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22.12.1995

Die Techniktrends des vergangenen Jahres Vom Hype zum Business: Internet, Objekte und Co.

Kein anderes Thema hat im vergangenen Jahr mehr Aufmerksamkeit erhalten als das Internet. Neben Kriminologen und Lifestyle-Gurus beschaeftigte das Netz der Netze auch die Unternehmen, die auf zahlreiche Einsatzmoeglichkeiten fuer geschaeftsrelevante Zwecke hoffen: vom Electronic Commerce im World Wide Web bis zum billigen Kommunikationsmedium fuer unternehmensweite Anwendungen. Auch Multimedia-Technik und Virtual Reality haben 1995 zaghaft Einzug in die Unternehmen gehalten. Neben den Techniken fuer das naechste Jahrtausend standen aber auch mittelfristige Entscheidungen an: Objektorientierte Software-Entwicklung und Groupware-Einsatz sind bereits Mainstream. Last, but not least haben die ersten Ansaetze eines Componentware-Markts sowie der Workflow-Trend die Diskussion um Sinn und Unsinn traditioneller Standardsoftware neu belebt.

Ihr naechstes Auto kaufen Sie vielleicht schon im Cyberspace. Nachdem Sie mit einem schnellen und praezisen Suchwerkzeug im World Wide Web (WWW) die Home-Pages aller in Frage kommenden Hersteller ausfindig gemacht haben, gehen Sie daran, in aller Ruhe die Angebote zu vergleichen und schliesslich das Ihren Wuenschen entsprechende Modell am Bildschirm zusammenbauen. Ihre Bestellung schicken Sie online an den Lieferanten, den Kaufpreis ueberweisen Sie via Electronic Banking, sogar die Zulassung erhalten Sie ueber das Netz.

Dieses Szenario ist noch Zukunftsmusik - auch wenn es schon geraume Zeit in den Koepfen von Vertriebsmitarbeitern umherspukt. Bislang dient das Internet seinen weltweit auf 40 bis 50 Millionen geschaetzten Benutzern vor allem als Informations- und Kommunikationsmedium. Der Electronic Commerce findet eher offline statt - mit Hilfe von Multimedia-Kiosken oder Warenkatalogen auf CD-ROM.

Das Marketing-Instrument Internet taugt bisher nur zur Selbstdarstellung der Anbieterfirmen. Die Interaktion mit potentiellen Kunden ist noch nicht vorgesehen, weder in Form von elektronischen Geschaeftsprozessen noch als Feedback fuer das Marketing. Einer der Gruende dafuer ist der oft bemaengelte Sicherheitsstandard des offenen Netzes, der die Eingabe der Kreditkarten-Nummer zum unkalkulierbaren Risiko macht. Allerdings arbeiten getrennt voneinander die Kartenanbieter Mastercard und Visa daran, in Kooperation mit Netscape beziehungsweise Microsoft dieses Manko zu beheben.

Zwar verkuendete das Trendforschungsunternehmen Yankee Group kuerzlich bereits das Ende des Internet-Booms; doch hat es momentan keineswegs den Anschein, als wuerden die Analysten damit recht behalten. Andere Marktbeobachter wie die in Stamford, Connecticut, beheimatete Meta Group aeussern im Gegenteil die Ansicht, dass die kommerzielle Nutzung des Internet gerade erst dabei sei, aus den USA nach Europa ueberzugreifen.

Im Zusammenhang mit dem zu erwartenden Online-Vertrieb gewinnen, so Wolfgang Martin, europaeischer Programmdirektor fuer den Bereich Application Development Strategies, die allerorten entstehenden Data-Warehouses zusaetzliche Bedeutung. Um zielgruppengerechte Produkte in kurzer Zeit entwickeln zu koennen, seien solche Sammelstellen fuer geschaeftsrelevante Daten mitsamt den zugehoerigen Abfrage-Beschleunigern und einer darunterliegenden massiv- parallelen Prozessorarchitektur nahezu unabdingbar.

Auch auf die unternehmensinterne Stellung der Informationstechniker wird sich, so Martin, die kommerzielle Nutzung des Internet auswirken. Zumindest in der Anfangsphase benoetigten die Betriebe eigene Software-Entwickler, damit sie die Moeglichkeiten des Electronic Commerce schnell und flexibel ausnutzen koennen. "Informationsverarbeitung wird wieder Kernkompetenz", lautet die Einschaetzung der Meta Group. Das Trendbarometer habe bereits 1995 auf Insourcing statt Outsourcing gestanden.

Wie gruendlich das Internet die Branche durcheinanderwirbelt, wurde am 9. August 1995 offensichtlich, dem Tag, als die Netscape Communications Corp. aus Mountain View, Kalifornien, ihren Boersengang antrat. Die Anteile des kleinen Software-Unternehmens waren im Handumdrehen vergriffen und wechselten zum Vielfachen ihres kalkulierten Wertes den Besitzer - obwohl Netscape seinen Internet-Browser "Navigator" kostenlos unter die Netz-Surfer bringt.

Ein echter Hit ist auch die fuer das Internet konzipierte Programmiersprache "Java". Von IBM bis Microsoft reissen sich alle grossen Software-Unternehmen um eine Lizenz des von Sun Microsystems entwickelten Tools, das aus statischen WWW-Seiten interaktive Dokumente macht und damit erst die Voraussetzung fuer den Electronic Commerce schafft. Java ist eine Erweiterung der objektorientierten Sprache C++. Sie erlaubt es dem Entwickler, kleine Softwarekomponenten, "Applets" genannt, zu entwickeln und im Netz zu verteilen. Damit ist der erste Schritt zur Verwirklichung der Software on demand getan.

