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Intranet und Legacy Systems


31.01.1997 - 

Domino: Kampf um Intranets ist eröffnet

Es ist mehr als ein Namenswechsel. Die Diskussion "Notes oder Intranet" ist auch unter technischen Gesichtspunkten kaum noch fruchtbar.

Der Domino-Server spricht alle für einen Intranet-Server notwendigen Protokolle: Hypertext Transfer Protocol (HTTP), Post Office Protocol 3 (POP 3), Simple Mail Transfer Protocol/Multipurpose Internet Mail Extensions (SMTP/MIME) und Secure Sockets Layer (SSL). Er kann sich eines "Socks"-Firewalls bedienen und tritt selbst als vollwertiger HTTP-Proxy und SMTP Message Transfer Agent (MTA) auf. Damit deckt er alle Dienste ab, die ein Intranet-Anwender von seinem Web-Server erwartet. Für einen Netscape Navigator oder Microsoft Internet Explorer ist Domino damit von einem anderen Web-Server zunächst nicht zu unterscheiden. Mit dem Server bietet Lotus konsequenterweise gleich beide Clients an, so daß dem Kunden die Qual der Wahl bleibt.

Die Auseinandersetzung um Browser-Marktanteile hat den Blick auf die Server lange Zeit weitgehend verstellt. Erst in den letzten Monaten schnappt der Datenreisende immer mehr Codenamen für die diversen Web-, Index-, Proxy-, Mail-, Certificate-, Catalog-Server etc. auf. Und wie bei der Fabel mit dem Hasen und dem Igel tönt es bei Lotus unisono: "Ich bin schon da!"

Das ist nicht besonders verwunderlich, weil die "neuen" Technologien bei Notes schon seit Jahren existieren. Während die anderen Hersteller diese erst noch implementieren müssen, hat Lotus die vergleichsweise einfache Aufgabe, alle notwendigen Protokolle an den bereits vorhandenen Server heranzuführen. Die Geschwindigkeit, mit der Lotus Domino vorantreibt, wird vor diesem Hintergrund leichter verständlich. Binnen eines halben Jahres erschienen zwei größere Releases (1.0 und 1.5) auf mehreren Betriebssystem-Plattformen.

Diese beiden Domino-Versionen stiften einige Verwirrung, wenn man nun plötzlich von Domino 4.5 liest. Das ist eigentlich ein Notes-4.5-Server, ergänzt um Domino 1.5 und eine Reihe weiterer Funktionen. Domino 1.5 ist der eigentliche HTTP-Server, der einerseits alle Dienste des Notes-Servers nutzen kann, andererseits aber auch wie jeder andere HTTP-Server statische Seiten aus dem Dateisystem liefert sowie CGI-Skripte ausführt.

Technisch gelöst wird das durch einen Notes-Server-Task, der gleichberechtigt neben anderen Tasks (etwa einem Router, Scheduler, Agent Manager, Indexer, Replicator oder Database-Server) läuft. Domino ist nicht die einzige Ergänzung des Notes-Servers. Für viele Organisationen sind beispielsweise die neuen Calendaring- und Scheduling-Funktionen viel wichtiger.

Domino kann damit alle Funktionen der anderen Tasks nutzen. So lassen sich über den Replikator mehrere Domino-Server symmetrisch abgleichen. Änderungen, Löschungen oder Ergänzungen lassen sich in jedem der Web-Server vornehmen und sofort mit allen anderen Servern austauschen.

Ein Web-Server mit neuen Fähigkeiten

Im Gegensatz zu Mirror-Lösungen, die jedesmal den gesamten Datenbestand austauschen, zudem nur asymmetrisch in einer Richtung, kann dieser Abgleich beinahe beliebig kurzfristig erfolgen, da der Replikator in der Lage ist, bis hinunter auf Dokumente und einzelne darin enthaltene Felder zu differenzieren. Der Indexer erzeugt für Domino Volltext-Indizes ausgewählter Datenbanken und stellt damit ein einheitliches Verzeichnis her. Ein zusätzlicher Index-Server ist damit überflüssig. Auch den Directory-Service und die SSL-Zertifizierung stellt der Notes-Server bereit.

Durch die enge Verbindung zum Notes-Server wird aus Domino der erste interaktive Web-Server, der nicht nur statische HTML-Seiten und solche, die aus dynamischen Datenbankabfragen gewonnen werden, präsentieren kann. Ausreichende Rechte vorausgesetzt, hat der Benutzer die Möglichkeit, über den Browser neue Seiten einzufügen und bestehende zu ändern oder zu löschen.

