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09.06.2000 - 

Die Telekom bekommt auf der letzten Meile drahtlose Konkurrenz

Dirc propagiert den Sozialismus im Ortsnetz

MÜNCHEN - Eine kleine Firma aus Ratingen mit acht Mitarbeitern wagt den Kampf gegen den Goliath Telekom: Von ihrer drahtlosen Zugangstechnologie Dirc könnten alle profitieren, die keine eigenen Leitungen zum Endkunden besitzen. Noch ist offen, ob die Rheinländer die Revolution auf der letzten Meile einläuten oder mangels Flächendeckung nur einen Rohrkrepierer abliefern.CW-Bericht, Sabine Ranft

Die Idee ist genial. Statt jedem Teilnehmer für viel Geld einen dedizierten Anschluss einzurichten, setzt die Dirc (Digital Inter Relay Communication) Technologie GmbH & Co. KG auf das Social Switching. Der Trick dabei: Jede Funkstation, die so genannte Dirc-Station, erkundet ihr Umfeld selbständig und erkennt weitere Geräte in einem Umkreis von maximal fünf Kilometern. Sie verbindet sich dann automatisch mit den erreichbaren Stationen. Auf diese Weise entsteht ein drahtloses Netz, das sich wie ein imaginärer Maschendrahtzaun durch eine Stadt zieht. 20 Prozent der Bandbreite von je 10,5 Mbit/s für den Up- und Downstream (also je 2 Mbit/s) bleiben für den eigenen Sprach- und Datenverkehr reserviert, der Rest dient dem Weiterleiten von Informationen Dritter ("soziales Switching"). Hierzu braucht der Endanwender nichts weiter als eine Dirc-Station, die nach Firmenangaben etwa so groß sein wird wie eine Drittel-Zigarrenschachtel.

Will ein Kunde einen weiter entfernten Teilnehmer erreichen, so geht der Verkehr zu einem Dirc-Gateway. Dort wird er in ein Backbone-Netz (etwa von Viag Interkom, Mannesmann Arcor oder der Deutschen Telekom) eingespeist, das den Verkehr zu einem weiteren Dirc-Netz transportiert. Auf diese Weise könnten auch andere Carrier flächendeckend TK-Dienste anbieten, ohne auf das Ortsnetz der Telekom zurückzugreifen. Mit sozialem Switching eröffnet die Übertragungstechnik also eine Art Sozialismus im Ortsnetz. Einziger Haken an der Sache: Die Idee steht und fällt mit der Verbreitung der Stationen in einer Stadt. Zudem gehen erst 2002 größere Stückzahlen in Produktion.

Einhellige Expertenmeinung ist, dass die technische Umsetzung wohl keine Probleme bereiten wird. Ulrich Welss, Leiter Consulting Sales Support & Product Management beim Debis Systemhaus, bewertet die Technologie sogar als "vom Prinzip her gut". Er sieht darin eine Weiterentwicklung von Wireless Local Loop (WLL). Als Vorteile führt er ins Feld, Dirc verfüge über eine hohe Bandbreite und sei preisgünstig. Die Kosten für eine Station sollen für Carrier und Service-Provider monatlich 25 Mark betragen.

Diese können dann selbst den Preis für die Endkunden festlegen. Dirc schlägt beispielsweise einen Festpreis von 40 oder 50 Mark im Monat vor.

Aus heutiger Sicht erscheint das spottbillig, die jüngste Preisoffensive der Telekom weckt jedoch Zweifel, ob die so bleibt. Denn bis Ende 2002 werden die anderen Anbieter von Internet-Zugängen ihre Preise auch gesenkt haben. Doch Ullrich Lammert, einer der beiden Geschäftsführer der Dirc GmbH & Co. KG, verteidigt seine Preisvorschläge: Auch im Jahr 2002 werde der Preis der Telekom-Konkurrenten noch die Miete für die Leitungen zum Endkunden enthalten. Das kontert Willfried Seibel, Pressesprecher bei der Deutschen Telekom: Dirc sei bisher lediglich eine technische Lösung ohne klare Definition des Diensteangebots. "Ohne diese zusätzlichen Angaben sind Preisbewertungen oder Vergleiche mit T-ISDN oder T-DSL nicht sinnvoll."

