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07.10.1994

Digital-Kunden sorgen sich um den Traditionsanbieter

Haetten sie doch einen wie Bill Gates. Der haette den Strafstoss sicher verwandelt. Nachher ist man zwar immer schlauer - aber Ken Olsen schien so sicher, als er anlief. So eine Chance! Und dann voll daneben. Wer weiss, wie es heute mit DEC aussehen wuerde, wenn Olsen getroffen haette. Heute muss das bereits stark reduzierte Team gegen den Abstieg spielen. Haette es bloss einen Gates!

Man mag ueber Gates denken wie man will, eins kann man ihm nicht absprechen: Gespuer fuer den Markt. Weil er selbst in der Tradition der Computerhacker steht, kennt er die Rechner, weiss um ihre Moeglichkeiten und kann besser als viele andere in der Industrie vorhersagen, welches die lohnenswerten Optionen fuer die Zukunft sein werden.

So gesehen war auch die Markteinfuehrung von Windows 3.0 am Dienstag, den 22. Mai 1990, eine taktische Meisterleistung. Bis zur Herbst-Comdex 1989 hatte alle Welt geglaubt, Microsoft konzentriere sich voll auf OS/2 als strategisches Betriebssystem. Die Pressekonferenz vor handverlesenem Publikum mit James Cannavino und Gates ging in die Geschichte ein; seitdem wusste die Computerbranche, was in Redmond auf den Reissbrettern wirklich geplant wurde: Windows. Niemand wunderte sich, als Microsoft sofort nach der Praesentation der DOS-Oberflaeche auch gleich Anwendungen aus dem Aermel schuettelte - ein strategisch glaenzender Schachzug.

Was das mit Digital zu tun hat? Ken Olsen haette eine Menge von Gates lernen koennen. Im Gegensatz zum DEC-Gruendervater setzte Gates immer auf die richtige Karte. Und er sagte zum richtigen Zeitpunkt, in welche Richtung Microsoft marschieren sollte. Eine Erklaerung fuer den sehr unterschiedlichen Weg, den Microsoft und DEC in den vergangenen Jahren nahmen, mag dabei sein, dass Gates sich wohl besser als viele DEC-Mitarbeiter selbst mit den Time- sharing-Rechnern etwa der Program-Data-Processor-Linie auskannte - und wohl instinktiv merkte, dass ihnen die Zukunft auf Dauer nicht gehoeren wuerde.

Ende der 60er Jahre durfte er als Teenager naemlich in Seattle einen neuen PDP-10-Rechner der Firma Computer Center Corp. auf Herz und Nieren nach Bugs durchleuchten, wofuer er als Entgelt freie Rechenzeit auf dem Minicomputer eingeraeumt bekam. Dabei wird er die Schwaechen und Staerken der DEC-Maschine ausgiebig kennengelernt haben.

Das koennte ihm geholfen haben, ein paar Jahre spaeter die Potentiale zu erkennen, die in Mikros wie dem "Altair 8800" steckten, einem Baukasten-Vorlaeufer spaeterer PCs, fuer den er und Paul Allen eine Basic-Programmiersprache schrieben. Spaetestens hier duerften sich die Ueberlegungen von Gates und Olsen getrennt haben.

Dabei hatte Olsen durchaus seine Chance. Denn bereits sechseinhalb Jahre, nachdem DEC im Oktober 1977 mit der VAX-11/780 das erste Mitglied der VAX-Systemfamilie der Oeffentlichkeit praesentiert hatte, lieferte das Unternehmen aus Maynard, Massachusetts, im April 1984 das 25 000ste Mitglied dieser Rechnerserie aus. Zwei Monate spaeter stellte Olsen die Version 1.0 von Ultrix vor. Und schon im Februar 1987 konnte sich DEC auf eine loyale Klientel von 100000 VAX-Anwendern stuetzen. Das waers gewesen - ein Elfmeter war das, eine todsichere Sache. "Da haette DEC sagen muessen, wir setzen voll auf die Abloesung der VMS-Systeme durch das neue Ultrix", meint ein Anwender aus der Erdoelbranche. Der grossen VMS-Basis einen komfortablen Migrationsweg anbieten, den Software- Entwicklern kostenlos Ultrix-Maschinen ins Haus stellen - und DEC haette sich vielleicht noch rechtzeitig in die offenere Welt der Unix-RISC-Rechner retten koennen. "Die hatten naemlich gar keine so schlechte Startposition mit ihrer grossen VMS-Basis", meint der Gespraechspartner weiter. Die haette man "abholen" muessen - doch Olsen setzte nur halbherzig auf Unix, der Elfmeter war verschossen, und "heute haben die keine Chance mehr".