Ein Beispiel: Aus einer mit Notes standardmäßig gelieferten entsprechenden Vorlage erzeugt man eine Datenbank und gibt sie für die Benutzung durch Web-User frei. Schon hat man ohne jeglichen Programmieraufwand beispielsweise eine Threaded Discussion Group.

Aus den Datenbankformularen erzeugt Domino HTML-Forms, mit denen man neue Diskussionsbeiträge erzeugt oder vorhandene beantwortet.

Lotus geht aber noch einen Schritt weiter. Domino kann nicht nur unmittelbar auf vorhandene Notes-Datenbanken zugreifen. Mit dem 4.5-Server wird zugleich ein Web-Site Builder namens Domino-Action geliefert, der die Erzeugung aller gewünschten Datenbanken automatisiert.

Auf einer höheren Abstraktionsebene definiert man die gewünschten Anwendungen, legt das Corporate Design fest und erzeugt daraus schließlich die gesamte Web-Site automatisch. Die Modellierung findet hier nicht auf der Ebene der HTML-Seiten oder auf der nächsthöheren der Notes-Datenbanken statt, sondern erfolgt direkt auf der Anwendungsebene.

Domino-Action ist dabei nur der erste einer Reihe von "Domino-Apps", die im ersten Quartal mit Domino-Merchant fortgesetzt werden soll. Merchant erweitert Domino-Action um Funktionen, die zur Abwicklung von Online-Geschäften notwendig sind.

Entscheidend wird an dieser Stelle sein, wie sich der Web-Server in bestehende Geschäftsabläufe integrieren läßt. In vielen Fällen wird etwa ein Zugriff auf Datenbanksysteme keineswegs ausreichen. In kleinen Lösungen kann Domino etwa über ODBC oder Notes-SQL auf vorhandene Datenbanken zugreifen. Für IBMs DB2 dürfte es eine noch engere Anbindung geben.

Wozu noch ein eigener Notes-Client?

Bei größeren Lösungen wird der Web-Server aber keinen unmittelbaren Zugang zur Datenbank erhalten, sondern es wird ein Transaktionssystem dazwischengeschaltet. Hier bietet sich eine Anbindung über eine Middleware wie IBMs MQ-Series an, für die eine Anbindung existiert.

Die Domino-Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Mit der Version 5.0 will Lotus alle Notes-Funktionen auf offenen Protokollen aus der TCP/IP-Familie anbieten. Dann wird beispielsweise die Mail-Funktionalität auch für "fremde" Clients über LDAP (Lightweight Directory Access Protocol) und Imap 4 ähnlich komfortabel sein, wie das beim eigenen Client schon der Fall ist.

Bei den Fähigkeiten, die Domino als Web-Server an den Tag legt, stellt sich umgehend die Frage nach der Relevanz des Notes-Clients. Warum sollte jemand in diesen ziemlich aufwendigen Client investieren, wenn sich die Dienste des Servers auch von jedem Browser aus nutzen lassen? Schließlich benötigt der Notes-Client erheblich mehr Systemressourcen als ein Web-Browser.

Diese Entscheidung wird weitgehend durch die Anwendung bestimmt. Der Notes-Client ist in jedem Fall die bessere Wahl, wenn es auf den mobilen Einsatz ankommt. Notes ist in der Lage, Datenbestände teilweise oder vollständig auf den Client herunterzuladen und dort auch weiterzubearbeiten, um sie schließlich wieder mit dem Server abzugleichen. Die Kommunikation zwischen Server und Client kann auf beliebigen Netzen laufen; der Notes-Client hat aber auch einen eingebauten Kommunikations-Stack, der eine direkte Verbindung zum Server über Modem oder ISDN erlaubt.

Darüber hinaus bietet der Notes-Client gegenüber dem Web-Browser beträchtliche Erweiterungen im Bereich der Automatisierung. Neben Visual-Basic-ähnlichen Programmen in Lotusscript kann der Client Agenten, die der Benutzer erstellt und die wiederkehrende Tätigkeiten automatisieren, sehr leicht ausführen. Speziell bei den E-Mail-Funktionen leisten diese Agenten wertvolle Kleinarbeit. So lassen sich ein- und ausgehende Nachrichten automatisch ablegen oder Zusammenfassungen der eingegangenen Post erstellen.

Ein wenig fragwürdig war die Erweiterung des Notes-Clients um die sogenannten Lotus-Components: sehr kleine Active-X-Komponenten, die den Client etwa um eine Tabellenkalkulation, ein Chart-Modul oder einen Projektplaner erweitern.

