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24.10.1986 - 

Bulls Erbe

Die verschlungenen Wege eines europäischen Computerkonzerns

Der französische DV-Multi Bull kommt nicht zur Ruhe:

Jacques Chirac will die nationale Computer-Industrie reprivatisieren. Dem drittgrößten europäischen DV-Hersteller macht überdies das rauhe Wettbewerbsklima im Mainframebereich (IBM!) zu schaffen. In ihrer

Firmengeschichte ist die heutige Bull-Gruppe freilich mit vielen Marktwidrigkeiten fertig geworden. Den verschlungenen Lebensweg zwischen General Electric und Honeywell hat CW-Redakteurin Beate Kneuse für eine mehrteilige Serie aufgezeichnet (Teil 2).

Die "Computerehe" zwischen Bull und General Electric hielt sechs Jahre. 1970 entschlossen sich die Amerikaner, aus dem DV-Geschäft auszusteigen. Als GE 1964 die Fusion mit Bull einging, war das erklärte Ziel des Unternehmens gewesen, im weltweiten DV-Markt einen Anteil von zehn Prozent zu erreichen. 1970 jedoch hielt Bull/GE gerade vier Prozent. Dies veranlaßte GE, seine DV-Aktivitäten abzugeben und sich zukünftig gänzlich auf den Timesharing-Bereich zu konzentrieren.

Auf die Offerte von General Electric reagierte ein anderes amerikanisches DV-Unternehmen am schnellsten: die Honeywell Inc., die ihren Ursprung in der 1906 von Mark C. Honeywell gegründeten "Honeywell Heating Specialities Company" hat.

Durch mehrere Fusionen hatte sich das Unternehmen das ursprünglich Zubehör für Heißwassergeräte produzierte, schließlich zu einem bedeutenden DV-Hersteller entwickelt.

Honeywell nahm in den Staaten die Verhandlungen mit GE auf und kaufte dem Elektronikkonzern im Mai 1970 schließlich nicht nur seinen amerikanischen DV-Bereich ab, sondern auch dessen Rechte innerhalb der europäischen Gesellschaft mit Bull und Olivetti. Resultat dieser Fusion war eine neue Gesellschaft, die "Honeywell Information Systems Inc." (HIS), an der Honeywell mit 81,5 Prozent beteiligt war, während General Electric 18,5 Prozent hielt. Die DV-Branche war sich gleich nach Bekanntwerden des Zusammenschlusses darüber einig, daß das neue Unternehmen die Nummer zwei auf dem Computermarkt sei. Der gemeinsame Anteil am weltweiten DV-Markt lag bei rund zehn Prozent.

General Electric zog sich übrigens im Laufe der kommenden Jahre immer weiter aus dem DV-Bereich zurück. So verringerte das Unternehmen 1976 seinen HIS-Anteil auf 11,7 Prozent, um schließlich im April 1977 ganz auszusteigen: Honywell kaufte 1,4 Millionen eigene Stammaktien und tauschte diese für den Restanteil von General Electric ein.

Während die Amerikaner in den Vereinigten Staaten verhandelten, sahen viele Franzosen die Chance, eine eigenständige französische DV-Industrie aufzubauen, indem Bull von repatriiert würde. Doch auch die zweite "Affäre Bull" endete wie die erste: Die französische Regierung gestattete Honeywell, den Platz von General Electric bei Bull einzunehmen.

Der Vertrag wurde am 29, Juli 1970 zwischen Honeywell und Bull unterzeichnet. Zwei neue Gesellschaften entstanden: die "Compagnie Honeywell Bull" (CHB) und die "Societe Industrielle Honeywell Bull" (SIHB), die 1973 zur Compagnie Honeywell Bull zusammengefaßt wurden. Die Anteilsverhältnisse blieben unverändert: Die neue Gesellschaft Honeywell Information Systems (HIS) übernahm die 66 Prozent von General Electric, Bull hielt weiterhin 34 Prozent.

Neu-Organisation dauert vier Jahre

Weiter sahen die Vereinbarungen vor, die Bull-Niederlassungen in Großbritannien an HIS abzugeben, während die neue Gesellschaft die Filialen in Mexiko und Europa, ausgenommen England und Italien, an Bull abtreten sollte. Die Aufteilung der industriellen Aufgaben zwischen, Amerikanern, Franzosen und Italienern wurden beibehalten.

Die Compagnie Honeywell Bull verbrachte die folgenden Jahre damit, sich zu organisieren. Die Zusammenlegung der Computeraktivitäten der beiden Unternehmen, die noch kurze Zeit zuvor Konkurrenten gewesen waren, brachte einige Schwierigkeiten mit sich, da die Produklinien zum Teil auf die gleichen Märkte zielten.

