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17.02.1995

Die Szene ist in Bewegung geraten IBM will mit Massenspeichern am freien Markt Geld verdienen

MUENCHEN (kk) - Um die Jahreswende herum ist der Massenspeichermarkt wieder einmal ins Rotieren gekommen. Neben dem Streit um das Interface der Zukunft oder ueber Verbesserungen der eingesetzten Technik lassen insbesondere die Positionskaempfe der Hersteller aufhorchen.

Eines steht fest: Seagates bislang unangefochtene Spitzenstellung bei den Festplattenherstellern ist gefallen. Nach den neuesten IDC-Zahlen wurden 1994 60 Millionen Laufwerke (ohne IBM- Festplatten in IBM-Systemen) ausgeliefert. Die US-amerikanische Quantum Corp. hatte daran einen Anteil von 26 Prozent, waehrend es Seagate nur mehr auf 21 Prozent brachte.

Quantum nun mit dem Know-how von DEC

Der Erfolg der Kalifornier aus Milpitas, die sich zuvor auf den Verkauf von kleinkapazitativen Festplatten konzentriert hatten, erklaert sich aus der Uebernahme des Speichergeschaefts von Digital Equipment. Vierhundert Millionen Dollar liess Quantums Firmenchef William Miller dafuer vor Weihnachten in die leeren DEC-Kassen fliessen.

"Ein wirklich gutes Geschaeft fuer Quantum", zollt Fred Wiele, Vice- President Worldwide Sales und Marketing der Storage Products Company von IBM, dem Konkurrenten Beifall. Zwar muesse die Firma nun etwa die dreifache Menge an Mitarbeitern verkraften, verfuege aber durch den Aufkauf ueber zusaetzliche Fertigungsstaetten und ein gutes Know-how in der Produktion hochkapazitativer Festplatten.

Neben der Ausweitung des Angebots im oberen Leistungsbereich macht IBM-Mann Wiele fuer Quantum einen weiteren Vorteil der Uebernahme aus: den Zugang zur MR-Technologie. MR steht fuer magneto-resistiv und bezeichnet die derzeit beste Technologie fuer Schreib- und Lesekoepfe. Um diese Technik ist ein heftiger Wettlauf entbrannt, da sie unschaetzbare Vorteile hinsichtlich der Kapazitaet, der Zuverlaessigkeit und der kostenguenstigen Herstellung von Festplatten bringt.

Die Entwicklung der nicht magnetisierbaren Koepfe fand in kalifornischen IBM-Labors statt. Big Blue liefert nach eigenen Angaben bereits seit 1991 fuer Hostsysteme Festplatten mit MR- Koepfen aus. "1995 wird diese Technik kommen, wer sie nicht hat, wird untergehen", prognostiziert Wiele den Marktverlauf. Er rechnet sich fuer seine Firma die besten Chancen aus, da "wir bis jetzt die einzigen sind, die diese Technik auch ausliefern koennen".

Digital Equipment hatte allerdings kurz vor der Uebernahme durch Quantum auch Laufwerke mit MR-Koepfen angekuendigt. Das Know-how stammte von Rocky Mountains Technology und ging nun auf die Kalifornier ueber. Von den grossen Herstellern haben auch Hewlett- Packard und Fujitsu entsprechende Produktentwicklungen angekuendigt. "Seagate hat gemeldet, man habe die Absicht, ebenfalls auf MR-Technik zu gehen", kolportiert Wiele.

Dreh- und Angelpunkt ist der MR-Kopf

Die anderen Groessen im Massenspeichergeschaeft, Conner und Western Digital, die 1994 mit 19 (Conner) beziehungsweise 15 (WD) Prozent Marktanteil die Raenge drei und vier einnahmen, werden die MR- Technik am Markt einkaufen muessen. Als Lieferant kommt Read-Rite in Frage, vermutlich der naechste Anbieter, der ueber magneto- resistive Koepfe verfuegen wird. Komag und Applied Magnetics sind weitere Aspiranten.

Der Vorsprung im technischen Know-how mag IBM-Chef Louis Gerstner dazu bewogen haben, der Festplattenabteilung strategische Bedeutung zuzumessen. Aehnlich der Mikroelektronik-Mannschaft um Bill LaRosa soll auch Wiele und seine Truppe als freier Anbieter am OEM-Markt agieren. Zwar war man in das OEM-Geschaeft mit Festplatten bereits vor drei Jahren eingestiegen, aber erst Gerstner nahm es richtig ernst. Davor wurde IBM-intern diskutiert, ob man die Technologie an Systemkonkurrenten wie Siemens, Compaq, Sun oder Apple verkaufen sollte.

