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24.09.1999 - 

Neue Spielregeln für die Arbeit in der Informationsgesellschaft

Die weichen Faktoren entscheiden über den Wettbewerbsvorsprung

Von Erik Händeler* Die Art, wie Menschen miteinander künftig umgehen werden, ist für die Produktivität des Informationszeitalters entscheidender als Technik und Tarifvertrag.

Telearbeit, virtuelle Unternehmen, Datenautobahn - die Informationsgesellschaft hat die Wirtschaft verändert. Doch sie ist mehr als die alte Industriegesellschaft plus Computer. Sie hat neue Spielregeln, während die Akteure der Wirtschaftspolitik, die meist in der Blütezeit der alten Industriegesellschaft aufgewachsen sind, meist noch immer vorrangig über Arbeitszeit, Löhne oder schlanke Unternehmen diskutieren.

In der reinen Industriewirtschaft mag das ja alles richtig gewesen sein: Man konnte einen VW-Käfer konstruieren, der anschließend jahrzehntelang lief. Ob er sich verkaufte, entschied der Preis, der stark vom Lohn der austauschbaren Arbeiter abhing. Die meisten Menschen haben in der Fabrik montiert, gefräst, geschraubt. Wenn sich die Arbeiter am Fließband gegenseitig mobbten, einige innerlich kündigten, dann war das zwar unerfreulich, fiel aber nicht entscheidend ins Gewicht. Die Menge der Güter, die am Ende vom Band rollte, hing hauptsächlich davon ab, wie technisch effizient die Maschinen mit Rohstoffen und Energie umgingen. Nur ganz wenige Menschen haben organisiert, geplant, vermarktet; nur wenige arbeiteten mit Information.

Wissen wird zum teuersten Produktionsfaktor

Das hat sich verschoben. Arbeitsplätze in großer Zahl entstehen im Informationssektor - Informationen sammeln, recherchieren, sortieren, gewichten, aufbereiten, verkaufen, beraten, beobachten, zusammenführen. In einer Welt, die ihr Wissen binnen weniger als fünf Jahren verdoppelt, wird es der teuerste und aufwendigste Produktionsfaktor, über die richtigen Informationen im richtigen Augenblick zu verfügen und sie produktiv anzuwenden. Selbst wer materielle Güter wie Autos herstellt, benötigt immer mehr Informationsarbeit.

Produktlebenszyklen haben sich dramatisch verkürzt. Der Wettbewerb wird jetzt nicht mehr allein über den Preis (Lohnkosten) entschieden, sondern über Zeit, Qualität, Kundenorientierung - letztlich über den Umgang mit Information. Während sich jedoch in der Industriegesellschaft Produktivität von Arbeitern an Maschinen relativ sicher einschätzen ließ, gelten für die Produktivität von Informationsarbeitern andere Spielregeln.

Nun steigen Wohlstand und Lebensqualität aber nur, weil wir produktiver werden. Wie ein Betrieb dieses Problem löst, war in der alten Industriegesellschaft jedem klar: Wir steigern die Leistungsfähigkeit einer Stanzmaschine um 20 Prozent, das ergibt 20 Prozent mehr Output. Doch das funktioniert heute nicht mehr so wie früher: Maschinen leisten immer weniger für die Wertschöpfung.

Es geht nun darum, daß Menschen mit Informationen produktiv umgehen - ein geistiger Vorgang, der sich nicht in die Kategorien von Stechuhren pressen läßt, sagt Leo Nefiodow vom GMD-Forschungszentrum Informationstechnik in St. Augustin bei Bonn. Die entscheidenden Standortfaktoren - Motivation, Kreativität, angstfreie Zusammenarbeit - sind psychosoziale Eigenschaften, etwas Immaterielles in einer zunehmend immateriellen Wirtschaft.

Das Kernproblem der Arbeit in der Informationsgesellschaft lautet daher: Wie machen wir unsere Informationsarbeiter produktiver? Nefiodow zitiert in seinem Buch "Der 6. Kondratieff - Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information" amerikanische Studien, wonach die Produktivität der Informationsarbeiter seit den 60er Jahren gleichgeblieben ist, obwohl weltweit über zwei Billionen Dollar an Informationstechnik investiert wurden.

Die technischen Produktivitätsfortschritte im Betrieb werden offensichtlich an anderen Stellen in der Gesellschaft zunichte gemacht. Wenn aber Produktivität in der Marktwirtschaft stagniert, kommt es zu Arbeitslosigkeit (Europa), Unterbeschäftigung (Japan) oder Wohlfahrtsverlusten (USA). Die großen Produktivitätsfortschritte der Technik haben größere soziale Unruhen bislang verhindert, schreibt Nefiodow. "Sollte es in den nächsten Jahren nicht gelingen, auch die Produktivität des Informationssektors deutlich zu steigern, dann bestehen keine Aussichten, die weltweiten Wirtschaftsprobleme in den Griff zu bekommen."

