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14.02.1992 - 

Btx und Ttx als warnende Beispiele

Die Telekom muß sich zunächst auf Großanwender konzentrieren

Durchaus Ente Perspektiven für die Telematik-Dienste der Telekom sieht Hans-Detlef Schulz*, falls es gelingt, ein neues Dienstekonzept an den Marktbedürfnissen auszurichten und Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Wenn die Telekom, so Schulz, kostendeckend und zugleich innovativ arbeiten will, gilt es, sich vor allem im Bereich der anwendungsnahen Dienste auf veränderte Anforderungen in der Bürokommunikation einzustellen.

Bildschirmtext (Btx), Teletex (Ttx), Telefax, Telex und Telebox haben in den vergangenen Jahren bei den Anwendern das Bild der Telematik-Dienste geprägt. Daß neben diesen "anwendungsnahen" Diensten auch eine Klasse von "netznahen" Diensten existiert, ist daher weitgehend nur einer Gruppe von professionellen Benutzern bekannt. Zu diesen netznahen Diensten gehören unter anderem festgeschaltete Verbindungen für die Daten-Übertragung, internationale Mietleitungen. Datex-P sowie Datex-L.

Im Zuge der privatrechtlichen Reorganisation der Telekom sollte nun allerdings genauer untersucht werden, wo die Non-Voice-Dienste Gewinne erwirtschaften können und wo unter Umständen Verluste in Kauf genommen werden müssen. Das Ergebnis einer ersten Analyse ist dabei ernüchternd: Gewinne sind momentan vor allem im Bereich der netznahen Dienste zu erzielen, die Bilanz im Bereich der anwendungsnahen Dienste hingegen ist derzeit negativ.

Es existieren zahlreiche Spekulationen und Theorien, weshalb insbesondere die anwendungsnahen Dienste Btx und Ttx nicht, den Erfolg erwirtschaftet haben, der ihnen einst prognostiziert worden war. Folgt man einer der vielen Argumentationen, so hatte Btx von Beginn an nicht genug attraktive Anwendungen, andere Auffassungen hingegen sehen in der Endgerätekonzeption den entscheidenden Fehler. Wiederum andere Experten glauben, daß es ein Irrweg war, mit Btx einem am Massenmarkt orientierten Konzept den Vorzug, zu geben anstatt gezielt Großanwender anzusprechen und zu bedienen.

Im Falle Ttx wird die Ursache für den ausbleibenden Erfolg vor allem in den überzogenen Dienstevorschriften, einem im Zuge der Einführung neu kreierten Zeichensatz sowie in der Wahl von Datex-L anstelle des Fernsprechnetzes als Übertragungsmedium gesucht und je nach Interessenlage auch gefunden.

Situation signalisiert einen Handlungsbedarf

Wie die Analyse im Einzelfall auch ausfallen mag - unter den geänderten Rahmenbedingungen der Telekom wird das Ergebnis immer heißen: Die gegenwärtige Situation signalisiert Handlungsbedarf!

Mit dem Wegfall des Infrastruktur-Auftrages hat die Telekom an Handlungsfreiheit gewonnen - zumindest was eine Straffung und Neukonzipierung der Dienste angeht. Es ist bekannt, daß der zuständige

Vorstand der Telekom für den Bereich der Non-Voice-Dienste Projektgruppen mit Sonderaufträgen freigestellt hat, um insbesondere die zukünftige Rolle von Btx, Ttx und Telebox zu klären und gegebenenfalls neu zu definieren. Offizielle Ergebnisse aus den Beratungen dieser Gremien wurden bisher jedoch nicht bekannt.

Hinzu kommt, daß das Bundesministerium für Post und Telekommunikation gegenwärtig noch an einer neuen Pflichtleistungsverordnung arbeitet, bis zu deren Veröffentlichung der Telekom generell die Hände gebunden sind. Erst wenn Minister Christian Schwarz. Schilling einen aktualisierten Anforderungskatalog präsentiert, in dem beispielsweise die Telekom verpflichtet wird, Btx oder Ttx im bisherigem beziehungsweise in einem regional gestaffelten Umfang weiterhin anzubieten, wird die Telekom bereit sein, im Gegenzug ihr neues Dienstekonzept bekanntzugeben und eventuell mit dem Ministerium darüber zu verhandeln, wie den Forderungen unter den gegebenen kommerziellen Rahmenbedingungen nachgekommen werden kann.

