Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

08.12.2000 - 

Folgen der Dotcom-Pleiten

Die VC-Branche schlittert in die erste große Krise

MÜNCHEN (CW) - Risikokapitalgeber neigen berufsbedingt zum Optimismus. Der Katerstimmung an den Börsen zum Trotz herrscht in der Szene Einigkeit, dass der Boom der Firmengründungen in Deutschland anhalten wird. Doch völlig unbeschadet dürfte die hierzulande noch recht junge Branche ihre erste große Krise wohl nicht überstehen.

Die Fonds der deutschen Venture Capitalisten sind voller denn je. Wer vermutet hat, dass sich Investoren nach der Krise an den Kapitalmärkten eher zurückhalten werden, liegt falsch. Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Kapitalsbeteiligungsgesellschaften (BVK) stieg das Fondsvolumen seiner 158 Mitglieder weiter an. Ungeachtet massiver Kurseinbrüche an den Technologiebörsen verzeichneten die Gesellschaften im ersten Halbjahr 2000 ein Plus von 78 Prozent. Das Neugeschäft stieg auf 3,2 Milliarden Mark, wie der Verband mitteilte. Insgesamt hielten die Risikofinanzierer zum 30. Juni 2000 Beteiligungen für 16,3 Milliarden Mark an insgesamt 4894 Unternehmen. Zum Vergleich: Im Geschäftsjahr 1999 hatte sich das Fondsvolumen auf rund 25 Milliarden Mark belaufen. Knapp die Hälfte der Investitionen floss dabei in Firmen der IT- und Internet-Branche.

Venture- oder Risikokapital stammt von Privatpersonen, Banken, Versicherungen, Pensionsfonds oder der öffentlichen Hand und wird in privaten Fonds angelegt. Deren Verwalter, die Venture Capitalists (VCs), sind auf einzelne oder wenige Branchen spezialisiert und setzen das Geld auf die Gründung, den Ausbau oder die Übernahme von Unternehmen. Genau genommen dürfen sich nur solche Gesellschaften als VCs bezeichnen, die schon sehr früh bei einer Firma einsteigen. Die tatsächliche Zahl solcher Fonds wird in Deutschland auf 60 bis 80 geschätzt. Verglichen mit dem Mutterland des Risikokapitals, den USA, wo es rund 1500 Gesellschaften gibt, ist diese Zahl zwar verschwindend gering, dennoch stellt sie alles bisher Dagewesene in den Schatten. Anders als in den achtziger Jahren, als die erste Welle der Risikofinanzierung über Deutschland schwappte, haben sich mittlerweile wichtige Rahmenbedingungen verändert, die die Zukunft der Branche sichern.

Für Waldemar Jantz, Mitgründer der Münchner VC-Gesellschaft Target Partner und mit 16 Jahren Berufserfahrung einer der alten Hasen in der Szene, ist die Entwicklung der Privat Equity Industrie "wahrscheinlich die größte Revolution, die die Bundesrepublik in ihrere jüngsten Wirtschaftsgeschichte gesehen hat". Während sich vor 20 Jahren erst wenige Gesellschaften um die neue Form der privaten Beteiligung an Unternehmen kümmerten, gaben damals vor allem Banken Kredite an Technologiefirmen.

Nach einer ersten Krise Ende der 80-er Jahre zogen sich die meisten jedoch mit blutigen Nasen wieder aus dem Geschäft zurück, so dass Anfang der 90-er nur eine Handvoll Player am Markt zurückblieben.

Um junge Firmen besser mit Kapital auszustatten, legte die damalige Bundesregierung Förderprogramme beispielsweise über die Technologie Beteiligungsgesellschaft (TBG) auf. Mit stillen Beteiligungen in Form von Parallelinvestitionen schoss die Gesellschaft Unternehmern weiteres Kapital zu, wenn diese bereits von VCs unterstützt wurden. "Das war eine der strategisch wichtigsten Entscheidungen", lobt Jantz die Initiative. Da es damals noch nicht so viel Kapital am Markt gab wie heute, konnten die VCs so mit relativ kleinen Fonds relativ viel Kapital in eine Firma einbringen.