Entgegen der sonst starken Hinwendung zu offenen Lösungen und Protokollen hat Lotus den Notes-Client hier in die Windows-Haft genommen. Als Active-X-Controls laufen diese Components nur auf 32-Bit-Windows und Intel-Prozessoren. Derzeit entsteht eine offene Lösung auf Java-Basis, über die Lotus auf seiner Hausmesse Lotusphere Ende Januar die ersten Ankündigungen haben sollte.

Bei allen Leistungen, die ein Notes-Client erbringt, ist er doch ein eher schlechter Web-Browser. In der Version 4.5 kann er zwar auch ohne einen Notes-Server über HTTP selbst Seiten aus dem Internet laden. Seine Fähigkeiten sind jedoch ziemlich eingeschränkt: Bereits bei Frames muß er passen. Hier wird auch verständlich, warum Lotus sowohl Netscapes Navigator als auch Microsofts Explorer bündelt.

Lotus scheut nicht einmal davor zurück, die eigenen Kronjuwelen zu plündern. Mit dem "Weblicator" koppelt das Unternehmen zwei wesentliche Bestandteile aus dem Notes-Client aus: die Notes Storage Facility (NSF) und die Replikation.

Weblicator ist ein sogenannter Proxy Protocol Interceptor. Er klinkt sich in das HTTP-Protokoll zwischen Web-Browser und -Server ein. In jede Web-Seite fügt er nun eine kleine Statusleiste ein, mit der sich der Weblicator steuern läßt. Die wichtigste Funktion ist für die meisten Benutzer sicherlich, daß der Weblicator in der Lage ist, jede beliebige Web-Seite komplett herunterzuladen und in der NSF zu speichern. Damit steht sie auch dann noch zur Verfügung, wenn die Leitung zum Web-Server unterbrochen ist.

Diese lokale Speicherung sollte man jedoch keineswegs mit dem normalen Cache des Web-Browsers verwechseln. Der Weblicator kann die Seiten später auch wieder auffrischen, so daß der Anwender ständig den aktuellen Satz auf seinem lokalen Rechner hat.

Diese Replikation zwischen Server und Client läßt sich auch umdrehen, wenn der Server Domino heißt. In diesem Fall läßt sich eine Seite lokal bearbeiten und später wieder zum Server hochladen. Was die Replikation angeht, ist Weblicator damit beinah auf der Stufe des Notes-3.x-Clients angelangt.

Weblicator bietet außerdem eine ganze Reihe weiterer Komfortfunktionen. So lassen sich komplette Web-Sites bis zu einer vorgegebenen Tiefe replizieren und später lokal lesen. Wer dabei auf CGI-Forms (Computer Graphics Interfaces) stoßen sollte, kann diese lokal bearbeiten und mit Submit in die NSF stellen; Weblicator wird sie dann beim nächsten Kontakt an den Server schicken.

Die Tiefensuche kann Weblicator außerdem nutzen, um Folgeseiten herunterzuladen, während der User noch die aktuelle Seite liest. Diese "Web Ahead" genannte Funktion verkürzt die Wartezeit auf die nächste Seite beträchtlich, wenn auch auf Kosten des Download-Volumens.

Schließlich läßt sich Weblicator derart automatisieren, daß er in Abwesenheit des Benutzers selbständig verfolgt, ob Seiten auf Web-Servern ausgetauscht werden, um sodann seine lokale Replik aufzufrischen. Ohne Wartezeiten hat der User damit immer seine Lieblingsseiten aktuell im Zugriff.

Lotus-Produktpolitik zeugt von Mut

Statt sich ängstlich zu fragen, ob der Weblicator möglicherweise die Verkäufe des Notes-Clients minimiert, treibt Lotus eine sinnvolle Lösung voran. Die ist vom vollen Funktionsumfang eines Notes-Clients immer noch so weit entfernt, daß man nicht unbedingt bereit ist, darauf zu verzichten. Allein die Funktionen für die Verschlüsselung, Authentifizierung und Autorisierung machen den Notes-Client im klassischen Mail- und Groupware-Bereich immer noch überlegen.

Dennoch muß man festhalten, daß Lotus mit Weblicator den eigenen Notes-Client um ein weiteres demontiert. Dieser Mut zeugt vom Willen, die eigenen Technologien dem Internet respektive dem Intranet zu öffnen. Und hier kann Lotus viel gewinnen.

*Volker Weber ist freier Journalist in Darmstadt.