So kam es zum Beispiel zu Überschneidungen bei der Serie 100 von Olivetti-GE und der Serie 200 von Honeywell. Beide Serien deckten das gleiche Leistungsspektrum ab. Dies führte schließlich zur Einstellung einiger Produktlinien. Die Serien 100 und 200 zum Beispiel liefen aus und

wurden durch das System 64 (die spätere DPS/7) ersetzt, die Bull in Frankreich entwickelte und auch fertigte.

Damit waren auch die DV-Aktivitäten, der Partner genau abgesteckt: Frankreich konzentrierte sich auf die mittleren Rechner, Italien produzierte Computer der unteren Leistungsklasse (zum Beispiel das System 62, die spätere DPS/4) und Honeywell besetzte den Großrechnersektor sowie den technisch-wissenschaftlichen Bereich.

Auch die deutsche Niederlassung mußte eine Konsolidierungsphase durchmachen. Nachdem am 20. Oktober 1970 die Namensänderung in Honeywell Bull GmbH mit Eintrag ins deutsche Handelsregister erfolgt war, wurden die beiden Organisationen zusammengelegt. Dabei blieb die Hauptverwaltung und Zentrale der neuen Honeywell Bull GmbH in Köln, während die ehemalige Honeywell-Zentrale in Eschborn bei Frankfurt neben den regionalen Vertriebsgruppen die zentralen Abteilungen wie Rechen- und Demozentrum, Datenerfassungs- und Minicomputerabteilung sowie das Bildungswesen erhielt. Zum Alleinvorstand der neuen Vertriebsgesellschaft wurde Dr. Jürg Tschirren berufen (siehe auch das CW-Interview auf Seite 101).

Durch die Fusion erreichte die Honeywell Bull GmbH 1971 einen Personalbestand von 2235 Mitarbeitern von denen 1900 in der Vertriebsgesellschaft und 335 in der Produktionsstätte Heppenheim arbeiteten. Das Werk wurde übrigens später von der MPI übernommen, einem Geeinschaftsunternehmen von Control Data (CDC), Honeywell und anderen DV-Unternehmen. An Umsatz konnte die deutsche Niederlassung 1971 an die 261 Millionen Mark einfahren. Bis 19 75 wurde das Stammkapital auf 230 Millionen Mark erhöht, was dem Unternehmen bei einem Jahresumsatz von 337 Millionen Mark eine beruhigende Eigenkapitaldecke gab.

In Frankreich dauerte die gesamte Phase der Neuordnung bis 1974. Dann konnte die Compagnie Honeywell Bull auf eine homogene Organisation und Produktpolitik bauen. Inzwischen hatte das Unternehmen auch einen neuen Präsidenten: Henry Desbrueres wurde 1972 von seinem General-Manager Jean-Pierre Brulé abgelöst. Als sich das Unternehmen jedoch gerade zu etablieren begann, funkte erneut der französische Staat dazwischen: Die Regierung befürwortete einen Zusammenschluß zwischen CII und CHB.

CII gerät in Finanznöte

Die CII hatte in der Zwischenzeit eine ganze Reihe von Universalrechnern der Iris-Serie angekündigt. Dem ersten System "Iris 50" einem Rechner der mittleren Leistungsklasse, folgte 1969 die "Iris 80", laut CII der leistungsstärkste europäische Universalrechner. Noch im gleichen Jahr übernahm die CII die erfolglose Sperac und stellte den Iris 35 vor, eine modifizierte Version des Iris 50.

In den kommenden vier Jahren (bis 1973) kündigte CII noch weitere vier Universalrechner an, die für die verschiedensten Einsatzgebiete gedacht waren.

1970 kam der Iris 55 für militärische Anwendungen auf den Markt, 1971 der Iris 45, ein Computer mittlerer Größe und kompatibel mit dem Iris 50, noch im gleichen Jahr der Iris 60, ein Großcomputer und Erweiterung des Iris 50, und schließlich erschien 1973 der Iris 55, ein Großcomputer, kompatibel zu den Modellen Iris 45, Iris 50, Iris 60. Darüber hinaus gründete die CII in den Jahren 1966 bis 1973 Filialen unter anderem in der Bundesrepublik Deutschland, in Italien, Belgien, in der Schweiz, in Brasilien und Algerien.