Dieser Diskussion schob Gerstner einen Riegel vor. Er musste den Aktienkurs nach oben bringen, und das geht vor allem mit einem kraeftigen Schub beim Umsatz. 1993 erzielte IBM mit dem Verkauf von Festplatten an OEM-Kunden Einnahmen in Hoehe von 550 Millionen Dollar. Von den insgesamt produzierten vier Millionen Stueck wurde rund die Haelfte in IBM-Rechnern der Klassen PC, AS/400 oder Mainframe abgesetzt.

IBM-Festplatten stark bei Notebooks

Im abgelaufenen Jahr verdoppelte man die Stueckzahl auf acht Millionen und steigerte den OEM-Umsatz auf 1,15 Milliarden Dollar. Fuer 1995 strebt IBM-Mann Wiele ein Fertigungsvolumen von zwoelf Millionen Stueck an. 70 Prozent davon sollen extern verkauft werden und zwei Drittel zum erhofften Umsatz der Division von zwei Milliarden Dollar beisteuern.

Zur Kundschaft von IBM zaehlen die erfolgreichsten Notebook- Hersteller wie Apple, Compaq, NEC, Toshiba oder Texas Instruments. Derzeit verhandelt man mit einem "namhaften Hersteller aus Taiwan". Den Erfolg bei den Herstellern von tragbaren PCs fuehrt Wiele auf ueberlegene Technik zurueck: "Wir liefern 2,5-Zoll- Festplatten mit zwoelf Millimetern Hoehe und 720 MB Kapazitaet, die Konkurrenz schafft nur 420 MB." Ist im Rechner Platz fuer eine Bauhoehe von 19 Millimeter, koenne eine Disk mit 810 MB angeboten werden.

Den Kostenvorteil von magneto-resistiven Koepfen verdeutlicht der IBM-Mann am Beispiel von Speichergeraeten mit 4 GB Kapazitaet. IBM benoetigt dafuer acht Magnetplatten mit 16 Koepfen, waehrend die Konkurrenz drei Platten und sechs Koepfe mehr einbauen muss. Jede Platte und jeder Kopf schlagen mit 15 bis 20 Dollar zu Buche. Dabei koenne IBM ihre MR-Koepfe zum gleichen Preis herstellen, zu dem beispielsweise Seagate die veralteten Duennfilmkoepfe produziere. Conner und WD muessten die alte Technik sogar teurer am Markt einkaufen.

Der Umstieg auf MR wird teuer

Wenn die Mitbewerber demnaechst auf MR umsteigen, muessen sie mit wesentlich hoeheren Kosten rechnen, "da der Uebergang nicht trivial ist". IBM verfuege dagegen seit 1991 ueber das Fertigungs-Know-how und produzierte 1994 35 Millionen Stueck fuer den eigenen Verbrauch.

Ob Big Blue irgendwann auch diese Komponenten separat vermarkten will, wollte Wiele nicht ausschliessen. Derzeit gebe es aber keine entsprechenden Plaene, zumal man die gesamte Produktion selbst fuer die Festplatten verbrauche.

Ueber das Interface der Zukunft machen sich die IBM-Manager keine Sorgen. Zwar habe Big Blue mit Serial Storage Architecture (SSA) eine eigene Schnittstelle als Nachfolger von SCSI im Portfolio, "genauso gut koennen wir aber auch Ultra-SCSI oder Fibre-Channel anbieten". Am liebsten wuerde Wiele alle drei Schnittstellen offerieren.

Auch Multimedia kann bedient werden

Ultra-SCSI bietet eine Transferrate von 40 MB/s und erlaubt die Anbindung von 15 Laufwerken. Der von Seagate favorisierte Fibre- Channel kann Daten mit bis zu 200 MB/s uebertragen, waehrend SSA 80 MB/s schafft. Beide erlauben den Anschluss von 126 Geraeten und erfordern keine Switches, Jumper oder Terminatoren.

Leichte Kostenvorteile sieht Wiele bei SSA, das lange als proprietaer angesehen wurde, dessen Spezifikationen nun aber offen liegen: "SSA kostet den Hersteller rund zehn Dollar, der Fibre- Channel rund 70 Dollar."

Keine Probleme bereite auch das Multimedia-Geschaeft, da die MR- Technik die erforderliche Transferrate garantiere. Andere Hersteller wie Micropolis bieten eigens fuer diesen Bereich modifizierte Laufwerke an.

Trotz aller optimistisch stimmenden Faktoren kann auch IBM nicht an einer Eigenheit des Massenspeichergeschaefts vorbei: Im Laufe der Zeit erhoehte sich stetig die Kapazitaet der Festplatte bei schnellerem Produktzyklus, nur die Gewinnaussichten schwankten heftig.