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17.11.1995

Digitaler Sex ist sauber und macht Spass

Betrifft CW Nr. 42, Seite 66: "Das Thema Nummer 1: Sex und Pornos in den Datennetzen"

Was mich an den ganzen Diskussionen ueber Sex im Internet so stoert, ist die selbstverstaendliche Annahme Sex = Schmutz = Suendenpfuhl. Diese Gleichung mag vielleicht fuer katholische Fundamentalisten aufgehen, das gilt aber keineswegs fuer jedermann.

Man kann auch die Meinung vertreten, dass Sex eines der natuerlichsten Dinge auf Erden ist und damit nicht etwa einen unerwuenschter Schmutz- und Stoerfaktor bildet, sondern wie im wirklichen Leben auch einen festen Platz im Internet - als einem faszinierenden neuen Medium zum Austausch aller Arten von Information - beanspruchen kann.

Es versteht sich von selbst, dass alle Freiheiten dort enden, wo Schaden zugefuegt wird. Sex mit Kindern birgt immer das Risiko schwerer seelischer Traumata und ist dann eine kriminelle Handlung. Aber was ist mit dem erwachsenen Paerchen, das beherzt zur Sache geht? Was wirkt traumatisierender: die furchtbaren Bilder des Holocaust, die Bilder zerfetzter Leichen aus den vielen Kriegsgebieten auf der Erde, liebevoll praesentiert etwa von Newsweek aus dem puritanischen Amerika, die hirnlose Gewalt in TV- Sendungen oder die Darstellung eines Vorgangs, den fast alle von uns gerne geniessen, dem wir alle unsere Existenz verdanken und der so fundamental in der Firmware unseres Gehirns verankert ist?

Ich vermag einfach nicht zu glauben, dass das Betrachten elektronischer Nackedeis oder das Lesen schraeger Sexphantasien irgendeinen messbaren Einfluss auf den Charakter von Jugendlichen hat, die immer als Begruendung fuer Zensurmassnahmen aller Art herhalten muessen. Unsere Kinder (wir haben selbst zwei grossgezogen) wachsen nicht in einem Vakuum auf, sondern in einer Informationsgesellschaft. Das Zeitschriftenregal eines durchschnittlichen Supermarkts birgt mehr Material, als ich als verklemmter Akademiker beim Netzsurfen bis heute finden konnte. Das Interesse an Sex und das Beduerfnis danach erwacht ganz automatisch, mit oder ohne sogenannte Pornos (was ist das eigentlich?), mit oder ohne Internet.

Die Frage, was Maenner (!) an gewissen Programmen so interessant finden, ist selten daemlich. Ich fahre gerne Auto und lese Autozeitschriften. Ich mache gerne Reisen und lese Reiseberichte. Ich spiele Klavier und hoere CDs und lese Musikkritiken, ich lese viel ueber Wissenschaft, Forschung, Technik usw. usw. Alles gesellschaftlich akzeptiert.

Ich praktiziere Sex, interessiere mich dafuer und verfolge im Internet die teilweise mit tiefem Ernst und viel Sachkenntnis und Erfahrung gefuehrten Diskussionen ueber Sex, die fuer viele auch eine grosse Hilfe darstellen. Jetzt bin ich ploetzlich verklemmt. Schwachsinn.

Was die Diskussion ueber Frauen im Internet betrifft, so scheint sie einem abseitigen Weltbild zu entspringen, in dem das triebdumpfe Maennchen permanent das sich straeubende Weibchen mit der zerbrechlichen Seele bedraengt. Eine Frau, die in unserer Kultur aufgewachsen ist und mit beiden Beinen im Berufsleben steht, erleidet einen Knacks, wenn sich ein paar TCP/IP- Datenpakete eines Spaetpubertierenden zu einer Wanna-fuck-you- Meldung auf dem Bildschirm formen? Laecherlich. Uebrigens, die buntschillerndsten Sexphantasien, auf die ich im Internet bis jetzt gestossen bin, stammen von einer jungen Amerikanerin.

Ich schaetze die COMPUTERWOCHE als ein fachkundiges Forum fuer zukunftsorientierte Themen sehr. Es waere schoen, in der CW auch einmal eine Betrachtung ueber Sex in neuen Medien zu lesen, die sich mehr auf der Hoehe der Zeit befindet (die Sexualwissenschaft ist gar nicht mehr so jung) und weniger von mittelalterlichen Vorstellungen von Schmutz und Schund gepraegt ist.

Dr. Roland Heim 81241 Muenchen.