Doch die rasche Entwicklung der einzelnen Rechner verschlang Unsummen und brachte das Unternehmen zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Zwar waren die Franzosen mit dem Inlandsabsatz zufrieden, doch das Exportgeschäft lief miserabel. In Deutschland zum Beispiel konnte die CII gerade eine Handvoll Systeme absetzen.

Anfang der siebziger Jahre streckte das Unternehmen seine Fühler nach europäischen DV-Partnern aus. Vorrangiges Ziel der CII-Verantwortlichen war, eine europäische Datenverarbeitungsindustrie zu gründen, um ein Gegengewicht zu den marktbeherrschenden US-Konzernen IBM, Univac und Honeywell zu schaffen. Angesichts der Exportprobleme des Unternehmens ist jedoch nicht auszuschließen, daß man auf diesem Weg versuchen wollte, sich verstärkten Zugang zu ausländischen Absatzmärkten zu verschaffen.

1972 wurden die Franzosen schließlich fündig mit der DV-Gruppe der deutschen Siemens AG. Beide Unternehmen schlossen eine erste Vereinbarung, die vorsah, daß CII das französische Vertriebsnetz von Siemens und die Münchner das deutsche von CII übernehmen sollte. Die deutsch-französische Vereinigung erhielt bald einen weiteren Partner: die niederländische Philips Gloeilampenfabrieken. 1973 gründeten die drei Unternehmen das europäische Projekt "Unidata", zur Entwicklung und zum Vertrieb einer gemeinsamen Produktreihe.

Das kurze Leben der Unidata

Diese europäische Computer-Kooperation stieß in Frankreich jedoch nicht auf uneingeschränkte Zustimmung. Zwar befürwortete der französische Datenschutzbeauftragte das Projekt und arbeitete auf dem Papier "den Aufbau eines Europa der Daten verarbeitung" aus. Unternehmen wie CGE und Thomson befürchteten jedoch, daß die Industrieriesen Siemens und Philips das französische Unternehmen in dieser Verbindung übervorteilen würden. Auch Honeywell-Bull-Chef Jean-Pierre Brulé sprach sich energisch gegen das Projekt aus, fürchtete er doch eine ernste Gefahr für sein Unternehmen.

Unbeeindruckt von den kritischen Stimmen begannen die drei Partner mit der Entwicklung und Fertigung einer neuen Produktlinie. Im Januar 1974 erfolgte die Ankündigung der "Unidata 7.720", eines Universalrechners der unteren Leistungsklasse, der von Philips entworfen und gefertigt wurde.

Im September des gleichen Jahres stellten die drei Partner drei größere Modelle vor: die "Unidata 7.730", einen mittleren, von Siemens entwickelten Computer, die Unidata 7.740", einen von der CII entwickelten Großcomputer, und schließlich die "Unidata 7.750" einen von Siemens entwickelten Großcomputer. Diese vier Modelle waren untereinander kompatibel, ermöglichten Multiprogramming und verfügten über virtuelle Speicher.

Das Unidata-Projekt "überlebte" jedoch nur zwei Jahre. Im Mai 1975 nämlich beschloß die Regierung Jacques Chirac die Reorganisation der CII-Gruppe durch die Verlagerung der Großcomputer-Aktivitäten auf Honeywell Bull. Damit waren die Würfel für die CII-Honeywell-Bumösung gefallen und der Bruch des Unidata-Dreierbündnisses abzusehen. Die niederländische Philips meldete sich noch im September des gleichen Jahres ab. Daraufhin entschied die deutsche Siemens, ohnehin der stärkste Partner innerhalb des Projektes, die "Unidata-Geschäfte" in eigener Regie und unter eigenem Namen fortzufahren. Zu Beginn des Jahres 1976 hoben die drei Unternehmen die Unidata-Verträge rechtskräftig auf.

Die Entscheidung der französischen Regierung, die CII der CHB anzugliedern, stieß bei der Bevölkerung auf wenig Gegenliebe. So ergab eine Umfrage der Pariser Tageszeitung "Le Monde" bei ihren Lesern, daß die Mehrheit den Unidata-Vertrag dem CII/CHB-Abkommen vorgezogen hätten. Schließlich hätte sich aus diesem Projekt durchaus eine europäische Datenverarbeitungs-Industrie entwickeln können. Außerdem, so die überwiegende Meinung der Leser, wäre es vorzuziehen gewesen, die, CII ihre Entscheidungsgewalt zugunsten einer europäischen Gesellschaft verlieren zu lassen anstatt zugunsten einer amerikanischen.