Ein Gates haette wohl auch nicht einen so ernstzunehmenden Konkurrenten wie Sun Microsystems uebersehen oder unterschaetzt. Das Unternehmen aus Mountain View, Kalifornien, war im Februar 1982 von dem Deutschen Andy von Bechtolsheim, dem Inder Vinod Khosla und dem Sunnyboy Scott McNealy mit 300000 Dollar Risikokapital gegruendet worden und hatte sich innerhalb von zwei bis drei Jahren den Ruf eines innovativen und aggressiven Workstation-Herstellers erworben.

Die Sun-Systeme waren mit Standardkomponenten wie Motorola-CPUs, Ethernet, Multibus- und VME-Bus-Unterstuetzung sowie der Berkeley- Unix-Variante ausgestattet und kosteten nur ein Drittel soviel wie die Anfang der 80er Jahre dominierenden Workstations von Apollo Computer. Waehrend Firmen wie Control Data, Prime, Data General und eben DEC versuchten, teure und proprietaere Minicomputer zu verkaufen, setzte Sun auf Offenheit. Die Anwender dankten es der McNealy-Company - fuenf Jahre nach der Unternehmensgruendung war sie im Workstation-Markt weltweit die Nummer eins.

Olsen hatte aber auch "nicht erkannt, dass im Bereich mathematisch- naturwissenschaftlicher Anwendungen der Zug in Richtung RISC und Unix abfuhr", haelt ein DV-Verantwortlicher aus einem Hannoveraner Energiekonzern DEC einen weiteren gravierenden Fehler vor. "Es war abzusehen, dass die mit ihrem VAX-Angebot unter VMS auf laengere Sicht auf keinen gruenen Zweig kommen wuerden."

Erst im September 1988 schloss Olsen mit der Mips Computer Systems - heute als Mips Technologies Inc. die Tochter von Silicon Graphics - ein Abkommen ueber den Austausch von RISC-Technologie. Im Januar 1989 dann - acht Monate nach Gruendung der OSF - kuendigte DEC mit der "Decstation 3100" erstmals eine Workstation an, die mit einem RISC-Chip rechnete. Bereits zwei Jahre vorher hatte Hewlett-Packard seine eigene RISC-Entwicklung, die Precision Architecture (PA), vorgestellt.

Ironischerweise faellte man in dem Hannoveraner Energiekonzern just 1992 die Entscheidung, sich von der DEC-Plattform zu loesen und auf Sun zu wechseln. Es war das Jahr, als DEC seine Alpha-Systeme vorstellte, mit denen man alle Fehler der Vergangenheit vergessen machen wollte. Doch da war es schon zu spaet. Laengst waren die Unix-Derivate von Sun, HP und sogar von IBM attraktivere Entwicklungsplattformen, "fuer Ultrix standen keine Anwendungen zur Verfuegung, gewisse State-of-the-art-Anwendungen gab es nicht fuer DEC-Rechner", erinnert sich der niedersaechsische DV-Chef.

Spaet - viel zu spaet, wie einige Brancheninsider meinen - wechselte Digital seinen Frontmann Olsen aus. Doch der Ersatz Robert Palmer stand von Anbeginn an vor einer Herkules-Aufgabe: Er musste DECs Augiasstall ausmisten, die Fehler der Vergangenheit ausbuegeln, jede Chance erkennen und auch nutzen.

Dabei passierten ihm allerdings Fehler: Nicht nur verunsicherte Palmer seine Klientel durch nicht nachvollziehbare Unternehmensumstrukturierungen, die er schliesslich wieder zuruecknehmen musste. Vielmehr scheint DEC auch heute noch Anwendern gegenueber die klare Linie vermissen zu lassen: "Wir wuerden uns wuenschen, dass Digital etwas deutlicher zum Ausdruck bringt, welches ihre zukuenftigen strategischen Ziele sind und welche Produktkomponenten man aufzugeben gedenkt", meint Herbert Kollmar, Leiter verteilte Systeme bei der Degussa AG. Das sei nach wie vor nicht so ganz erkennbar.