Da Schwarz-Schilling von der Telekom öffentlich fordert, ein marktgerechtes, kostendeckendes Dienstleistungsangebot zu entwickeln und dabei die Rolle als Schrittmacher für innovative Dienste im Markt nicht aufzugeben, wird man voraussichtlich die Antworten der Telekom auf diese Anforderungen im Bereich der Daten-Mehrwertdienste in der Umsetzung folgenden vier Problemstellungen zu suchen haben:

- Fortführung des Angebotes im Bereich der netznahen Dienste,

- Straffung des Angebotes bei anwendungsnahen Diensten,

- verstärktes Anbieten von kundenorientierten Diensten wie Electronic Cash und Elfe,

- sowie Entwicklung einer marktorientierten Architektur für Bürokommunikation.

In keinem Dienst ist es letztlich die Übertragung der Daten, die defizitär wäre (so wie etwa das Verteilen der Pakete und Briefe bei der gelben Post); das Problem stellt vielmehr der Aufbau und Betrieb von flächendeckenden Spezialnetzen und bestimmten Dienstemerkmalen wie Netzübergänge oder elektronische Online-Verzeichnisse dar, die dem Betreiber Telekom teuer zu stehen kommen.

Für Ttx zum Beispiel läßt sich das Angebot des Dienstes im leitungsvermittelten Netz für viele Anwendungen aufgrund langer Anschlußwege, teurer Netzübergänge und aufwendiger Teilnehmer-Verzeichnisse kaum noch kommerziell attraktiv gestalten.

Der einzelne Kommunikationsvorgang hingegen ist durchaus kostendeckend und selbst aus Kundensicht oft Preiswert. Zieht man hierzu einen Vergleich zwischen dem Angebot der etablierten, stabilen Ttx. Technik mit einem demnächst allgemein verfügbaren Netz dem ISDN -, so kann unter zusätzlicher Reduzierung teurer, direkter Netzübergänge in Zukunft selbst Ttx für die Telekom kommerziell sehr attraktiv werden.

Nach dem Erlaß der Pflichtleistungsverordnung kann für Dienste dann en bloc entschieden, es kann aber auch über regional gestaffelte Angebote und Tarifierungen nachgedacht werden. Telex ist ein Beispiel für ein neu Dienst, der in manchen Teilen der Erde nach wie vor das einzige zuverlässige Kommunikationsmittel ist. Ein Zugang zum Telex-Dienst dieser Länder muß also aufgrund politischer Notwendigkeiten gewährleistet sein. Hier darf man gespannt sein, wie die entsprechenden Detailentscheidungen vom Ministerium ausfallen werden.

Es beginnt sich schon heute abzuzeichnen, daß die aktuelle Problemliste der Non-Voice-Dienste neben der Straffung des Angebotes auch - verbunden mit einer sehr hohen Priorität - den kurzfristigen Aufbau einer Vertriebsorganisation bedingt. Endgerätevertrieb, Bündelung des Vertriebs von Anschlüssen, gezieltes Ansprechen von Kundengruppen sowie Beratung sind hier Begriffe, die mit einer Neuorientierung am Kunden einhergehen.

Gezielter Einstieg in den Massenmarkt

Es setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, daß ein Massenmarkt nicht von heute auf morgen erschlossen wird, sondern nur über den gezielten Einstieg in bestimmte Marktsegmente und bei professionellen Anwendungsgruppen. Erst bei ausreichendem Marktbedürfnis und erfolgreicher Durchsetzung von Diensten beziehungsweise Dienstleistungen kann der Sprung von den Großanwendern - auf Basis der dann verbilligten Endgeräte - hin zur Massenanwendung erfolgen.

