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25.09.1981

Die Vorstellung einer "Zukunft ohne Technik" ist reine Illusion2. Teil

Während die reale Technik aus Wechselwirkungen von praktischen Bedingungen und technischen Möglichkeiten herauswächst, werden neuerdings "alternative" Techniken am grünen Tisch entworfen und propagiert. Hier ist vor allem auf E. F. Schumachers "Mittlere Technik" und A. B. Lovins "Sanfte Energie" zu verweisen. Schumacher erklärte seinen Entwurf einer "Mittleren Technik" so:

"In der technischen Entwicklung wirkt eine Tendenz, die ich das ´Gesetz der verschwindenden Mitte´ nenne: Das Allereinfachste bleibt, denn es ist unvergeßlich und unzerstörbar; und das Letzte und angeblich Beste ist auch überall auffindbar. Aber die Mitte, das Vorletzte und Vor-Vorletzte, verschwindet. Zwischen dem Allereinfachsten und dem Allerraffiniertesten ist im wesentlichen alles abgestorben. Dort ist eine gähnende Leere. Was von einer mittleren Technik überhaupt noch existiert, ist schwer aufzufinden, vernachlässigt, verstaubt... Es gilt, die ´verschwundene Mitte´ in der Technologie wiederherzustellen, und zwar auf dem höchsten erreichbaren Stand wissenschaftlichen Könnens."

Die Möglichkeiten einer "mittleren Technik" hängen tatsächlich wesentlich vom wirtschaftspolitischen System ab. "Mittlere Technik" scheitert in liberalen, hochentwickelten Ländern immer dann, wenn sie nicht mehr konkurrenzfähig ist - während sie in unterentwickelten oder staatlich gelenkten Systemen durchaus Leitbild sein und ein längeres Leben fristen kann. Tatsächlich gibt es aber auch in liberalen, hochentwickelten Ländern weite Bereiche, die schon immer als "mittlere Technik" organisiert waren und Bestand haben, so das Handwerk, kleine und mittlere Unternehmen.

Ein Vorzug solcher Betriebe ist vor allem, daß die personelle Organisation und Arbeitsteilung jedem verständlich sind. Hier gibt es kaum das, was im großindustriellen Bereich durch die extreme Arbeitsteilung meist entstand und dort das Zusammenleben schwerer macht: die "Entfremdung" des arbeitenden Menschen von seinem Produkt, das Gefühl, nur noch ein leicht ersetzbares Rädchen in einem anonymen Werk zu sein, sich mit dem Ergebnis seiner Arbeit nicht identifizieren zu können und deshalb auch kein Erfolgserlebnis zu haben.

Die gegenwärtigen Versuche, dieser "Entfremdung" auch im großindustriellen Bereich durch informatorische und organisatorische Maßnahmen entgegenzuwirken, führen nicht selten zu Formen der Arbeitsorganisation, die handwerklichen sehr ähnlich sind. Typisch für diese Entwicklung sind Produktionen, die auf das Fließband verzichten und "teilautonome Arbeitsgruppen" bilden, die selbst Aufteilung und Ablauf der Arbeitsgänge bestimmen.

In den Entwürfen zur "mittleren Technik" steckt ein Gedanke, der meines Erachtens beachtenswert ist: Bisher führten technische Fortschritte meist zu wachsenden Abhängigkeiten von Infrastrukturen, beispielsweise für die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Energie, Verkehr, Information und so weiter. Diese Abhängigkeiten sind nicht nur subjektiv unerfreulich, sondern auch politisch bedenklich - sie begründen eine enorme Anfälligkeit in unruhigen Zeiten, beispielsweise gegen terroristische Erpressungen.

Man sollte deshalb darauf hinwirken, daß die Technik nicht zu wachsenden Abhängigkeiten von empfindlichen Infrastrukturen führt, sondern eine "robuste Technik" entsteht, die auch in unruhigen Zeiten funktionsfähig bleibt.

Die gegenwärtige Auseinandersetzung um die Technik ist auch bestimmt durch die Polarität von "harter Technik" und "weicher Technik" (oder "sanfter Technik").

Als "harte Technik" wird die in den hochindustrialisierten Ländern tatsächlich entstandene Technik bezeichnet, gekennzeichnet durch hohe Arbeitsteilung, wachsende Einheiten, wachsende Abhängigkeit des einzelnen von Infrastrukturen, Wirtschaftswachstum und so weiter. Dieser "harten Technik" wird als Idealvorstellung die "weiche Technik" gegenübergestellt, deren Kennzeichen sind: Weitgehender Verzicht auf Arbeitsteilung, Zentralisierung und Wachstum, ausschließliche Benutzung regenerativer Energiequellen, friedliches, asketisches, idealistisch geprägtes Zusammenleben aller Menschen.

