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11.10.1991

"Die wirkliche Macht liegt bei den Anwendern"

Mit dieser Behauptung wehrt sich X/Open-Präsident Geoff Morris im Gespräch mit CW-Redakteurin Karin Quack gegen den Vorwurf, seine Organisation werde von den Herstellern dominiert.

CW: Sie reisen derzeit durch Westeuropa, um der Öffentlichkeit Ihre Idee von einer neuen X/Open-Struktur vorzustellen. Was hat es damit auf sich?

Morris: Wir sind dabei, den X/Open Prozeß zu verändern, um ihn den Erfordernissen der 90er Jahre besser anzupassen. Der große Trend, den wir seit Ende der 80er Jahre beobachten konnten, ist der, daß die Anwender frustriert sind, weil sie den Nutzen offener Systeme nicht schnell und problemlos genug bekommen können.

CW: Wie äußert sich diese Frustration?

Morris: Es gibt eine Reihe von Anwendergruppen, die überall auf der Welt wie Pilze aus dem Boden schießen. Sie alle tun dasselbe; sie erstellen eine Liste von Anforderungen, und dann schicken sie diese entweder separat an die Lieferanten, oder sie schließen sich zu größeren Gruppierungen zusammen, um eine gemeinsame Botschaft zu übermitteln .

CW: Wo liegen die Ursachen dafür:

Morris: Der Markt ist offenbar davon überzeugt, daß X/Open den Herstellern gehört. Die Gründungsmitglieder sind selbstverständlich anderer Meinung: Wir haben ein User-Council sowie einen Requirement-Prozeß installiert, und seit 1987 sind auch Anwender im Board of Directors vertreten. Wir haben also eingesehen, daß wir Schritte unternehmen müssen, die uns für die Anwender attraktiver machen.

CW: Ungeachtet der Software- und Anwenderbeiräte ist die X/Open derzeit tatsächlich ein Hersteller-Club nicht wahr? Oder woher kommen Ihre finanziellen Mittel?

Morris: Das Geld kommt ausschließlich von den Anbietern. Aber bei X/Open ist Geld nicht der einzige Machtfaktor. Die finanziellen Mittel, die die Hersteller in X/Open investiert haben, stellen lediglich den Treibstoff dar, der gebraucht wird, um den Open-Systems-Prozeß voranzutreiben. Die wirkliche Macht liegt jedoch bei der Anwendergemeinde, die die Forderung nach offenen Systemen stellt.

CW: Der Grand für die von Ihnen erwähnte Frustration liegt aber gerade darin, daß diese Forderung nicht zufriedenstellend erfüllt wird.

Morris: Eine Reihe von Anforderungen, die die Anwender kürzlich an uns gestellt haben, sind tatsächlich noch nicht realisiert; dazu gehört beispielsweise ein konkreter Leitfaden für die Ausschreibung, Beschaffung und Implementierung offener Systeme. Die Anwender beginnen, industriebasierte Anwendungsprofile nachzufragen. Wir sollen unsere Standards so beschreiben, daß sie der Anwender in einer Ausschreibung benutzen kann - nach dem Schema: Wenn wir eine Ölgesellschaft sind, welche Spezifikationen sind dann für uns wichtig? Das Profil einer Engineering-Workstation unterscheidet sich

schließlich von dem einer im kaufmännischen Bereich eingesetzten Maschine. Dies ist die Ebene, auf der die Anwender kommunizieren; sie reden über Anwendungsfunktionen, nicht über Interfaces.

CW: Woran liegt es, daß Sie sich bislang offenbar zuwenig mit den Anwendungsfunktionen beschäftigt haben?

Morris: Wir haben in diesem Bereich noch nicht genug Zeit und Mühe investiert, weil wir bislang nur vom Standpunkt des Herstellers an die Sache her angegangen sind. Außerdem hatten wir dafür einfach keine Ressourcen. In diesem Zusammenhang haben wir gemerkt, daß wir Investitionen von seiten der Anwender benötigen - sowohl im Sinne von Zeit und Arbeit als auch im Sinne einer Aufteilung von Kosten. Wenn sie wollen, daß wir ihnen das geben, dann werden wir das tun, aber wir brauchen ihre Hilfe in Form von personellen und finanziellen Ressourcen. Die Anwender könnten uns mit ihrer Erfahrung zur Seite stehen.

CW: Wie stellen Sie sich die Beteiligung der Anwender konkret vor?

Morris: Darüber haben wir noch keine Entscheidung getroffen; wir werden das voraussichtlich im Laufe des kommenden Jahres entscheiden. Wir wollen jetzt zusammen mit den Anwendern untersuchen, welche Aktivitäten für sie überhaupt wichtig sind. Denn für etwas, das den Anwendern keinen Nutzen bringt, werden sie weder Zeit noch Geld investieren.