Der Erfolg von Telefax Gruppe 3 hat diesen Weg zunächst in Japan, Später weltweit exemplarisch vorgeführt. Nach dem gleichen Muster erfolgt heute bereits in Japan das Substitutionsgeschäft der Telefax Gruppe 3 durch die höherwertige Gruppe 4. Höhere Qualität, größerer Durchsatz und niedrigere Preise im Falle intensiver Nutzung lassen Großanwender in Japan von Telefax Gruppe 3 zur Gruppe 4 übergehen. Dieser Schritt ist für Großanwender kommerziell vernünftig und folgerichtig selbst bei hohen Endgerätepreisen. Für den Massenmarkt kann allerdings die Gruppe 4 erst dann eine sinnvolle Alternative darstellen, wenn die Endgerätepreise fallen und ISDN sich auf breiter Basis durchgesetzt hat.

Unabhängig, ob netznah oder anwendungsnah, das Modell von gezieltem Vertrieb und gezielter Beratung beim Großanvender wird das Modell zukünftiger Telekom-Dienstleistungen werden - der Massenmarkt bleibt dabei zunächst eine anzustrebende Endstufe. Das Modell Btx, bei dem die Hausfrau, der Angestellte im Unternehmen sowie die Warenhauskette von Beginn an gleichermaßen angesprochen werden sollten, ist nicht nachahmungswürdig.

Eine Strategie zur Erfüllung der Politischen Forderung nach einem marktgerechten, kostendeckenden Angebot ist also in Umrissen aufgezeigt. Unbeantwortet blieb bisher die Frage nach der innovativen Rolle, die die Telekom im Bereich der anwendungsnahen Dienste einnehmen kann. Genauer: der Bedarf all einer marktorientierten Bürokommunikationsarchitektur.

Nicht nur vom Ministerium wird die Forderung nach Innovationen an die Telekom gestellt. Auch Telekom-Vorstandsmitglied Meißner hat in einer Rede vor Vertretern der Industrieverbände unmißverständlich eine Straffung der existierenden Dienste, die Marktorientiertheit und kundennahe Beratung sowie ein neu zu konzipierendes Angebot im Bereich Bürokommunikation als drängendste Aufgaben angemahnt.

Wie könnte einen zukünftiges Szenario für Bürokommunikationsdienste aussehen? Auf der Basis der durch PCs, Workstations und lokale Netze bestimmten Infrastrukturen zeichnet

sich deutlich ab, daß ein entsprechender Dienst zunächst zur Unterstützung einer breiten öffentlichen Kommunikation dringend erforderlich ist. Zukünftige Dienste zur Unterstützung des Büros sollen an dieser Stelle daher zwar nicht in einer umfassenden Beschreibung, aber in einer Auflistung typischer Merkmale beschrieben werden, so wie es sich in Umrissen heute darstellt.

Zum einen ist kein dediziertes Dienste-Endgerät erforderlich, sondern vielmehr eine Anpassung an die im Markt existierenden und in Vorbereitung befindlichen Komponenten aus den Produktbereichen PCs, Workstations und PC-Netze. Ferner bedarf es nicht des

Aufbaus eines Spezialnetzes; alle kommunikationsrelevanten Komponenten des Dienstes müssen dasselbe integrierte Netz benutzen, also ISDN. Zum Einsatz können nur herstellerneutrale Kommunikationsprodukte kommen - beispielsweise OSI-Protokolle -, die gegenwärtig eine immer größere Bedeutung im Markt erlangen.

Standardisierte Schnittstellen, die die verschiedenen Kommunikationsbausteine gegeneinander abgrenzen, müssen gefördert werden, damit eine maximale Produktvielfalt und eine minimale Herstellerabhängigkeit garantiert wird. Common-ISDN-API und APPLI/COMM sind heute bereits breit angelegte Aktivitäten, die in diese Richtung gehen. Darüber hinaus sollten alle internationalen Büroformate austauschbar sein. Dies gilt für:

- ODA/ODIF (Open Document Architecture/ Open Document Interchange Format) zur Unterstützung der Dokumentenbearbeitung, des Dokumentenaustauschs, der offenen Textverarbeitung schlechthin: Damit wird eine Verbindung zwischen der Vielzahl von Herstellerlösungen für Text- und Grafikbearbeitung sowie Desktop publishing hergestellt; all das sind Applikationen, die heute die heterogene Landschaft der Büros bestimmen. Die Möglichkeit der Weiterverarbeitung in Systemen verschiedener Hersteller ist eine Grundvoraussetzung und zugleich wesentliches Merkmal zukünftiger Bürotätigkeit: nämlich der verteilten und zugleich kooperativen Arbeit.

