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30.10.1987 - 

Vom Kongreß für Zukunftsfragen zur DV-Fachveranstaltung:

Die Systems begann mit der Meeresforschung

Wieder einmal stand München ganz im Zeichen der Systems. Bereits zum zehnten Mal hatte die DV-Kongreßmesse heuer ihre Tore geöffnet, gaben sich Computerindustrie und Fachbesucher zahlreich die Ehre. Dabei hatte die Systems ursprünglich mit der elektronischen Datenverarbeitung nur am Rande zu tun. Bei ihrer Premiere im Jahr 1969 in Form eines Kongresses bewegten vielmehr allgemeine Zukunftsthemen vom Energiebedarf über Städtebau bis hin zur Meeresforschung die Gemüter der Besucher. Ihren reinen DV-Charakter erhielt die Systems erst zwei Jahre später. Die Entwicklung dieser Münchener Fachveranstaltung zeigt CW-Redakteurin Beate Kneuse in einer mehrteiligen Serie auf.

Mit einem Kongreß, der zukunftsweisende technische Entwicklungen aufzeigen wollte, beginnt die inzwischen 18jährige Geschichte der Münchener Systems. Ausgeschrieben als "Internationales Symposium über Zukunftsfragen mit Ausstellung neuer Techniken" hatte die Systems '69 allerdings mit ihrem heutigen Erscheinungsbild und auch mit dem Komplex Datenverarbeitung noch wenig zu tun. Nur einzelne Vorträge, zum Beispiel "Zukunftsentwicklungen der Informationstechnik" weist das Kongreßprogramm von 1969 zu diesem Thema auf. Beherrscht wurde dieser Vorläufer der heutigen Systems vielmehr von den Fachgebieten Rohstoffe und Vorprodukte für die Chemie, Systeme der Energiegewinnung, -umwandlung und -verteilung, Städteplanung und Verkehrsausbau, Systeme der Luft- und Raumfahrt sowie Meeresforschung und Meerestechnik. Unter anderem konnten sich die Besucher erste Erfahrungen mit dem Unterwasserlaboratorium Helgoland anhören, sich mit vier Schiffen auf die Spur des Passats begeben oder aber sich über die Transportsysteme der nächsten Jahrzehnte informieren.

Entsprechend gestaltete sich auch die begleitende Kleinausstellung, die als praktische Erläuterung zu den einzelnen Vortragsreihen gedacht war. Immerhin stellten zu dem Kongreß tatsächlich schon ein Nixdorf-Mitarbeiter aus München das Datenerfassungsgerät 820/03 und ein Vertreter der IBM Deutschland aus Sindelfingen das Datenverarbeitungssystem 1130 aus. Daneben aber tummelten sich auch Firmen wie die Schweizer Montres Rolex SA, die Spezialuhren für die Meeresforschung zeigte, oder eine Sigri Elektrographit GmbH, die unter anderem Sonderwerkstoffe aus Kohle und Graphit präsentierte. Begriffe wie Hardware, Software oder gar Kommunikation, die heute von früh bis spät die Besucher in den Münchener Messehallen beschäftigen, waren auf der 69er Veranstaltung eher die Ausnahme. In jenem Jahr gingen die Systems-Uhren eben noch ganz anders.

DV-Kongreß wird aus der Taufe gehoben

Zwei Jahre später hatte sich das Bild jedoch bereits grundlegend gewandelt. Der Bereich EDV, so die Entscheidung der Münchener Messegesellschaft, sollte von nun an alleiniges Thema der Systems sein. Um dieses neue Konzept aber auch entsprechend in die Tat umsetzen zu können, hatte man sich mittlerweile die Unterstützung der Frankfurter Beratungsgesellschaft Diebold Deutschland geholt. Die Frankfurter übernahmen zunächst die Kongreß-Koordination, die sie auch heute noch innehaben. In den folgenden Jahren wurde Diebold jedoch auch zunehmend in konzeptionelle Fragen der Fachausstellung miteinbezogen.

Am 30. November 1971 schließlich wurde die Systems als "Internationales Symposium, Seminare und Ausstellung - Computersysteme und ihre Anwendung" auf dem Münchener Messegelände aus der Taufe gehoben. Damit reihte sich die Veranstaltung in eine Messelandschaft ein, die in jener Zeit neben den Bürofachausstellungen vor allem von dem jährlichen Industriespektakel Hannover-Messe geprägt war. Die niedersächsische Messeleitung hatte bereits Ende der sechziger Jahre begonnen, dem wachsenden Einfluß der Datenverarbeitung mit einer neuen Halle Rechnung zu tragen, und zwar mit der CeBIT-Halle, dem deklarierten Zentrum für die Welt der Büro- und Informationstechnik.