Erfolg oder Misserfolg der Technologie hängen also an einem seidenen Faden. In erster Linie kommt es darauf an, ob es gelingt, eine genügend hohe Flächendeckung zu schaffen. Entsprechend rentiert sich die Technologie nur in Ballungsräumen. Glaubt man Manager Lammert, reichen 100 Dircs, um den Kommunikationsverkehr einer Stadt wie München abzudecken. Kommen dann neue Kunden hinzu, finden sich auch in deren Nachbarschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere erreichbare Stationen. Gelingt es, diese Grundversorgung sicherzustellen, könnte die Technologie eine Revolution im Access-Bereich einleiten. Ansonsten droht eine Pleite. Den Schwarzen Peter - nämlich für eine Flächendeckung zu sorgen - schiebt Dirc praktisch dem Service- Provider zu.

Angesprochen auf die Akzeptanz ihrer Technologie, geben sich die Ratinger zuversichtlich. So brüstet sich die Firma damit, bereits einen festen Auftrag eines bedeutenden internationalen Carriers an Land gezogen zu haben. Die Lieferung von zwei Millionen Stationen soll bis Ende 2003 erfolgen. Über den großen Unbekannten wird natürlich spekuliert. War zunächst AOL im Gespräch, so scheint sich dieses Gerücht nicht zu erhärten. "Mir ist keine solche Anfrage bekannt", gab Alexander Adler, Pressesprecher bei AOL, Auskunft. Nach Informationen der COMPUTERWOCHE handelt es sich bei dem Kunden um MCI Worldcom. Dies würde einleuchten, denn es könnte dem Unternehmen den Einstieg in den deutschen Markt ebnen. Bis Redaktionsschluss war von dem amerikanischen Carrier jedoch keine Bestätigung zu erhalten.

Bleibt die Frage, wie eine so kleine Firma wie Dirc solche Aufträge erfüllen will. "Wir werden die Entwicklung und Produktion nicht selbst ausführen, sondern vergeben diese Arbeiten an andere Firmen", verrät Lammert. Das machten Unternehmen wie Siemens oder Nokia auch. Außerdem plant Dirc, die Anzahl der eigenen Mitarbeiter im kommenden Jahr auf 15 bis 19 aufzustocken. Simulationen zum Beispiel für das Routing fanden an den Universitäten Münster und Wuppertal statt.

Für viele deutsche Carrier kommt das Angebot dagegen zu spät. "Wir brauchen die Verbindung zum Endkunden so schnell wie möglich. Deshalb haben wir uns entschieden, die vorhandenen Telekom-Leitungen und DSL zu nutzen", erläutert Thomas Rompczyk, Pressesprecher bei Mannesmann Arcor. Ein weiterer Stolperstein auf dem Weg zum Erfolg für Dirc ist die Konkurrenz: Die City-Carrier besitzen bereits eigene Glasfaserinfrastruktur, Viag Interkom setzt mit "Genion" auf den GSM-Mobilfunk, Richtfunk stößt zunehmend auf Interesse, und die UMTSLizenzen werden auch bald versteigert.

Die Technik hinter DircJede Dirc-Station erkundet ihr Umfeld selbständig und erkennt weitere Stationen in einem Umfeld von maximal fünf Kilometern. Sie verbindet sich dann automatisch mit den erreichbaren Geräten. Auf diese Weise entsteht ein drahtloses vermaschtes Netz.

Im Anschluss an die Erkundung sendet das Gerät seine aktuelle Position an ein zentrales Register (Dirc Database). Damit ist prinzipiell bekannt, wo der neue Teilnehmer zu finden ist. Will jetzt jemand mit ihm Kontakt aufnehmen, sucht die Dirc-Station den optimalen Weg zwischen den Kommunikationspartnern. Dafür existieren verschiedene (Routing-)Algorithmen, die entweder den Weg mit der kürzesten Entfernung, der höchsten verfügbaren Bandbreite oder der kürzesten Übertragungsdauer auswählen. Wenn eine Strecke ausfällt oder überlastet ist, probiert das Gerät einfach alternative Routen.

