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18.09.1981

Die Vorstellung einer "Zukunft ohne Technik" ist reine Illusion

Professor Dr. Karl Steinbuch, TU Karlsruhe 1. Teil

Ginge man die Frage "Zukunft ohne Technik?" in der Denkweise der biologischen Evolution an, dann könnte man schnell eine lapidare Antwort geben, nämlich: Der Übergang vom äffischen Hominiden zum Menschen ist durch technische Erfindungen markiert: Faustkeil, Messer und Harpunen aus Stein oder Knochen. Wenn der sogenannte "Mensch" keine Technik mehr nutzen wollte, dann ist dies wohl eine andere Spezies Lebewesen als wir bisher mit dem Wort "Mensch" bezeichnet haben: "Technik" und "Mensch" bilden eine untrennbare Symbiose.

Aber wenn wir hier die Frage "Zukunft ohne Technik?" stellen dann begnügen wir uns nicht mit einer so lapidaren Antwort- dann stellen wir uns der ideologischen Auseinandersetzung unserer Zeit, in der "die Technik" vielfach als Ursache allen Übels diffamiert wird, wo der "technischen Intelligenz" - also Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und Managern ständig ihre angebliche "technokratische Beschränktheit" vorgeworfen und wo nach "alternativen Zukünften" mit "mittlerer Technik" und "sanfter Energie" gesucht wird. Werfen wir zunächst einen Blick auf einige der wichtigsten Voraussetzungen und Probleme unserer menschlichen Existenz: Auf Ernährung, Energie und Verkehr. Noch vor hundert Jahren trat auch in Mitteleuropa immer wieder verbreiteter Hunger auf. Daß wir jetzt kaum mehr Hunger leiden, verdanken wir vor allem der modernen Technik: Durch Verbesserungen am Saatgut, mineralische Düngung, Pflanzenschutz und Mechanisierung der Landwirtschaft konnten die Erträge enorm gesteigert werden; im Verhältnis weit über den Bevölkerungszuwachs hinaus.

Diese Überlegung zeigt: Nicht die Technik ist schuld an der Umweltzerstörung, sondern die allzu große Zahl von Menschen und ihre unmäßigen Ansprüche. Die Schuld der Technik liegt höchstens daran, daß sie die Befriedigung unmäßiger Ansprüche weitgehend ermöglicht.

Erinnern wir uns hierzu kurz der Situation zu Beginn unseres Jahrhunderts, als man noch stolz war auf den technischen Fortschritt, zum Beispiel auf die fruchtbaren Äcker durch Liebigs Mineraldünger, auf das Auto, auf die Sensation des Fliegens und auf die wirksamen Medikamente. Da hörte man nichts von Schuld und Anklage, da waren alle stolz, wie weit wir es gebracht haben.

Aber mit den wachsenden Menschenzahlen und ihren maßlosen Ansprüchen stellten sich Folgen ein, an die vorher niemand gedacht hatte: Die Autos und Flugzeuge verschmutzten die Umwelt, der enorme Konsum erzeugte Abfälle, die wirksamen Medikamente brachten auch Schäden - etc.

Und nun wird behauptet: An diesen üblen Nebenwirkungen sind nicht die Vermehrung der Menschen und ihre übersteigerten Ansprüche schuld, sondern "die Technik", die so verantwortungslos war, die Menschen nicht hungern zu lassen, ihnen Autos, Flugzeuge, Medikamente, Energie und Maschinen nicht vorzuenthalten.

Prügelknabe

So wird "die Technik", die den Menschen neue Freiheiten gebracht hat, zum "Prügelknaben" dafür, daß diese Freiheiten nicht vernünftig genutzt werden.

Der weiteren Erhellung dieses Problems diene folgende Vorstellung: Angenommen, die Erfinder der Mineraldüngung, des Autos, des Flugzeugs und so weiter hätten unsere heutigen Schwierigkeiten mit der Umwelt vorhergesehen - was hätten sie anderes tun können, als sie tatsächlich getan haben?

