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14.02.1975

Die Zeit der einsamen Großrechner ist vorbei!

Mit Ulrich Kiel, Direktor Org. und DV beim Großversandhaus Quelle, sprach Dr. Gerhard Maurer.

- IBM kündigte jüngst das System 32 an; - eigentlich eine MDT-Anlage, wenngleich plattenorientiert. Konzipiert ist dieses Kleinsystem auch als Satelliten-Rechner in großen Kommunikationsnetzen. Ähnliche Hardware-Ankündigungen gab es gerade bei Digital Equipment, - das System DEC 310. Mit Nixdorf's neuer Serie 88 wird das gleiche Konzept dezentralisierter Intelligenz propagiert. Ist die alte Doktrin vom effizienten Großrechner tot?

Meines Erachtens noch nicht, - oder zumindest nur insofern, als der "Großrechner hinter verschlossenen Türen" ohne direkte Verbindung zur Außenwelt der Benutzerbereiche, als überlebt angesehen werden kann. Das Großsystem hat aber noch auf lange Zeit einen wichtigen Platz in unserer EDV-Strategie, - allerdings mehr und mehr in Kombination mit Terminals verschiedenster Funktionen und verschiedener Intelligenz-Level.

- Wesentliches Merkmal der genannten, neuangekündigten, billigen Satelliten-Systeme ist, daß sie über Platten verfügen. Fürchten Sie nicht, daß man jetzt von vielen Seiten mit dem Wunsch auf Sie zukommen wird, doch wieder eigene Dateien aufzubauen. Kann man diesen Wunsch Jetzt noch abschlagen? Hätte man damit nicht wieder die Organisationsform, die eigentlich überwunden war?

Die Kooperation zwischen unseren Benutzern und unseren Datenverarbeitern ist seit Jahren so gut, daß die "Kunden" durchaus urteilsfähig sind in bezug auf die Vor- und Nachteile der jeweiligen Systemalternativen. Das Angebot einer ausgewogenen Hierarchie von Dateien als Pendant zur "lntelligenz-Hierarchie" wird vom Benutzer voll akzeptiert. Im übriqen ist zu begrüßen, wenn darüber hinaus konventionelle Karteien durch dezentrale Dateien ersetzt werden.

- Bei Ihnen sind heute drei Großrechner installiert mit zusammen fünf Megabyte-Hauptspeicher. Sicherlich wird es im Hause Quelle künftig noch mehr Datenverarbeitung geben, wie das ja generell über die Jahre der Trend war. Die Frage ist allerdings: Wird der dafür erforderliche Hauptspeicher in der Zentrale stehen oder draußen in den Fachabteilungen?

Sowohl als auch. Wir werden Anwendungen haben, bei denen alle Hardware- und Software-Komponenten in der Zentrale zusammengefaßt sind. Daneben wird es Anwendungen mit unintelligenten Terminals geben wie auch Anwendungen mit beachtlicher Intelligenz vor Ort, und zwar einschließlich Plattenkapazität.

- Im zentralen Quelle-Rechenzentrum stehen heute 17 Drucker. Werden es künftig mehr oder weniger sein?

In der nächsten überschaubaren Zeit werden wir wahrscheinlich einige Drucker abmieten können. Diese Entlastung wird sowohl durch einen verstärkten Einsatz von Bildschirmgeräten möglich, die im wesentlichen Exception-Meldungen im Mensch-Maschine-Dialog ausgeben, als auch dadurch, daß wir die Druckausgabe - dort wo sie nicht durch Bildschirmausgabe ersetzt werden kann - in die Anwenderbereiche verlagert haben und dies in Zukunft noch verstärken wollen. Hinzu kommt der weitere Ausbau unserer COM-Anwendungen.

- Das Konzept verteilter Intelligenz ist bisher von IBM nie recht eingesegnet worden, - vielleicht weil es zu einer Entlastung der zentralen Systeme führt. Andererseits schwenkt IBM jetzt mit der Ankündigung des Satelliten-Kleinsystems 32 doch auf diese neue Doktrin ein. Wird das zu dem Durchbruch führen, den MDT-Hersteller und Mini-Lieferanten immer gefordert haben?