Den eigentlichen Durchbruch brachte schließlich die Gründung des Neuen Marktes. Zwei Drittel aller hier notierten Unternehmen sind VC-finanziert. Der Erfolg, mit dem das Wachstumssegment der Deutschen Börse durchstartete, löste einen regelrechten Run innerhalb des Kapitalmarktes aus. Allein in diesem Jahr verzeichnet Deutschland rund 20 bis 25 neu gegründete Risikofonds. Endlich hatten die Investoren eine lukrative Ausgangspforte (Exit) für ihre Beteiligungen. Mit dem Börsengang ihrer Firmen fließt die Investition reichlich verzinst an die VCs zurück.

Doch gerade am Neuen Markt liegt das aktuelle Problem der VC-Branche. Die jüngsten Kurseinbrüche bei Technologietiteln, vor allem aber die Flut an geplatzten IPOs erschweren es den Wagniskapitalgebern, ihre Beteiligungsfirmen an die Börse zu bringen. Der für die Branche als Königsweg geltende Exit entpuppt sich immer häufiger als Wunschtraum. Nach dem Ende des Goldrausches wird sich zeigen, wer solide investiert hat und wer nicht, heißt es hinter vorgehaltener Hand. "Der VC-Markt schwankt zwischen Angst und Gier", formulieren andere Zeitgenossen den Umstand, dass die Konsolidierung der Branche.

"Bei 160 VCs in Deutschland ist ein Shakeout unvermeidlich", warnt deshalb Michael Schefczyk, Professor für technologieorientierte Existenzgründung und Innovations-Management an der Technischen Universität Dresden auf dem Branchentreff "World of Venture Capital" in Düsseldorf. Erschwerend kommt hinzu, dass mittlerweile auch große US-amerikanische Fonds den europäischen Markt für Risikokapital entdeckt haben. Edward Stadum, Mitgründer von Tec Venture Partners in München, befürchtet, dass dies den Wettbewerb innerhalb Europas weiter verschärfen wird. Die US-Konkurrenten sind mit Mitteln ausgestattet, von denen ihre deutschen Kollegen nur träumen dürfen. Zum Vergleich: Werden in Deutschland im Schnitt bis zu drei Millionen Mark in die Frühphase eines Unternehmens investiert, schütten die Amerikaner einen Geldsegen von 15 bis 30 Millionen Dollar über ein Startup aus. Hinzu kommt, dass es sich bei Gesellschaften wie Benchmark oder Crescendo um renommierte Unternehmen handelt, die nicht nur mit Know-how, sondern auch mit wertvollen Kontakten zum US-Markt aufwarten können.

Dennoch werden die Amerikaner ebenfalls mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Zum einen ist die Talfahrt an den Börsen bekanntlich nicht allein ein deutsches Problem, zum anderen ist Europa für viele US-Gesellschaften noch ein weißer Fleck auf der Landkarte, die starken regionalen Unterschiede sind den wenigsten bewusst. "Wenn ein Amerikaner an Europa denkt," so Stadum in Düsseldorf, "denkt er eigentlich nur an London." Entsprechend erfolgt der erste Schritt über den Teich meist in die britische Metropole. Das Deutschland-Geschäft von dort aus zu steuern, hält der gebürtige Amerikaner, der seit 16 Jahren hier arbeitet, für utopisch. Seiner Meinung nach dürften sich außerdem Sprachprobleme, fehlende lokale Kontakte, kulturelle Unterschiede sowie Fachkräftemangel als weitere Stolpersteine für einen Durchbruch auf dem deutschen Markt erweisen.

Die von allen Spielern beklagte Talfahrt an den Börsen wurde allerdings von den Finanzjongleuren mit ausgelöst. Das im Verhältnis zu den Investitionsmöglichkeiten stark gestiegene Kapitalangebot der letzten Jahre hat auch viele VCs dazu verleitet, blind auf den Internet-Zug zu springen. Firmen wurden an die Börse gebracht, die nach konservativen Schätzungen noch längst nicht die nötige Markt- oder Produktreife erreicht hatten.