Dieses Konzept steht im Mittelpunkt einer Vision, mit der Larry Ellison, Chief Executive Officer der Oracle Corp., Redwood City, Kalifornien, im vergangenen Herbst die gesamte PC-Branche schockierte und dem Microsoft-Chef Bill Gates fast die Freude ueber die grossangelegte Einfuehrungskampagne fuer Windows 95 verdarb. Ueber Terminals im Wert von 500 Dollar werden die Anwender, so Ellison, kuenftig alle benoetigten Software-Anwendungen und -Dienste direkt aus dem Internet holen.

Doch auch innerhalb der Unternehmen sind Architekturen mit verteilten Objekten heute en vogue. Es gibt bereits Anwenderbetriebe, die ihrer gesamten Software-Umgebung einen Object Request Broker untergeschoben haben und alle Neuentwicklungen auf der Basis dieser Technik planen.

Mit der Version 2.0 ihrer Common Object Request Broker Architecture (Corba) hat die Object Management Group (OMG) im vergangenen Jahr die Moeglichkeit geschaffen, auch Objekte aus unterschiedlichen Systemumgebungen miteinander kommunizieren zu lassen. Noch populaerer duerfte dieser De-facto-Standard werden, wenn Digital Equipment erst die Verbindung zwischen Corba und dem Microsoft-Ansatz Object Linking and Embedding (OLE) geschaffen hat.

Objektorientierte Entwicklungswerkzeuge haben sich - auf dem Umweg ueber die weithin akzeptierte Programmiersprache C++ und die objektorientierten Erweiterungen des altehrwuerdigen Cobol - einen festen Platz in den Unternehmen gesichert. Ein Nischendasein fuehren hingegen noch die objektorientierten Datenbanken. Bislang findet dieses Datenbankkonzept fast ausschliesslich in technischen Applikationen Verwendung.

Das Rennen bei den objektorientierten Betriebsumgebungen hat offenbar die Next Inc., Redwood Shores, Kalifornien, gemacht. Der Hauptkonkurrent Taligent gab im Laufe des vergangenen Jahres zunaechst die Entwicklung eines eigenen Betriebssystems und dann seine Selbstaendigkeit auf.

Microsoft stellt den objektorientierten Nachfolger fuer Windows 95 und Windows NT (Deckname "Cairo") fuer 1997 in Aussicht. Die geplante Vereinheitlichung der Betriebssysteme foerderte nicht unbedingt die Neigung der Firmenkunden, von Windows auf Windows 95 umzusteigen.

Neben erhoehtem Benutzerkomfort bietet das neue PC-Betriebssystem den direkten Zugang zum Microsoft Network (MSN). Der Microsoft- eigene Online-Service, urspruenglich als Konkurrenz zu den etablierten Diensten Compuserve und America Online (AOL) geplant, enthaelt jedoch wenig eigene Inhalte, dient de facto vor allem als Einstiegsluke ins Internet und steht deshalb eher im Wettbewerb mit Europe Online (EO), das gerade seinen Dienst aufgenommen hat.

Auch AOL ist erst seit kurzem auf dem europaeischen Markt. Ueber Kreuz- und Querbeteiligungen ist der US-Anbieter mit dem Medienkonzern Bertelsmann und dem Verlagshaus Springer sowie der Deutschen Telekom verbandelt. Das Engagement der Telekom naehrt den Verdacht, dass der Noch-Netzmonopolist bei seiner Online-Strategie den Consumer- vom Business-Markt trennen will.

Auch das Groupware-System Lotus Notes verfuegt ab Version 4.0 ueber Verbindungen ins Internet: Wie Lotus Development verspricht, koennen die Notes-Anwendungen kuenftig ueber die Mutter aller Netze miteinander kommunizieren. Zudem sei es moeglich, via Notes Internet-Applikationen zu erstellen. Notes hat 1995 seine Stellung als De-facto-Standard festigen koennen. Dass die Lotus Development Corp. in den Besitz der IBM ueberging, hat der vor allem in Grossunternehmen starken Akzeptanz des Produkts sicher nicht geschadet.

Bis dato konkurrenzlos, wird Notes 1996 einen starken Mitbewerber bekommen: Microsoft hat unter der Bezeichnung "Exchange" ein Messaging-System mit SMTP- und X.400-Unterstuetzung sowie der Moeglichkeit zur lokalen Datenreplikation angekuendigt. An die Funktionalitaet der Notes-eigenen Datenbank reicht Exchange allerdings bei weitem nicht heran.

Der Groupware-Trend steht in engem Zusammenhang mit einem Phaenomen, das - von den Massenmedien unbemerkt - nicht nur die Informationsverarbeitung, sondern die gesamten Unternehmensstrukturen nachhaltig veraendert: Im Zuge des Business Process Re-Engineering arbeiten die Unternehmen darauf hin, ihre Vorgaenge unabhaengig von Hierarchieebenen und Abteilungsgrenzen zu organisieren. IV-technische Hilfestellung leisten dabei Workflow- Softwareprodukte. Konsequent zu Ende gedacht, koennte dieser Ansatz mittelfristig den Run auf die monolithischen Standardsoftwarepakete stoppen.