Ich fühle mich nicht berufen, zur IBM-Produktpolitik Stellung zu nehmen. Andererseits erwarte ich persönlich einen derartigen Trend. Wir stellen uns im Hause Quelle sehr konkret auf Entwiclungen dieser Art ein.

- Nach wie vor gilt doch wohl noch, daß die Rechenleistung auf der Großmaschine die Billigste ist. Man bekommt für eine Mark mehr Instruktionen auf zentralen Systemen. Wird dieser Preisvorteil bei der Dezentralisierung durch Flexibilität in der Organisation tatsächlich aufgewogen?

Der Gesamt-Operationsaufwand je Throughput-Einheit - also einschließlich aller Aufwendungen für Arbeitsvor- und -nachbereitung, Systemsteuerung, Datensicherung und so weiter - zeigt diesen Abwärtstrend schon längere Zeit nicht mehr im bisherigen Maße. Das Verlagern von Funktionen, die ehemals Domäne des Rechenzentrums waren, vor Ort kann bei vielen Anwendungen durchaus schon kostenneutral sein, hat aber auf jeden Fall den von Ihnen angesprochenen Vorteil größerer Flexibilität für die Benutzer.

- Erfordert nicht ein effizientes Durchführen von System-Management-Funktionen unbedingt die Zentralisierung? Ich denke an Datenschutz, Kostenverrechnung, Programm-Tuning.

Absolut nicht. Die Datenverarbeiter müssen sich aber auch weiterhin für alle Systemkomponenten verantwortlich zeigen und nicht - etwa aus Erleichterung darüber, einzelne Aufgaben aus den komplexen großen Rechenzentren in die Benutzerbereiche ausgelagert zu haben, - diese Systemkomponenten sozusagen ihrem Scicksal überlassen. Die Systems-Management-Aufgaben bleiben erhalten, allerdings in einer etwas anderen Dimension als bisher.

- Unterstellt, in vielen Fachabteilungen stünden eigene intelligente Systeme mit Plattendateien. Welche Konsequenzen hat das für die Datensicherung?

Bei weitgehend autonomen Systemkomponenten werden wir sehr genau zu überlegen haben, ob wir wirklich sensible Informationen nicht besser unter Kontrolle des zentralen Rechenzentrums halten sollen.

- Wie sieht es dann mit der Kostenverrechnung aus?

Da sehe ich relativ wenig Probleme. Erweiterte Verrechnungssysteme müssen und können sicherstellen, daß die in den letzten Jahren mit einiger Mühe autgebaute Kontrolle der EDV-Kostenentwicklung erhalten bleibt.

Ulrich Kiel

Dipl.-Kfm., (38)

übernahm vor sechs Jahren die Leitung des Hauptbereiches Organisation und Datenverarbeitung beim Großversandhaus Quelle Gustav Schickedanz KG. Bereits mit 32 Jahren gebot er in Nürnberg über 400 Mitarbeiter und zwei IBM-Systeme 360/65. Heute sind es 550 Mitarbeiter (davon 200 Operatoren) und drei Großrechner (IBM 370/168, 370/158 und 360/65) mit zusammen 5 Megabyte Hauptspeicher und Säalen voll Peripherie (10 Millionen Adressen im Direktzugriff, 17 Drucker).

In Nürnberg realisierte Kiel viele Dinge, die anderswo erst Jahre später üblich wurden: Realtime-Anwendungen allergrößten Stils; Installation von Mixed-Hardware; Kauf einer 360/65 etc.

Nach einer Lehre als Industriekaufmann bei der Siemens AG studierte Kiel an den Universitäten Hamburg und Göttingen Betriebswirtschaft. Danach war er vier Jahre EDV-Chef einer

Textil- und Modefirma.

Wissenschaftliche Terminologie wie "Grenzeffizienz" oder "Pretiale Lenkungsfunktionen" sind für Kiel nicht theoretischer Ballast, sondern dies Wissen ist für ihn praktisches Werkzeug für seine Topmanagement-Tätigkeit bei Europas größtem Versandhaus.