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27.03.1992

Digital Equipment ist ein Gigant beim Kurswechsel

Frank-Michael Fischer, Beratungsunternehmen für Informationstechnologie und Publikationen, Gauting bei München

Digital Equipment macht dieser Tage selten gute Schlagzeilen. Ob es der Personalabbau oder die Geschäftszahlen sind, die breite Öffentlichkeit sieht DEC schon den Weg allen BUNCHes gehen; manche Extremisten halten diesen Weltkonzern sogar für die "kleine" IBM, was die Probleme angeht, aber ohne den vermeintlichen Vorteil der riesigen blauen installierten Basis.

Bei näherem Hinsehen und -hören jedoch zeigt sich, daß mit extremen Blickwinkeln keine tiefere Erkenntnis über die Zukunftsaussichten des Hauses DEC gewonnen werden kann. Denn Extremes geht in diesem Unternehmen selbst vor, so daß ein Bild sich nur mit Nüchternheit entwerfen läßt.

DEC als großer Computeranbieter ist wie eine große Nation: Seine Geschichte verzeichnet viel Ruhmreiches, aber auch böse Taten. Oder sollte man besser Untaten oder gar Nichttaten sagen? So hat dieser traditionsreiche Minihersteller die Idee vom PC nicht nur hoffähig gemacht, sondern damit auch einen beispiellosen Geschäftserfolg erwirtschaftet; er hat eine ganze Generation von Informatikern in ihrer Ausbildung geprägt, genau die Generation, die sich jetzt an PC-Netzen, Unix-Servern und Grafik- Workstations erfreuen. Er hat den Markt für flexible Anwendungen (im Gegensatz zur Massendatenverarbeitung) wesentlich beeinflußt und mit seiner (im Gegensatz zur ES/9000-Architektur) auch in der Basissoftware durchgängigen Kompatibilität einen Wettbewerbsdruck erzeugt, der viele alte und neue Anbieter auch in Richtung auf mehr Anwendernutzen gedrängt hat.

Und DECs Untaten? Als Erfinder des PC sah man überheblich auf die "Spielzeug-PCs" herab, die ja nicht einmal ein richtiges Betriebssystem, sondern MS-DOS zu bieten hatten. Ja, zum Teil blickte man auch auf die Käufer solcher Geräte herab, die sich für ein edles DEC Produkt disqualifiziert hatten. Gerade so, als ob MacDonalds nicht im Wettbewerb zu "richtigen" Restaurants stünde. Nach dieser läßlichen Sünde bahnte sich dann wegen einer Todsünde die rechtmäßige Vertreibung aus dem Geschäftsparadies an. DEC entwarf seinen eigenen PC, den PRO-3XX, und trimmte ihn mit einem billigen Ingenieurstrick auf Nichtkompatibilität zu der eigentlich binärkompatiblen, gewinnhaltigeren PDP-11, damit die Kunden auf gar keinen Fall die Tausende von vorhandenen Anwendungen auf der preiswerten PC-Plattform fahren konnten; kurz: Man verkaufte sich selbst für dumm. Wer sich nun über DEC amüsiert, kann ähnliches auch bei IBM und Konsorten finden. So sollte ursprünglich angeblich OS/2 EE nur auf IBMs PS/2 Rechnern laufen, bis es die Kunden geglaubt haben und wegen nicht gekaufter PS/2-Rechner gar kein OS/2 mehr wollten etc.

Die nächste Unterlassung plante und implementierte DEC bei den Grafik-Workstations und der damit losgetretenen Unix-Welle. Da Digital überdies im Wettbewerb um die CPU-Marktanteile durch das Nichtvermarkten von VAX-Chips an andere Systemhersteller gegenüber Motorola, Intel und Sun (Sparc) ins Hintertreffen geraten war, konnte man nicht einmal indirekt vom Wachstum der installierten CPUs profitieren. Die PC-Überheblichkeit wiederholte sich diesmal bei Unix.

Sicher hatte DEC mit seinen Warnungen bezüglich offener (Unix-) oder halboffener (MS-DOS-) Systeme recht; Anschaffungskosten werden allzuhäufig auf Integrations- und damit Betriebskosten verlagert, die Gesamtinvestitionen rechnen sich deshalb oft nicht. Aber Rechthaben hat mit Geschäftmachen wenig zu tun.

Rückblickend sieht man, daß der typische DEC-Fehler nur insoweit organisatorisch-struktureller Art ist, als die jeweils vorgegebene Organisation ganz offenbar zu selten in der Lage war, produktstrategische Entscheidungen unter Marketingbeziehungsweise Geschäftsinhalts-Gesichtspunkten zu treffen. Nicht der Kunden-, sondern der interne Entwicklungs- und Fertigungswille standen im Zentrum der Überlegungen. Wenn DECs Management hier Abhilfe schafft, wären bedeutende Fußangeln beseitigt.

Den Ausweg aus der durchaus branchentypischen Krise sucht DEC nun im Verschieben des Geschäftsfeldes weg vom Systemverkauf hin zur Dienstleistung der Systemintegration. Dies ist ein natürlicher Wandel. Schließlich haben sich die Anwender im manchmal übertriebenen Streben nach Unabhängigkeit und kurzfristigen Einkaufserfolgen einen in jedem Wortsinn offenen Verhau zugelegt, der ohne professionelle Integration zu einer Stör- und Kostenquelle ersten Ranges werden kann.

Kann eine Firma DEC dies leisten? Sicherlich bietet DEC wegen der jahrelangen Erfahrungen in der vernetzten Koexistenz mit dem Markführer IBM gute Voraussetzungen, bessere jedenfalls als die IBM selbst. Zudem ist DEC gewiß ein international operierender Anbieter, was SNI oder Debis in diesem Ausmaß kaum von sich behaupten können. EDS stellt gewissermaßen ein Komplementärangebot zu DEC dar: DEC kennt sich in verteilten Systemen und deren Management aus, EDS ist Leistungsträger bei zentralen Rechenzentren und deren Terminalversorgung.

Digitals Wettbewerbsposition sieht also gut aus. Ob sie auch genützt wird, hängt wesentlich von zwei Faktoren ab:

1. Wird es DEC endlich gelingen, den neuen Schwenk dem Markt so deutlich, plausibel und glaubhaft zu machen, daß sich der Name dieses Unternehmens in den Köpfen der Kunden als bedenkenswerte Alternative festsetzt und damit wie selbstverständlich Digital bei Ausschreibungen beteiligt und berücksichtigt wird? Hier ist ein großes Fragezeichen angesagt, denn eine die gesamte Zielgruppe erreichende Marketing-Kommunikation in beiden Richtungen war stets die Paradeschwachstelle des Hauses.

2. Schafft DEC eine klare mentale und organisatorische Trennung der neuen Geschäftsfelder von den herkömmlichen, die bis in die Vertriebsorganisation hineinreicht? Denn die Seele des Systemverkäufers verträgt sich nur schwer mit der des neutralen Dienstleisters in einer Brust.

Hoffen wir, daß sich diese zwei Faktoren zugunsten Digitals regeln lassen. Denn wir brauchen weltweit agierende, Hardware-unabhängige und doch technologieerfahrene Systemintegratoren, und zwar

- im Sinne der Marktwirtschaft

- bitte mehr als einen.