Hätten sie beispielsweise exklusive politische Organisationsformen herbeigeführt, um ihre Erfindungen nur wenigen zugänglich zu machen, dann wären diese vom Ansturm egalitärer Ansprüche hinweggefegt worden. Der Zeitgeist will ja alles für alle: Enthaltung ist unzeitgemäß.

Was immer auch erfunden wird - es wird prinzipiell für alle erfunden. Wenn die Kritik an der Technik angesichts dieser Tatsache konsequent sein will, dann muß sie bereits das Erfinden und Entdecken verbieten. Was aber nach Aufgabe des Erfindens und Entdeckens noch übrigbliebe, wäre tierischer Dumpfheit weitaus näher als menschlicher Kreativität.

Gegenwärtig wird oft so getan, als ob die technische Intelligenz in ihrer angeblichen "technokratischen Beschränktheit" die Probleme des Umweltschutzes nicht beachtet hätte und erst durch die angeblich "kritische Intelligenz" innerhalb unserer Gesellschaft auf den Umweltschutz gestoßen worden wäre. Aber diese Behauptung widerspricht allen überprüfbaren Tatsachen!

Tatsache ist, daß bis zum Jahre 1970 die Öffentlichkeit die Probleme des Umweltschutzes überhaupt nicht wahrgenommen hat. Beispielsweise enthielt der "Große Brockhaus" von 1957 noch gar nichts, was dem heutigen Verständnis von Umweltschutz entspricht - und in Robert Jungks Buch "Die Zukunft hat schon begonnen" suchen wir vergeblich nach irgendeinem Umweltschutz-Problembewußtsein (welch eine Wandlung!) .

Dagegen haben schon Jahrhunderte vorher Naturwissenschaftler und Techniker über den Schutz der Umwelt nachgedacht und konkrete Verbesserungen verwirklicht. Es ist daher eine Verfälschung der Tatsachen, wenn jetzt behauptet wird, die angeblich "kritische Intelligenz" habe die Techniker erst auf den Umweltschutz stoßen müssen.

Die Lösung des Umweltproblems braucht anderes als Diffamierung der Technik. Beispielsweise sollte man dafür sorgen,-daß nicht so viele Menschen in die bereits übervöIkerten Regionen strömen;

-daß alle etwas bescheidener leben und an die Stelle der "Wegwerfmentalität" Sparsamkeit und Wiederverwendung (Recycling) treten;

-daß das Sozialprodukt Rindes(?) sehr hochwertiger Technik erarbeitet wird, das heißt, mit Produktionen und Dienstleistungen, die bei geringem Einsatz an Rohstoffen und Energie eine hohe Wertschöpfung ermöglichen;

-daß die Bemühungen um Reduktion der Schadstoff-Emissionen verstärkt werden - ebenso auch die Methoden des Nachweises, der Signalisierung und Beseitigung von Schadstoffen.

-Und schließlich sollte man die Technik des Recycling, der Wiedergewinnung von Rohstoffen aus Abfällen, mit aller Energie vorwärtstreiben.

Es ist auch eine Verfälschung der Tatsachen, wenn behauptet wird, die "kritische Intelligenz" habe die Techniker erst auf die "alternativen" Energien stoßen müssen. Tatsache ist dagegen, daß unsere hochentwickelte Technik längst die Voraussetzungen zum Energiesparen und Einsatz "alternativer" Energiequellen geschaffen hat.

Es sei deshalb ausdrücklich festgestellt: Die technische Intelligenz hat sich lange vor der breiten Öffentlichkeit und vor den "Futurologen" mit "alternativen" Energiequellen und mit dem Energiesparen befaßt. Was lange Zeit - teilweise bis heute - fehlte, waren die politischen Entschlüsse zu ihrer Nutzung- beziehungsweise Anwendung.

Aggressive Kritik

Als eine der schlimmsten Folgen an der Technik wirkt die aggressive Kritik, die diese desoptimiert. Das heißt, daß wir nicht immer die beste Technik verwirklichen, sondern oft eine schlechtere. Besonders deutlich wird der Vorgang der Desoptimierung beim Vergleich der Energietechnik mit dem Straßenverkehr.