CW: Welche Möglichkeiten für eine solche Beteiligung sehen Sie?

Morris: Wir würden gern eine projektbasierte Umgebung schaffen - wie wir sie für Hersteller auch haben. Sehen Sie, wir belegen die Hersteller eigentlich nicht mit einer Gebühr. Wir untersuchen zunächst, wieviel Arbeit im kommenden Jahr zu tun ist, und was es kosten wird, diese Projekte durchzuführen. Diese Kosten teilen wir dann auf unsere 21 Shareholders auf. Es gibt keinen Grund, warum wir diesen Prozeß nicht auch für die Anwendergemeinschaft nutzen sollten. Ich denke da beispielsweise an eine Mitgliedschaft auf Projektebene.

CW: Welche Anwender wollen Sie aufrufen, sich zu beteiligen?

Morris: Alle, die Interesse an offenen Systemen haben. Je mehr Mitglieder ein solches Projekt hat, desto kleiner sind die Kosten. Außerdem läßt sich der Frustration bei den Anwendern gegensteuern, indem wir ihnen zu verstehen geben, daß wir für diese Projekte ihre Unterstützung brauchen.

CW: Glauben Sie wirklich, Sieé können der von Ihnen erwähnten Frustration dadurch begegnen daß Sie die Anwender zur Kasse bitten?

Morris: Verstehen Sie mich nicht falsch! Dies soll keine Methode sein, um Geld zu beschaffen, sondern ein Weg, auf dem wir den Anwendern von Nutzen sein können. Wir würden die Anwender nicht einladen, die Kosten mit uns zu teilen, wenn wir nicht erwarten würden, daß sie wirklich etwas davon haben. Wir wollen ihnen das geben, was sie haben wollen.

Aber das allerwichtigste ist doch, daß sich all diese Sachen zu einer gemeinsamen Anwendungsumgebung, unserer CAE, zusammenfügen. Und da war die anwenderbezogene Seite unserer Aktivitäten war bislang einfach nicht so gut entwickelt, wie sie es hätte sein können. Wir haben hier nicht die Management-Ressourcen und Prozesse eingebracht, die für ein gutes Funktionieren notwendig gewesen wären.

CW: Wenn die Anwender schon Zeit, Mühe und Geld investieren, warum sollen sie dann nicht auch Shareholders werden?

Morris: Sicher können die Anwender auch Shareholder sein. Aber das kostet derzeit 750 000 Dollar, nämlich den 21. Teil des jährlichen Budgets. Ich würde von den Anwendern nicht erwarten, daß sie sofort eine so große Summe investieren, sondern daß sie zunächst auf einem niedrigeren Level starten.

CW: Wie wird sich die finanzielle Beteiligung der Anwender auf den Entscheidungsprozeß innerhalb der X/Open auswirken?

Morris: Unser Ziel ist es, in absehbarer Zeit eine Machtbalance herzustellen, die Anwender und Hersteller zumindest auf gleicher Höhe hält. Die Entscheidungen, die Hersteller und Anwender gleichermaßen betreffen, sollen künftig von beiden Gruppen gemeinsam getroffen werden, nicht nur von einer. Im Augenblick befindet der Vorstand darüber, was wir zur Verfügung stellen - wenngleich er sich von den Anwendern beraten läßt. Wir möchten dahin kommen, daß über die Projekte und Programme, die die Anwender betreffen, auch die Anwender entscheiden.

CW: Und wer entscheidet, welche Projekte und Programme das sind ?

Morris: Die Anwender natürlich - indem sie die Projekte auswählen, die X/Open für sie durchführen soll.

CW: Ausdruck der Ungeduld auf seiten der Anwender ist beispielsweise die geplante Kooperation zwischen dem National Institute of Standards und Technology (NIST) und der sogenannten Group of Ten (siehe CW Nr. 35 vom 30. August 1991, Seite 1 und 2). Werden Aktionen wie diese die X/Open demnächst überflüssig machen?

Morris: Die Group of Ten stellt für die X/Open keine Konkurrenz dar. Zum einen handelt es sich dabei um eine kleine Anwendergruppe, die auf der Suche nach ökonomisch sinnvollen Beschaffungen auf den Gebieten Fertigung und Prozeß-Engineering ist. X/Open repräsentiert eine viel größere internationale Gruppe von Anwendern, die sich über viele industrielle Bereiche erstreckt. Zum anderen spezifiziert die Group of Ten Produkte; X/Open hingegen will die Anwender in die Lage versetzten, zwischen verschiedenen Produkten zu wählen. Die meisten Mitglieder dieser Gruppe gehören übrigens auch unserem User-Council an oder sind zumindest in unserem Xtra-Prozeß repräsentiert.

CW: Ganz so unbedeutend kann diese Gruppe nicht sein, wenn das NlST mit ihr kooperieren will!

