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21.12.1990 - 

Siemens, Nixdorf, Unix und der Anspruch der Anwender

Die wichtigsten Ereignisse des DV-Jahres 1990 in CW-Zitaten

Unix ist für Klaus Messelhäußer ein machtpolitisches Thema. Der Präsident der deutschen ECLAT-Vereinigung spricht unangenehme Wahrheiten aus. "Viele Anwender (entscheiden sich) für die Beschäftigung mit Unix, anstatt der IBM die Kontrolle über die Firma zu geben. In den vergangen Monaten war, "Offenheit" in der CW denn auch folgerichtig ein zentrales Thema. In der Phase des Umbruchs erleben wir, daß viele DV-Hersteller ins Schlingern geraten. Prominentestes Opfer.- die Nixdorf Computer AG. Die Anwender sind dagegen mündiger geworden. Hans-Peter Nickenig von der Benutzergruppe NIBEG bringt es auf den Punkt. " Die Hard- und Softwarehersteller entwickeln ihre Produkte nicht zum Selbstzweck. Ihre Kunden sind diejenigen, die sie einsetzen."

Klaus Messelhäußer, Präsident der deutschen Sektion des europäischen Leasing. Dachverbandes ECLAT, in der CW Nr. 9 vom 2. März 1990 über DV-Machtpolitik und offene Systeme:

Die ganzen Aktivitäten mit Open Systems, mit Unix, mit definierten Schnittstellen, haben eigentlich nur das Ziel, Abhängigkeiten zu vermeiden. Gerade von öffentlichen Anwendern wird das Unix-Thema sehr weit vorangetrieben. Anwender, die ein bestimmtes proprietäres Betriebssystem haben, sind auf die entsprechenden Softwarelieferungen angewiesen. Darum ist Unix auch ein machtpolitisches Thema für die Länder und die Wirtschaftsregionen. Wenn bei Daimler-Benz der Rechner ausfällt, drehen 10 000 Arbeiter-Däumchen. Durch die Indikation der DV wird auch die Risikoanfälligkeit der Unternehmen auf diesen Punkt konzentriert.

Wegen dieser machtpolitischen Überlegungen, die sich vielleicht weniger rational als im Bauch abspielen, entscheiden sich viele Anwender, die vorausdenken, für die Beschäftigung mit Unix, anstatt der IBM die Kontrolle über die Firma zu geben. Wer das Rechenzentrum und die Anwendungen liefert, der hat die Firma.

Horst Nasko, Sprecher des Vorstandes der Nixdorf Computer AG, in der CW Nr. 10 vom 9. März 1990 über das Zusammengehen von Nixdorf und Siemens:

Wir hatten eine Reihe von Alternativen, es war also keineswegs so, daß Siemens die einzige Möglichkeit war. Nur erschien uns diese Alternative bei der Gesamtbetrachtung die beste zu sein. Sie ist klar kommunizierbar, sie enthält keine komplizierten Schnittstellen, die es mit anderen Partnern gegeben hätte. Es gibt keine Interessenkonflikte, weil Siemens eben bereit war, die eigenen Aktivitäten mit unseren zusammenzuführen, das heißt also, den Bereich der Daten- und Informationstechnik in die Nixdorf Computer AG zu integrieren. Dadurch war die Möglichkeit gegeben, weltweit alle Aktivitäten zusammenzuführen, alle Synergien freizusetzen, ein Management einzusetzen und e i n e Struktur zu realisieren, die im Weltmaßstab operieren kann. Außerdem sind die Größenordnungen ungefähr gleich. Die Überlappung beträgt maximal zehn Prozent. Es ist eine optimale Ergänzung sowohl von der Produktpalette als auch von den Märkten und von den Regionen her. Dies ist wirklich eine Lösung, die wesentlich besser ist als alle anderen Alternativen, die uns angeboten wurden.

Rainer Liebich, Geschäftsführer der NCR GmbH, Augsburg, in der CW Nr. 15 vom 13. April 1990 über Offenheit und Standards:

NCR ist ein Anbieter von offenen Systemen. Wir wollen uns gemäß unserer Strategie des Open, Cooperative Computing dort positionieren, wo es um Offenheit, um Standards, um effiziente Datenverarbeitung geht.

Diese Strategie ist bereits fünf oder sechs Jahre alt. Wir haben eben nicht zuerst nur ein Konzept verkündet, dem wir dann hinterherlaufen mußten. Vielmehr entwickelten wir erst die Architekturen, die Produkte...

Wir waren von Anfang an überzeugt, daß mit Unix ein Standard-Betriebssystem geschaffen wird und wir nur noch mit offenen Systemen wachsen können. Im Gegensatz dazu ist im Mainframe-Bereich die Übermacht von IBM einfach zu eindeutig.

Robert Haak, Leiter Messen und Ausstellungen bei der IBM Deutschland GmbH, in der CW Nr. 16 vom 20, April 1990 über die CeBIT-Messe:

Der umfassende Charakter der CeBIT birgt natürlich die Gefahr, in Größenordnungen zu geraten, bei denen das Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht mehr stimmt. Wir geben zu bedenken: Die CeBIT darf sich nicht mehr vergrößern. Mehr als die 559 000 Besucher dieses Jahres kann Hannover nicht verkraften.

