Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

MVS-Migrationsempfehlung verliert an Dringlichkeit:


11.05.1984 - 

DOS-Release offenbart Zickzack-Kurs der IBM

STUTTGART - Das DOS-Betriebssystem Virtual Storage Extended (VSE) wird weiterleben. Unter dem Druck ihrer 4300-Kunden kündigte die IBM, zur Hannover-Messe '84 ohne viel Aufhebens, ein neues Release 2.1.0 an, das den virtuellen Adreßraum um das Zweieinhalbfache von 16 auf 40 MB erweitert. Die Verbesserung wird vor allem von DOS/VSE-Benutzern begrüßt, die bislang dem von ihrem Lieferanten empfohlenen Aufstiegspfad in Richtung MVS nicht folgen mochten. Da jedoch auch migrationswillige Midrange-User durch den DOS/VSE-Leistungsschub versucht sein könnten, die nunmehr erweiterten Möglichkeiten auszureizen, könnte sich das Announcement indes für die IBM als Bumerang erweisen.

Brüstet sich die IBM in der Regel gern mit Ankündigungen, die dem Benutzer einen größeren Vorteil verschaffen, so hielt sie sich bei dem VSE-Announcement merklich zurück. Die Existenz eines "neuen" VSE/SP wurde beispielsweise auf der IBM-Pressekonferenz anläßlich der Hannover-Messe '84 lediglich mit einem Nebensatz erwähnt. Die ausländische Fachpresse erfuhr gar erst Wochen nach der offiziellen Ankündigung am 20. März 1984 von dem neuen VSE/SP-Release. Deutsche 4300-Anwender, die nach dem "Statement of Direction" der IBM im Herbst vergangenen Jahres sehnsüchtig auf die neue Systemsoftware warteten, wurden nach eigenen Aussagen, von der IBM, zum Teil bis heute noch nicht informiert.

Marktbeobachter wollen für die "Publicity-Abstinenz" der Stuttgarter jedoch einen plausiblen Grund ausgemacht haben: Die von Benutzern seit Jahren geforderte Erweiterung des DOS/VSE-Betriebssystems - insbesondere die Ausdehnung des virtuellen Speichers über 16 MB hinaus - kollidiere mit dem Software-Gesamtkonzept der IBM. So machen denn auch Verantwortliche des Marktführers nach wie vor kein Geheimnis daraus, daß in den "blauen" Entwicklungslaboratorien schon seit längerem an einer durchgängigen Betriebssystemlinie gearbeitet werde, die sich später einmal über alle Rechnerserien erstrecken solle. In diesem Zusammenhang paßte das Böblinger VSE-Team nach Ansicht von Softwareexperten das bereits 1964 entwickelte DOS in seinen Funktionen immer mehr dem Jumbo-Betriebssystem MVS an. "In Verbindung mit VM, erklärt Willi Lang, DV-Leiter bei der Arburg Maschinenfabrik Hehl & Söhne GmbH, ist im Laufe der Jahre mittlerweile ein ganz neues Betriebssystem entstanden." Während die IBM das DOS immer mehr dem MVS anglich, stellte sie gleichzeitig das Großrechnerprodukt als wichtigstes Migrationsziel für 4300-User heraus und proklamierte die damit verbundene erweiterte Architektur (SA) als "Betriebssystem der Zukunft".

Den MVS-Einsatz forcierten die Stuttgarter mit immer raffinierteren Varianten. Eine, Ende Februar, vorgestellte Reihe von Umstellungshilfen sollte DOS/VSE-Benutzern den Wechsel besonders schmackhaft machen. Dabei scheute sich IBM nicht, mit dem "UCC-Two"-Programm des amerikanischen Systemhauses University Computing Company erstmalig ein Fremdprodukt in das reguläre Angebot aufzunehmen. Zudem wurde der Kaufpreis des im Frühjahr angekündigten Einsteigermodells 3083 EX bei zusätzlicher Leistungsverbesserung um fünf Prozent gesenkt. Kostenlose Testzeiten in bisher nicht gekanntem Ausmaße sollte das Migrationsangebot abrunden.

