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29.01.1993 - 

R/3-Geschaeft verlaeuft nicht konkurrenzlos

Downgrading an der Boerse: SAP buesst bisherigen Sonderstatus ein

Die Deutsche Bank Research erwartet fuer 1993 pro SAP-Aktie einen Gewinn von 80 Mark. Noch Mitte Januar hatten die Banker einen Zuwachs von 102 Mark je Stueck vorhergesagt,zuvor war gar von 115 und 110 Mark die Rede gewesen. Ursache fuer das Downgrading duerfte sein, dass SAP ihre Umsatzplaene nicht erreicht hat: 1992 wollte das Unternehmen 900 Millionen Mark umsetzen, hat dieses Ziel aber nach eigenen Angaben um etwa 30 bis 40 Millionen Mark verfehlt.

Der Wert der Vorzugsaktien lag noch vor wenigen Wochen bei mehr als 1500 Mark, sank jedoch nach Bekanntwerden der Umsatzzahlen innerhalb kuerzester Zeit auf rund 1250 Mark. Nach einer kurzen Phase der Erholung (1350 Mark) geriet die Aktie erneut ins Trudeln und fiel auf unter 1200 Mark.

Da die Deutsche Bank die SAP-Aktie inzwischen offen zum Verkauf empfiehlt, gehen Boersenkenner davon aus, dass sich das Kurs-Gewinn- Verhaeltnis schnell noch unguenstiger gestalten wird. Insider halten langfristig eine Bewertung der Vorzugsaktien mit rund 900 Mark fuer wahrscheinlich.

Schuld an der gegenwaertigen Flaute ist eine Schwaeche im R/2- Geschaeft, die sich unverhaeltnismaessig stark auf das kurzlebige Boersen-Business auswirkt. SAP macht fuer das enttaeuschende letzte Quartalsergebnis die konjunkturelle Lage verantwortlich. Man habe bislang keinen Auftrag verloren, es handele sich lediglich um "temporaere Verschiebungen", weil eine Reihe von Grossunternehmen in finanziellen Schwierigkeiten steckten, verteidigt Pressesprecher Michael Pfister seine erfolgsverwoehnte Company. "Wir haben nie behauptet, dass wir von rezessiven Tendenzen unabhaengig sind."

Umsatzerwartungen nach unten korrigiert

Fuer 1993 erwartet die SAP einen Umsatz von deutlich mehr als einer Milliarde Mark - urspruengliche Vorhersagen von 1,2 Milliarden Mark mussten bereits nach unten korrigiert werden. Schuld daran seien der wirtschaftliche Abschwung sowie erhoehte Steuerbelastungen.

"Es ist das erste Mal, dass die SAP eine selbstgestellte Prognose unterschreitet", kommentiert Helmut Guembel, Analyst der Gartner Group Deutschland GmbH, die Umsatzentwicklung. "Dass der Markt das nicht ganz positiv aufnimmt, ist klar." Nur weil ein Wachstum von 50 Prozent pro Geschaeftsjahr nicht mehr erreicht werde, koenne man indessen noch nicht von einer Krise sprechen. Guembels Prognose: "Die SAP wird sich entweder 1993 oder 1994 an die Weltspitze der Applikationshersteller setzen - also Dun & Bradstreet ueberrunden."

Obwohl die meisten Branchenkenner aehnlich wie der Gartner-Analyst damit rechnen, dass die SAP ihren Siegeszug fortsetzen kann, hat sich an der Marktstellung der Walldorfer doch Entscheidendes geaendert. Waehrend das Gros der DV-Industrie Seite an Seite mit der SAP auf die Anwender lossteuert - dafuer buergen schon die soeben ernannten 21 SAP-Logo-Partner (siehe auch CW Nr. 4 vom 22. Januar 1993, Seite 1: "Flaute im R/2-Geschaeft...") - beginnen die User das Angebot des Softwareriesen kritischer zu beurteilen. Bei vielen waechst die Befuerchtung, dass sie sich mit der Einfuehrung von SAP-Software in eine Abhaengigkeitssituation hineinmanoevrieren koennten, die sie zuvor nur aus dem IBM-Umfeld kannten.