Wenn die Infrastruktur zusammenbricht, wenn Kundengespräche nicht mehr sinnvoll geführt werden können, dann werden wir und sicher auch andere nicht mehr gewillt sein, in Hannover so viel zu investieren.

Noch etwas ist wichtig: Wir glauben, daß sich die Messeleitung zumindest mittelfristig Gedanken über eine Umstrukturierung zu machen hat. Man muß überlegen, ob die Halle 1 auch in Zukunft der Nabel der CeBIT-Welt sein sollte oder ob nicht eine Lösung gefunden werden kann, bei der sich ein Universalanbieter an einer einzigen Stelle darstellen kann und sein Angebot nicht über mehrere Hallen verteilen muß.

Eine denkbare Möglichkeit für die Deutsche Messe AG wäre es deshalb, die festen Stände in Halle 1 aufzulösen und das gesamte Messegelände neu aufzuteilen. Damit könnten einem Hersteller, der 2000 Quadratmeter braucht, diese an einer Stelle angeboten werden, und er bräuchte nicht auf fünfmal 400 Quadratmeter auszuweichen

Bruno Lamborghini, Präsident der Eurobit einer Vereinigung europäischer DV-Hersteller, sowie Senior Vice President Strategic Planning von Olivetti, in der CW Nr. 41 vom 12. Oktober 1990 über die Chancen der europäischen DV-Industrie

Europa ist nach wie vor ein dynamischer Markt im Vergleich zu den USA, wo es mit dem Wachstum bergab geht. Diese Talfahrt könnte sich sogar verschlimmern, weil die Rezession offenbar unausweichlich ist, nicht nur wegen der Golfkrise. Der Europamarkt hat da eine bessere Perspektive: Wir können von Wachstumsimpulsen durch die bevorstehende Marktintegration ausgehen. In den Anwendungsfeldern Banken und Versicherungen etwa kann die Informationstechnik künftig eine zunehmend gewichtigere Rolle spielen. Gleichzeitig haben wir eine neue Perspektive durch die entstehenden Märkte in Osteuropa.

Ich bin mir natürlich nicht sicher, ob der europäische Markt auch wirklich weiterhin so wachsen wird -wie im letzten Jahr oder der ersten Hälfte von 1990. Vielleicht wird es eine

Verlangsamung des Wachstums geben - wofür es ja, gerade PC-Markt, schon einige Anzeichen gibt: Die Wachstumsrat werden hier wohl von 30 Prozent 1989 auf 15 Prozent, vielleicht noch weniger in dies Jahr absacken. Wie dem au sei: 1993 ist eine große Chance für die europäische IT-Industrie.

Diese ist gleichzeitig schwächt, weil der Markt in Vergangenheit fragmentiert war: jedes Land hat seine jeweiligen Hersteller protektionistisch geschützt.

Die DV ist aber eine globale Industrie; sie erfordert weltweiten Wettbewerb: Wenn Sie auf dem Weltmarkt nicht mithalten können, haben Sie auch kaum eine Chance in ihrem Heimmarkt. Im Moment findet eine Konzentration statt: Siemens/Nixdorf, aber auch Fujitsu/ICL - ob man es jetzt für richtig hält oder nicht. Es ist nicht die Aufgabe von Eurobit und auch nicht der EG-Kommission, in die Restrukturierung der Industrie einzugreifen; das obliegt brancheninternen Entscheidungen.

George Shaffner, Leiter Marketing & Operations der X/Open-Group, in der CW Nr. 36 vom 7. September 1990 über Interoperabilität und Schnittstellen:

Der Trend geht dahin, daß der Markt für proprietäre Systeme in die offene Welt eingebunden wird. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Bei uns äußert sich das darin, daß bei unseren Aktivitäten im kommenden Jahr Interoperabilität mit 80 Prozent den Löwenanteil beansprucht.

Bisher lag das Hauptgewicht auf offenen Systemen.

Die Bedeutung der Begriffe "offen" und "proprietary" hat sich geändert. Bisher war es unmöglich, sie in einem Atemzug zu nennen. Durch die Akzeptierung der Posix-Standards und den Trend zur Offenlegung der Schnittstellen verschwindet dieser Gegensatz mehr und mehr.