Die Bemühungen der Stuttgarter, wachstumsträchtige DOS-Anwender mit 4300-Systemen auf MVS einzustimmen, scheinen bisher jedoch wenig erfolgreich gewesen zu sein. Nur knapp zehn Prozent der Midrange-User haben IBM-Anlagen zufolge bislang den Schritt in die MVS-Welt gewagt. Aber jeder zweite DOS/VSE-Benutzer "übertünche" seine Engpässe durch den zusätzlichen Einsatz des Betriebssystems VM (Virtual Machine).

Den Grund für die MVS-Zurückhaltung nennt Diebold-Berater und 4300-Spezialist Klaus Hüttenberger: "Für die meisten DOS/VSE-Benutzer ist der MVS-Einsatz noch eine Nummer zu groß. Sie schreckten die hohen Umstellungs- und Folgekosten und begrüßten jede Möglichkeit, den MVS-Step herauszuzögern.

Seit der Ankündigung des neuen VSE-Releases werden die gangbaren Migrationswege in den DOS-Benutzergruppen wieder heftig diskutiert. Obgleich die Stuttgarter auch dort den MVS-Einsatz als "Allheilmittel" preisen, stößt ihre Betriebssystemstrategie zunehmend auf Kritik. Auf einer Tagung des Guide-Arbeitskreises in Bad Homburg in der ersten Maiwoche sprachen sich nach Guide-Angaben die meisten der siebzig Teilnehmer aus dem 4300-Bereich gegen einen Wechsel auf MVS aus. Die Pro-MVS-Argumente, die IBM vorgebracht habe, seien aus Sicht der Anwender nicht überzeugend gewesen. Die von IBM vorgeschlagene Migration auf ein komplexeres Betriebssystem, so ein Guide-Sprecher, sei für die meisten zu teuer. Am Beispiel eines norddeutschen Unternehmens wurde denn auch die Kostensituation bei einer MVS-Migration dargestellt: So habe der Benutzer insgesamt zwanzig Mannjahre investieren müssen, eine zusätzliche Maschine für die Übergangszeit eingesetzt und dabei letztendlich rund drei Millionen Mark für die Umstellung ausgegeben. Dies sei, so ein Arbeitskreismitglied, für einen normalen DOS/VSE-Benutzer ein unvertretbarer Aufwand, obgleich das in Bad Homburg präsentierte Verfahren über den Vorteil verfügt habe, daß nur wenige Programme umgestellt werden mußten. Wenn ein User noch zahlreiche Batch-Software fahre oder noch stark in Assembler behaftet sei - dies hätten auch die Norddeutschen bestätigt -, müsse er mit einem erheblich größeren Aufwand rechnen.

Die MVS-Unwilligkeit der DOS/ VSE-Benutzer wirkt sich inzwischen auch verstärkt auf deren Hardware-Entscheidungen aus. Konstatiert Hans-Henning Springstein, DV-Chef bei der Friedrich Flender GmbH, Bochold: "Die Tendenz bei DOS/VSE-Kunden geht dahin, lieber zwei 4300-Systeme zu installieren, bevor man sich für einen 3083-Prozessor entscheidet."

Roland Bertsche, Org-/DV-Leiter beim Verband der Ortskrankenkassen in Lahr, wertet vor allem das schlechte Preis/Leistungs-Verhältnis der kleinsten H-Maschine, IBM 3083, als Hemmschwelle für viele 4300-Benutzer. Anwender, die in letzter Zeit eine Umstellung von DOS auf MVS bei gleichzeitigem Hardwarewechsel auf die 3083 vollzogen haben, berichten von einer Verdoppelung ihrer DV-Kosten. Daß das Handling des größeren Betriebssystems wesentlich komplizierter sei, bestätigt auch Eckhard Edelhoff, DV-Manager bei der DAT Deutsche Automobil Treuhand GmbH in Stuttgart. Da man mindestens die doppelte Anzahl von Systemprogrammierern benötige, erhöhten sich die Manpowerkosten immens. Hinzu käme noch ein erheblicher Aufschlag bei den Lizenz- und Wartungsgebühren von Hard- und Software.