Eine solche "weiche Technik" ist aber nur für dünnbesiedelte, sonnenbegünstigte und ressourcenreiche Länder diskutabel - für dichtbesiedelte, sonnen- und ressourcenarme wie die Bundesrepublik Deutschland bringt sie keine Lösungen, vor allem keine Lösungen des Ernährungsproblems.

Für hochindustrialisierte Länder, wie zum Beispiel die Bundesrepublik Deutschland, hätte bereits der Versuch, "weiche Technik" zu verwirklichen, katastrophale Folgen: Dieser Versuch müßte mit der Aufgabe unserer internationalen Konkurrenzfähigkeit beginnen - ohne irgendeine Sicherheit, daß sich die versprochenen Wohltaten danach auch einstellen. Bei der Ernährung sieht dies so aus:

- Mit "alternativen" Formen landwirtschaftlicher Produktion, zum Beispiel ohne Mineraldünger, können die vielen Millionen Menschen in Europa nicht ernährt werden; solche "alternativen" Produkte sind Luxusprodukte für Minderheiten.

Würde man aber trotzdem auf eine effiziente Landwirtschaft verzichten, weil man meint, von importierten Nahrungsmitteln leben zu können, dann stößt man auf die zwei unlösbaren Folgeprobleme:

- Womit sollen die importierten Narungsmittel bezahlt werden, wenn keine konkurrenzfähige Industrie exportiert?

- Wie sollen diese Nahrungsmittel in unser Land kommen, wenn durch den Abbau der Technik keine hochwertigen Transport- und Konservierungsmittel zur Verfügung stehen? Es gibt tatsächlich keinen Weg, die vielen Menschen unseres dichtbesiedelten Mitteleuropas ohne hochwertige Technik zu ernähren.

Die Vorschläge "alternativer" Techniken entwickeln sich neuerdings immer weiter weg von der Realität und werden zur "alternativen Gegenkultur", in der Drogen, "Tunix" und Anarchismus sich chaotisch ausbreiten und wo auf ein "Paradies ohne Technik" gehofft wird. Wovon man leben soll, was die ökonomische Basis dieser "alternativen Gegenkultur" sein soll, ist und bleibt allerdings unklar. Vorläufig - solange das allgemeine paradiesische Zeitalter noch nicht angebrochen ist - versucht man die Lebensgestaltung mit irgendwelchen Tinnef-Produktionen aus den Abfällen der verhaßten Industriegesellschaft zu gewährleisten, zum Beispiel durch das Angebot von Primitiv-Schmuck aus gebogenen Drahtstückchen, von Windgeneratoren aus alten Autolichtmaschinen, Sonnenkollektoren aus alten Scheinwerfern und so weiter.

Schimmelpilze

Wo immer diese "alternative" Technik konkret wird, braucht sie Abfälle der hochentwickelten Technik. Und wenn ihre Vorkämpfer eine Blinddarmentzündung befällt, dann eilen in ein ganz normales, hochtechnisiertes Spital - ohne Rücksicht auf ihre "alternative Gesinnung".

Diese "alternative" Gegenkultur lebt gänzlich von unserer realen technischen Kultur - etwa so, wie Schimmelpilze auf einer Nährlösung leben, ohne die sie zugrunde gehen würden. Das neueste Produkt "alternativen" Nachdenkens ist die Behauptung, regelmäßige Arbeitszeiten entsprängen keinen sachlichen Notwendigkeiten, sondern nur dem Stumpfsinn, der sich anderes überhaupt nicht vorstellen kann.

Aber so ist es sicher nicht: Man kann vielleicht (mit zusätzlichen Regiekosten) Arbeitskräfte am Fließband rasch auswechseln, aber bei hochqualifizierten Arbeiten (beispielsweise Konstruktionsarbeit oder Computerprogrammierung) ist dies sicher nicht möglich. Komplexe, verantwortliche und kreative Leistungen, wie es für unsere Zukunft so wichtig sind, setzen langfristige, kontinuierliche und intensive Anstrengungen voraus - wer die Arbeitszeit in beliebig kleine Portionen stückelt, verhindert somit komplexe, verantwortliche und kreative Leistungen.