Über Dirc sollen sich sowohl Sprache als auch Daten transportieren lassen. Als Schnittstellen kommen Bluetooth, Telefonanschluss, Ethernet und Universal Serial Bus (USB) in Frage. Ein Gerät verfügt über eine Bandbreite von jeweils 10,5 Mbit/s für den Up- und Downstream. Davon garantiert der Anbieter jedem Nutzer je 2 Mbit/s für Hin- und Rückrichtung. Der Rest dient dem sozialen Switching, also dem Weiterleiten von Informationen anderer im Hintergrund. Dazu müssen allerdings die Endgeräte die ganze Zeit über angeschaltet bleiben.

Im Gegensatz zu Wireless Local Loop (WLL) ermöglicht die neue Übertragungstechnik die Weiterleitung über 1000 bis 1200 Knoten (Hops). Laut Anbieter lassen sich so größere Entfernungen überbrücken. Möglich ist dies durch einen technischen Kniff: Normalerweise entsteht an jedem Switch eine gewisse Verarbeitungszeit. Dadurch wächst die Sprachverzögerung immer weiter an, bis sie das erträgliche Maß überschreitet. Dirc reduziert die Verarbeitungszeit an den Knoten, indem es die Informationen nicht seriell, sondern parallel über verschiedene Frequenzen überträgt (die Technik heißt Symbol Stream Switching = S3).

Ähnlich wie bei herkömmlichen Funknetzen kann es auch bei der vermaschten Zugangstechnologie vorkommen, dass zu viel Beton oder Stahl in den Wänden den Empfang blockieren. Hilft es nichts, das Gerät an ein anderes Fenster zu stellen, muss unter Umständen ein weiterer strategischer Dirc irgendwo in der Nähe platziert werden, um den Punkt erreichbar zu machen.

Frequenzen hat sich das Unternehmen bereits gesichert, und zwar im Point-to-Multipoint(PMP-)Band zwischen 2,54 und 2,67 Gigahertz. Funktionsfähig wäre die Technologie allerdings im gesamten Bereich von 300 Megahertz bis 40 Gigahertz, einschließlich des jetzt zu versteigernden UMTS-Bereichs. Wenn ein Carrier ein solches Frequenzpaket ersteigert, kann er einen Teil davon für Dirc abzweigen.

Die neue Übertragungstechnik ist quasimobil, das heißt, ein Benutzer kann seine Station an einem anderen Ort wieder aufbauen. Zunächst wird es nur diese Lösung geben, in einer zweiten Phase sollen sich in dem Netz auch mobile Dircs bewegen können - allerdings nur mit maximal 50 Kilometer pro Stunde. Der Verbindungsaufbau und die Datenübertragung erfolgen verschlüsselt, damit niemand erkennen kann, wer einen Verbindungswunsch etabliert.

Laut Hersteller garantieren Dirc-Netze praktisch volle Erreichbarkeit: Wie Simulationen ergeben hätten, erreiche die Technologie dank dem speziellen Routing-Verfahren eine Blockierungsrate von 99 Prozent. Ein ISDN-Netz dagegen verfüge heute über eine Blockierungsrate ab 19 Prozent. Das heisst, wenn 19 Prozent aller Teilnehmer gleichzeitig telefonieren, ist das Netz überlastet.

Abb.1: Dirc beim Endkunden

Dirc sammelt den lokalen Verkehr beim Endkunden und übermittelt ihn über ein vermaschtes Netz zum Ziel. Quelle: Digital Inter Relay Communication

Abb.2: Vernetzung der Subnetze

Will ein Kunde einen weiter entfernten Teilnehmer erreichen, so geht der Verkehr über ein Gateway zum Backbone. Quelle: Digital Inter Relay Communication

Abb.3: Das Demosystem

Ist ein Weg überlastet oder ausgefallen, so wählt die Dirc-Station eine alternative Route. Quelle: Digital Inter Relay Communication