Das neue VSE-Release kommt denn auch 4300-Benutzern scheinbar wie gerufen. Nach Ansicht von Baudewijn Maurits, Geschäftsführer des Düsseldorfer Systemhauses VCI Value Computer GmbH, ist das neue Betriebssystemrelease für viele User so attraktiv geworden, daß sie noch einige Jahre auf der 4300-Linie bleiben könnten - bis IBM die nächste Maschinengeneration vorstelle. Daß selbst wachstumsstarke Midrange-Anwender mit dieser Taktik nicht falsch liegen, bestätigt auch Verbandsmanager Bertsche. Er habe sich inzwischen gegen ein bereits im Frühjahr 1983 bestelltes System 3083 E entschieden und wolle nun, die im Herbst letzten Jahres angekündigte 4381 bestellen. Wie Bertsche versichert, habe er in den vergangenen Wochen Gespräche mit verantwortlichen IBM-Repräsentanten geführt, aus denen hervorging, daß noch in diesem Jahr eine dyadische Variante der 4381 angekündigt werden soll. Die Leistung dieses Rechners könne eine Leistung von bis zu fünf Mips erreichen.

Die von IBM eingeschlagene MVS-Policy, 4300-Benutzer mit größeren Maschinen auszustatten, dürfte sich durch die Ankündigung eines neuen 4381-Prozessors als wacklig erweisen, sagen Beobachter der Stuttgarter DV-Szene. Je länger die 4300-Serie am Leben erhalten werde, um so länger könne der IBM-Kunde eine teure MVS-Migration auf die lange Bank schieben.

Der Leiter der Abteilung Systemsoftware bei der IBM, Wolfgang Heisterberg, sieht diese Entwicklung allerdings nicht. Das neue VSE-Release sei vor allem für die "untere" 4300-Welt entwickelt worden. Benutzer, die ein überdurchschnittliches Wachstum verzeichneten, so der Stuttgarter Manager, kämen an MVS über kurz oder lang nicht vorbei. Insbesondere in zentralen Rechenzentren beabsichtige IBM, weiterhin MVS im Zusammenhang mit der 308X-X-Serie zu forcieren.

Technische Daten zum Release VSE 2.1.0

Wesentliche Erweiterungen der Systemsoftware im VSE-Bereich (Virtual Storage Extended) hat jetzt die IBM Deutschland angekündigt. Mit dem neuen Betriebssystem VSE/System Package Version 2 Release 1 (VSE/SP 2.1) gibt die IBM vor, unter anderem die in der Vergangenheit erfolgten Investitionen der 4300-Benutzer schützen zu wollen. Die wichtigsten Neuerungen im einzelnen:

- der virtuelle Adreßraum wurde um das Zweieinhalbfache von 16 auf 40 Megabyte aufgestockt,

- Erweiterungen des ICCF (Interactive Computing and Control Facility),

-Verbesserung des VSE/Power spooling,

- Unterstützung beziehungsweise Datenaustausch mit dem IBM Personal Computer 3270,

- bedingte Fähigkeiten in JCL (Job Control Language),

- interaktive Menüs für die Systemkontrolle und die Endbenutzer.

Mit der Version 2.1 wurde das Betriebssystem neu strukturiert und über die bereits mit dem Lizenzprogramm SSX/VSE (Small Executive/Virtual Storage Extended) verfügbaren Funktionen hinaus erweitert. Zudem entwickelte IBM ein neues Bibliothekskonzept und vereinfachte den Einsatz in SNA-Netzen.

Wie schon beim bisherigen Programmpaket VSE System IPO/E (Installation Productivity Option/Extended) bleibt auch die neue BS-Konzeption im grundsätzlichen Aufbau unverändert. Er teilt sich in die Bereiche VSE/SP 2.1 als Basis und in die wahlfreien Lizenzprogramme auf, wie etwa DL/1 oder SQL/DS. Allerdings kann zum ersten Mal der Quellcode für das VSE-System bei der IBM nicht mehr bestellt werden. Mit VSE/SP 2.1, das ab dem zweiten Quartal 1985 für deutsche Kunden zur Verfügung stehen soll, werden nur noch vorgenerierte Systeme in Objekt-Code ausgeliefert, ergänzt um die Sourcen für spezielle Installationen.

Die monatliche Lizenzgebühr des VSE/SP 2.1 für eine Maschine, die Hauptlizenz also, beträgt rund 5000 Mark. Als Einmalgebühr bei Kauf berechnet die IBM etwa 136 000 Mark. Die Preise für VSE/SP Version 1 betragen rund 1100 Mark für die Hauptlizenz und rund 29 800 Mark bei Kauf des Systems.

Beilagenhinweis:

Der Gesamtauflage dieser Ausgabe ist ein Prospekt der Firma DKV, Köln, beigeheftet. Wir bitten um freundliche Beachtung.