Zudem beklagten sich DEC-Anwender ueber einen Mangel an Applikationen. Gefragt, ob ihm das Angebot der insgesamt 6000 verfuegbaren Anwendungen fuer die drei Betriebssystem-Plattformen OSF/1, Open VMS und Windows NT ausreiche, antwortet der DV- Verantwortliche bei der Boehringer Mannheim GmbH, Peter Bruhn, kurz und buendig: "Nein."

Der DV-Leiter eines Braunware-Herstellers aus dem Hessischen unterstuetzt Bruhn mit der Feststellung: "Die Portierung von Software auf Alpha verlaeuft einfach zu schleppend." Diesbezueglich habe man ihm von seiten Digitals vor zwei Jahren nur sehr vage Aussagen gemacht.

Nichts gelernt also aus den Fehlern der Vergangenheit? Der Hesse zumindest ist enttaeuscht von dem, was er auf Messen und Tagungen von dem DV-Konzern zu sehen bekommt, "da ist in puncto Applikationen immer noch nichts Nennenswertes passiert".

Wie fuer seinen Hannoveraner Kollegen war auch bei ihm 1992 die Zeit gekommen, einen Architekturwechsel zu erwaegen. Der fiel dann zugunsten der HP-Workstations aus: "Sie bekamen bei DEC vor zwei Jahren ja nicht einmal die Moeglichkeit, ein Alpha-System mit den eigenen Applikationen zu testen." Solche Fehler, betont er, haetten die Anwender veraergert und sogar Grosskunden wie Ford veranlasst, sich auch bei Digitals Konkurrenz umzusehen: "Dabei war DEC bei Ford doch Haus- und Hoflieferant."

Viel zu sehr verlaesst sich CEO Palmer auf die Leistungsfaehigkeit seiner Alpha-Prozessoren. Doch deren Anziehungskraft wirkt nur maessig auf die Anwender: "Wichtiger als eine Spitzentechnologie sind Auswahlkriterien wie beispielsweise Skalierbarkeit, Vernetzungsmoeglichkeiten, Verfuegbarkeit, Verbreitung und Service", betont Boehringer-Mann Bruhn. Und hier koennten HP, Sun, IBM oder Silicon Graphics ohne weiteres mithalten.

Die Zahlen zeigen DECs Problem. Zwar legte der Umsatz mit Alpha- Systemen im Fiskaljahr 1994 gegenueber dem Vorjahr um 700 Millionen Dollar auf 900 Millionen Dollar zu. Das reicht jedoch bei weitem nicht, um die Umsatzrueckgaenge aufzufangen, die Palmer mit Mips- RISC-basierten Maschinen im gleichen Zeitraum hinnehmen musste.

Gleichzeitig fielen die Verkaeufe der VAX-Rechner von 2,5 auf 1,35 Miliarden Dollar.

Noch etwas koennte DECs endgueltigen Abstieg bewirken: Die Anwender sind beunruhigt, ob nicht dem massiven Personalabbau ein vermindertes Serviceangebot folgen wird. Nicht nur bei Boehringer hegt man solche Befuerchtungen. Auch Degussa-DV-Leiter Kollmar sieht "mit gewisser Sorge, dass durch die umfangreichen Mitarbeiterentlassungen die Service- und Supportleistungen von DEC in Mitleidenschaft gezogen werden". Zwar habe DEC signalisiert, dass man sich bei der Degussa diesbezueglich keine Gedanken machen muesse, aber "was soll DEC denn auch sonst sagen?", fragt sich Kollmar. Der kraeftige Personalabbau auch im Vertrieb fuehre dazu, dass alte Strukturen zusammenbraechen und unklar werde, wer fuer welches Thema noch zustaendig sei.

Waehrend jedoch Kollmar trotz der erheblichen Probleme der Palmer- Company davon ausgeht, dass "DEC als eigenstaendige Firma ueberleben wird", schweben seinem Kollegen vom Hannoveraner Energiekonzern schon Endzeitvisionen vor: "Mein Eindruck ist, dass DEC die naechsten zwei Jahre nicht mehr ueberlebt, sondern aufgekauft wird."

Eines ist heute schon klar: Sollte Digital tatsaechlich absteigen, dann wird das mit einer stark reduzierten Mannschaft geschehen. Mehr als zwei Drittel der Spieler sind schon vom Platz gestellt, weitere werden folgen. Und der Rest wird sich fragen, ob man nicht doch rechtzeitig einen Vollblutstuermer haette engagieren sollen, der auch in kritischen Situationen einen Elfmeter verwandeln kann.

Jan-Bernd Meyer