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19.10.1984 - 

Im Rennen um die Hochtechnologie muß jeder seine eigene Strategie verfolgen:

Diebold: Europa darf Amerika nicht kopieren

FRANKFURT - Europa läuft Gefahr, aus dem amerikanischen Erfolg in der Hochtechnologie die falschen Lehren zu ziehen. Diese Ansicht vertrat jetzt John Diebold, Chairman der New Yorker Beratungsfirma The Diebold Group. Das Modewort "Unternehmer-Kultur" wird oft benutzt, wenn es darum geht, aus jeder Stadt, jeder Land oder jeder Region ein sogenanntes "Silicon Valley" zu machen. Auf keinen Fall dürfte Deutschland, so Diebold, Amerika oder Japan kopieren, er müsse vielmehr unter der Berücksichtigung seiner historischen Eigenheiten eigene Wege gehen. Im folgenden analysiert er die Problematik.

Jeder der drei großen Akteure - Europa, Japan oder die USA - wäre zum Scheitern verurteilt. Kopierte er jeweils lediglich die Vorgehensweisen der beiden anderen, erklärte Diebold. "Aus der 25jährigen Erfahrung in der Zusammenarbeit mit den Beratern der Diebold Deutschland GmbH und den Mitarbeitern ihrer Kunden weiß ich, daß es hier nicht an Einfallsreichtum, Kreativität und Wissen mangelt. Es gibt jedoch grundlegende kulturelle Unterschiede zwischen Japan, Europa und den Vereinigten Staaten. Im Rennen um die Hochtechnologie muß jeder für sich die eigenen Stärken und Schwächen erkennen und die ihnen gemäße Strategie finden.

Den Vereinigten Staaten fehlten zum Beispiel die institutionellen und kulturellen Bedingungen, die die Japaner in die Lage versetzen, ihre persönlichen Interessen dem Wohl des Landes unterzuordnen. Ebenso sind die Beziehungen zwischen der Wirtschaft und der US-Regierung ganz anders als in Japan

Einzelgänger haben in den USA größere Chancen als in Europa

Nichtsdestoweniger verfügen die USA über gewisse typische Stärken. Dazu gehört die Fähigkeit, auch nach einem Fehlschlag neu zu beginnen, ohne deshalb mit einem Makel behaftet zu sein. Außenseiter ("mavericks") und Einzelgänger, die oft den echten Unternehmer kennzeichnen, haben in Amerika größere Chancen, akzeptiert zu werden als in Europa oder Japan. Diese Merkmale des amerikanischen Charakters - oft Yankee-Genialität genannt - wurden schon im 19. Jahrhundert von dem Staatsphilosophen Alexis de Toqueville beobachtet. Sie wurden inzwischen durch verschiedene Elemente verstärkt: durch das Besteuerungssystem, die Arbeitsmobilität, die umfangreichen Möglichkeiten der Hochschulausbildung, durch den engen Forschungskontakt zwischen Universitäten und Industrie sowie andere Eigenheiten der amerikanischen Wirtschaft. Auch die Wagniskapital-Finanzierung bildet ein wichtiges Element.

Wagniskapital schließt Risiko und Spekulation ein

Bei dem sich jetzt vollziehenden paneuropäischen Kopfsprung in die Hochtechnologie gibt es zwei Gefahren: Erstens werden in einem politischen und kulturellen Umfeld, in dem Wagemut nicht honoriert und Fehlschläge nicht toleriert werden, an die Wagniskapitalfinanzierung zu hohe Erwartungen- geknüpft. Wagniskapital schließt kraft Definition Risiko und Spekulation ein. In den USA wissen die Wagnisfinanziers, daß viele der neuen Unternehmen scheitern und nur wenige gute Erfolge haben werden. Wenn aber mittelmäßige oder weniger qualifizierte Firmen unterstützt werden, wird das System so schwer belastet, daß selbst die Erfolgreichen nicht gedeihen können. Zum zweiten wird viel zu viel Gewicht auf die Hochtechnologie gelegt, denn sie ist nur ein Element des wirtschaftlichen Wohlstands. Von den mehr als 30 Millionen neuen Arbeitsplätzen, die während der 7Oer Jahre in den Vereinigten Staaten geschaffen wurden, befanden sich die meisten in kleinen bis mittelgroßen Unternehmen, die nicht als Hochtechnologie-Firmen anzusehen waren. Höchstens 1,5 Prozent der alljährlich in den USA neugegründeten Unternehmen können als Hochtechnologie-Firmen bezeichnet werden.

Die meisten neuen Arbeitsplätze entstanden in weniger hochtechnisierten Fertigungsunternehmen und in Dienstleistungsbetrieben. Mit anderen Worten: Die "Unternehmer-Kultur" muß in keiner Weise auf die Herstellung von Silizium-Chips beschränkt sein, sondern muß ebenso viele, weit weniger illustre Unternehmenszwecke einschließen.

Der Grund, weshalb Hochtechnologie in modernen Industriegesellschaften von Wichtigkeit ist, liegt nicht in den neuen Arbeitsplätzen, die durch die Herstellung moderner elektronischer Bauelemente und Geräte geschaffen werden. Vielmehr gibt die Hochtechnologie für die Steigerung der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit vieler Branchen auch außerhalb ihres eigenen Bereichs Impulse. So hängt beispielsweise die Verkäuflichkeit des Automobils zunehmend von der Qualität der Computersysteme ab, die Kontrollfunktionen übernehmen.

Hochtechnologie ist, obwohl wichtig, nur ein Teilaspekt des Ganzen. Eine Industriepolitik, die zu stark auf Hochtechnologie setzt, ist ebenso zum Scheitern verurteilt wie der Versuch, das japanische Außenhandelsministerium MITI (Ministry of International Trade and Industry) oder die

Es sind Wege zu suchen, die Kreativität und Innovation begünstigen

amerikanischen Wagniskapitalfirmen nachzuahmen..

Es würde viel helfen, analysierte man den enormen Erfolg den Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erzielte. Viele der damals gegründeten Unternehmen bestehen noch heute und befinden sich in außerordentlich guter Verfassung. Könne es nicht nützlich sein, nach Wegen zu suchen, wie man bei diesen Großunternehmen ein Höchstmaß an Kreativität und Innovation erschließen kann? Wäre das nicht eine ergiebige Basis für Analysen und Experimente als die starke Fixierung auf das Wagniskapital? Zumal in einer Gesellschaft, die ein Scheitern nicht duldet und wo die Konkursgesetzgebung und der Sekundärmarkt für Anleihen so sehr von dem Umfeld abweichen, in dem Wagniskapitalmärkte gedeihen können, nämlich in den USA?

Die Natur der Bankfinanzierung, eine weit höhere Verschuldungsrate als in den Vereinigten Staaten und die Praxis des Depotstimmrechts sowie auch andere Charakteristika haben in Deutschland ein Umfeld geschaffen, das einen langfristigen Zeitrahmen für die Entscheidungsfindung begünstigt. Um dieses und Ihren großen Erfolg auf den Auslandsmärkten werden Sie von den amerikanischen Geschäftsleuten beneidet. Könnten die gleichen Vorteile nicht auch für einige der neueren Branchen genutzt werden? Erfolgreiche nationale Strategien sollten jedoch gemäß den ureigenen Bedingungen eines jeden Landes gesucht werden und sind in der Geschichte auch stets gefunden worden.