Doch die DV-Insider konnten gerade mit dieser CeBIT-Halle recht wenig anfangen. Erinnert sich Gerhard Karck, Geschäftsführer des Rechenzentrums der Ortskrankenkassen Schleswig-Holstein (ROSH): "In dieser neuen Halle fand sich niemand zurecht, es herrschte ein heilloses Durcheinander. Auch ein Gespräch zwischen den DV-Fachleuten konnte kaum zustande kommen, weil zu viele Besucher auf den Ständen waren, die keine Ahnung von der Datenverarbeitung hatten, die nur einmal einen Computer sehen wollten. Darüber hinaus hatte der Kongreß an Qualität verloren." In diesen unbefriedigenden Zustand hinein, so der Kieler DV-Experte weiter, sei die Münchener Messe- und Ausstellungsgesellschaft mbH (MMG) 1971 mit dem Systems-DV-Kongreß mit seiner begleitenden Kleinausstellung förmlich hineingeplatzt. "Für uns Insider war das ein Knüller", schildert Karck die damalige Situation. "Endlich waren wir unter uns, jeder kannte jeden, und wir konnten nach Herzenslust diskutieren, Erfahrungen austauschen, aber vor allem in den Benutzergruppenseminaren neue Informationen gewinnen. Selbst die kleine begleitende Ausstellung ließ intensive Fachgespräche zu." Die Systems '71 war ein Geheimtip der besten Sorte.

"Die Anwender sind mündig geworden"

Mit dem anwenderbezogenen, branchenorientierten Kongreß, der neben allgemeinen Hard- und Softwareproblematiken eben auch Benutzergruppenseminare zu den Bereichen Bauwesen, Handel, Verkehrswirtschaft, Medizin, Öffentliche Verwaltung und Verkehrswirtschaft umfaßte, hatten die Münchener Messeorganisatoren in der Tat eine Marktlücke entdeckt. Auf der Veranstaltung in der bayerischen Landeshauptstadt fand der DV-Insider genau das Umfeld vor, das ihm Hannover nicht mehr bieten konnte. So wurde München das Mekka der Anwender. Die MMG tat darüber hinaus alles, um das Selbstbewußtsein der DV-Benutzer zu stärken. "Die Anwender sind mündig geworden" lautete das Motto der ersten DV-Systems. Welcher DV-Benutzer hätte sich da nicht geehrt gefühlt in einer Zeit, als man, so Karck, "von einem langfristigen DV-Konzept oder von einer zukunftsorientierten Planung in den Unternehmen wirklich nur träumen konnte".

Dies brachte auch das Eröffnungsreferat des Amerikaners Henry F. Sherwood von der Diebold Europe SA an den Tag, das die Mündigkeit der Anwender recht schnell relativierte. Er erklärte zwar unter anderem, daß die Phase des verwundenen Staunens über die Schnelligkeit und Komplexität des Computers weitgehend vorüber sei. Die Anwender schickten sich an, den Computer zu entmystifizieren und als echtes Führungsinstrument einzusetzen. Diese Entwicklung jedoch treffe in erster Linie auf die USA aufgrund längerer Erfahrungswerte zu. In Europa hingegen herrsche bei den Anwendern noch immer ein Prestigebewußtsein vor. Die Benutzer dächten weniger an den Nutzen der Rechnerleistung, sondern hätten vielmehr das Bestreben, den größten und schnellsten Computer im Haus zu haben, um allein damit bereits die Konkurrenz einzuschüchtern.

US-Aussteller dominieren

Daß gerade ein Amerikaner das Eröffnungsreferat dieser ersten DV-Systems hielt, muß nicht weiter verwundern. Zum einen hatte sich die Münchener Messegesellschaft schon bei der Gründung der electronica, der Spezialmesse für die Elektronik, im Jahr 1964 sehr stark von den Amerikanern beeinflussen lassen. Zum anderen kamen das Know-how und die Impulse im Bereich der Elektronischen Datenverarbeitung in jenen Jahren eben überwiegend aus dem "Land der unbegrenzten Möglichkeiten". So war Henry Sherwood auch keineswegs der einzige amerikanische Referent, der für einen Vortrag oder ein Seminar auf der Systems '71 gewonnen werden konnte.

Gleiches galt für die Fachausstellung im Rahmen dieser ersten Systems. Von 160 Ausstellern, die in den Hallen 2 und 3 rund 9000 Quadratmeter Ausstellungsfläche belegten, waren mehr als 80 US-Anbieter über den großen Teich in die bayerische Landeshauptstadt gekommen, darunter zum Beispiel die Data General Corp., die Gould Inc., die Memorex Corp., die Tally Corp. und die Wang Laboratories Inc. Dagegen suchte man nach den sogenannten "Großen" der Branche fast vergeblich. So waren zum Beispiel weder IBM noch Nixdorf noch Siemens mit einem Stand vertreten. Diese Unternehmen entsandten nur Referenten für den Kongreß. Begründet Klaus Luft, Vorstandsvorsitzender der Nixdorf Computer AG, heute die Zurückhaltung der Paderborner: "Für uns hatte von jeher die Hannover-Messe Vorrang, Sie war damals schließlich die größte Industrie-Messe der Welt, ein Schaufenster, das die deutsche Industrie unbedingt benötigte. Deshalb hielten wir uns hinsichtlich neuer Ausstellungen sehr zurück. "