Martin Kütz, DV-Organisator aus Kelkheim, in der CW Nr. 35 vom 31. August 1990 über den Bericht "Einführung einer SAP-Lösung":

Die Entscheidung für eine SAP-Lösung ist eine der folgenreichsten für die Informationsverarbeitung eines Unternehmens. Sie beeinflußt maßgeblich den Hardware-Betriebssystem- und Datenbankeinsatz und sie verändert die Abläufe im Rechenzentrum, die EDV-Personalstrukturen sowie den Prozeß der Anwendungsentwicklung. Die genannten Auswirkungen sind gerade bei einer SAP-Lösung so bedeutsam, weil der Hersteller eine breite Produktpalette mit hoher Integration der Einzelprodukte anbietet, so daß in den meisten Fällen mehrere SAP-Produkte installiert und entsprechend große Anwendungsgebiete abgedeckt werden. Dazu möchte ich folgendes anmerken:

1. Die Autoren weisen zu Recht darauf hin, daß organisatorische Probleme nicht mit Softwaresystemen gelöst werden können. Gerade das ist aber die Erwartung bei vielen Pro-SAP-Entscheidungen! Wenn man dann im Einführungsprojekt unter Zeit- und Erfolgsdruck feststellt, daß die implizite Organisationsphilosophie der SAP-Produkte und die eigene Ablauforganisation nicht übereinstimmen, beginnen die Kompromisse in Form von Modifikationen. Zu einem späteren Zeitpunkt stellt man fest, daß eigentlich die Organisation hätte geändert werden müssen, aber dann sind die implementierten Modifikationen praktisch nicht mehr revidierbar.

2. Nach Ansicht der Autoren muß vor der Wahl einer Standardsoftware eine Anforderungsanalyse stehen. Auch dies ist in der Praxis oftmals anders, denn Pro-SAP-Entscheidungen werden auf hohen Führungsebenen außerhalb der EDV-Abteilung getroffen und haben stark politischen Charakter. Das hat in hohem Maße damit zu tun, daß man eine Entscheidung für den Marktführer als risikoarm betrachtet. Allerdings dienen Pflichenhefte und Abdekkungsgrad-Analysen in diesen Fällen nur noch einer nachträglichen Objektivierung der bereits gefällten Entscheidung.

3. Wer sich für eine SAP-Lösung entscheidet, braucht mehr Hardware! Leider sind die Aussagen von SAP zu diesem Thema erschütternd mager, und besonders enttäuschend fällt die Unterstützung des Anwenders bei Ermittlung des Plattenplatz-Bedarfs und bei der Plattenbelegungs-Planung aus.

4. SAP-Lösungen erfordern aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit und Komplexität geeignete personelle Betreuung. Personalabbau in der EDV ist speziell bei SAP-Lösungen illusorisch: Zur laufenden Betreuung dieser Systeme steigt der Aufwand in Systemprogrammierung und fachbereichsnaher Koordination signifikant.

5. Die Einführung von SAP-Lösungen ist nicht nur im Fachbereich, sondern auch in der EDV ein Personal- und Schulungsproblem. Die wichtigste (und schwierigste) Aufgabe des EDV-Managements besteht darin, die SAP-Software und die sie betreuenden Mitarbeiter in die bestehende Organisation zu integrieren. Andernfalls besteht die Gefahr einer Isolation des SAP-Bereiches mit nachfolgenden internen Kommunikations- und Kooperationsproblemen. Hier liegt auch eine gewisse Verantwortung bei den eventuell eingesetzten externen Beratern.

6. Ein beträchtliches Problem beim Einsatz von SAP-Produkten stellt die Unterstützung durch den Hersteller dar. Obgleich die Schwierigkeiten weitgehend mit dem stürmischen Wachstum der SAP AG und entsprechenden organisatorischen Problemen zu erklären sind, kann man als Anwender mit der Support-Qualität nicht zufrieden sein.

7. Standardsoftware muß revisionssicher sein. Zwar hat man bei SAP-Produkten die Protokollierung von Datenänderungen gut gelöst, jedoch fehlt eine prüfungssichere Versionsführung von Programmen. Hier besteht akuter Nachholbedarf.

Hans-Peter Nickenig, Org./ DV-Leiter in Nordhorn und erster Vorsitzender der Benutzergruppe NIBEG, in der CW Nr. 45 vom 9. November 1990 über das Verhältnis Hersteller/Anwender:

Die Hard- und Softwarehersteller entwickeln ihre Produkte nicht zum Selbstzweck. Ihre Kunden sind diejenigen, die sie einsetzen. Heutzutage hängt das Wohl und Wehe eines Unternehmens mehr denn je vom reibungslosen Funktionieren des

eingesetzten Computerequipments inklusive Software ab. Somit bestimmen auch die Hersteller mit ihren Entscheidungen über das Wohl und Wehe ihrer Kunden.

Die Lieferanten haben meiner Ansicht nach die Verpflichtung, für die Sicherheit und Stabilität in den Unternehmen, die ihre Kunden sind, mit zu sorgen. Denn haben wir beispielsweise einen DV-Totalausfall, der länger als drei Tage dauert, können wir unser Unternehmen dicht machen. Das darf auch nicht im Sinne der DV-Hersteller sein. Wir als Anwender bringen schließlich auch unsere Vorstellungen von unternehmensspezifischen Informationsverarbeitungs-Strategien in solche Diskussionen ein. Deshalb können wir vom Hersteller erwarten, daß er uns ebenfalls Einblick in seine Produktstrategien und Entwicklungsvorhaben gewährt.