- SGML (Standardized General Markup Language) zur Unterstützung von Verlagswesen und professioneller Druckindustrie;

- Edifact (Electronic Data Interchange For Administration Commerce and Transport) als Datenformat, in dem Handels- und Verwaltungsdaten im weitesten Sinne beschrieben werden und als Format für einen umgrenzten Kreis von Großanwendern;

- neben dem Austausch der international standardisierten Formate wird sich dem Benutzer auch die Möglichkeit bieten müssen, beliebige Daten (Dateien, Computerprogramme etc.) in privaten Formaten in transparenter Form auszutauschen;

- Final-Form-Kommunikation (Telefax) muß technisch mit dem Austausch weiterverarbeitbarer Dokumente (ODA/ODIF) und dem Austausch der anderen oben genannten Formate kombinierbar sein.

Die zukünftigen Bürodienste dürften in dein Sinne liberalisiert werden, daß überkommene Anforderungen wie das Anschlußmonopol der Bundespost, die 24-Stunden-Verfügbarkeit von Endgeräten oder die Überprüfung der Fähigkeit zur Darstellung eines bestimmten Zeichensatzes nur Optionen sind, die zu nutzen oder nicht zu nutzen jedem Teilnehmer überlassen bleiben.

Bürodienste werden sich messen lassen müssen an anderen Dienstleistungsbereichen. Auch im Bereich der Kommunikationsdienste muß der Anwender die Gelegenheit haben, zwischen hoher Dienstgüte (und hohem Preis) und niedriger Dienstgüte (mit entsprechendem Preisnachlaß) die seinen Bedürfnissen und seinen finanziellen Möglichkeiten adäquate Wahl zu treffen.

Unter dein aufgelisteten Rahmenbedingungen wird das innovative Element im Bereich der Datenmehrwertdienste am ehesten in einer PC/Workstation-orientierten Dokumentenkommunikation zu suchen sein. Die Grundkommunikationsform wird, da ein Telekom-Dienst die Nutzung des öffentlichen Netzes zugrunde legt, in einer Ende-zu-Ende-Verbindung zwischen den Endgeräten bestehen. Inhouse-Systeme sind dabei leicht über entsprechende Server anzuschließen. Mailbox-Systeme können als Ende-zu-Ende-Partner an der Kommunikation teilhaben, so wie umgekehrt jedes Endgerät Zugang zu Mailservern erhalten wird. Übergänge zwischen einzelnen Diensten dürften, da sich Online-Gateways als äußerst kostenintensiv erwiesen haben, zunehmend nach dem Store-and-Forward-Prinzip angeboten werden.

Betont werden muß aber noch einmal, daß die Telekom sich bei der Einführung von neuen Diensten zunächst im Bereich der Großanwender gegenüber der Konkurrenz behaupten muß.

Die kommerziell schlechten Erfahrungen der ersten Jahre im Bereich der anwendungsnahen Non-Voice-Dienste dürfen dabei nicht den Blick dafür verstellen, daß Innovationen für den Kommunikations-Support der lokal bereits vorhandenen Infrastruktur dringend notwendig sind. Die Erfahrungen mit den ersten anwendungsnahen Telematik-Diensten sind daher als eine Investition in einen der größten Zukunftsmärkte zu betrachten.

*Dr. Hans-Detlef Schulz ist Bereichsleiter Beratung und Realisierung von Telematik-Diensten bei der Danet GmbH, Darmstadt, zugleich Mitglied und Editor in den Standardisierungsgremien CCITT und ISO.