IBM, Siemens, Nixdorf: Fehlanzeige

Andere Gründe schickt Heribert Stautner vom Bereich Öffentlichkeitsarbeit der Siemens AG für das Zögern des Elektroriesen ins Feld: "Die ersten Systems-Veranstaltungen waren uns einfach zu OEM- und Hardware-orientiert. Wir als Systemhaus hingegen wollten die Problemlösung, die Anwendung präsentieren, doch dafür schien uns das doch sehr technische Umfeld in München nicht allzu geeignet." Darüber hinaus, so erklärt jedoch auch Stautner, habe man sich eine weitere Ausstellung nach Hannover-Messe und Orgatechnik vorerst einfach nicht leisten wollen. Siemens entschloß sich erst 1979, als einer der letzten "Großen", zur Teilnahme an der Münchener DV-Kongreßmesse.

Ähnliches verlautet auch von IBM Deutschland. Robert Haak, zuständig für Messen und Ausstellungen im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit: "Für die Zielgruppe, die auf der Systems angesprochen werden sollte, nämlich den Mittelstand, hatten wir in den frühen siebziger Jahren einfach keine entsprechenden Produkte. Als wir Mitte der siebziger Jahre dann unter anderem mit dem System /32 auf den Markt kamen, war die Systems-Teilnahme 1977 der nächste Schritt." Deutsche Vertreter, die noch heute ein Begriff sind, waren fast an einer Hand abzuzählen. Dazu gehören die MAI Deutschland, die Hewlett-Packard GmbH, die Deutsche Olivetti, die Standard Elektrik Lorenz AG, Telex Computer und die Software AG. All diese Anbieter der ersten Stunde waren auch auf der diesjährigen Systems vertreten.

Zwei Jahre später, auf der Systems 73, war dies kaum anders. Noch immer herrschten die amerikanischen Aussteller vor, was jedoch nach Ansicht von Jörg M. Pläsker, heute Pressesprecher bei der Kölner Bull AG, keineswegs von Nachteil war. "Im Gegenteil: Die Münchener Systems war ein Schaufenster amerikanischer Produktinnovation, vor allem im Bereich der peripheren Geräte." Die US-Anbieter brachten Produkte mit, die man in der Bundesrepublik Deutschland noch nie gesehen hatte. So konnte Pläsker auf der Systems '73 erstmals einen Daisy-Wheel-Printer besichtigen. Dieser war auf dem Stand des US-Herstellers Diablo ausgestellt. "Erst zwei Jahre später", so der Bull-Sprecher, "hat sich der Typenraddrucker dann auf dem deutschen Markt durchgesetzt." Aufgefallen sind Pläsker in jenen ersten Systems-Jahren auch die Standbauten: "Stände in dem Sinne, wie wir sie heute in München kennen, gab es damals noch nicht. Da wurden links und rechts zwei Trennwände aufgestellt und mit einer Rückwand verbunden. Auf dieser Fläche tummelten sich dann zwei oder drei Personen als Standpersonal." Dies ist heute kaum mehr vorstellbar - auf der diesjährigen Systems bietet zum Beispiel das Unternehmen Bull eine Messemannschaft von rund 80 Mitarbeitern auf einer Standfläche von 450 Quadratmetern in zwei Geschossen auf.

Über drei Systems-Veranstaltungen konnte die Münchener DV-Kongreßmesse den Anspruch halten, idealer Treffpunkt für die Anwender-Welt zu sein. Längst hatte sie sich zum traditionellen Herbstmeeting im Zweijahres-Rhythmus entwickelt; immer wieder lockte der DV-Kongreß die Fachleute in die Isar-Metropole. Schwärmt Gerhard Karck: "Es waren herrliche Zeiten. Anbieter und Anwender redeten noch miteinander. In den Seminaren saßen wir alle einträchtig beieinander und besprachen unsere Probleme. Dabei fanden die Diskussionen zu den Vorträgen keinesfalls nur auf dem Podium statt so wie heute. Das gesamte Auditorium war in ein lebhaftes Frage- und Antwortspiel miteinbezogen." Dies lag in den ersten Systems-Jahren nach Auskunft des Kieler DV-Experten jedoch auch daran, daß nicht selten ganze Seminare improvisiert werden mußten.

Improvisation ist Trumpf

Erinnert sich Karck an einen solchen Fall mit der COMPUTERWOCHE auf der Systems '75: "Bei einem Rundgang durch die Hallen lief mir der damalige Chefredakteur der COMPUTERWOCHE, Gerhard Maurer, über den Weg. ihm waren gerade einige Referenten für sein Seminar über Datenbanken abgesprungen. Ehe ich mich versehen hatte, saß ich mit zwei weiteren aufgegriffenen DV-Praktikern auf einem Podium und diskutierte vehement über den geplanten Datenbankeinsatz in meinem Unternehmen." (wird fortgesetzt)