"Jede Art von Monopolismus wird, wenn sie ueber einen bestimmten Grad hinausgeht, Widerstand erzeugen", prophezeit Unternehmensberater Ulrich Dickamp, der die Stimmungslage bei SAP- Grosskunden bestens kennt. Er weist dabei auf den zunehmenden Verfall der "anderen Drei-Buchstaben-Company" hin, von der die Kunden ebenfalls ueber lange Zeit hinweg wider Willen abhaengig gewesen seien.

"Wer SAP-Software installiert, greift in das Herz-Kreislauf- Systems seines Unternehmens ein", beschreibt der Berater das Abhaengigkeitsverhaeltnis der Kunden. Nicht die SAP-Software werde auf bestehende oder geplante Prozessablaeufe im Unternehmen zugeschnitten, sondern die Kunden machten sich von den softwareseitig vorgegebenen Ablaeufen abhaengig. Bestehe die Absicht, SAP-Software an die eigenen Prozesse anzupassen, so entstuenden Schwierigkeiten: "Das Tempo, den Inhalt und die Kosten einer solchen Anpassung bestimmt letztlich die SAP", konstatiert der Chef der UDM Unternehmensberatung GmbH in Frankfurt.

SAP-Software entbindet nicht von Reorganisation

Gartner-Analyst Guembel gibt dagegen den Schwarzen Peter an die Kunden weiter. Es sei ja gerade ein Vorteil der SAP-Software, dass Geschaeftsprozesse nahezu organisationsneutral abgebildet werden koennten. Ernuechterung trete allein deshalb ein, weil der SAP- Software im In- und Ausland der Wunderglaube vorauseile, man kaufe "die Betriebswirtschaft in Dosen". Mit der Anschaffung von SAP- Software wolle sich so mancher Anwender die Durchfuehrung von Business-Re-Engineering-Prozessen ersparen. Wer sich die Unternehmensablaeufe nicht von der Software diktieren lassen wolle, muesse bereits vor einem eventuellen SAP-Einsatz die Organisation in den Griff bekommen.

Sind die Prognosen fuer die Walldorfer auch insgesamt guenstig, so steht die SAP AG mit der Einfuehrung von R/3 doch vor einer ungewohnten Situation: Sie muss sich erstmals dem Mitbewerb stellen. So draengt Oracle mit der betriebswirtschaftlichen Software "Financials" vehement in den europaeischen und insbesondere den deutschen Markt. Stark repraesentiert ist ausserdem das Softwarepaket "Triton" des im hollaendischen Barneveld ansaessigen Anbieters Baan. Das in Deutschland von der Hannoveraner Space GmbH vermarktete Produkt kann seine Staerken genau dort ausspielen, wo auch die SAP traditionell gut vertreten ist: im Fertigungsbereich.

Dass diese Software den Markt nur langsam durchdringt, liegt nach Meinung von Marktbeobachtern am diffusen Vertriebskonzept der Hollaender. Baan vermarkte die Anwendung ueber eine Vielzahl unterschiedlicher Distributoren. Daher argwoehnen Marktkenner, dass sich die verschiedenen Anbieter mit dem Produkt bei der Kundenakquise gegenseitig auf die Fuesse treten koennten.

So verbirgt sich beispielsweise hinter dem international anerkannten und recht weit verbreiteten CIM-Produkt "Manman/X" von der Ingres-Muttergesellschaft Ask Software nichts anderes als die Baan-Software. Als "ALX-Triton" soll das Produkt ausserdem die Fertigungskomponente der Unix-Software ALX darstellen, von der die Siemens-Nixdorf Informationssysteme AG bis heute unter anderem Finanzbuchhaltung, Vertrieb, Material- und Personalwirtschaft fertiggestellt hat.

Space-Marketier Ingo Fleckenstein berichtet ferner von einem anstehenden Vertriebsabkommen mit IBM von einer engen Kooperation mit Hewlett-Packard. Eine Zweckgemeinschaft sind die Hannoveraner ausserdem mit der Bull-Tochtergesellschaft Steeb Software Service GmbH, Gevelsberg, eingegangen, die ergaenzend zur eigenen Fertigungsloesung Software fuer den betriebswirtschaftlichen Bereich beisteuern soll.