Was macht Informationsarbeiter produktiv? Intellektualismus und Fachkompetenz können sogar kontraproduktiv werden, wenn es nicht gelingt, die Ergebnisse der Arbeitsteilung zusammenzuführen. Die Produktivität der Gruppe ist wichtiger geworden als herausragende Einzelleistungen. Wachstum hängt erstmals von effizienten Informationsflüssen zwischen Menschen ab. Das ist der Grund, warum die Hierarchien heute flach wurden. Doch Informationsströme sind gestört, wo Platzhirsche regieren, Meinungsverschiedenheiten zu Machtkämpfen ausarten, wo Mobbing das Klima bestimmt. Mobbing schädigt die deutsche Wirtschaft um etwa 30 Milliarden Mark, Angst um etwa 100 Milliarden Mark im Jahr.

Der Chef muß sich in das Ganze einfügen

Denn wo Menschen jetzt mehr und intensiver als früher zusammenarbeiten müssen, werden auch ihre psychischen Schichten berührt, werden "weiche" Faktoren zu Schlüsselqualifikationen: Nicht bis zur Rente zerstritten zu sein, sondern sich versöhnen zu können; sich nicht für den Größten zu halten, sondern sich auch als Chef in das Ganze einzufügen; den anderen zu akzeptieren, auch wenn er nicht den eigenen Vorstellungen entspricht. Dann erst wird es möglich, weltweit mit vorübergehenden Partnern, Kollegen, Zulieferern und Kunden produktiv zusammenzuarbeiten.

Den limitierenden Faktor, der die Produktivität der Informationsarbeiter auffrißt, sieht Nefiodow also in der mangelnden Kompetenz im Umgang mit anderen Menschen: Arbeiten für den eigenen Status, fehlende Synergien, weil jeder sein Herrschaftswissen für sich behält, weil Ängste und Konkurrenz die seelische Kraft schwächen. Keine noch so verbesserte Hardware kann diesen Verlust langfristig ausgleichen. "Wenn wir uns nur zehn Prozent weniger streiten würden, wäre das schon ein Wirtschaftsaufschwung", sagt Nefiodow.

Manager lernen heute vor allem, sich durchzusetzen, aber nicht, den anderen zum loyalen Teamgefährten zu machen. Kooperation ist eine eigene Kompetenz, die erst erlernt werden muß - in dem vorhandenen gesellschaftlichen Umfeld, in das die Firmen eingebettet sind. Dem sind sie ausgeliefert: Firmen können ihre Mitarbeiter mit Gehaltszulagen motivieren, mit Statussymbolen den Selbstwert steigern, ihre mentalen Fähigkeiten auf Weiterbildungen stärken, über Corporate Identity die Gruppeninstinkte ansprechen. Das gegenseitige Wohlwollen, mit dem sich Mitarbeiter begegnen, hat aber mit dem Ethos einer Gesellschaft zu tun.

Der Ich-Bezogenheit den Boden entziehen

Seit Max Weber wissen wir, daß das Ethos einer Gesellschaft von seiner Religion geprägt wird. Für das Problem gesellschaftlicher Kooperationsfähigkeit diskutiert Nefiodow die Rolle der Familie und weist auf die Bedeutung des christlichen Glaubens hin, "weil es darum geht, einer übertriebenen Ich-Bezogenheit den Boden zu entziehen und ein echtes Interesse am gleichberechtigten Wohlergehen anderer herbeizuführen". Dies sei auch eine Voraussetzung für seelische Gesundheit und damit für die weichen Faktoren, die wir jetzt dringender benötigen, sagt Nefiodow. Hier endet die Macht der Wirtschaft, hier beginnt die Herausforderung für Politik und Gesellschaft.

Produktivität ist damit in der Informationsgesellschaft zu einem volkswirtschaftlichen Problem geworden. Je mehr sich das gesellschaftliche Klima verschlechtert, Angst, Vereinsamung und Mobbing psychische und psychosomatische Leiden verursachen, je mehr Ressourcen in Kriminalität, Alkohol und Drogen verschwendet werden, die Familie verfällt - desto weniger Kräfte stehen für die Schaffung von Informationsarbeitsplätzen zur Verfügung, die weltweit aber nur dort entstehen, wo sie produktiv genug sind.

Für Nefiodow sind die wachsende Nachfrage nach Personal- und Management-Beratung sowie der hohe Stellenwert, der der sozialen Kompetenz in der Praxis zugemessen wird, Indikatoren dafür, daß die deutsche Privatwirtschaft die neuen Herausforderungen selber in die Hand nimmt. Sie investiert mehr in die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen. Wer die Menschen am besten fachlich und sozial qualifiziert und motiviert, wer die weichen Faktoren wie Kreativität, Zusammenarbeit und Einsatzbereitschaft am besten erschließt, der setzt sich am Beginn der Informationsgesellschaft an die Spitze des Strukturwandels in der Arbeitswelt.

*Erik Händeler ist freier Journalist in München.