Zwar wird vielerorten nun die Notbremse gezogen, und die Branche besinnt sich wieder auf ihre eigentlichen Aufgaben, nämlich das Aufspüren von Technologie- und Markttrends sowie einer wirtschaftlich realistischen Einschätzung der Kandidaten. Risikofinanzierer Jantz räumt ein, dass hier einige Kollegen, statt künftige Trends zu evaluieren, blindlings dem Hype gefolgt seien, doch er sieht diese Entwicklung eher gelassen. Seiner Meinung nach befindet sich die Branche gegenwärtig nur an einem der typischen Tiefpunkte des Wirtschaftskreislaufes. "Man muss einfach sehen, dass Technologien und Märkte durch gewisse Zyklen gehen. Der Neue Markt ist erst gut drei Jahre alt, das heißt, die meisten VCs haben eine Erfahrung von maximal zwei Jahren und bisher noch keinen Abwärts-Zyklus erlebt", nimmt er vor allem die jüngeren VC-Gesellschaften in Schutz. "Vielleicht hätte vor zwölf Monaten mal jemand die Bremse ziehen sollen." Doch auch erfahrene Fondsmanager, so Jantz, hatten in den vergangenen Jahren mit einer verzwickten Situation zu kämpfen. Zwar waren bereits vor zwei Jahren die ersten kritischen Stimmen aufgetaucht, doch "wenn Sie damals gesagt hätten, ich investiere nicht mehr in das Internet, hätten Sie zu viele Chance vergeben". Andererseits sollte nicht vergessen werden, dass selbst nach inoffiziellen und sehr konservativen Schätzungen allein im Bereich Internet-Firmen derzeit noch immer rund 40 Millionen Mark an Wagniskapital in Deutschland benötigt werden.

Wie stark die Branche jedoch von der momentanen Entwicklung gebeutelt werden wird, vermag niemand vorherzusagen, da sich die Auswirkungen des Dotcom-Blues erst verzögert einstellen dürften. Viele VCs haben gerade in jüngster Zeit neue Fonds aufgelegt, die im Durchschnitt über einen Zeitraum von zehn Jahren laufen. Normalerweise wird ein Fonds über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren investiert, so dass die meisten Gesellschaften zumindest in den nächsten zwei bis vier Jahren noch flüssig sein dürften. Anders als bei der direkten Aktienanlage ist es nahezu unmöglich für Investoren von Risikofonds, das Geld aus einem einmal abgeschlossenen Deal wieder zurückzuziehen. Erst wenn die jetzt gesammelten Gelder investiert sind, wird sich zeigen, welche Beteiligungsfirmen eine nächste Finanzierungsrunde wert sind. Für Fonds, die in nächster Zeit eine gute Performance aufweisen, dürften wohl auch in Zukunft keine Probleme haben, an frisches Kapital zu gelangen.

Phasen des Venture-Capital-ZyklusIm vergangenen Jahr entfiel zwar mit knapp 37 Prozent noch immer der Großteil der Finanzierungen deutscher VCs in die Expansionsphase, doch der Trend geht deutlich in Richtung Frühphasenunterstützung.

Early-Stage-Finanzierung:

-Seed-Finanzierung: finanzielle Unterstützung erster Ideen, Marktanalyse, Entwicklung von Prototypen oder Konzepten, hohe Investitionen, kein Ertrag.

-Startup-Finanzierung: Gründung des Unternehmens, Zusammenstellung des Management-Teams, Anschaffung erster Investionsgüter, Entwicklung eines Marketing-Konzeptes, kein Ertrag.

-First-Stage-Finanzierung: Beginn der Produktion, Aufbau einer Vertriebsstruktur, erste Erträge.

Expansion:

Second-Stage-Finanzierung: Ausbau der nationalen und internationalen Vertriebskanäle, Anpeilen der Gewinnschwelle

Later-Stage-Finanzierung: Erweiterung der Produktions- und Vertriebskapazität, Einführung neuer Produkte

De-Investing (Exit):

-Übernahme durch das eigene Management (Management-Buyout = MBO).

-Verkauf an externes Management (Management-Buyin = MBI).

-Trade Sale (Veräußerung der Anteile an einen industriellen Investor).

-Börsengang.

Abb.1: Venture-Capital-Markt

Kapitalangebot und Portfolios des deutschen Venture-Capital- Marktes sind vor allem in den vergangenen zwei Jahren explosionsartig angewachsen. Quelle: BVK-Statistiken, Jahrbücher 1991 - 2000, Prof. Dr. M. Scheffczyk

Abb.2: Europäischer VC-Markt

Gemessen am Investitionsvolumen von insgesamt 58,3 Millarden Euro, rangiert Deutschland in Europa zwar auf Platz zwei, doch bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist der Umfang mit 4,1 Promille relativ klein. Spitzenreiter ist Großbritannien, wo im vergangenen Jahr 22,4 Promille des BIP in Wagnis-Finanzierungen flossen, gefolgt von den Niederlanden, die 13,1 Promille investierten. Quelle: European Venture Capital Association (EVCA)