Morris: Durch die Presse gegangen ist die Nachricht, daß das NIST seinen Opens Systems Implementation Workshop (OIW) dahin weiterentwickeln wolle, daß er die Spezifizierungsarbeit leistet, die X/Open jetzt tut. Ich glaube aber nicht, daß NIST etwas derartiges vorhat. Zumindest ist es sicher nicht die Intention der Group of Ten, einen Prozeß zu kopieren, der bereits existiert und gut funktioniert. Was für mich nach dem Presserummel übrigbleibt, ist dies: Es gibt da eine Gruppe von zehn Anbietern, die entschlossen sind, die OSF-Produkte einzusetzen, und die die Spezifikationen offengelegt haben, die sie für ihre Beschaffungen benutzen werden. Im übrigen schließen diese Spezifikation die von X/Open festgelegten ein.

CW: Trotzdem sind solche Aktivitäten Ausdruck von Ungeduld. Dafür, daß die Anwender von der ,X/Open Hilfestellungen bei ihren Investitionsentscheidungen erwarten, reagieren Sie einfach zu spät auf das aktuelle Marktgeschehen.

Morris: Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen. Sie fragen, warum wir uns nicht an die Spitze der Bewegung setzen und eine Umgebung definieren, die als Maßstab für Produktrealisierungen dienen kann ...

CW:Ja, das fragt sich auch ein Teil der Anwender.

Morris: Nun, wir tun so etwas im Augenblick tatsächlich nicht - und zwar deshalb, weil unsere Strategie nun einmal darin besteht, die existierenden Standards und De-facto-Standards zusammenzustricken Wir liefern nur die Leitern, die Seile, den Leim und den Zement. Eine vollkommen neue Architektur für die Computerindustrie aufzubauen und den Herstellern zu sagen, sie sollen dieser Leitlinie folgen, ist einfach nicht das Spiel, das wir spielen.

CW: Damit geben Sie aber den Schwarzen Peter an den Markt, sprich: die Kunden, weiter.

Morris: Das ist nicht wahr. Nehmen wir das Beispiel User-lnterface: Nicht wir sind es, die die Probleme dem Anwender in den Schoß gelegt haben, sondern die Hersteller der verschiedenen Benutzeroberflächen. Was wir in den Augen der Anwender bislang versäumt haben, ist, ein einziges Interface zu entwickeln, das die beide Produkte (Open Look und OSF/Motif, Anmerkung der Redaktion) unterstützt. Diese Schnittstelle gibt es deshalb nicht, weil wir uns mit den beiden Herstellern nicht darauf einigen konnten.

CW: Die Benutzer-Schnittstelle ist nur ein Beispiel, ein anderes betrifft die verschiedenen Lösungen für Organisation und Management verteilter heterogener Netze. VVas will X/ Open hier unternehmen?

Morris: Die Anwendergemeinde war zwar nicht gerade glücklich darüber, daß da Inkompatibilitäten entstanden - insbesondere auf der Ebene des Remote Procedure Call (die OSF-Lösung beruht auf der Technik von Apollo, die Lösung von Unix International auf der Technik von Sun Microsystems; Anmerkung der Redaktion). Aber, wie Sie sicher wissen, hat Unix International die DCE Technologie in das Atlas-Konzept übernommen. Das ist ein direktes Ergebnis davon, daß die Anwender den beiden Herstellern klargemacht haben, daß sie keine Inkompatibilitäten wollen. Und das haben sie über den X/Open-Kanal getan. Im Augenblick beziehen die X/ Open-Spezifikationen weder die DCE- noch die UI-Interfaces ein. Aber beide Hersteller haben gesagt, daß sie die X/Open-Spezifikationen berücksichtigen werden. Also spielt es keine Rolle, wofür sich der Anwender entscheidet.

CW: Die X/Open-Spezifikationen sind in Europa sehr positiv aufgenommen worden. In den USA haben sie hingegen weniger Erfolg. Dort richten sich die Anwender eher nach den Posix-Schnittstellen des IEEE.

Morris: Nun, wir sind in den USA sicher nicht so bekannt wie Mac Donalds. Aber die meisten Leute, die für ihr Geschäft offene Systeme einsetzen, kennen uns. Unsere Spezifikation werden von der Airforce, dem Schatzministerium, dem Landwirtschaftsministerium sowie großen Anwenderunternehmen genutzt. Posix hingegen deckt nur einen Teil des von uns spezifizierten Bereichs ab. Kann sein, daß Posix bei der technischen Gemeinde einen besseren Ruf genießt, aber es ist tatsächlich weniger umfassend als unser Common Application Environment: genau genommen, besteht es lediglich aus einem Satz von Betriebssystem-Schnittstellen Aber Posix fließt in die Arbeit der International Standards Organization ein; von daher spielt es eine ganz andere Rolle als unsere CAE.