als technologische Orientierungshilfen komplett aus", bemerkt der PSI-Geschaeftsfuehrer.

Bei diesen erschwerten Bedingungen muss die SW-Industrie nach neuen Loesungen und anderen Formen der Zusammenarbeit suchen. Gerade diesen Bereich bewertet Jaeschke als besonders problematisch: "Die Branche ist kooperationsunfaehig. Viele haben ihre Unternehmen gegruendet, um unabhaengig zu sein, und jeder glaubt, alles zu koennen. Aber das ist heute oekonomisch nicht mehr sinnvoll."

Die Verantwortlichen muessten lernen, in ihre Projekte fremde Software einzubauen, Projektteile an Partnerfirmen weiterzugeben und mit auslaendischen Anbietern zu kooperieren. Jaeschke: "Das schafft ein kompliziertes Beziehungsgeflecht. Und es wird sicher auch Probleme geben, weil die Partnerfirmen auf anderen Gebieten Konkurrenten sind. Aber wer dieses Management beherrscht, wird erfolgreich sein." Mit seiner Situationsbewertung haut Tautz in die gleiche Kerbe: "Es ist ein grosser Konzentrationsprozess im Gange. Es gibt Unternehmen, die in einer Nische ueberleben. Andere versuchen, durch Kooperationen oder Aufkaeufe ihre Chancen zu verbessern. Da bleiben viele auf der Strecke."

Solche Zukunftsszenarien sorgen auch unter den SW-Spezialisten fuer Aufregung. "Die Pionierstimmung ist vorbei. Dies wirkt sich auch auf die Atmosphaere bei den SW-Mitarbeitern aus", berichtet Bertram Schwiddessen, Betriebsrat bei Ploenzke, der aufgrund seiner Taetigkeit beim Netzwerk Arbeitskreis Informatik (NAI) die Stimmung in vielen SW-Haeusern mitverfolgen kann.

Viele Softwerker wurden ebenso wie ihre Arbeitgeber von der schnellen Entwicklung ueberrascht. Noch vor wenigen Jahren heiss begehrt und von Headhuntern umgarnt, muessen sie sich heute anstrengen, um eine entsprechende Position zu erhalten. "Mit einer Anzeige kann ich heute eine Zielgruppe erreichen, bei der ich vor zwei Jahren noch einen Personalberater beauftragen musste", erzaehlt der Personalverantwortliche Eidens, der monatlich rund 30 Blindbewerbungen erhaelt.

Die Ursachen fuer die miserable Arbeitsmarktlage liegen auf der Hand: Die SW-Haeuser haben mit schlechten Ergebnissen zu kaempfen und sind auf Kostensenkung bedacht. Bei den HW-Anbietern gehoeren Entlassungen zur Tagesordnung, waehrend die DV-Abteilungen der Anwenderunternehmen abspecken wollen. Ausserdem draengen immer mehr junge Informatiker auf den ohnehin schon eng werdenden Markt. Die Konsequenzen bekommen die SW-Spezialisten deutlich zu spueren. "Viele Unternehmen versuchen unter dem Druck der wirtschaftlichen Lage, beim Personal zu sparen. Das fuehrt natuerlich zu erhoehtem Arbeitsdruck", meint NAI-Mitglied Schwiddessen.

Nicht nur Personaleinsparung, sondern auch geringere Gehaltserhoehungen sollen das Budget der Unternehmen schonen. "Die hohen Gehaelter, die den Informatikern aufgrund der Mangelsituation der vergangenen Jahre gezahlt wurden, sind heute nicht mehr ohne weiteres zu erzielen. Auch die Gehaltsspruenge waehrend der beruflichen Laufbahn sind nicht mehr so gross", berichtet Rainer Mux, Betriebsratsvorsitzender von Coritel Informatik Andersen Consulting und ebenfalls NAI-Mitglied.

Gerade die sehr rasch expandierenden Softwarehaeuser boten jungen SW-Spezialisten ideale Aufstiegschancen. Da der Boom nun offensichtlich zu Ende gegangen ist, verlangsamt sich das Wachstum der SW-Anbieter, was wiederum die Karriere bremst. Diese Situation bringt die Softwerker zum Nachdenken. "Viele haben sich mit der hohen Arbeitsbelastung aufgrund der ueppigen Gehaltsspruenge und den exzellenten Karrierechancen nicht beschaeftigt. Mit der momentanen Einschraenkung sinkt die Akzeptanz, die schlechten Arbeitsbedingungen weiter hinzunehmen", beschreibt Betriebsrat Mux die Stimmung in der SW-Branche.

Sie fuehrte auch zur Gruendung des NAI, der sich vor allem mit den Problemen Arbeitsbelastung, Arbeitszeit und Qualifizierung befassen will.

Gerade die Weiterbildung spielt bei den schnellen Trendwenden in der DV-Landschaft und der verschlechterten Arbeitsmarktlage eine sehr grosse Rolle. Wer auf Dauer noch Chancen haben will, muss ueber die aktuellen Entwicklungen wie Client-Server-Architektur und LAN- Technik Bescheid wissen und sich um die entsprechende Qualifizierung bemuehen. Hier hapert es allerdings noch - sowohl was die Bereitschaft der Unternehmen als Mitarbeiter angeht. "In vielen, gerade kleineren Firmen gibt es noch gar keine Qualifizierungskonzepte", kritisiert Betriebsrat Mux. "Die meisten Mitarbeiter sind in puncto Weiterbildung sehr motiviert und zeigen auch Eigeninitiative. Probleme gibt es in erster Linie mit aelteren Mitarbeitern, besonders mit Mainframe-Spezialisten." Ein Dorn im Auge ist dem NAI vor allem der extreme Arbeitsdruck, unter dem die SW-Mitarbeiter leiden.

"Wer in der SW-Branche arbeitet, kann nicht mit der 35-Stunden-Woche rechnen. Allerdings darf die Arbeitsbelastung auch nicht so hoch sein, dass die sozialen Kontakte darunter leiden. Man muss zwar in der Lage sein, auch einmal 60 Stunden pro Woche zu arbeiten. Diese Spitzenbelastung sollte aber durch Freizeit ausgeglichen werden", nimmt NAI-Mitglied Mux Stellung.

Die schwierige Marktsituation erfordert noch mehr als bisher schlagkraeftige Teams von Mitarbeitern. Diese zu motivieren, faellt aber vielen Unternehmen angesichts des Stimmungstiefs und der verschlechterten Arbeitsbedingungen schwer. Dabei spielt die Zufriedenheit der Mitarbeiter heute wegen der geringeren Fluktuation eine noch groessere Rolle. Mux: "Frueher wechselten unzufriedene Mitarbeiter das Unternehmen. Mangels attraktiver Angebote bleiben sie jetzt, was sich negativ auf die Atmosphaere auswirkt."

Hiltrud Puf