Franzosen sichern sich Aktienmehrheit

Es verging mehr als ein Jahr, bis die Bedingungen der Computer-Ehe zwischen der CII und der Compagnie Honeywell Bull festgelegt waren und das Abkommen rechtskräftig wurde. Zunächst wurde das Kapital der neuen Gesellschaft aufgeteilt, die unter "Compagnie Internationale pour d'Informatique Honeywell Bull" (CII-IHB) firmieren sollte. Dabei verschafften sich die Franzosen endlich die Mehrheitsbeteiligung: Für umgerechnet rund 64 Millionen Mark erwarb die Pariser Regierung gemeinsam mit dem Elektrokonzern CGE die zur Mehrheit nötigen Aktien von Honeywell Bull Information Systems (HIS).

Damit fiel Honeywell ein Anteil von 47 Prozent zu, während die Compagnie des Machines Bull 53 Prozent übernehmen sollte. Nachdem die CMB-Aktionäre dieser Beteiligung zugestimmt hatten, wurden die vom Staat und CGE in die CII-HB eingebrachten Vermögenswerte mit Bull-Aktien beglichen. Danach waren der französische Staat und CGE zu je 17 Prozent an der Compagnie des Machines Bull beteiligt.

Das Mehrheitsgefühl war der französischen Regierung jedoch noch mehr wert. So garantierte sie die Übernahme des Defizits der "alten" CII in Höhe von mehr als 500 Millionen Franc sowie einen Zuschuß von 500 Millionen Franc für das neue Unternehmen. Ferner sollte die CII-HB zwischen 1976 und 1979 zusätzliche degressive Zuwendungen (also sich jährlich verringernde Zuschüsse) von rund 1,2 Milliarden Franc erhalten sowie öffentliche Aufträge im Wert von vier Milliarden Franc. Demzufolge wurden die heimischen Behörden wieder einmal aufgefordert, französische Produkte zu kaufen. Bei Überschreiten dieses Auftrags, so das Abkommen, sollten die Zuwendungen gekürzt, bei Unterschreiten erhöht werden.

Mit Hilfe derartiger Förderungsmaßnahmen glaubte die französische Regierung, der IBM einen starken europäischen Mitbewerber entgegensetzen zu können. Als Gegenleistung verpflichtete sich die CII-HB entsprechend dem Wachstumsplan, dem sich jeder Subventionsempfänger unterwerfen muß, bis 1980 einen Umsatz von sechs Milliarden Franc zu erreichen. Nach der finanziellen Regelung erfolgte die Aufteilung der Märkte. Dabei sollte die CII-HB den westeuropäischen Bereich übernehmen mit Ausnahme der Gebiete Italien, Großbritannien und Irland, die sich - wie auch Nordamerika - die Honeywell Information Systems reservierte.

CII-HB avanciert zum größten DV-Konzern Europas

Am 1. Juni 1976 schließlich war die Gründung der neuen Gesellschaft Compagnie Internationale d'Informatique Honeywell Bull rechtskräftig: ein Unternehmen, das mit 20 000 Mitarbeitern und einem geschätzten Jahresumsatz von 3 1/2 Milliarden Franc zum größten Computerkonzern in Europa und gemeinsam mit der Honeywell Information Systems (HIS) zum zweitgrößten DV-Hersteller der Welt avancierte.

Erklärtes Ziel von Konzernchef Jean-Pierre Brulé: bis 1980 die IBM auf dem französischen Markt zu überrunden. Als erste "Amtshandlung" gründete die neue Gesellschaft eine Tochtergesellschaft in Amsterdam, die CII-HB Internationale N.V., die für alle Angelegenheiten der außerfranzösischen Niederlassungen zuständig sein sollte. Zum Leiter der Tochter wurde der ehemalige HB-Marketing-Chef Maxime Bonnet benannt.

Amerikaner fürchten Nationalisierung

Die CII-HB Internationale war jedoch eine reine "Briefkastenadresse". Angesichts der französischen Mehrheitsbeteiligung und der kursierenden Drohungen der französischen Linksfront, nach einem Wahlsieg im Frühjahr 1978 die CII-HB zu "nationalisieren", versuchten die Amerikaner auf diese Weise, ihr Kapital zu schützen.

Dieser Amsterdamer Filiale war auch die deutsche Vertriebsgesellschaft unterstellt, die von dieser neuerlichen Fusion sonst kaum tangiert wurde. Zu übernehmen galt es nur ein kleines CII-Büro in Frankfurt. Am 1. Juni 1977 wurde die deutsche Tochter schließlich in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und als Honeywell Bull AG ins Handelsregister eingetragen.